TOD OHNE HERRSCHAFT

(Originaltitel: And Death Shall Have No Dominion)

von Jean Helms

( JeanLHelms@aol.com )

 

aus dem Englischen übersetzt von Sylvie < aktex_sm@hotmail.com >

Warnung: ausdrücklich sexuelle Gewalt/Vergewaltigung einer Figur. Figur stirbt, obwohl, wenn ihr wie ich seid, werdet ihr deswegen keine Träne vergießen

Originalposting: 12.12.1999

Archiveintrag: And Death Shall Have No Dominion

Klassifikation: SRA, MSR

 

Rating: meistens PG, aber durchweg NC-17 für die Sprache, Kapitel handeln von ausdrücklicher und angedeuteter sexueller Gewalt und von ausdrücklich gegenseitig gewünschtem Sex

Archivierung: überall, wo man möchte, aber bitte unter Angabe meines Namens und meiner Addy und lasst mich wissen, wo.

Feedback: ja, bitte

Spoiler: U.S.-Staffel 6, um sicher zu gehen, sagen wir bis ausschließlich

Two Fathers/One Son

Disclaimer: Die X-Akten und alle darin enthaltenen Charaktere wurden von Chris Carter erschaffen und sind sein Eigentum oder das Eigentum von 1013 Productions, Fox Television oder 20th Century Fox. Auch die Mordfälle, die Fox Mulder in dieser Geschichte untersucht, basieren auf den Schriften von John Douglas, dem Vater des criminal personality profiling. Die Tatsachen der Fälle und die Untersuchungen John Douglas' sind adaptiert und ohne Erlaubnis benutzt worden - aber mit der größten Verehrung. Verletzungen des Urheberrechts sind nicht beabsichtigt und diese Arbeit wird frei verbreitet, ohne irgendeine Bezahlung des Autors. Weitere Anerkenntnisse und Disclaimer am Ende des ersten Kapitels.

Widmung: Lee, meiner treuen Betaleserin und Freundin, für all ihre Hilfe, ihre Vorschläge und vor allem für ihren unendlichen Enthusiasmus und Ansporn und meinem Ehemann David und meinen Kindern Mary, Emily und Karen für ihre Geduld, Liebe und Unterstützung über die vielen Monate hinweg, die ich brauchte, um das hier zu schreiben.

Anmerkungen der Übersetzerin:

Diese Story hat mich von der ersten bis zur letzten Seite - und es waren sehr viele - gefesselt. Ich habe mit der Autorin einige Mails ausgetauscht und es war schon sehr spannend, zu lesen, wie sie selbst ihre Story sieht und wie sehr sie sich darüber freut, dass auch andere diese Story mögen.  Wenn Ihr sie gelesen habt, seid Ihr hoffentlich genauso hin und weg wie ich und ich möchte Euch sehr herzlich bitten, der Autorin das dann auch mitzuteilen. Sie ist genauso gespannt wie ich, ob diese Story bei den deutschen FF-Lesern und FF-Leserinnen ankommt oder nicht. Allerdings möchte ich Euch auch bitten, Euer Feedback in Englisch zu schicken. Jean hat zwar mal auf der High School Deutsch gelernt, aber viel ist davon nicht hängen geblieben. Falls jemand gern eine Mail an Jean schicken will, aber mit dem Englischen nicht so gut klarkommt, dann kann er sich an mich wenden und ich werde das Feedback gern übersetzen.

In dieser Story wimmelt es von Abkürzungen. Ein paar davon habe ich ins Deutsche übersetzt, aber die meisten sind eingedeutscht nicht zu gebrauchen. Deshalb habe ich sie so im Text stehen lassen, wie sie im Original erscheinen. Damit aber jeder weiß, was gemeint ist, kommt hier eine Liste mit den verwendeten Abkürzungen. Sollte ich eine im Text verwendete Abkürzung hier vergessen haben, so bitte ich um Nachsicht und um eine kurze Mitteilung, damit ich sie noch hinzufügen kann.

So, jetzt hab ich Euch lange genug vom Lesen abgehalten. Ich wünsche Euch genauso viel Spannung und ganz viel Spaß dabei und haltet ein paar Taschentücher bereit. Ich hab sie ein paar Mal gebraucht und vielleicht ergeht es einigen von Euch ja genauso.

Und ich möchte nicht versäumen, mich bei Dana D. für ihre Hilfe bei schwierigen Passagen und ihre Arbeit mit dem Posten der Ü ganz doll zu bedanken. Hey, Du bist wunderbar *knuddeldrückganzdoll*.

Verwendete Abkürzungen:

SAC Special Agent in Charge

verantwortlicher Special Agent

SSA Supervisory Special Agent

leitender Special Agent

BSU Behavioral Sciences Unit

Abteilung für Verhaltenswissenschaften

BFO Birmingham Field Office

Bezirksbüro des FBI in Birmingham

SEAL short for Sea, Air and Land Teams

Kurzbezeichnung für See-, Luft- und Landstreitkräfte

Navy SEAL spezielle Kriegstruppe der Navy

COMSURFLANT Commander of the Surface Fleet in the Atlantic

Kommandeur der Seeflotte im Atlantik

VICAP Violent Crimes Apprehension Program

Programm zur Erfassung von Gewaltverbrechen

NCAVC National Center for the Analysis of Violent Crimes

Nationales Zentrum für die Untersuchung von Gewaltverbrechen

HCPU Health Care Programs Unit

Abteilung für das Programm zur Gesundheitsvorsorge

RFLP Restriction Fragment Length Polymorphism

Beschränkung des Restlängenpolymorphismus

PCR Polymerase Chain Reaction

Polymere Kettenreaktion

(Die beiden letztgenannten sind DNA-Tests und sollte sich ein medizinischer Sachverständiger finden, der damit was anfangen kann, dann lasst es mich auch wissen.)

BSC Birmingham Southern College

MO modus operandi (lat.)

Art und Weise, wie der Kriminelle seine Verbrechen durchführt

CDC Center of Desease Control

Zentrum für Seuchenkontrolle

BID bis in diem (lat.)

beschreibt, in welcher Dosis und wie oft ein Medikament eingenommen werden

soll

ABI Alabama Bureau of Investigation

Außenstelle des FBI in Alabama

OPR Office of Professional Responsibility

Büro für berufliche Verantwortung

DoD Department of Defense

Verteidigungsministerium

 

 

 

Tod Ohne Herrschaft  -   Kapitel 1-4

(Originaltitel: And Death Shall Have No Dominion)

von Jean Helms

( JeanLHelms@aol.com )

 

aus dem Englischen übersetzt von Sylvie < aktex_sm@hotmail.com >

 

 

"Sie sollten Sterne an Ellbogen und Füßen haben, trotzdem sie verrückt werden, sollten sie vernünftig sein, trotzdem sie im Meer versinken, sollten sie wieder auferstehen, trotzdem Liebende verloren gehen, sollte es die Liebe nicht; und der Tod sollte keinen Herrschaft haben."

And Death Shall Have No Dominion

Dylan Thomas

 

 

Kapitel 1

FBI-Hauptquartier

Montag, 21. Dezember

8:11 a.m.

 

Hin und wieder schienen die Leitprinzipien des Universums sich ins Gegenteil zu verkehren und das Unmögliche passiert: Die Wirkung geht der Ursache voraus, parallele Schicksale kreuzen sich, Energie wird erschaffen oder zerstört.

Was an diesem Morgen geschah, war weniger katastrophal, aber nicht weniger unmöglich: Special Agent Dana Katherine Scully, Doktor der Medizin, konnte ihre Gedanken nicht auf die Arbeit konzentrieren. Schon als sie durch die Halle des J. Edgar Hoover Gebäudes ging, dem Zuhause des Federal Bureau of Investigation, war Arbeit das, worum sich ihre Gedanken am wenigsten drehten. Es geschah automatisch, dass sie ihren Ausweis hochhielt und durch die Sicherheitskontrolle für Agenten ging.

Es war Dezember, nicht mal mehr eine Woche bis Weihnachten. Das Wetter war lausig: matschiger, schmutziger Schnee überall, grau und kalt. Sie hatte ihre Weihnachtseinkäufe noch nicht erledigt. Es wäre ihr zu verzeihen gewesen, wenn sie daran gedacht hätte. Aber sie dachte gar nicht an so etwas irdisches.

Sie betrat den Fahrstuhl, drückte auf den Knopf für ihre Etage und ignorierte das herablassende Grinsen der anderen Agenten. Das war sie gewöhnt. Die anderen G-men hätten genauso gut auf einem anderen Planeten sein können bei all der Aufmerksamkeit, die sie ihnen schenkte. Der Fahrstuhl glitt nach oben. Das war eine Veränderung, eine große. In den letzten fünf Jahren hatte sie das einzige Büro im Keller mit ihrem Partner geteilt, den sie seit sechs Jahren hatte: Special Agent Fox Mulder, oder wie er sich bei ihrem ersten Treffen selbst nannte, der im FBI am wenigsten gewollte.

Nun verrichtete sie ätzende Arbeiten im Großraumbüro oben, als ob sie frisch von der Akademie in Quantico kam.

Im Moment machte sie sich darüber jedoch keine Sorgen. Sie hatte andere Dinge im Kopf. Pizza. Um genau zu sein, die Pizza, die sie und Mulder sich zwei Abende zuvor geteilt hatten, als sie ihren letzten Fall bei Pilzen und Peperoni besprachen, Seite an Seite in einem kleinen, trostlosen Hotelzimmer in Podunk, Nebraska sitzend.

Okay, es hieß nicht Podunk, dachte sie. Wie zur Hölle hieß es? Die Städte begannen, in ihren Gedanken miteinander zu verschmelzen. Klein, dem Aberglauben verfallen, trübsinnig, schlecht gebildet, deprimierend - das waren die meisten von ihnen. Und alle hatten sie diese armseligen Hotels, die ihnen die schäbigen Reisekostenvorschriften des FBI gestatteten.  Nutzlose Städte, misstrauisch gegenüber der Wissenschaft und beinahe jeder Form von Wissen.

Mulder war der einzige Akademiker mit Griechischkenntnissen, den die meisten dieser Städte je sehen würden und er war das Herz des Pizzaproblems.

Es hätte nicht passieren dürfen: sie hätten nicht einmal zusammen in einem Hotelzimmer sein dürfen, aber keiner von beiden schenkte den Bestimmungen, die dagegen sprachen, sonderlich viel Aufmerksamkeit. Die Regel waren dazu bestimmt, Problemen mit sexueller Belästigung vorzubeugen, und das war nie ein Problem zwischen ihnen gewesen. Sie fühlten sich zusammen vollkommen wohl und das schon seit ihrem ersten gemeinsamen Einsatz.

Das war sechs Jahre her. Mulder leitete eine Untersuchung von mysteriösen Todesfällen von einer Reihe von Jugendlichen der Stadt, alle waren mit seltsamen Malen an ihrem unteren Rücken gefunden worden.

Als sie in ihr Motel zurückkamen, gab es keinen Strom. Ein Sturm hatte die Elektrizität der ganzen Stadt lahmgelegt. Sie war todmüde, regendurchnässt und bereits halbverrückt durch die Erkenntnis, dass sie sich von einem Mann, den sie am Tag zuvor noch nicht einmal gekannt hatte, hatte überreden lassen, eine Exhumierung und Autopsie einer Leiche zu leiten, die nicht einmal erkennbar menschlich war. Scully war in Unterwäsche und bereitete im Kerzenlicht ihr Bad vor, als sie die Male an ihrem eigenen Rücken entdeckte.

Plötzlich war sie sehr verängstigt. Um die Wahrheit zu sagen, sie war verrückt vor Angst. Das schlimmste daran war, dass sie wusste, dass sie sich vor albernen Dingen fürchtete, unlogischen Dingen, an die sie nicht glaubte. Nicht glauben *wollte*, verbesserte sie sich.

In blinder Panik war sie in Mulders Motelzimmer gelaufen, hatte ohne nachzudenken, ihren Bademantel fallen lassen und darauf bestanden, dass er ihren Rücken untersuchte. Die Ärztin in ihr hatte darin nichts falsches gesehen.

Jedoch erkannte die Ärztin in ihr zu spät, dass das keine medizinische Untersuchung war. Das war ein Motelzimmer und er war ein männlicher Agent und sie war in Unterwäsche. Scully sah ihren Ruf direkt vor ihren Augen zusammenbrechen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr neuer Partner das nicht zu seinem Vorteil ausnutzen und überall im Büro die Geschichte herumerzählen würde, wie sie in sein Zimmer gekommen war und ihre Sachen fallengelassen hatte, kaum einen Tag, nachdem sie Partner geworden waren.  All der Kampf um Respekt und Gleichstellung ging genau hier zu Ende. Sie war dabei, eine Witzfigur zu werden.

Nur dass überhaupt nichts dergleichen geschah. Mulder hatte sich nicht über sie lustig oder anzügliche Bemerkungen gemacht. Er hatte einfach die Male untersucht und sie beruhigt, dass es nur Moskitostiche waren.

In dieser Nacht hatte er ihr Herz gewonnen. Nachdem sie sich den Bademantel wieder angezogen hatte, hatte sie sich impulsiv in seine Arme geworfen. Und er hatte sie gerade lange genug gehalten, um sie zu trösten und sie sofort losgelassen, als sie sich zurückzog. Er begegnete ihrem besorgten Blick mit Augen, die ruhig, freundlich und verständnisvoll waren. Braunen Augen. Warm und tief, deren Farbe sich mit dem Licht veränderte. Den Augen eines Freundes.

Seufzend entspannte sie sich. Bei diesem Mann war sie sicher. Sie konnte bleiben. Den Rest der Nacht verbrachten sie damit, sich zu unterhalten.  Scully lag auf einem der Betten. Er hatte sie mit einer Decke zugedeckt und saß neben ihr auf dem Boden, und sie begannen damit, was ein sechs Jahre währender Prozess des gegenseitigen Öffnens ihrer tiefsten Herzensangelegenheiten werden sollte. Sie wurden Freunde.

Danach gab es keinen Grund, in die politische Rechtschaffenheit eines Restaurants oder einer Bar zu fliehen. Mulder war vollkommen in der Lage, sich auf ihre Kosten zu amüsieren (‚Scully, was hast du da an?' ‚Oooh, wenn du so stoned wärst, was dann?' ‚Ich denke, es ist kaum glaubwürdig, jemand könnte denken, du bist heiß.'), aber er war genauso perfekt dazu in der Lage, sie als Partnerin und Kollegin zu behandeln. Und das tat er. Das war etwas Seltenes in der Männermachtbastion des FBI.

Das war es auch, warum sie in dieser Nacht in Podunk keinerlei Bedenken hatten, auf einem der Betten zu sitzen, ihre Körper bequem aneinander gelehnt, während sie redeten und die Pizza verdrückten. Dieses Mal war die Pizza heiß und weich und so gut, dass Scully, Miss ‚Grüner Salat mit Zitrone und ein Becher Joghurt mit Bienenpollen' Scully, gierig fast die Hälfte davon verschlungen hatte, sehr zur Erheiterung ihres Partners. Am Ende hatte sie einen großen Klecks Tomatensoße im Gesicht, obwohl sie es nicht bemerkte, bis sie sah, wie sich seine braunen Augen auf ihre linke Wange konzentrierten.

Ohne ein Wort hatte er eine Serviette genommen und die Soße sanft weggewischt, wie ein Vater, der seinem Kind das Gesicht saubermachte. Er hatte das schon vorher getan, aber das war in einem Restaurant; diesmal waren sie allein, saßen auf einem Bett in einem Hotelzimmer und die Berührung durch das raue weiße Papier fühlte sich so unheimlich intim, liebevoll, besitzergreifend an.

Sie schob ihn weg, nahm die Serviette selbst in die Hand und ging hinüber zum Spiegel. Darin sah sie seine Augen, sah die Verletztheit darin, obwohl er sich bemühte, sie zu verbergen. Er würde es so bald nicht wieder versuchen.

Nun, als sie im Fahrstuhl fuhr, überdachte Scully den Zwischenfall wieder und wieder. Warum hatte sie ihn weggeschoben, fragte sie sich? Warum hatte es ihn so sehr verletzt, dass sie es getan hatte? Und warum hatte sie plötzlich Angst davor, ins Büro zu gehen und ihn anzusehen? Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass es keinen Grund gab, sich Sorgen zu machen. Alles was passiert war, war dass sie die professionellen Grenzen zwischen ihnen wieder gesetzt hatte. Das musste von Zeit zu Zeit in einer männlich-weiblichen Partnerschaft getan werden. Er würde das verstehen und respektieren.

Aber in ihrem Innersten wusste Dana Scully, dass ihr ihr Intellekt einen großen Haufen Scheiße servierte. Weil die Wahrheit war, dass sie ihn wollte. Ganz schrecklich wollte. Und es gab keinen einzigen Zweifel darüber, dass er im Bett gut sein würde. Instinktiv wusste sie, dass Mulder als Liebhaber genauso sein würde, wie als Partner: respektvoll, fürsorglich, leidenschaftlich, intuitiv, athletisch, sogar kreativ. Und zärtlich, so wie er ihr Gesicht abgewischt hatte. Der Gedanke machte sie leicht schwindelig und sie legte eine behandschuhte Hand auf das Fahrstuhlgeländer, um sich zu stützen.

Sie wollte ihn so kennenlernen. Es war lange her, seit sie das letzte Mal mit einem Mann zusammen gewesen war, so lange, dass sie sich kaum daran erinnern konnte, was für ein Gefühl das war. Nicht dass es da so viel zu erinnern gab, zumindest für sie nicht. Ihr Ex-Liebhaber hatte ihr einen Spitznamen verpasst, einen, von dem sie später lernte, dass er im ganzen FBI verbreitet worden war: die Eiskönigin.

Aber wenn es einen Mann auf Erden gab, der dieses Eis zum Schmelzen bringen würde, dann war es ihr Partner. Und Mulder war ein Mann, richtig; gemessen an jedem objektiven Standard war Fox Mulder ein verdammt attraktiver Mann, groß, schlank und muskulös, mit einem Mund, der darum bettelte, ausprobiert zu werden, und diese Augen...

Sie hätte ihn haben können, in diesem kleinen Hotelzimmer, aber es war nicht passiert. Dana Scully, die Eiskönigin, hatte es nicht zugelassen. Das war es gewesen. Mulder hatte irgendetwas darüber gesagt, dass man am Morgen früh raus musste, war in sein eigenes Zimmer gegangen und hatte die Verbindungstür hinter sich geschlossen. Dennoch hatte er sie nicht verschlossen, wenigstens etwas. Wenn sie es gewollt hätte, hätte Scully diese Tür öffnen und zu ihm gehen können. Stunden später, als sie die allzu bekannten Geräusche hörte, dass Mulder aus einem weiteren Alptraum erwacht war, hätte sie es beinahe getan. Es wäre so einfach gewesen.

Aber sie bewegte sich nicht. Sie lag wach da und lauschte auf die Geräusche auf der anderen Seite der Tür: das Wasser, das er sich eingoss, die Pseudoerregung des Publikums in den Werbespots, das klick-klick-klick seines Laptops, als er sich wieder einmal der einsamen Welt seiner dauernden Schlaflosigkeit ergab. Es tat ihr weh, aber sie ging nicht zu ihm. Sie, die in den Lauf einer Waffe starren konnte, ohne mit der Wimper zu zucken, wurde zu einem vollkommenen Feigling und ließ ihn allein gegen seine Dämonen kämpfen. Das war grausam gewesen und sie wusste es. In diesen grausamen Zeiten war er so abhängig von ihrer Freundschaft geworden, aber in dieser Nacht hatte sie sie ihm verwehrt.

Sei ehrlich, Dana, dachte sie, während der Fahrstuhl langsam nach oben fuhr. Es war nicht Freundschaft, die du ihm in dieser Nacht verwehrt hast.  Es war Liebe. Die Liebe zwischen ihnen war niemals ausgesprochen, sogar selten darauf hingewiesen worden. Sie waren darum herumgeschlichen, aber es war wie das Schleichen um einen Elefanten: zu groß, um ihn zu ignorieren, aber auch zu groß, um etwas dagegen zu tun. Beinahe zu groß, verbesserte sie sich. Einmal hatte er sie fast geküsst, obwohl er wahrscheinlich glaubte, sie würde sich nicht daran erinnern. Seine Lippen hatten fast die ihren berührt, als diese verdammte Biene sie gestochen und sie in eine Alptraumwelt aus Eis geschickt hatte, aus der sie kaum lebend entkommen war.

Dass sie überlebt hatte, hatte sie nur ihm zu verdanken. Er hatte sein Leben riskiert, um ihres zu retten, hatte die Eiswüste der Antarktis durchquert, um sie aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Sex würde ihr nicht einmal annähernd seine Liebe so zeigen können, wie es diese Reise getan hatte. Trotzdem, sie wollte es. Sie wollte ihn. Und sie fragte sich, ob sie jemals wirklich nackt vor Mulder stehen könnte, stehen würde.  Physische Nacktheit war nicht die Frage, das war es nicht einmal annähernd.  Die Umstände hatten es gefordert, dass ihr Partner und sie mehr als einmal mit dem unbekleideten Körper des anderen umgehen mussten; und sie hatten es mit professioneller Losgelöstheit getan: erste Hilfe geleistet, die Ambulanz gerufen, Sachen oder eine Decke als Schutz gefunden.

Auch fürchtete sie seine Berührung nicht, kaum ein Tag verging, an dem er sie nicht berührte, manchmal mehrere Male, er legte eine leitende Hand auf ihren Rücken oder hielt sie vorsichtig am Oberarm fest, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Intimere Berührungen waren selten, aber nicht ausgeschlossen: eine Umarmung, ein flüchtiger Händedruck, ein Kuss auf ihre Hand oder auf ihr Gesicht. Seine Berührung trug Anhaltspunkte für Gefahr in sich, Hinweise auf die Sinnlichkeit, die in ihm brannte, auf die Leidenschaft für alle lebenden und lebendigen Dinge, die ihn auf seiner Suche vorantrieben. Diese Leidenschaft auf sie gerichtet zu haben - sie auf sich zu ziehen, der Brennpunkt seiner unerbittlichen Energie zu werden - sie konnte sich kein größeres Vergnügen, keine sicherere Erfüllung als diese vorstellen.

Nein, die Grenze hatte gar nichts mit irgendeiner physischen Angst zu tun.  Die Hände-Hoch-Politik war ihre Rüstung gegen die vollkommene und beängstigende Nacktheit ihres inneren Selbst vor ihm. Solange er von ihr als seine Partnerin dachte, als Mitarbeiterin, vollkommen von ihm getrennt, war sie sicher; er war zu gut erzogen, um seine Anfragen weiter zu treiben, als sie bereit war, es zu erlauben.

Und so hatte sie sechs Jahre lang Intimitäten zwischen ihnen wie Almosen ausgeteilt, wie ein Mann, der seinen Wasservorrat in der Wüste einteilt.  Sie konnte es nie riskieren, ihn sich so viel von ihr nehmen zu lassen, wie sie wollte; wenn sie es tat, war sie sich sicher, würde er sie mit Haut und Haaren verschlingen. Es würde nichts in diesem sicheren Raum in ihr drin übrigbleiben, kein Teil ihrer Seele, der nicht für seine Prüfung offen sein würde, und das war gefährlich. Zu gefährlich, um es auch nur in Erwägung zu ziehen.

 

 

 

 

 

Im Großraumbüro

8:15 a.m.

 

Mulder war, wie üblich, bereits bei der Arbeit, als Scully hereinkam, und saß zurückgelehnt in seinem Stuhl, die Füße auf dem Schreibtisch. Kein Wunder, dass er früh da ist. Er war wahrscheinlich gestern hier und ich glaube auch nicht, dass er letzte Nacht nach Hause gegangen ist, dachte Scully, als sie ihre lustvollen Gedanken in den verschlossenen Teil ihres Gehirns verbannte.

Nicht dass Mulder im Moment einen Anblick bot, der Lust hervorrief, wenigstens für niemand anderen. Er trug dasselbe blaue Hemd und die fürchterliche Krawatte in Grün und Rot, welche er am Tag zuvor getragen hatte, aber das Hemd war zerknautscht, die Krawatte hing lose um seinen Nacken und die Augen hinter den stahlgeränderten Brillengläsern waren rot und müde.

"Hey Scully, sieh dir das an," sagte er, sie wie gewöhnlich ohne Einführung begrüßend. "Wir haben einen richtigen, todernsten FBI-Fall."

"Dir auch einen guten Morgen, Mulder," entgegnete Scully, zog ihren Mantel aus und hängte ihn sorgfältig an den Haken. "Was hast du da bekommen?"

Mulder schleuderte die Akte auf Scullys Schreibtisch in der Zelle hinter seiner und grinste. "Eine Fabrik außerhalb von Mobile, Alabama. Eine Menge mysteriöser Verladungen hinein und heraus, eine Menge Männer in Schwarz, die herumlungern und die Arbeiter verängstigen. Eine Quelle, die sagt, was dort zusammengebastelt wird, ist eine biologische Waffe und dass wir Mobile einen Besuch abstatten sollten - ich habe gehört, dass die Winter an der Golfküste mild und wunderschön sein sollen."

"Was ist das für eine Quelle?" fragte Scully, setzte sich auf ihren stets aufgeräumten Schreibtisch und nahm die Akte in die Hand.

"Eine, der wir trauen können, denke ich," meinte Mulder in einem Ton, der sie zum Streit herausforderte. Scully war nicht in der Stimmung für dieses Spiel. "Du vertraust deinen Quellen immer," entgegnete Scully ruhig und ignorierte Mulders verletzten Hundeblick. "Deshalb sind sie immer noch deine Quellen. Das legt mir aber nicht nahe, dass sie automatisch auch meine werden sollten." Den Ordner öffnend, überflog sie rasch die Akte zur unteren Zeile des Vordrucks 302: Verantwortlicher Agent: SA Mulder. Das habe ich ziemlich lange nicht gesehen, dachte sie.

Scully schloss den Ordner und sah zu Mulder auf. "Vorausgesetzt deine Quelle ist vertrauenswürdig - und im Moment ist das nur eine Annahme - warum sollten sie uns dahin schicken? Und warum Mobile? Ich war vor Jahren in Mobile, als mein Vater ZV auf der Marinebasis Pensacola war."

"Was ist ein ZV?" fragte Mulder. "Klingt wie eine Kugel gefrorener Joghurt."

"Zeitweilige Verpflichtung, Mulder," erklärte sie und verdrehte die Augen.  "Und wechsle nicht das Thema. Mobile ist keine große Stadt. Welchen möglichen Grund könnten sie haben, dort eine höchst geheime Fertigungsanlage zu platzieren? Warum nicht in einer größeren Stadt, wo sie unbemerkt bleiben könnten?"

"Genau das ist es," erklärte Mulder, der verletzte Blick war verschwunden.  Scully würde ihn nicht nach all den Details fragen, wenn sie nicht interessiert wäre, und sie war daran interessiert - das wusste er. "Wenn du dir all die Fakten ansiehst, dann ist Mobile perfekt," fuhr Mulder fort, sich für sein Thema erwärmend. "Denk mal nach Scully: Tatsächlich ist es keine Kleinstadt, es ist eine Stadt mit mehr als einer Viertelmillion Einwohner, sie ist also groß genug, um darin unterzugehen, aber nicht groß genug, um aufzufallen. Und wie du selbst bemerkt hast, es ist nicht der Ort, den du zuerst verdächtigen würdest."

"Ich denke, worauf ich hinauswollte, ist, dass es der letzte Ort wäre, den du verdächtigen würdest," entgegnete Scully. "Das heißt, du entfernst dich von deinen Grundlagen."

"Aber er hat Vorteile," antwortete Mulder eingeschüchtert. "Dort gibt es einen kommerziellen Seehafen von angemessener Größe und hier kreuzen sich auch zwei Interstate Highways, einer davon ist die berüchtigte Drogenpipeline I-10. Rechne dazu die Tatsache, dass die Schornsteinen hinterherrennenden Stadtväter die gesamte Umgebung mit großen, stinkenden Chemiefabriken zugebaut haben, und schon hast du hat du Black Ops Pharmaceuticals, verborgen vor unliebsamen Blicken."

"Mulder, sei vorsichtig," meinte Scully trocken. "Du nennst mir Fakten und die Logik und ich bin mir nicht sicher, dass dein Verstand es vertragen kann."

Mulder lächelte, sowohl den Scherz als auch die Wahrheit dahinter zugebend, aber Scully konnte die Spannung spüren, die sich in ihm aufbaute. Er nagt an dem Bissen, dachte Scully. Warum? Wer war seine Quelle? Mr. X war tot, ebenso Deep Throat. Marita Covarrubius von den Vereinten Nationen? Möglich.  Seine alte Freundin Special Agent Diana Fowley? Die sollte es besser nicht sein, dachte sie grimmig.

Der wahre Grund war der, dachte sie, dass er glaubte, da steckte irgendwie eine X-Akte drin. Mulder hatte es noch nicht verkraftet, dass man ihm die X-Akten weggenommen hatte, und sie war sich sicher, dass er es nie tun würde.

Letzten Endes war es egal, wer die Quelle war oder ob Mulder versuchte, sich in eine Untersuchung paranormaler Phänomene unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Inlandsterrorismus einzuschleichen. Sie konnte sowieso keinem von Mulders Informanten wirklich je trauen, aber sie konnte dem Band zwischen ihr und ihrem Partner vertrauen, es war unbeschädigt.

Lass dieses Beziehungszeug, befahl sie sich selbst in der Stimme ihres Vaters und konzentrierte ihren Blick wieder auf die Akte. Bedenke das anstehende Problem, das einen weiteren Trip nach Nirgendwo bedeutet, und die Möglichkeiten, getötet zu werden, weil ihr etwas reales findet, gegen die Chance, durch eine weitere sorgfältig konstruierte Lüge irregeführt zu werden. Egal, wie sie die Möglichkeiten auch abschätzte, es kam immer auf dasselbe heraus: sie verlor.

Als sie aufblickte, beobachtete Mulder sie mit seinem Profilerausdruck, wie sie ihn immer nannte, im Gesicht. Er wusste immer, wenn irgendetwas falsch war, obwohl es immer noch ein vollkommenes Geheimnis für sie war, wie er es wusste.

"Du musst nicht dabei sein, wenn du denkst, dass es nicht richtig ist, Scully," sagte er, und die Ernsthaftigkeit, die sie in seiner Stimme hörte, beruhigte sie. "Aber ich könnte dabei wirklich deine Fachkenntnisse gebrauchen. Das ist ein Krankheiten verursachender Organismus, und Krankheiten sind dein Gebiet, nicht meins."

"Danke, aber die Medizin hat weniger damit zu tun als Weihnachten, das vor der Tür steht und worauf ich noch nicht vorbereitet bin," entgegnete Scully, nicht vollkommen wahrheitsgemäß, aber auch nicht willig, ihre wahren Gedanken offenzulegen. "Oder hast du das vergessen?"

"Nun, jetzt wo du es erwähnst, ich glaube, ich habe ein oder zwei Weihnachtsdekorationen im Bezirk gesehen," meinte Mulder. "Aber du weißt ja, dass ich Feiertagen nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit widme, nicht mal meinen eigenen. Ich könnte dir nicht einmal ansatzweise sagen, wann die erste Hanukkahnacht in diesem Jahr ist."

"Nun, ich schenke den Feiertagen Aufmerksamkeit, Mulder, und besonders Weihnachten. Meine Brüder kommen nach Hause und ich wollte ab übermorgen freinehmen. Ich will ein bisschen Zeit mit meiner Mutter verbringen und ich muss auch noch meine Einkäufe erledigen." Nun, wenigstens der Teil entsprach der Wahrheit, dachte sie.

"Dann geh, wenn du gehen musst," erwiderte Mulder, sein Blick sorgfältig neutral. Das letzte, was er wollte, war eine Diskussion über Scullys Bruder Bill. Der große Navykommandant machte Mulder für die meisten der Schwierigkeiten verantwortlich, die seine Familie in den letzten Jahren hatte und Mulder konnte es ihm nicht übel nehmen. Scullys Entführung, ihr Krebs, ihre Unfruchtbarkeit, der Tod ihrer Schwester Melissa - nichts von alldem wäre passiert, wenn Dana Scully nicht den X-Akten zugeteilt worden wäre.

Der Profiler in ihm konnte nicht widerstehen, darüber nachzudenken, dass hinter der Besorgnis des großen Bruders mehr steckte als ein Hauch Eifersucht und männliches Territorialgehabe, der Kampf des Alphamännchens gegen den Rivalen um die Frauen, des Helden, der die Jungfrau vor der Verführung schützte. Bill Scully war kein komplizierter Mann.

Leider - oder vielleicht glücklicherweise - hatte er keinen Grund zur Sorge, dachte Mulder. Ich frage mich, was er tun würde, wenn er es hätte.

Jetzt war es an Scully, das Gesicht ihres Partners zu studieren. Ich werde es bereuen, dachte sie. "Ich habe noch ein paar Tage," sagte sie, sich selbst aufgebend. "Wenn du meine Hilfe brauchst..."

"Immer," erwiderte Mulder automatisch und bekam dafür ein kleines Lächeln von seiner Partnerin.

Er hat mir vergeben, dachte sie. Er wird es mir nie vorwerfen. Er will mich nur bei sich haben. Er braucht mich bei sich. Da gibt es nichts mehr zu sagen, nicht wahr, Dana Katherine, dachte sie.

Scully stand auf und nahm ihre Kaffeetasse in die Hand. "Also, wann geht es los?" fragte sie. Ein Hauch von Triumph schlich sich in Mulders breites Lächeln, als er seine Füße vom Schreibtisch nahm und aufstand. "Sobald du mit deinem Kaffee fertig bist. Wovon, nebenbei bemerkt, keiner da ist. Du musst welchen machen."

Scully stellte die Tasse wieder hin. "Ich werde mir am Flughafen welchen holen," erwiderte sie seufzend.

"Du willst Flughafenkaffee trinken? Du hast wirklich den Lebenswillen verloren," sagte Mulder, nahm ihren Mantel vom Haken und hielt ihn für sie hin. Scully schlüpfte in den Mantel und drehte sich zu ihm um. "Was ich verloren habe, ist jede Hoffnung, dass ich jemals wieder mehr als eine Nacht in meinem eigenen Bett verbringen werde, bevor es wieder losgeht."

"Wo ist dein Abenteuersinn geblieben, Scully?" neckte Mulder sie, während er seine Dienstwaffe vom Schreibtisch nahm und sie ins Holster steckte, dann streifte er sich seine Anzugjacke über. Welch ein einfacher Akt, dachte Scully. Die Jacke nehmen, den rechten Arm hineinstecken, mit der linken Hand nach hinten greifen, um den Kragen zu fassen und sie dann über die linke Schulter schwingen. Linken Arm hinein. Revers richten. Taschen kontrollieren, um sicher zu sein, dass der Ausweis drin ist. Nichts besonderes. Er tut es jeden Tag, mehrmals am Tag; er muss nicht einmal darüber nachdenken. Aber jedes einzelne Mal beobachte ich ihn. Und ich denke darüber nach, darüber, wie er sich bewegt, wie er aussieht... Ob er weiß, was er mir damit antut? Das kann er nicht, dachte sie. Es ist zu dumm, um auch nur daran zu denken. Ich habe ihn nackt gesehen und es macht mich an, zuzusehen, wie er sich anzieht? Albern.

Scully zwang ihr Gesicht dazu, nichts zu zeigen, als sie ihre Aktentasche nahm und zur Tür ging. Mulder hielt sie auf und geleitete sie mit seiner üblichen kurzen Berührung an ihrem Rücken hinaus.

 

 

 

 

 

Auf dem Weg nach Mobile, Alabama

1:15 p.m.

 

Nach Mobile zu fliegen war Stück für Stück so schlecht, wie es sich Scully gedacht hatte. Der erste Teil der Reise, von Washington nach Atlanta, war nicht schlecht, wenigstens nicht nach den Standards der beruflichen Vielflieger. Scully war kein Vielflieger. Sie hasste es, zu fliegen. Neben einem 1,82 m langen Mulder zu sitzen, machte es nur noch schlimmer. Er hatte keine Schwierigkeiten damit, es sich in einem Flugzeug bequem zu machen: entweder schob er seine langen Beine in ihren Bereich oder er klappte die Armlehne zwischen ihnen hoch. Egal wie, er nickte schnell ein und überließ sie mit einem riskanten Magen und weißen Knöcheln sich selbst.  Scully hegte niemals dunklere Gedanken gegen ihren Partner, als an Bord eines Flugzeugs.

Der zweite Teil, in einem winzigen, engen, geräuschvollen Pendlerflugzeug von Atlanta nach Mobile zu fliegen, war das weitaus schlimmste. Gegen Ende des 50-minütigen Fluges begann sich Scullys allzu aufrechte Sitzposition negativ auszuwirken. Aus diesem Flugzeug auszusteigen, würde einige Anstrengung kosten, ihre Beine waren eingeschlafen und das Ende ihrer Waffe drückte schmerzhaft in ihren Rücken. Sie konnte sie nicht herausnehmen und eine Panik unter den anderen Passagieren verursachen, und sie hatte keinen Platz, um sich zu drehen, so dass sie nicht darauf lag. Seit Atlanta hatte sie noch keinen tiefen Atemzug getan.

Mulder schlief natürlich fest, sein Kopf lag an ihrer Schulter und er atmete tief. Nicht einmal der Bums der Landung weckte ihn auf. Scully gab sich einen Moment dem Gedanken hin, was wohl ein schroffes Klopfen ihrer Knöchel diesem friedlichen Ausdruck antun könnte, und beinahe sofort fühlte sie sich schuldig. Er schläft im Flugzeug, dachte sie, weil er nirgendwo anders schlafen kann. Gönn ihm eine Pause.

Sanft schüttelte sie ihn wach. "Mulder, wir sind gelandet," sagte sie leise. Mulder öffnete blinzelnd die Augen. "Gelandet, wo?" fragte er verwirrt. Scully lächelte ungewollt und im nächsten Moment erwiderte Mulder das Lächeln verlegen. "Ich weiß, wo wir sind, Scully," meinte er. "Ich wollte dich nur testen." "Bullschietski, wie die Russen sagen, Mulder."

 

 

 

 

 

Mobile, Alabama

1:32 p.m.

 

Ein paar Minuten später hatten die Agenten einen Wagen gemietet und waren auf dem Weg, jeder in seiner gewohnten Rolle: Mulder fuhr, Scully sah in die Karte. Freiwillig gab er niemals das Lenkrad aus den Händen, es sei denn, er war am Einschlafen.

"Der Theodore Industriepark ist das Zuhause verschiedener Fabriken, einige davon sind Chemiefabriken. Er liegt im Süden der Stadt," erzählte sie ihm.  "Andererseits gibt es auch verschiedene Chemiefabriken im nördlichen Teil der Stadt. Hat dir deine Quelle irgendeinen Hinweis darauf gegeben, wo wir es zuerst versuchen sollten?"

"Zuerst halten wir im Distriktbüro in Mobile," sagte Mulder. "Wir werden Kontakt mit den örtlichen Agenten brauchen und wahrscheinlich auch mit den Leuten vom Zoll, und das ist der beste Ort, den ich kenne, um ihn zu bekommen."

"Wenn es hier eine Biowaffenfertigungsanlage gibt, werden die Zollbehörden wahrscheinlich nichts davon wissen," meinte Scully. "Beim aktuellen Stand der Dinge bei den Zollbehörden bin ich mir nicht sicher, ob ich möchte, dass sie überhaupt etwas von unserer Aufgabe wissen."

"Ich auch nicht," stimmte Mulder zu. "Die Zollbehörde ist in einem ziemlichen Durcheinander. Ich will sie nur nach ein paar Sachen fragen, die sie vielleicht gesehen oder abgehört haben, etwas, das für sie keinen Sinn machen würde, aber für uns."

"Zum Beispiel?"

"Zum Beispiel Fässer voll mit schwarzem Öl, ungekennzeichnete Container mit Mais, Bienen - diese Art von Sachen," erläuterte er neckend. "Schließlich, Scully, welche größere Biowaffe könnte es sein, als ein Alienvirus?"

"Mulder, das ist keine X-Akte, das ist eine konventionelle Untersuchung über eine mögliche biologische Terrorwaffe," entgegnete Scully, ließ ihren Kopf gegen die Kopfstütze fallen und schloss die Augen. "Und wenn ich mich irre und da gibt es Bienen, dann bist du auf dich gestellt."

Mulder sah sie vorsichtig an. "Ich werde keine Biene näher als hundert Meter an dich heranlassen, Scully," erwiderte er in einem Ton, der ein bisschen zu ernst war. Scully öffnete die Augen und drehte sich zu ihm, um ihn anzusehen. "Ich weiß, das würdest du nicht," sagte sie. "Und du weißt, dass ich es nicht ernst meine, dich allein zu lassen."

"Ich meine es ernst," antwortete er. "Todernst. Bei der ersten Biene, die sich zeigt, schicke ich dich zurück nach D.C. Einmal so eine Scheiße ist genug." Mulder, wenn du nur wüsstest, dachte sie. Hast du bemerkt, als du zu mir kamst, dass meine Augen offen waren? Wusstest du, dass ich wach war und dafür gebetet habe, schnell zu sterben? Nein, das hast du nicht - weil ich es dir nie erzählt habe und auch nie tun werde. Niemals. "Du hast recht, Mulder," sagte Scully und sah zum Fenster hinaus, weg von ihm.  "Keine Bienen mehr. Einmal ist mehr als genug."

 

 

 

 

 

Steve Penn, leitender Special Agent des Distriktbüros in Mobile erwies sich als eine Goldgrube an Informationen über die Zollbehörde und die DEA-Kontakte genauso wie über die Polizisten der Alabama Staatsdocks. Mit seiner Hilfe brauchte es nur einen Nachmittag und einen Teil des Abends, um zu erfahren, dass ein Cargo Container mit einem bakteriologischen Mittel kürzlich durch die Docks bewegt wurde und per Eisenbahn in die kleine Stadt McIntosch, außerhalb von Mobile gebracht worden war, wo verschiedene Chemiefabriken zu Hause waren.

Die einzige Frage war, welche. Die Dockarbeiter konnten ihnen dabei nicht helfen. "Wenn so etwas einmal von hier fort ist, mache ich mir keine Sorgen mehr darum," brachte es einer der Schauermänner auf den Punkt.

"Es gibt dort nicht so viele Anlagen, Scully," erklärte Mulder, als sie zum Auto gingen. "Alles, was wir tun müssen, ist die eine herauszufinden, die uns nicht dort haben will, und dann haben wir sie." "Und was dann, Mulder?" entgegnete Scully. "Wenn wir das einmal tun, dann wissen sie, dass wir hier sind und das ganze Ding ist zusammengepackt und aus der Stadt geschafft, sechs Stunden bevor wir einen Durchsuchungsbefehl bekommen können."

"Wer sagt irgendetwas von einem Durchsuchungsbefehl?" meinte Mulder, als er die Tür auf ihrer Seite aufschloss, bevor er zur Fahrerseite herumging.  "Ich will mich einfach nur umsehen. Dafür brauchen wir keinen Durchsuchungsbefehl." Scully stieg ins Auto und legte ihren Sicherheitsgurt an. "Ich bezweifle ernsthaft, dass alles, was du tun willst, ist dich umzusehen. Ich bezweifle auch, dass es die örtlichen Richter freundlich hinnehmen, wenn ein paar Bundesagenten von außerhalb einen Einbruch begehen." Er hörte nicht zu. Wie üblich. Sechs Jahre versuchte sie es nun schon und sie konnte immer noch nichts an Mulders ärgerlicher Tendenz, die Regeln zu verletzen, ändern. Das war etwas, was sie selbst nicht tun konnte. Zu viele Jahre als Navy-Balg, von einer Navystation zur nächsten ziehend, hatten sie die Vorzüge von Zurückhaltung und das Einhalten von Regeln gelehrt.

 

 

 

 

 

"Du Idiot," hatte der Sechstklässler gespottet. "Dieser Behälter ist für Papier. Und du tust dein Essen hier rein." Dana schreckte zurück. Die anderen Kinder im Essenraum von St. Benedict hatten gelacht. Sie konnte sie über sie reden hören, als sie verschämt ein halbes Erdnussbuttersandwich aus dem Eimer herausholte. Es war Februar und es war ihr erster Tag in St.  Benedict. Es war ihre siebte Schule in sechs Jahren. Ihr Vater war bei der Navy und sie war immer die Neue in der Schule. Und sie hasste es.

Wenn man immer die Neue in der Schule war, lernte man schnell, sich still zu verhalten, für sich zu bleiben und nichts zu machen, bis man sicher war, dass man die Regeln verstand. Sie wusste das. Aber sie machte immer noch Fehler, saß in der Pause auf der falschen Wippe, stand beim ersten Klingeln von ihrer Schulbank auf, sich dessen nicht bewusst, dass das erste Klingeln denen galt, die mit dem Bus fuhren und nicht denen, die von ihren Eltern abgeholt wurden. So wie sie.

Und wenn man Fehler machte, würde es das niemand um einen herum jemals vergessen lassen. Dana war nicht dumm, sie wusste, wie die Hackordnung funktionierte. Das Kind in der Schule ganz unten, dasjenige, das das niedrigste am Totempfahl vor ihrer Ankunft war, würde sich beinahe immer auf sie einschießen und ein paar billige Lacher aufgrund ihrer Unwissenheit ernten. Sie verstand das Prinzip: Wenn du in der Hierarchie nicht nach oben kommen kannst, dann kannst du wenigstens versuchen, jemanden in den Rang unter dir zu bekommen. Niemand war ein leichteres Ziel als das neue Kind.

Der einzige Ausweg daraus, so fand Dana heraus, war Wissen, Beobachtung, Sehen und perfekte Befolgung der Regeln. Sie beobachtete und wartete und beobachtete noch mehr, sie bewegte sich nicht, bis sie sicher war, ohne jeden Zweifel, dass sie es begriffen hatte. Ein Schüler, der ein halbgegessenes Brötchen in den Eimer warf, war nicht genug; sie mussten es alle tun oder sie konnte sich nicht sicher sein. Beweise, erkennbare, messbare, wiederholbare Ereignisse, die zusammengenommen einen sicheren Beweis darstellten. Finde den Beweis, folge den Regeln, tu, was man von dir erwartet - das, lernte sie bald, war der einzige Weg, um sicher zu sein.

 

 

 

 

 

Sie versuchte es wieder. "Hier weht immer noch die Fahne der Konföderierten, Mulder. Bundesautorität ist hier nicht populär, um es milde auszudrücken. Wir haben uns an die Regeln zu halten oder wir riskieren, in Schwierigkeiten zu kommen, aus denen uns niemand heraushelfen wird."

"Ich glaube nicht, dass die Einwohner von Alabama bereit sind, von der Union abzufallen wegen zwei FBI-Agenten, die eine fragwürdige Suche nach einer Chemieanlage durchführen, Scully," entgegnete Mulder und steuerte das Auto die Water Street in Richtung I-10 hinunter. "Sie mögen den Bürgerkrieg nicht vergessen haben, aber hier herrscht Recht und Gesetz."

"Ein Grund mehr, sich an die Regeln zu halten und einen Durchsuchungsbefehl zu beantragen," meinte Scully. "Das Bundesgerichtsgebäude befindet sich nicht weit vom Distriktbüro. Es würde nicht einmal fünfzehn Minuten dauern, dies einem Richter zu erläutern und einen Durchsuchungsbefehl zu bekommen."

"Ich sag dir was, Scully," sagte Mulder. "Du fragst den Richter nach einem Durchsuchungsbefehl. Weck ihn auf, unterbrich ihn beim Abendbrot oder beim Monopolyspiel und erzähl ihm, dass wir vermuten, jemand züchtet tödliche Erreger in einer Fabrik in McIntosch, wir wissen nur nicht, welche Fabrik und wir haben die Erreger nicht gesehen, aber wir wissen, dass sie dasein müssen. Wenn - ich wiederhole, wenn - du einen Durchsuchungsbefehl bekommst, dann will ich es so rechtmäßig wie möglich durchführen. Aber wenn wir das tun, das verspreche ich dir, wird alles, was wir finden werden, ein leeres Lagerhaus oder eine voll funktionierende Fertigungsanlage sein, die umweltfreundliche Babynahrung produziert. Wie oft müssen sie die Beweise verschinden lassen, bevor du es begreifst?"

"Ich begreife es, Mulder," schoss sie wütend zurück. "Ich bin diejenige, die einen Sarg voller Sand vergraben hat, nachdem sie die Leiche meiner Tochter verschwinden ließen." "Scully, so habe ich das nicht gemeint," erwiderte Mulder. Er begann eine Entschuldigung, aber Scully unterbrach ihn. "Ich denke nicht, dass ich das heute Nacht noch weiter diskutieren will, Mulder," sagte sie eisig. "Wir können das morgen entscheiden, nachdem wir uns ausgeruht haben und die Gelegenheit hatten, darüber nachzudenken."

"Ich muss darüber nicht nachdenken, Scully," entgegnete Mulder. "Ich werde heute Nacht dorthin gehen." "Nein." "Was meinst du mit nein?" "Ich meine nein. Ich meine, wenn du gehst, muss ich als deine Rückendeckung mitgehen und ich bin keine angemessene Rückendeckung, weil ich müde bin und weil ich wütend bin, und das wäre im Moment gefährlich. Lass uns einfach ein bisschen schlafen."

"Du musst nicht mitgehen, Scully," meinte Mulder und Scully konnte den kontrollierten Ärger in seiner Stimme hören. "Ich bitte dich nicht darum, mitzugehen. Aber ich bitte dich auch nicht um deine Erlaubnis. Die brauche ich nicht."

"Nein, die brauchst du nicht," erwiderte Scully, ebenso ärgerlich aber nach außen hin kühl. "Ich habe nicht vergessen, wer hier der Senioragent ist.  Aber ich hätte gehofft, nach sechs Jahren als mein Partner würdest du beginnen, meinem Urteilsvermögen zu trauen, nur ein kleines bisschen. Oder ist das zu viel verlangt?"

Lange Zeit sagte Mulder gar nichts. Scully sah aus dem Seitenfenster und sah dem Nieselregen zu, der über das Glas lief. Als sie wieder nach vorn blickte, sah sie, dass sie sich auf einer Brücke befanden, die die Mobile Bay überquerte. "Das ist nicht die Straße nach McIntosch," sagte sie.  "Nein, das ist die Straße nach Daphne, wo unser Hotel ist," erklärte Mulder. "Ich habe überlegt, dass wir vielleicht ein bisschen schlafen sollten und das morgen angehen sollten. Was meinst du?"

Scully sah ihn einen Moment lang an. Der zögernde Blick in seinen Augen sagte ihr alles, was sie wissen musste. "Ich denke, das ist eine exzellente Idee," meinte sie, ihr Ton war gerade warm genug, um ihn wissen zu lassen, dass sie nicht mehr ärgerlich war. Nicht wirklich warm, nicht wenn sie auf dem Weg in ein Hotel waren. Das wäre gegen die Regeln.

 

 

 

 

 

Daphne, Alabama

8:43 p.m.

 

Das Hotel an sich war gar nicht so schlecht und das beste von allem war, es zeigte westwärts über die Mobile Bay. Scully freute sich, das Schlachtschiff USS Alabama in der Ferne zu sehen, das eine scharfe Silhouette in den Flutlichtern hinter sich warf. Vor Jahren hatte ihr Vater sie hierher gebracht, um sich das einst mächtige Schiff anzusehen, während er zeitweilig auf der Marinebasis Pensacola stationiert war. Ihr Großvater, sein Vater, hatte auf einem Schiff wie diesem im Zweiten Weltkrieg gedient, erzählte er ihr. Sie war so glücklich gewesen, als er sie herumzeigte und sie spürte seinen Stolz auf sie und den Stolz, eine Scully zu sein, Teil einer Navyfamilie, Erbin einer alten und großartigen Tradition des Dienens.  Für sie war an diesem Tag alles perfekt.

Nun war sie hier mit ihrem Dienstausweis der Bundesbehörde, die ihr Vater mehr als alles andere gehasst hatte, ruhte sich aus, entspannte sich und brachte sich in Form, um eine illegale Suche durchzuführen, das Gesetz zu brechen, auszuspionieren, was amerikanische Staatsbürger taten, und das alles im Namen einer besseren Sache. Hör einfach auf, dachte sie. Du tust, was du tun musst. Tag für Tag. Der Morgen wird sich um sich selbst sorgen.

Sie sah auf ihre Uhr, es war spät, aber noch nicht zu spät. Scully begann zu glauben, dass es womöglich an diesem Abend ein richtiges Abendessen geben würde. Dieser Ort hatte tatsächlich Restaurants in der Nähe, in denen das Essen auf Porzellantellern serviert wurde anstatt in Pappschachteln.  Aber sie hatte kein Glück. Mulder war wie üblich in sein Zimmer gegangen, hatte den Fernseher eingeschaltet und begonnen, durch die Kanäle zu zappen.  Vom Geräusch her hatte er einen Sportkanal gefunden und sie wusste, das bedeutete, er war für die Nacht fertig.

Reumütig schob Scully die Gedanken an einen Abend in Gesellschaft beiseite.  Sie zog sich ihren Pyjama und den Bademantel an und prüfte verdrießlich die in Plastik geschweißte Liste des Hotels mit den in der Nähe befindlichen Fastfood-Ketten.

Dann hörte sie das schwache Klingeln von Mulders Handy. Er nahm das Gespräch entgegen und drehte sofort den Fernseher leiser. "Sind Sie sicher?" hörte sie ihn fragen. "Wir sind gleich da." Einen Moment später klopfte er zweimal an die Verbindungstür. Sie öffnete sie. "Scully, zieh dich an, wir müssen noch mal raus." "Keine Chance, es sei denn, du hast einige wirklich zwingende Gründe," entgegnete Scully und verschränkte ihre Arme vor der Brust. "Ich habe nichts gegessen, du hast nicht geschlafen und wir waren uns einig, dass wir morgen darüber reden."

"Scully, ich würde dich nicht darum bitten, wenn es nicht wichtig wäre." "Es ist immer wichtig, Mulder," antwortete sie ungerührt. "Kannst du mir wenigstens sagen, wer dich angerufen und dich dazu gebracht hat, mich wieder in diesen ‚milden und wundervollen' Winter an der Golfküste hinauszutreiben, der sich als kalt und regnerisch und ekelhaft erwiesen hat und noch nicht einmal die ästhetischen Vorzüge von Schnee bietet?"

"Ich habe nie behauptet, ein Meteorologe zu sein, Scully," meinte Mulder.  "Aber es ist nicht viel Zeit und ich möchte nicht hier darüber reden. Die Wände in diesem Hotel sind zu dünn. Ich verspreche dir, ich erzähle es dir unterwegs. Zieh dich einfach an, okay?"

Seufzend drehte sich Scully um. Werde ich jemals lernen, ihm zu widerstehen, dachte sie. "Gib mir zehn Minuten, Mulder," antwortete sie.  "Und schließ die Tür, wenn du rausgehst." "Das ist meine G-woman," meinte Mulder. Auf halbem Wege durch die Tür hielt er inne. "Hey Scully?" fragte er. "Ja?" "Hast du eine kugelsichere Weste mit?" "Brauche ich eine?" Mulder nickte. "Ja, und nimm ein zusätzliches Magazin mit." Damit schloss er die Tür. Scully starrte auf die Tür. Sie konnte sich nicht erinnern, dass Mulder so eine Bitte jemals zuvor geäußert hatte und es bereitete ihr Sorgen. Wenn er glaubte, dass dort Gefahr lauerte, dann war das so. So einfach war das.

Nicht immer hatte sie seinen Instinkten vertraut; als sie ihn kennenlernte, unterstützte sie die allgemeine Meinung, dass Spooky Mulder wenigstens ein bisschen verrückt war. Doch er war Verhaltensprofiler gewesen, die ganze Wissenschaft des Profilings, so wie sie war, basierte auf intensiven Befragungen bekannter Serienmörder und dem Zerpflücken ihrer Gehirne auf der Suche nach den Hintergründen für ihre Taten. Das verlangte seinen Tribut von den Befragern, die meisten der ursprünglichen FBI-Profiler hatten das Gebiet nach weniger als zehn Jahren verlassen, schrieben Bücher, gaben Unterricht und wurden Privatdetektive. Mit anderen Worten, sie machten alles, nur nicht mehr das, was sie vorher getan hatten.

Also wäre es einfach für Scully gewesen, als Mulder zum ersten Mal begann, ihr von Alienentführungen und Regierungskomplotts zu erzählen, seine Theorien als Produkte eines leicht verwirrten Geistes abzutun. Aber langsam, über die nächsten sechs Jahre, lernte Scully die Wahrheit kennen und es war schlimmer als alles, was sie sich vorstellen konnte.

Die Wahrheit war, dass Mulder nicht verrückt war. Als sie ihn kennenlernte, obwohl sie es da noch nicht wusste, war Mulder nahe am dem Wendepunkt, zu dem ihn seine Peiniger so sorgfältig geführt hatten. Ihm den Nimbus zu nehmen, war der letzte Schritt, ihn zurückzulassen mit nichts, das er zeigen konnte nach all den Jahren Arbeit, all das unberücksichtigt zu lassen, was er über die Verschwörung erfahren hatte, von der sein eigener Vater ein Teil gewesen war.

Ihre Zuteilung zu den X-Akten war Teil dieses Plans, aber es erwies sich als Fehler, als ein großer aus der Sicht der Verschwörer. Anstatt seine Zerstörung zu vervollständigen, wurde sie seine Erlösung, gab sie ihm seine Vernunft wieder, gewann sein Vertrauen und gab ihm die Kraft, weiterzumachen. Irgendwie war es einfach dadurch geschehen, dass sie an seiner Seite war.

Als diese mächtigen Männer einen direkteren Angriff gestartet hatten - die Generalstaatsanwältin davon zu überzeugen, Mulder die X-Akten wegzunehmen, dann die Akten fast vollständig zu verbrennen - war sie immer noch bei ihm geblieben. Dort gehörte sie hin. Auch wenn sie nicht wusste, wie das passiert war. Aber sie waren Partner, sie waren zusammen durch die Hölle gegangen und nun wusste sie, dass seine Instinkte vernünftig waren.

 

 

 

 

 

Rasch zog sie sich ein Unterhemd und Jeans an und zog ein T-Shirt über die Kevlarweste, um sie zu verbergen. Sie zog ihre Dienstwaffe aus dem Holster, prüfte die Kammer und das Magazin. Voll geladen. Sie lud die Waffe wieder, steckte sie zurück ins Holster und steckte ein weiteres Zehn-Schuss-Magazin in ihre Hosentasche, zusammen mit ihrem Dienstausweis und einem Paar Handschellen. Gott sollte ihr beistehen, wenn einundzwanzig Schuss nicht genug waren.

Scully streifte sich eine Windjacke über, verbarg damit geschickt die Waffe und stopfte zwei Baumwolltupfer und zwei kleine verschlossene Teströhrchen in eine Tasche, zwei Paar Latexhandschuhe in die andere und verließ dann, die Tür hinter sich verschließend, das Hotelzimmer.

 

 

 

 

 

North Mobile County, Alabama

9:47 p.m.

 

"In Ordnung, Mulder, da bin ich. Ich bin bis an die Zähne bewaffnet. Nun erzähl," verlangte Scully, während Mulder durch den kalten Nieselregen fuhr. "Dieser Anruf kam von Marita Covarrubius," begann Mulder. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie sich die Kiefermuskeln seiner Partnerin verspannten. Eifersucht oder professionelle Verachtung? Er konnte nicht sicher sein. So fuhr er eilig fort. "Die Covarrubius hat gesagt, dass sich der Zugverkehr in McIntosch in den letzten vierundzwanzig Stunden verzehnfacht hat. Ihre Quellen sagen, es sieht so aus, dass die alte Monsanto-Anlage in rasantem Tempo ausgeräumt wird."

"Also liege ich richtig, dass wir auf dem Weg zur Monsanto-Anlage sind?" fragte Scully. "Auf den Tipp der Blondine hin?" "Ich will es nur überprüfen," entgegnete Mulder. "Tatsächlich traue ich ihr nicht mehr, als du es tust. Worauf ich vertraue ist, wenn sie ihren üblichen Mustern treubleibt, wird dort etwas sein, etwas bedeutsames. Ich will nur wissen, was dieses etwas ist. Es würde mich nicht überraschen, wenn der alte Raucher uns an der Eingangstür begrüßt. Meine Wachsamkeit wird nicht nachlassen, Scully, glaube mir."

"Wird sie das nicht? Beweist du nicht, nur indem du dorthin fährst, dass deine Wachsamkeit nachlässt? Wenn du ihr wirklich nicht vertraust, warum sind wir dann in erster Linie hier?" Einen Moment lang antwortete Mulder nicht. In der Dunkelheit konnte Scully sein Gesicht nicht genug sehen, um zu sagen, ob sein Schweigen von Ärger, Zweifel oder nur von Überlegung herrührte, und das bereitete ihr Sorgen. Sie mussten zusammen sein, wenn sie sich in Gefahr begaben; Ärger konnte sie beide umbringen. Scully öffnete den Mund, um sich zu entschuldigen, als Mulder schließlich sprach.  "Es ist nichts, dass ich quantifizieren kann, Dana," sagte er. Wie immer, wenn er sie beim Vornamen nannte, erhielt er ihre volle Aufmerksamkeit. Er tat es selten und dann gewöhnlich nur, wenn sie allein waren, als Einleitung zu etwas sehr wichtigem oder sehr persönlichem. "Es basiert auf einem inneren geistigen Prozess, von dem ich nicht einmal weiß, wie ich ihn beschreiben soll," fuhr er fort. "Aber ich glaube, dass es richtig ist, in diese Fabrik zu gehen. Ich glaube, dass da etwas ist, dass wir wissen müssen, egal ob sie dort Pockenviren züchten, graue Aliens erzeugen oder etwas weitaus schlimmeres."

Das erschreckende daran war, dachte Scully, dass er es wahrscheinlich wusste. Er wusste eine Menge. Im Wagen herrschte ein leicht unbequemes Schweigen, bis Mulder wieder sprach. Ohne seine Augen von der Straße zu nehmen, sagte er leise, "Ich wünschte, du könntest mir vertrauen." "Mulder, ich vertraue dir," erwiderte Scully, ebenso leise. "Ich vertraue dir mit meinem Leben. Aber irgendetwas ist hier verkehrt. Ich glaube nicht an Intuition oder wie immer du es nennen willst, aber ich kann das Gefühl nicht loswerden, dass da etwas weitaus gefährlicheres ist, als du glaubst." "Das denke ich nicht," meinte Mulder. "Du würdest nicht glauben, für wie gefährlich ich das halte."

 

 

 

 

 

In der Zwischenzeit war es nach zehn Uhr abends geworden, als sie die verlassene Monsanto-Fabrik erreichten, die verborgen an einer schmalen Straße zwischen den hohen Pinien von Alabama lag. Mulder schaltete den Motor und die Scheinwerfer aus, als sie sich annäherten, und ließ den Wagen den abschüssigen Kiesweg in Richtung Eisenbahnzufahrt zu dem Gebiet rollen.

Scully spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, als sie so geräuschlos wie möglich dem Eisenbahnwagonentladepunkt entgegengingen. Mulders Vorahnungen in Bezug auf die Gefahr übertrugen sich auf sie und sie hatte selbst auch welche. Es war dunkel, zu dunkel, sogar für eine verlassene Fertigungsanlage. Ein paar Lichter hätten an sein sollen, wenn auch nur, um Vandalen abzuhalten.

Mulder kletterte die 1,50 m hohe Betonladerampe allein hoch, dann nahm er Scullys Hände und half ihr herauf. Langsam und geräuschlos wischte er sich die Hände an seinem T-Shirt ab und zog seine Waffe aus dem Holster. Sie hochhaltend, den Finger leicht um den Abzug gelegt, ging er in das stille Gebäude. Scully zog ihre Waffe und folgte ihm, hielt sich leicht links hinter ihm und deckte so seine unbewaffnete Seite.

Ihre Fußtritte hallten laut wider, das Geräusch ließ auf ein großes, leeres Areal schließen. Scully konnte gar nichts sehen. Es gab kein Licht, nicht einmal Mondlicht fiel durch die Fenster. Sie spitzte die Ohren, hörte aber nichts außer einem leichten kratzenden Geräusch. Mäuse, dachte sie, oder Insekten. Ein saurer Geruch hing schwer in der Luft - verdorbenes Getreide oder vielleicht Schwefel. Was immer es war, es machte sie krank. "Was zur Hölle ist das für ein Gestank?" flüsterte ihr Mulder ins Ohr.

"Ich weiß nicht," flüsterte sie zurück. "Obwohl ich das vorher schon mal irgendwo gerochen habe." "Könnte es eine Bakterienzucht sein?" "Bestimmt, aber welcher Art? Es ist kalt hier drin, zu kalt..." Scully schob sich vorwärts, dann legte sie eine Hand auf seinen Arm und deutete nach vorn auf etwas, das aussah, wie eine 3,50 m hohe Kühlzelle. "Da drinnen," flüsterte sie.

Die kühle Luft war feucht und unbewegt, als sie sich zentimeterweise vorwärts bewegten, und Scully spürte, wie ihr kalter Schweiß über den Rücken lief und in das Tal zwischen ihren Brüsten, sich in den Bund ihres BH saugend. Es war kein gutes Gefühl. Die Waffe lag schwer in ihrer Hand.  "Mulder," flüsterte sie, ihre Stimme klang laut und hart in der Stille.  "Wir brauchen Licht." Mulder nickte, knipste eine kleine Taschenlampe an und richtete sie auf die Türklinke. Er drückte sie nieder, es war nicht verschlossen und er schob den Riegel zurück und öffnete die Tür. Der Geruch überfiel beide Agenten gleichzeitig - ein ekelhafter Geruch von Fäulnis, wie der Geruch einer Leiche. Scully wurde abgestoßen, aber wenigstens war sie es gewöhnt, Mulder wurde beinahe davon überwältigt.

"Oh Gott," sagte er sehr flach. "Atme durch den Mund," riet ihm Scully, immer noch flüsternd. "Leuchte mal nach vorn." Als er es tat, sah sie, dass sie sich in einem Raum von 30 mal 6 m befanden. Der Raum war voller Regale, in denen Behälter mit trüber, faulriechender Flüssigkeit standen. Die Luft war warm, beinahe heiß; ungefähr 37° Celsius, dachte sie. Körpertemperatur.  Die ideale Wachstumstemperatur für Krankheiten verursachende Organismen.  "Sieht so aus, als hätte dein Informant recht gehabt, Mulder," sagte sie sehr leise. "Dieser Raum scheint ein gigantischer Inkubator für irgendeine Art Bakterienkultur zu sein. Wir können hier nicht bleiben, es könnte ein durch die Luft übertragenes Pathogen sein. Fass nichts an." Scully steckte ihre Waffe ins Holster und holte rasch die Handschuhe heraus. Sie griff sich einen der Behälter und hielt ihn in das Licht von Mulders Taschenlampe, um ihn zu untersuchen.

"Was ist es?" flüsterte Mulder. Scully schüttelte den Kopf. "Das kann ich nicht sagen ohne eine Kultur." Sie griff in ihre Tasche nach den Teströhrchen, öffnete sie und tauchte erst einen Tupfer, danach den zweiten in die scheußliche Flüssigkeit. Dann setzte sie den Behälter wieder ins Regal, steckte die Tupfer in die Röhrchen, verschloss sie wieder und steckte sie in ihre Tasche zurück.

"Wir müssen das schnell in ein Labor schaffen, bevor was immer da drin wächst stirbt," flüsterte sie So schnell sie konnte, zog sie die Handschuhe aus, drehte die Innenseite nach außen und stopfte sie wieder in ihre Tasche. Mulder nickte. "Ich will mich nur noch kurz im Rest der Fabrik umsehen," entgegnete er und richtete das Licht der Taschenlampe auf die Tür. "Lass uns schnell machen," meinte Scully und zog ihre Waffe wieder hervor. "Ich will diese Proben nicht länger als nötig mit mir herumtragen."

Gerade als sie die Tür erreichten, schaltete Mulder das Licht aus und legte seine Hand auf den Arm seiner Partnerin, so dass sie stehen blieb. Sie spürte seinen warmen Atem dicht an ihrem Ohr. "Da ist jemand," flüsterte er. "Ungefähr zehn Meter vor uns, auf der rechten Seite." "Ich sehe gar nichts." "Hör hin." Scully lauschte. Wieder hörte sie das kratzende Geräusch und den Klang des Regens, der von der Dachrinne tropfte. Sie hatte sich halb zu Mulder umgedreht, bereit, ihm wieder ins Ohr zu flüstern, als sie ein Mündungsfeuer in der Dunkelheit gerade vor ihr sah. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall und sie spürte den wuchtigen Aufprall der Kugel auf ihrer Brust. Ihre Waffe flog ihr aus der Hand und schlitterte über den Zementfußboden, als sie zusammenbrach und sich vor Schmerz krümmte, unfähig zu sprechen.

"FBI! Ich bin bewaffnet! Lassen Sie die Waffe fallen!!" hörte sie Mulder rufen, hörte ihn sich auf den Boden werfen. "Lassen Sie sie jetzt fallen!" "Leck mich," erwiderte eine knurrende Stimme. Scully hörte ein klickendes Geräusch. Ein Revolver, dachte sie von weitem. Pass auf, Mulder, er schießt. Immer noch atemlos, mit rebellierendem Magen, tastete sie nach ihrer Waffe. Obwohl sie wusste, dass sie jetzt nicht schießen konnte, brauchte sie sie doch, um bereit zu sein, wenn die Chance dazu kommen sollte. Aber Mulder hatte das Geräusch auch gehört und das war alles, was er brauchte. Auf die Quelle des Geräuschs zielend, feuerte er los. Einmal.  Zweimal. Ein grauenvoller Schrei erklang und das Geräusch von etwas schwerem, das hinfiel, dann nichts.

"Scully!" schrie Mulder und obwohl sie die Panik in seiner Stimme hörte, konnte sie nicht antworten. "Scully, bist du in Ordnung? Antworte mir, Scully!" Sie versuchte, irgendein Geräusch zu machen, einen Weg zu finden, um ihn zu beruhigen, doch sie schaffte nur ein Wimmern. Aber er hörte es.  Er bewegte sich auf sie zu, hielt sich am Boden, kam aber langsam näher. Er war beinahe da. Sie hörte das kranke Geräusch von etwas schwerem, das gegen Knochen schlug. Mulder stöhnte vor Schmerz auf und brach neben ihr auf dem Boden zusammen. Er bewegte sich nicht. Ein strahlendes Licht schien Scully direkt in die Augen und blendete sie. "Ihr zwei lernt es nie, nicht wahr?" sagte die Stimme hinter dem Licht. Ich kenne diese Stimme, dachte sie, ihre Gedanken verschwammen immer mehr, je mehr die Schmerzen zunahmen. Wer ist das? Mit der Zeit, dessen war sie sich sicher, würde sie es herausfinden.  Sie lag still und dachte nach, bis ein Stiefel kraftvoll in ihrem Unterleib landete, sich dann zurückzog und gegen ihren Kopf trat.

 

 

 

 

 

Anmerkungen:

Wenn ihr soweit gelesen habt, verdient ihr besseres, als mit all diesem Zeug begrüßt zu werden, aber ich nahm an, wenn ich es an den Anfang gesetzt hätte, hätte absolut niemand über die erste Seite hinaus weitergelesen. Ich bitte um Entschuldigung.

1.         Identifizierende Informationen über Verdächtige und Opfer in den Mordfällen wurden geändert; jegliche Fehler stammen von mir und nicht von Mr. Douglas.

2.         Mulders private Gedanken über die Fälle, ausgenommen wo anders gekennzeichnet, sind meine eigene Schöpfung, jeder Makel darin ist komplett meine Schuld. Keines der wirklichen Opfer in den Fällen von Mr. Douglas hat irgendeine Verbindung - ausgenommen als Opfer - zu irgendwelchen kriminellen oder terroristischen Aktivitäten. Solche Verbindungen in diesem Roman sind die pure Einbildung der Autorin.

3.         Dylan Thomas und andere Schreiber, die zu Beginn eines jeden Kapitels zitiert werden, werden ohne Erlaubnis zitiert, aber mit großer Bewunderung.

4.         Die Namen bestimmter Personen und Schauplätze in Mobile und Daphne, Alabama, wurden geändert, die Geographie bleibt erhalten.

5.         Die USS Nassau war in der Zeit, in der dieser Roman spielt, in der Ägäis und half dem UN-Aufgebot in Bosnien und ich meine es überhaupt nicht als Respektlosigkeit ihr oder ihrer tapferen Crew gegenüber, wenn ich sie in diesem Roman als unfreiwilligen Transporteur eines Verräters benutze.

6.         Dank und überschwänglichen Respekt dem Polizeigeistlichen Hal Brown für seine verständnisvolle und mitfühlende Arbeit mit den Polizisten der Justizbehörde und dem posttraumatischen Stress, auf die ich schwer vertraut habe bei den Nachforschungen für diesen Roman. Danke auch für seinen humorvollen Einblick in die Verantwortlichkeiten beim FBI, was die Doughnuts und das Spielzeug angeht.

7.         Die Charaktere sind Schöpfungen der Autorin, einschließlich des diensthabenden Special Agent Daniel Prescott und Officer Willie Mack und somit ihr Eigentum.

 

 

 

 

 

 

Du sahst mich an mit Augen, groß vor Schmerz, wie ein in die Enge getriebenes Etwas. Und dann bewegtest du deinen Kopf langsam von einer Seite zur anderen, als ob die Anstrengung schmerzte in deiner Kehle vor Ärger und vor Furcht.  Und dann drehtest du dich um und verließt mich, und ich stand da mit einem seltsamen Gefühl der Leblosigkeit in mir, und ich wunderte mich nur stumpfsinnig, dass du es konntest, deinen Trenchcoat so sorgfältig zuknöpfen.

Bis du gegangen warst, dann war all die Luft angefüllt mit meinen letzten Worten, sie schien zu springen und zu zittern.  Und in meinem Herzen hörte ich ein kleines Klicken der Tür, als sie sich schloss - leise, für immer.

"Trennung nach einem Streit"

Eunice Tietjens

 

 

Kapitel 2

Ahab war da. Er war da, um sie zu holen, und um das zu tun, musste er sie in einen Sarg legen und seine kalten, toten Hände dazu benutzen. Aber Mulder wollte es nicht zulassen. Er schrie ihren Vater an, wieder und wieder. "Tu ihr das nicht an, du Hurensohn!" Er klang so, als ob er geweint hatte. Es ist in Ordnung, Mulder, es ist mein Vater. Ich muss gehen. Sie konnte nicht sprechen, konnte ihm nicht klarmachen, wie wichtig es für Ahab war, das zu tun. Mulder, wollte sie ihm sagen, Ahab ist hier, um mich zu holen. Zuerst muss er mich anziehen und er ist tot, deshalb sind seine Hände so kalt. Er hat mich niemals so angefasst, als ich am Leben war, aber nun, da wir beide tot sind, ist es notwendig, dass ich mit ihm gehe.

"Sie könnte jetzt jederzeit gehen," sagte Ahab. "Alles was ich tun muss, ist ein Knopfdruck. Das ist mein kleines Geschenk für sie." Ist es ein Weihnachtsgeschenk? Was ist es? "Du magst es, nicht wahr? Oh ja, sie mag es." Was ist es, Ahab? Kann ich es mitnehmen, wenn ich gehe?

"Nein, nein, nein!" Jemand schrie sie an. Wer war das? "Ich tue, was immer Sie wollen. Aber bitte... bitte... nicht..."

"Es tut mir leid, Dana," sagte Mulder, als sie sich bemühte, aufzustehen.  Sie musste aufstehen, sie musste mit ihrem Vater mitgehen. "Es tut mir so leid," sagte Mulder wieder. "Ich habe versucht, ihn aufzuhalten. Ich habe es versucht." "Es ist in Ordnung, Mulder," entgegnete sie, letztlich in der Lage, zu sprechen. "Jetzt ist alles in Ordnung. Du musst ihn nicht aufhalten, er ist mein Vater. Ich gehe mit ihm. Er weiß, was das beste für mich ist."

"Nein, Dana, geh nicht," flehte er. "Bleib noch ein bisschen länger bei mir, okay? Nur ein bisschen länger." Wieder versuchte sie, ihm zu antworten, aber es war zu laut. Jemand schrie im Hintergrund, und Ahab brummte laut, vielleicht weil ihm so kalt war. Sie versuchte, es Mulder zu erklären, aber er verblasste und dann blieb nichts als die Kälte und die Schreie... und dann war es wieder dunkel und der Schmerz war vorbei und sie flog, flog himmelwärts, auf ihrem Weg, um Ahab wieder zu treffen.

 

 

 

 

 

Bin ich wach?

Wo bin ich?

Meine Hände schmerzen.

Und mein Kopf.

Wo ist Mulder?

Ich fühle mich krank.

Scully wurde wieder ohnmächtig, sich nur dunkel dessen bewusst, dass ihr sehr, sehr kalt war.

 

 

 

 

 

Der Schmerz in ihrem Bauch weckte sie. Scully fühlte es, sie fühlte, wie sie in der Kälte zitterte. Sie versuchte, ihre Arme zu bewegen, aber dann erinnerte sie sich: Die hatten sie bereits für diesen Teil gefesselt, so dass sie sich nicht bewegen würde, wenn sich die Nadeln in sie bohrten. Es tat so weh, wenn die Maschinen ihren Bauch aufpumpten, aber sie taten es, um leichter an das heranzukommen, was sie wollten. Das war alles, worum sie sich Sorgen machten: sie bewegungslos zu machen. Gegenüber ihren hilflosen Schmerzensschreien waren sie gleichgültig. Aber es ist dunkel, dachte sie.  Was ist mit dem Licht passiert? Wo ist Penny, wo sind die anderen Männer?

Wieder versuchte sie, ihre Hände zu bewegen und Schmerz schoss wie ein Pfeil durch ihre Arme und weckte sie vollkommen auf. Sie lag nicht ausgebreitet auf einem Untersuchungstisch, sie lag mit dem Gesicht im kalten, dichtgepackten Alabamaton und ihre Hände waren hinter ihrem Rücken gefesselt. Die Fesseln waren schmerzhaft eng und schnürten das Blut in ihren Händen ab. Ihre Füße waren an den Knöcheln eng zusammengeschnürt. Im Mund hatte sie einen faulen Geschmack und ihr Haar war verfilzt und klebte an einer Seite ihres Gesichtes. Blut, dachte sie. Und noch etwas anderes.

In der Ferne raschelte der Wind und sie erschauerte wieder. Ihr war wirklich kalt, kälter als sie jemals geglaubt hätte, dass es jemandem im tiefen Süden sein kann. Irgendjemand hatte ihr ihre Schuhe ausgezogen und die meisten ihrer Sachen und hatte nichts weiter zurückgelassen als ein dünnes Baumwoll-T-Shirt und den Slip. Sie konnte sich nicht bewegen.  Überhaupt nicht. Es war ihre größte Angst und es war wieder passiert. Sie war entblößt, sie war hilflos, und das schlimmste von allem, sie wusste, dass ihr irgendjemand etwas angetan hatte - etwas unsagbar intimes - und sie hatte überhaupt keine Erinnerung daran. Wieder einmal.

Zitternd atmete sie ein und versuchte, nicht zu weinen, aber ihr Kampf verursachte einen Schmerzanfall in ihrem Bauch und sie schrie unfreiwillig auf. "Scully?" hörte sie Mulders Stimme hinter sich. "Mulder, wo bist du?" Es war eine ängstliche Stimme, die Stimme eines kleinen Mädchens. "Bring mich hier raus, bitte bring mich hier raus!" "Halt durch, Scully, du bist okay. Ich bin genau hinter dir." "Bist du verletzt?" "Nicht schlimm," antwortete er. "Ich kann mich nur nicht bewegen." "Ich auch nicht," erklärte sie und kämpfte darum, ihre Stimme zu kontrollieren. Panik wäre nicht hilfreich.

"Mulder, wo sind wir?" "Ich weiß nicht. Ein Keller oder so etwas." Sie hörte das flüsternde Geräusch seiner Sachen, als er sich zu ihr herüberschob. Auf seinem Bauch, dachte sie. Er kriecht auf seinem Bauch.  "Du bist verletzt," hörte sie Mulder sagen. Wie konnte er das wissen?  "Öffne die Augen, Scully," forderte er sie auf. Unter Schwierigkeiten zwang sie ihre Augen auf und spürte, wie das getrocknete Blut von ihren geschwollenen Augenlidern abbröckelte. Muss mir genau ins Gesicht getreten haben. Bastard. Es brauchte einen Moment, damit beide Augen in dieselbe Richtung blickten; es gab kaum genug Licht, um sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Als ihr Blick klar wurde, sah sie Mulder neben sich liegen, sein blutiges Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Auf seiner Stirn war eine große Schürfwunde und auf seiner Wange war ein geröteter Bereich, der ihr sagte, dass sich dort ein mächtiger Bluterguss bilden würde. Auch sein Hemd und seine Weste waren verschwunden, aber er hatte seine Jeans an; dennoch zitterte er.

"Du siehst fürchterlich aus," flüsterte sie und sah, dass sich die Sorgenfalten über seiner Braue ein wenig glätteten. "Danke gleichfalls, Rothaarige," meinte er, dann bewegte er sich gerade soviel vorwärts, um ihr einen raschen Kuss auf die Stirn zu geben. "Du hast dich lange Zeit nicht gerührt. Ich dachte, du wärst tot, bis ich hörte, dass du dich übergeben hast." "Hab ich das?" Scully schluckte schwer und spürte den metallischen Geschmack in ihrem Mund wieder.

"Ja," sagte er. "Größtenteils Blut. Ich dachte, sie hätten dich niedergeschossen." Scully schüttelte den Kopf. "Die Weste hat es abgehalten. Aber vielleicht sind da innere Blutungen. Ich kann nicht sagen, wo." Das Sprechen verursachte ihr ein beklemmendes Gefühl in der Kehle und sie hustete und schrie wieder vor Schmerz auf. Sie sah die Angst in Mulders Augen, aber sie konnte nicht sprechen, konnte ihn nicht beruhigen, als der Hustenanfall sie packte. Als er vorbei war, öffnete sie die Augen und sah die winzigen Spritzer ihres Blutes auf dem Gesicht ihres Partners. Er hatte sich nicht von ihr fortbewegt.

Auf diese Weise wirst du niemals einen Kurs in Seuchenkontrolle bestehen, Mulder, dachte sie, aber sie war dankbar für seine hartnäckige Loyalität.  Laut sagte sie nur, "Mir geht es gut, Mulder. Aber ich muss in ein Krankenhaus." Mulder nickte. "Ich weiß. Es hörte sich wie eine große Ladung an." "Es fühlte sich auch so an." Das war ein schwacher Versuch von Humor, aber Mulder lächelte trotzdem. "Du solltest es wissen, Scully. Kannst du überhaupt deine Hände bewegen?" Sie schüttelte den Kopf. "Nein. Die Handschellen sind zu eng. Du?" "Nicht einen Zentimeter," erwiderte er. "Ich könnte nicht an die Schlüssel rankommen, selbst wenn ich sie noch habe, was ich bezweifle. Hier ist auch kein Platz, um sich hinzustellen."

"Unsere Waffen?" "Weg. Die Telefone auch. Und höchstwahrscheinlich deine Proben." Scully blickte nach oben und sah, dass die Decke ihres Gefängnisses nur einen oder anderthalb Meter über ihnen war. "Das ist ein Kriechplatz, Mulder," bemerkte sie. "In dieser Gegend gibt es keine Keller.  Die ganze Stadt ist auf einem Sumpfgelände erbaut. Wir sind unter einem Haus oder so." "Welchen Unterschied macht das?" "Es bedeutet, wenn wir kriechen können, sind wir vielleicht in der Lage, hier unten herauszukommen." "Ich glaube nicht, dass wir das können, Scully." "Wir müssen," erwiderte sie und ihre Stimme zitterte, nur ein bisschen. "Wir können hier nicht bleiben. Was ist, wenn sie zurückkommen?"

"Scully, du kannst dich nicht einmal bewegen." "Nein, aber du kannst es," sagte sie. Scully wollte gerade noch etwas sagen, als sie ein weiterer Hustenanfall packte und sie schmerzhaft schüttelte. Sie hustete und hustete, bis schließlich ihr Magen rebellierte und sie noch mehr Blut in den Schmutz unter sich erbrach. Dann brach sie zusammen, Tränen liefen über ihr Gesicht. Ob sie vor Schmerz, aus Angst oder Verlegenheit weinte, konnte sie nicht sagen. Immer noch zog sich Mulder nicht zurück, veränderte nur ein wenig seine Position. Er blieb dicht bei ihr und wartete, bis sich ihre Atmung wieder normalisierte, bevor er erneut sprach.

"Scully, ich lasse dich hier nicht allein," sagte er. "Du hast recht, die Leute, die uns hierher gebracht haben, kommen vielleicht zurück. Die, die noch am Leben sind, zumindest." "Es sei denn, sie haben uns hier gelassen, damit wir sterben," entgegnete sie unsicher und wieder raste dieser Schock hilfloser Angst durch sie hindurch. Sie zwang sich dazu, sich zu konzentrieren. Sie mussten hier verschwinden, sie musste sich unter Kontrolle halten. "Mulder, ich habe das Gefühl, dass ich einen der Männer, die uns angegriffen haben, kenne. Irgendwoher kannte ich seine Stimme." Mulder lachte, aber da war kein Humor darin. "Du kennst ihn ganz sicher," sagte er bitter. "Es war Alex Krycek."

"Was tut Krycek hier?" fragte Scully. "Das," antwortete Mulder grimmig, "ist eine Frage, die ich ihm nur allzu gern stellen würde. Aber das wichtigste ist jetzt, hier herauszukommen und dich in ein Krankenhaus zu bringen." "Dann musst du ohne mich gehen, Mulder," flüsterte Scully. "Geh und hole Hilfe." "Nein," sagte Mulder. "Wir gehen zusammen oder gar nicht.  Ich lasse dich hier nicht allein."

"Ich kann mich nicht bewegen." Die Panik in ihrer Stimme nahm wieder zu.  "Verstehst du nicht? Ich kann mich überhaupt nicht bewegen!" "Kannst du dich auf die Seite rollen?" fragte er leise. "Du musst dein Gewicht von deinem Bauch wegverlagern. Wenn du es kannst, dann kannst du dich mit deinen Füßen abstoßen." "Ich... vielleicht," meinte sie. "Ich werde es versuchen." "Okay," sagte er. "Aber mach langsam. Verschlimmere nicht deine Verletzungen." "Ich werde es versuchen."

Einen Moment brauchte sie, um ihren Mut zusammenzunehmen und ihre verletzten Muskeln dazu zu zwingen, sich zu bewegen und sich herumzudrehen.  Sie keuchte, als sich ihr Gewicht auf ihre Schulter legte und schmerzhafte Blitze durch ihre geschwollenen Hände zuckten. Ihre Schulter war eine quälende Masse, als ob jemand versucht hatte, ihren rechten Arm aus dem Gelenk zu reißen. Einen Schrei unterdrückend zwang sie sich zum Weitermachen, bis sie schließlich ein zitterndes Gleichgewicht auf der Seite erreichte. Mit zusammengepressten Augen blieb sie still liegen und versuchte, normal zu atmen. "In Ordnung, Mulder," sagte sie schließlich mit bebender Stimme. "Ich bin auf der Seite. Was jetzt?"

"Jetzt benutzt du deine Füße, um dich vorwärts zu schieben," erklärte Mulder. "Kannst du das tun?" "Ich denke ja," erwiderte sie. Sie grub ihre nackten Zehen so tief sie konnte in den Schmutz und drückte sich ab. Ihr Fuß schlitterte über den harten Boden, die raue Oberfläche riss etwas von ihrer Haut ab. Ihr Atem zischte in ihren Lungen, aber sie grub sich ein und versuchte es wieder. Und bewegte sich vorwärts, ungefähr fünfzehn Zentimeter. Scully stieß einen zitternden Seufzer aus. Sie konnte sich wieder bewegen. Aber es tat weh. Es tat sehr weh. Gegen die Schmerzen kämpfte sie um jeden Atemzug und schließlich begann sie wieder zu husten.  Mit jedem scharfen Atemzug schossen qualvolle Schmerzen durch sie hindurch.

"Scully?" fragte Mulder hinter ihr. "Scully, bist du in Ordnung?" "Ich kann das nicht tun," flüsterte sie und ihre Stimme rang um das letzte Wort. "Ich bin genau hinter dir, Scully," sagte Mulder. "Halt durch. Wir werden es schaffen." Sie spürte Mulder hinter sich, spürte seinen Atem an ihrem Nacken und sie griff blindlings nach seiner Hand, ohne nachzudenken. Ihre geschwollenen Finger glitten über seine Brust und sie fühlte den Schmutz und das Blut, die sie bedeckten. Schmutzige Wunden, dachte sie und ihre Angst wuchs wieder. Er braucht medizinische Hilfe genauso sehr wie ich. Und ich kann sie mich hier nicht finden lassen, damit sie mich wieder wegbringen und vergessen machen. Das haben sie vor vier Jahren gemacht und sie haben es heute wieder gemacht. Wer weiß, wessen Hände mich berührt haben und wo, oder was sie diesmal in meinen Körper hineingetan haben?

Scully konnte fühlen, wie ihre Selbstkontrolle immer weiter davonflog, mit jedem Moment, der verging, und sie geistig geblendet zurückließ und sie wild auf den Wahnsinn vollkommener Panik zurasen ließ. Mit großer Anstrengung zwang sie sich, zu sprechen. "Mulder," flüsterte sie. "Bleibst du bitte nahe bei mir?" "Ich bin genau hier, Scully," antwortete Mulder.  "Ich werde dich nicht verlassen. Lass uns weitermachen."

 

 

 

 

 

Scully verlor jeden Sinn für Zeit, während sich der Alptraum hinzog und vertiefte. Sie schob sich weiter vorwärts, kämpfte um Halt bis ihre Füße zerschunden waren und bluteten. Sie konnte ihren Atem nicht kontrollieren oder den Husten, konnte den Schmerz nicht kontrollieren oder ihre Empfindungen. Was immer auch in ihrem Bauch geblutet hatte, es blutete immer noch und sie konnte spüren, wie ihr Fleisch kälter wurde, ihr Puls schneller und dennoch schwächer als vorher.

Schock, dachte sie. Ich sollte das wirklich nicht tun. Still zu liegen begann weitaus attraktiver zu erscheinen als dieses schmerzvolle Dahinschieben auf ihren beinahe blutleeren Händen. Die Welt schien sehr weit weg zu sein. Da war ein hämmerndes Geräusch in ihren Ohren. "Scully?" rief Mulder genau hinter ihr. Sie wollte ihm antworten, aber es war so schwierig. Ihr Mund bewegte sich nicht. "Scully?" fragte er wieder, diesmal genau in ihr Ohr. "Wir müssen weitermachen. Hast du diesen Donner gehört?  Es wird wieder regnen und ich glaube nicht, dass wir hier unten sein wollen, wenn es regnet." "Kann nicht..." erwiderte sie. "Mulder, ich kann nicht." Ihre Stimme war schwach. Konnte er sie überhaupt hören?

"Du kannst, Scully," sagte er. "Du musst." Er war beinahe erschöpft, sie konnte es in seiner Stimme hören. Was, wenn er zusammenbrach? Oder was, wenn sie weitermachten, nur um angehalten zu werden, wenn sie die Welt da draußen erreichten, um für noch mehr Tests, noch mehr Experimente, noch mehr Erinnerungsauslöschung benutzt zu werden? Sie würde lieber gleich hier unten sterben, als sich den verschwundenen Monaten zu stellen und dem Wissen, dass sie wie eine Laborratte getestet, an den intimsten Stellen berührt und dann abgeschrieben, wie Abfall fortgeworfen worden war, um zu sterben, wenn sie mit ihr fertig waren. Und dann sich dem Horror der Erinnerung wieder zu stellen. Der Tod würde im Vergleich dazu ein Segen sein, dennoch wusste sie, dass sie doch nicht sterben wollte. Sie erschauderte, kämpfte gegen die Tränen an, aber es war sinnlos. Sie spürte die Tränen ihre Wangen hinunter laufen und eine Spur durch den dicken, groben Schmutz ziehen, der sie bedeckte. In ihrem ganzen Leben hatte sie sich nie so hilflos und außer Kontrolle gefühlt.

"Scully," hörte sie ihn hinter sich flüstern. "Scully, nicht. Du kannst jetzt nicht aufgeben. Wir sind am Fuß einer Böschung, wir werden unter Wasser geraten, wenn wir uns nicht bewegen." "Ich kann nicht," erwiderte sie mit brechender Stimme. "Ich kann mich nicht mehr bewegen. Bitte zwing mich nicht. Bitte."

Dann spürte sie Mulders Körper an ihrem, spürte seine Lippen, die sich sanft an ihren Nacken pressten. Er war warm, seine Muskeln waren hart und schlank und sie drückte sich gegen ihn und wollte das bisschen Trost, das er jetzt geben konnte. "Bleib bei mir, Scully," sagte er leise. "Wir wollen hier raus. Wir werden es schaffen."

Mit einem Ächzen presste Mulder seine Füße gegen den harten Schmutz und drückte sich gegen sie. Sie bewegten sich kaum. Sich wieder vorwärtsschiebend, fester diesmal, schaffte Mulder es, ein bisschen Boden zu gewinnen und sich vorwärts in Richtung der zunehmenden Dämmerung kaum sechs Meter oder so vor ihnen zu schieben. "Wir werden hier herauskommen, Scully," wiederholte Mulder, aber sie konnte nicht länger antworten.  Benommen und verletzt und krank wie sie war, konnte sie nicht einmal die Kraft aufbringen, ihn zu ermutigen. Seine Kraft würde sie beide retten müssen.

Aber jetzt regnete es, es regnete heftig, zu schnell für den harten Ton unter ihnen, um das Wasser aufzunehmen und Mulders Füße begannen, abzurutschen, als er sich vorwärts schob, und er fiel nach vorn. Scully, die gegen ihn lehnte, verlor ihr unsicheres Gleichgewicht und fiel, mit dem Gesicht nach unten in eine kleine, wassergefüllte Vertiefung. Sie hob ihren Kopf, hustend und würgend, und erinnerte sich an das Entsetzen, das sie auf den Gesichtern unzähliger Ertrinkungsopfer eingefroren gesehen hatte. Hier war nicht viel Wasser, aber es war genug, das wusste sie. Sie wusste, dass sie ihr Gesicht aus dem Wasser halten musste, aber es war schwerer und schwerer, sich überhaupt zu bewegen.

In einer Minute, dachte sie, kaum zusammenhängend, werde ich mein Gesicht in den Matsch legen und sterben. Der Matsch wird meine Nase und meine Kehle füllen und sie werden mich mit dem gleichen Ausdruck der Angst auf meinem Gesicht finden.

Die Außenwelt schien verlockend nah. Sie versuchte, sich ein bisschen mehr vorwärts zu bewegen, aber die Anstrengung war zu groß. Sie konnte Mulder hinter sich spüren, der sie so langsam vorwärts schob und seine letzte Kraft dazu benutzte. Und dann war auch das Gefühl von ihm gegangen.

Das summende Geräusch wurde lauter und ihre Wahrnehmung verschwamm und wurde grau. Als sie ihre Augen schloss und sie in dem Grau, das sie umgab, versank, legte sich ihr Gesicht langsam in den kalten, roten Alabama-Matsch.

 

 

 

 

 

St. Catherine Krankenhaus

Scully erwachte inmitten der vertrauten Geräusche und Gerüche einer Krankenhausnotaufnahme. Ein Mann in dunkelblauer Kleidung beugte sich über sie. "Sie sind im Krankenhaus, Ma'am," sagte er. "Ich bin Arzt und Sie müssen operiert werden. Gibt es jemanden, den wir für Sie anrufen können?" Scully versuchte, zu sprechen, aber es gelang ihr nicht. Kein Ton kam heraus. Sie kämpfte härter, der Doktor beugte sich dichter heran, lauschte aufmerksam und blickte dann erschrocken auf.

"Was hat sie gesagt?" fragte die Krankenschwester, die neben ihm stand.  "Sie sagte ‚Rufen Sie das FBI an und sagen Sie Ahab, dass ich in Ordnung bin.'," antwortete der Doktor und starrte auf die Patientin herab.

"Sie ist im Delirium," entgegnete die Krankenschwester. "Sie hat den ganzen Weg hierher sinnloses Zeug geredet, sagten sie. Hat die ganze Zeit über Moby Dick geredet." "Das vermute ich," sagte der Doktor schulterzuckend.  "Bereiten Sie sie vor."

 

 

 

 

 

St. Catherine Krankenhaus

3:51 a.m.

 

Scully erwachte wieder einem Zimmer, das sie als postoperativen Erholungsraum erkannte. Sie war halb betäubt und ihre Kehle schmerzte, aber jetzt konnte sie wenigstens ein wenig klarer denken. Ich hatte eine Inhalationsnarkose, dachte sie. Ihre Handgelenke waren verbunden und sie konnte das Ziehen des Adhesivverbandes auf ihrem Gesicht spüren. Die Hände sahen soweit okay aus, verletzt aber nicht ernsthaft zerstört. Sie konnte die Finger beugen, wenn auch schmerzhaft.

Ihre Hände glitten über ihren Körper und sie fand ein kurzes Stück Schlauch, das genau unter ihrem fest verbundenen Rippenbogen hervorkam.  Eine chirurgische Kanüle. Sie mussten eine ernsthafte Operation an ihr durchgeführt haben. Laparoskopische Operation, kleiner Einschnitt, zu klein für eine Laparotomie. Was ist mit mir geschehen? Sie betrachtete ihre Hände. Die Nägel waren abgebrochen und eingerissen und fleckig von rotem Ton. Und dann erinnerte sie sich.

"Wo ist Mulder?" fragte sie mit kratzender Stimme, während sie verzweifelt versuchte, sich aufzusetzen. Eine Krankenschwester mit einer Papierhaube kam zu ihr herüber. "Sie müssen still liegen, Ma'am," sagte sie. "Können Sie mir Ihren Namen sagen?" "Scully, Dana Scully," antwortete Scully. "Wo ist mein Partner?" Die Krankenschwester antwortete nicht. Sie drückte ein Stethoskop auf Scullys Arm, um den bereits eine Blutdruckmanschette gelegt war. Scully spürte, wie sich die Manschette aufpumpte, enger wurde und dadurch die Schmerzen in dieser Hand vergrößerte. Scully biss sich auf die Lippen, da sie wusste, dass die Frau etwas hören musste. In dem Augenblick, als sie spürte, dass die Manschette nachgab, sprach sie wieder.

"Sagen Sie mir, was passiert ist," forderte sie. "Sagen Sie mir, wo mein Partner ist." "Sie hatten eine Operation, Miss Scully," erklärte die Krankenschwester. "Sie sind im Krankenhaus. Sie hatten innere Blutungen und sie mussten operieren, um sie zu stoppen." "Blutungen, wo?" "In Ihren Lungen, ein bisschen und in Ihrem Duodenum. Das ist der kleine Schlauch an Ihrem Bauch..." "Ich weiß, wo das ist," unterbrach sie Scully, die spürte, wie ihre Selbstkontrolle dahinschwand. "Ich bin Ärztin. Bitte, sagen Sie mir einfach, ob mein Partner okay ist. Haben sie ihn nicht hierher gebracht?"

"Gehört er zur Belegschaft?" fragte die Krankenschwester. Scully schüttelte den Kopf. Das tat weh. "Er ist kein Arzt. er ist Bundesagent, FBI-Agent Mulder, Fox Mulder. Er war auch verletzt, wahrscheinlich Schädeltrauma und mehrere septische Abschürfungen. Er sollte hier sein."

"Hundert zu fünfzig," murmelte die Krankenschwester mehr zu sich selbst als zu Scully, während sie in einer Krankenakte schrieb. "Sie stehen immer noch ein bisschen unter Schock, aber ich denke, das ist in Ordnung." Sie nahm eine Spritze in die Hand und spritzte den Inhalt in Scullys IV-Leitung.  "Was ist das?" fragte Scully. "Etwas gegen die Schmerzen," erklärte die Krankenschwester. "Ihr Arzt hat es Ihnen verordnet." "Ich will das nicht," rief Scully außer sich, aber die Droge war bereits auf dem Weg in ihr Gehirn. Sie konnte spüren, wie sich ihr Bewusstsein trübte. Und sie musste darum kämpfen, einen weiteren Satz herauszubekommen. "Schwester," flüsterte sie. "Bitte hören Sie mir zu. Jemand muss das FBI anrufen und bescheid sagen, dass ich hier bin und herausfinden, ob mein Partner in Ordnung ist.  Ich muss wissen..."

"Ich bin sicher, dass bereits jemand angerufen hat," meinte die Schwester.  "Schlafen Sie jetzt." Die Worte der Krankenschwester kamen aus weiter Entfernung und ergaben für Scully keinen Sinn. Sie versuchte, wieder zu sprechen, konnte aber nicht. Nur ein zusammenhängender Gedanke blieb zurück, als das Narkotikum sie in einen betäubten Schlaf schickte. Sie musste zu Mulder gehen.

 

 

 

 

 

Als Scully erwachte, war sie in einem privaten Krankenzimmer und sie hatte keine Erinnerung daran, wie sie dorthin gekommen war. Immer noch war sie an Monitore angeschlossen, sie konnte das leise, beständige Piepen des EKG-Gerätes hören und die Blutdruckmanschette war immer noch um ihren Arm gewickelt. Gott, was war in dieser Spritze gewesen, fragte sie sich. Ich muss den Namen der Schwester herausbekommen. Es war nicht ihre Aufgabe gewesen, mir Schmerzmittel zu geben, wenn ich noch so unter Schock stand...  ich muss ewig weggewesen sein. Wie lange?

Scully sah sich um. An der Wand hing eine Uhr. Es war beinahe vier Uhr nachmittags. Wie lange war sie hier? Mulder. Oh Gott, wo ist er? Ihr Herz raste, sie konnte das Anschwellen des Pieptons hören, als die Maschine ihren schnellen Puls maß, aber sie konnte sich damit jetzt nicht aufhalten.  Sie legte ihre Hände um das Seitengitter, winselte als sich ihre verletzten Muskeln bewegten und spannten und zog sich so ein paar Zentimeter dichter zum Nachttisch hin.

Scully streckte sich, so weit sie konnte, ein Wimmern kam von ihren Lippen, als die Anspannung in ihrem verletzten Unterleib zunahm. Einen Moment hielt sie inne, ihr Atem flach und schnell, und wartete, dass der Schmerz nachließ. Schließlich schaffte sie es, dicht genug an den Nachttisch heranzukommen, dass sie eine Hand auf das Telefon legen konnte. Sie nahm den Hörer hoch, fiel dabei zurück auf das Bett und unterdrückte eine Grimasse, als der Schmerz wieder durch ihren Körper fuhr.

Wie war die Nummer des örtlichen Polizeibüros? Sie konnte sich nicht erinnern. Skinners Büro? Nichts fiel ihr ein. Medikamente oder Panik hatten alle Telefonnummern, die sie jemals gekannt hatte, ausgelöscht, ausgenommen Mulders Handynummer und das war verschwunden. Dann erinnerte sie sich an die Notfallnummer, die kostenlose Nummer, die sie direkt mit dem FBI-Hauptquartier verbinden würde, mit einem Operator, der dazu da war, Hilfe für Agenten im Einsatz zu finden, die in Schwierigkeiten waren. Rasch wählte sie.

Das Telefon klingelte nur einmal, bevor jemand abnahm. Wenn man diese Nummer wählte, musste man nie lange warten. "FBI," sagte die Stimme.  "Assistant Director Walter Skinner, bitte," erwiderte Scully. "Hier ist Special Agent Dana Scully, Dienstnummer..." Sie dachte einen Augenblick nach. "Dienstnummer JTT0331613." "Warten Sie, bitte," sagte die Stimme wieder. Ein paar Augenblicke später war die Sekretärin von Skinner in der Leitung. "Büro von Assistant Director Skinner?" meldete sie sich.  "Kimberly, hier ist Dana Scully," antwortete Scully. "Ich muss sofort mit Direktor Skinner sprechen." "Es tut mir leid, Agent Scully, er ist nicht hier," entgegnete Kimberly in ihren gewohnt freundlichen Ton. "Kann er Sie zurückrufen?"

"Kimberly, ich weiß nicht einmal, wo ich bin," antwortete Scully hilflos.  "Ich bin in einem Krankenhaus, wahrscheinlich in Mobile, Alabama. Mulder ist auch verletzt. Er ist hier vielleicht irgendwo, aber ich weiß es nicht und niemand will es mir sagen." "Warten Sie, derweil ich den Anruf zurückverfolge," sagte Kimberly, nun ganz professionell. Da war ein klickendes Geräusch, ein paar Minuten später war Kimberly wieder in der Leitung. "Sie sind im St. Catherine Krankenhaus in Mobile, wie Sie vermutet haben," erklärte sie. "Sie sollten dort sicher sein. Ich werde das Polizeibüro von Mobile anrufen, sie können anfangen, nach Agent Mulder zu suchen. Der Assistant Director wird auch in Kürze zurückrufen."

"Danke, Kimberly," sagte Scully und legte auf. Sie begann zu zittern und zog die dünne Krankenhausdecke mit der linken Hand enger um ihren Körper.  Mit der rechten umklammerte sie den Hörer, den Finger auf dem Verbindungsknopf. Sie zitterte immer noch, als das Telefon klingelte. Es war Special Agent in Charge Penn, der aufrichtig besorgt klang, als sie ihm erzählte, wie sie angegriffen worden waren. Er war noch besorgter, als er erkannte, dass Mulder, obwohl er vermutlich in besserer Verfassung als Scully war, nicht zuerst angerufen hatte. Penn beendete das Gespräch schnell und versprach, zurückzurufen, sobald er etwas wusste.

Nur einen Moment später rief Penn an. Mulder war gefunden worden, er war auch im Krankenhaus, in besserer Verfassung als sie, aber er hatte eine Gehirnerschütterung, mehrere tiefe Schrammen und Verletzungen und wie sie litt er unter Entkräftung. Aber er musste nicht operiert werden.

Scully atmete lange und zitternd aus. "Gott sei Dank," murmelte sie schwach. "Ich weiß noch nicht, wie Sie dorthin gekommen sind und auch niemand im Krankenhaus scheint es zu wissen," sagte Penn. "Ich werde versuchen, es herauszufinden. In der Zwischenzeit bewahren Sie die Ruhe. In kurzer Zeit werden ein paar Agenten dort sein." "In welchem Zimmer ist Mulder?" fragte Scully. "Er liegt auf demselben Flur wie Sie," antwortete Penn. "Aber versuchen Sie noch nicht, dort hinzugehen. Bleiben Sie einfach , wo Sie sind."

"Sir, ich muss ihn sehen," meinte Scully, beinahe flüsternd. "Ich will nur wissen, ob es ihm gut geht." "Das verstehe ich, Agent Scully, aber warten Sie, bis meine Agenten dort sind. Es ist sowohl zu Ihrem als auch zu seinem Schutz. Sind Sie bewaffnet?" "Nein, Sir, wer immer uns überfallen hat, der hat auch unsere Waffen." "Verdammt, ich bin mir nicht sicher, ob ich das an Ihrer Stelle gesagt hätte, Agent Scully," meinte Penn lachend. "So was geht im Büro herum, sie werden anfangen, Ihnen Spitznamen zu verpassen." Scully lächelte zaghaft. "Wir wollen nicht, dass das passiert, oder?" fragte sie.  "Zur Hölle, nein," antwortete Penn. "Solche Spitznamen hängen einem an.  Versuchen Sie, sich jetzt auszuruhen. Ihr Partner ist in Ordnung. Wenn Sie aufwachen, wird ein Agent vor Ihrer Tür stehen. Ich rufe Skinner an und unterrichte ihn."

Penn legte auf. Scully legte sich in die knisternden weißen Laken zurück und fiel in einen erschöpften, ruhelosen Schlaf.

 

 

 

 

 

Es war Nacht, als Scully wieder erwachte, ihr inneres Radar warnte sie, dass jemand in ihrem Zimmer war. Sie versuchte, sich aufzusetzen, konnte es aber nicht - sie war zu schwach und es war zu schmerzvoll. "Shh," hörte sie eine Stimme sagen. "Versuch jetzt nicht, dich zu bewegen." "Mulder?" fragte sie schwach. Erleichterung durchflutete sie. Er war es, endlich. Mulder saß in dem Sessel neben ihrem Bett, bekleidet mit Jogginghosen, T-Shirt und Krankenhaus-Bademantel, und beugte sich zu ihr. Seine Handgelenke waren dick verbunden und sein Gesicht war mit Blutergüssen und Abschürfungen bedeckt.

Nie in seinem Leben hatte er so gut für sie ausgesehen. Sie streckte ihre Hand aus und er nahm sie und hielt sie sanft zwischen seinen beiden größeren Händen. "Wie geht es dir, G-woman?" fragte Mulder. "Sie haben gesagt, dass du beinahe tot warst, als sie dich hierher gebracht haben." "Das wohl kaum, aber ich werde eine Weile nichts essen können," erwiderte Scully und winselte, als sie hörte, wie rau ihre Stimme klang. Husten und sich übergeben führen dazu, dachte sie. Und Intubieren auch. Ebenso das Schreien aus Schmerz und Angst, dachte sie und dann runzelte sie die Stirn.  Ich hab nicht geschrieen, dachte sie. Woher kam dieser Gedanke?

Jetzt, als sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, konnte Scully sehen, wie blass Mulder war und dass er Linien des Schmerzes in seinem Gesicht hatte, aber für ihre Augen als Ärztin sah er gut aus. Er wird sich erholen - wieder. Der enge Knoten in ihrem Innern entspannte sich en wenig.  "Mulder, wo warst du?" fragte Scully. "Ich habe mir Sorgen um dich gemacht." "Vollkommen weggetreten," erwiderte er, sein Lächeln klein und selbstverachtend. "Ich bin zusammengebrochen. Und erst vor einer halben Stunde aufgewacht." "Welcher Tag ist heute?" erkundigte sich Scully. "Es ist Dienstag," antwortete Mulder, immer noch mit einer Spur von Lächeln.  "Du hast nicht viel Zeit verloren. Mach dir deshalb keine Sorgen."

"Gott sei Dank," meinte Scully und Mulder glaubte, dass sich ihr Gesichtsausdruck ein wenig entspannte. "Wie sind wir hierher gekommen?" "Erinnerst du dich nicht?" Sie schüttelte den Kopf. "An gar nichts?" "Ich erinnere mich daran, dass auf mich geschossen wurde," sagte sie langsam.  "Ich bin unter diesem Haus, oder was immer es war, erwacht. Ich erinnere mich, dass wir beinahe ertrunken sind." Scully schüttelte sich. "Wir sind da unten beinahe gestorben." "Wir waren sehr dicht dran," sagte Mulder mit grimmiger Stimme. "Zu unserem Glück war da ein Gentleman in den Wäldern in unserer Nähe unterwegs. Augenscheinlich war er irgendwie illegal auf der Jagd mit seinem Hund, der uns zweifelsohne gewittert hat, und nun sind wir hier. Dieser Hund hat dein Leben gerettet, Scully."

"Du hast mein Leben gerettet, Mulder," flüsterte sie. "Wir wären ertrunken, wenn du uns nicht auf höheren Grund gebracht hättest." Mulder schnitt eine Grimasse. "So viel Dank habe ich nicht verdient, Scully. Du wärst nicht dort gewesen, wenn ich nicht gewesen wäre." "Fang nicht an..." begann sie, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken und sie hustete wieder. Es tat weh, aber es war besser. Sie räusperte sich und begann noch einmal.  "Mulder, wie konnte Krycek wissen, dass wir in dieser Fabrik sein würden?" "Wer zur Hölle weiß das?" entgegnete Mulder achselzuckend. "Vielleicht wusste er es nicht, vielleicht war die Chance zu bekommen, uns zu töten, nur ein glückliches Ereignis für ihn. Oder vielleicht hat es ihm der Raucher gesagt. Vielleicht war es die Zahnfee. Er war da, das ist alles, was ich weiß."

"Es muss die Covarrubius gewesen sein," sagte Scully. "Sie hat uns dorthin geschickt." "Vielleicht, aber ich bezweifle es," meinte Mulder kopfschüttelnd. "Marita Covarrubius wurde heute morgen tot in ihrer Badewanne gefunden. Augenscheinlich hat sie Selbstmord begangen." "Selbstmord? Wie?" fragte Scully aufrichtig erschüttert. "Sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten," erläuterte Mulder. "Und mit chirurgischer Präzision, sollte ich hinzufügen. Keine Zögerungsschnitte." Er musste Scully nicht erklären, was das bedeutete - der Tod der Covarrubius war alles andere als ein Selbstmord.

"Sie war innerhalb von Minuten tot," fuhr Mulder fort. "Sehr bequem für alle Beteiligten." "Ausgenommen für uns." "Ausgenommen für uns. Und vielleicht für ein paar andere Leute, aber ich weiß noch nicht wer. Sie hat letzte Nacht unser Hotelzimmer angerufen, nicht lange nachdem wir gegangen waren. Vielleicht hat sie versucht, uns zu warnen." "Wie hast du das herausgefunden?" "Skinner hat vor kurzem angerufen. Er war der Grund, weswegen ich aufgewacht bin," sagte Mulder. "Er hat nach dir gefragt." "Nett von ihm," meinte Scully. "Was haben sie herausgefunden?"

"Die örtlichen Agenten sagen, dass da niemand in dieser Fabrik war, tot oder lebendig, als sie dort ankamen. Auch keine Blutspuren mit Ausnahme einer, die sich als deine erwies. Sie haben eine leere Patronenhülse gefunden, die wahrscheinlich aus meiner Waffe stammt und haben sie zur Schusswaffenidentifikation geschickt, aber ich werde wahrscheinlich keinem Schießstand gegenüber stehen, wenn es keinen Beweis gibt, der darauf hindeutet, dass ich auf jemanden geschossen habe." "Du hast auf jemanden geschossen," erwiderte Scully. "Ich habe es gehört." Mulder nickte. "Ich habe es auch gehört. Und stellen wir uns dem, ich weiß, wie sich das anhört. Aber es gibt keine Spur, soweit man feststellen kann. Zu schade, dass du den Tatort nicht untersuchen kannst. Du würdest etwas finden."

"Vielleicht nicht," sagte Scully. "Aber wir können uns später damit befassen." Sie wurde müde, aber Mulder hatte ihr immer noch nicht alles gesagt, was sie wissen wollte. Er hielt irgendetwas zurück, sie kannte diesen Blick in seinen Augen. "Mulder, ist noch etwas passiert?" fragte sie. Mulder schüttelte den Kopf und senkte gleichzeitig den Blick. "Nein, nichts," meinte er. "Nichts, woran ich mich erinnern kann."

"Warum glaube ich dir nicht?" fragte Scully und hielt seine Hand ein bisschen fester. "Ich weiß nicht," entgegnete Mulder aufblickend. Wieder schüttelte er den Kopf, suchte nach seinem Mulderlächeln und war beinahe erfolgreich. "Wenn da noch etwas anderes war, haben wir es beide verpasst.  Ich habe zu der Zeit nicht allzu klar denken können." "Ich auch nicht," stellte Scully fest und drückte seine Hand. Lass es los, dachte sie.  "Mulder, wir haben beide einen Stiefel ins Gesicht bekommen Diese Art Trauma kann Veränderungen im Bewusstsein hervorrufen und Störungen im Denken." "Ich kenne eine Menge Leute, die dir sagen würden, dass mein Denken bereits gestört ist," meinte Mulder.

"Gut, versuch wenigstens für eine Minute klar zu denken," forderte Scully ihn zaghaft lächelnd auf und dann wurde sie wieder ernst. "Mulder, warum sollte Krycek an einer Inlandsterrorismusoperation beteiligt sein?" "Ich weiß nicht, Scully," antwortete Mulder. "Aber die Antwort ist hier, irgendwo. In der Fabrik oder im Hafen von Mobile, aber irgendwo in diesem Teil der Welt. Ich muss sie nur finden." "Wir werden sie finden, Mulder," versprach ihm Scully. "Sobald ich hier heraus kann. Und vielleicht finden wir auch Krycek."

"Oh, ich werde Ratboy finden, richtig," sagte Mulder mit einem kalten Blick in den Augen. "Wielange es auch dauert, dieser doppelgesichtige Sohn einer Hure ist meiner. Aber du wirst nicht dabei sein. Ich bringe dich nach Baltimore, zum Haus deiner Mutter. Du musst dich ernsthaft erholen." "Du kannst nicht ohne mich gehen," begann sie, aber Mulder griff durch das Gitter des Metallbettes und legte einen Finger auf ihre Lippen und unterbrach sie mitten im Satz. "Ich kann und ich werde, auch wenn es mich umbringt," stellte er klar. "Du hättest da unten sterben können und es wäre meine Schuld gewesen. Du hast mir vorher gesagt, dass du nicht in der Form bist, zu gehen und ich habe es ignoriert, wieder einmal meiner ausgehöhlten, persönlichen Sache hinterherjagend. Ich werde das nicht noch einmal mit dir machen."

Scully war auf einmal kalt, sie hatte das Gefühl, dass ihr Herz aufhören würde, zu schlagen. Sie nahm seine Hand von ihrem Gesicht und hielt sie ganz fest. "Mulder, das klingt... beinahe endgültig," sagte Scully und versuchte, sachlich zu bleiben. "Du machst mir Angst." "Vielleicht sollte es endgültig sein," erwiderte er leise. "Die X-Akten sind weg. Meine Karriere ist erledigt, aber es gibt keinen Grund, warum deine es auch sein sollte. Und hier ist absolut nichts, weshalb es sich zu sterben lohnt."

"Mulder, das kannst du nicht ernst meinen," begann sie, aber er unterbrach sie. "Ich habe es nie ernster gemeint," sagte er und nun sah er sie an und wollte, dass sie wusste, er sagte die Wahrheit. "Wie oft musst du verletzt werden, bevor ich meine Lektion lerne? Und es war alles für umsonst, wie üblich haben wir überhaupt nichts. Es ist Wahnsinn, dass du dein Leben für diese Wildentenjagd von mir riskierst und ich werde es nicht zulassen.  Nicht noch einmal. Das war das letzte Mal."

"Habe ich gar nichts dazu zu sagen?" fragte sie und Tränen schossen ihr in die Augen. "Es ist auch mein Job." "Ja, es ist auch dein Job," räumte er ein. "Ich sage dir nicht, dass du beim FBI kündigen sollst, Scully. Ich sage nur, dass es Zeit ist, dass du dich bewegst, dass du zu richtiger FBI-Arbeit zurückkehrst und aufhörst, dein Leben für nichts zu riskieren.  Du könntest zurückgehen nach Quantico." "Danke für den Rat," sagte sie und da war ein Anflug von Ärger in ihren Augen. "Und wo wirst du sein?" "Ich weiß nicht," erwiderte er. "Und vielleicht sollten wir es dabei belassen.  Wo immer ich hingehen werde, es wird nicht die Abteilung Verhaltenswissenschaften sein und es wird nicht in der Nähe des Hoover Buildings sein."

"Nein," sagte sie. "Ja," entgegnete er und die Endgültigkeit in dieser einen Silbe zerstörte sie beinahe. "Mulder, nicht," bat sie und brachte seine Hand zurück an ihr Gesicht und hielt seine raue warme Handfläche an ihre nicht verletzte Wange. Sie musste ihn dazu bringen, sich auf sie zu konzentrieren, sie brauchte seine Berührung, um die Angst fortzunehmen, die er ihr verursachte. "Denk nicht einmal daran, Mulder," flüsterte sie und lehnte sich in seine Hand. "Ich wäre jetzt tot, wenn du nicht gewesen wärst." "Du würdest unterwegs sein und Weihnachtsgeschenke kaufen, wenn du nicht dahin gegangen wärst," sagte Mulder, aber seine Augen waren weicher und sein Daumen streichelte zärtlich ihr Gesicht.

"Ich habe meinen Job getan," antwortete sie und sie konnte die Tränen in ihren Augen aufsteigen fühlen. "Ich war dort, wo ich sein sollte - bei dir." Das drang beinahe zu ihm durch, stellte sie fest. Sein innerer Kampf war heftig, aber er fuhr fort, ihre Wange zu liebkosen. "Sieh mal, wir müssen jetzt nicht darüber reden," meinte er schließlich. "Wenn es dir besser geht, bringe ich dich nach Baltimore und dann können wir darüber reden, was wir tun werden." Aber er hatte nicht nachgegeben, nicht wirklich, sie konnte es so deutlich spüren, wie sie seine Hand spürte. Er hatte sich entschieden, es war in seiner Stimme und in seinen Augen und in der Art, wie er sie berührte. So hatte er sie vor einem Jahr berührt, als der Krebs sie beinahe getötet hatte. Es war ein Lebwohl.

"Verlass mich nicht," flüsterte sie mit brechender Stimme. Sie wusste, dass sie zu emotional war, aber das schien im Moment keine Rolle zu spielen.  "Sag, dass du es nicht tun wirst. Bitte, Mulder." Mulder verzog das Gesicht, jedes kaum wahrnehmbare Wort traf ihn wie ein Schlag. Er atmete zu langsam und seine Augen waren geschlossen. Noch einmal atmete er tief ein, dann blickte er sie an und als sie sein Gesicht sah, wusste sie es. "Ich werde dich hier nicht allein lassen, Dana," sagte er leise und streichelte immer noch ihr Gesicht. "Ich wünschte, ich könnte dir mehr versprechen, aber ich kann es nicht. Aber ich werde nicht ohne dich von hier fortgehen.  Ich werde bleiben, bis es dir gut genug geht und dann werde ich dich nach Hause bringen. In Ordnung?"

Das Zögern war vorbei, er war sich jetzt sicher. Es war nicht alles, was sie wollte, aber es war alles, was sie bekommen konnte. Sie sah zu ihm auf und ließ ihre Augen für sich sprechen, sie wollte, dass er verstand, was sie nicht laut sagen konnte. Ich liebe dich, sagten ihre Augen. Ich weiß, ich habe es immer gewusst. Es tut weh. Und ich habe Angst. Mach es besser.  Bitte. Das werde ich. Du weißt, dass ich das werde.

Sich aus dem Sessel erhebend beugte sich Mulder zu ihr herab, zart, so zart, dass sie es beinahe nicht spüren konnte, küßte er ihre Tränen fort und strich ihr das feuchte rote Haar aus ihrem verwundeten Gesicht. "Schlaf jetzt," murmelte er und küßte sie auf die Stirn und ließ seine Lippen einen Moment dort verweilen. Sie griff nach ihm, legte eine Hand in seinen Nacken und hielt sein Gesicht an ihres. Mulder spürte ihren warmen, unregelmäßigen Atem an seinem Ohr. Er küßte sie auf die Wange, dann streckte er sich und stand über ihr.

"Ich sehe dich morgen früh," sagte er. "Als erstes." Er begann, fortzugehen, aber sie ließ seine Hand nicht los. Mulder ließ sich von ihr aufhalten, beugte sich nach vorn und legte seine Finger für einen letzten Kuss an ihre Lippen, dann nahm er langsam seine Hand fort. Sie fühlte seine Finger aus ihrem Griff gleiten und dann war er gegangen.

Scully drehte sich auf die Seite, weg von der Tür, und presste ihr Gesicht in die Kissen. Sie weinte - heftig - und sie wollte nicht, dass der Agent vor der Tür es hörte. Niemand beim FBI würde das jemals von ihr hören.  Ausgenommen Mulder. Und der verließ sie.

 

 

 

 

 

Sollte ich mutig werden

Etwas Liebes zu ihm sagen

Mein ganzes Leben ihm geben

Mich an ihm festhalten -

Welche Buße

Ist genug für meine Sünde!

Das war der Preis für mich,

Das war mein Gewinn -

Dass er an mich verloren war.

 

Nicht als Geliebter

Letztlich, wenn er sich von mir trennt,

Mir mein Herz entreißt,

Verletzt jenseits von Heilung -

Ruhig und ernst

Dann muss ich mich halten

In mir selbst einhüllen,

Damit er es nicht herausfindet;

Ihm kein Anzeichen zeigen

durch mein Aussehen für ihn

Was er für mich gewesen war -

Wie mein Herz sich ihm zuwendet

Ihm folgt, sich nach ihm sehnt,

Ihn bittet, mich zu lieben.

 

Erbarme dich meiner, lehn dich zu mir

Du Gott über mir!

 

"Der Gedanke einer Frau"

Richard Watson Gilder

 

 

Kapitel 3

 

Maggie Scullys Haus

Donnerstag, Weihnachtsabend

3:32 p.m.

 

Im Flugzeug hatte Scully kaum gesprochen, sie hatte einfach dagesessen und aus dem Fenster gesehen. Das Schweigen hatte im Krankenhaus begonnen.  Mulder war am nächsten Morgen entlassen worden und hatte sich sofort mit den örtlichen Agenten zusammen an die Arbeit gemacht, versucht Krycek ausfindig zu machen, einen Hinweis darauf zu finden, wo sie nach dem Angriff gewesen waren. Sie fanden mehr Blutspritzer innerhalb der verlassenen Fabrikanlage, deren Analyse erbrachte, dass sie von Scully und ihm stammten. Sie fanden auch Scullys Waffe, zerkratzt aber immer noch voll geladen und verborgen zwischen zwei Holzpaletten.

Daneben fanden sie nichts: keine Fußabdrücke, Fingerabdrücke, Reifenspuren oder sonst etwas, ausgenommen solcher, die von den Agenten selbst hinterlassen wurden. Allem Anschein nach war nie jemand anderes dort gewesen.

Der Inkubator war leer und kalt gewesen und roch nach Benzin. Der Geruch von was immer auch für Bakterien dort gezüchtet worden waren, war fort, zusammen mit Scullys Proben. Die Agenten schrubbten die Regale, die Tür und den Boden, aber das Labor konnte aus den Proben nichts züchten, außer den üblichen Staubbakterien.

Krycek und die Leiche von wer immer auch bei ihm gewesen war, waren verschwunden. Die Untersuchung war ins Stocken geraten und nichts, was Mulder oder einer der anderen Agenten aus Mobile tun konnten, würde sie voranbringen.

Als er am diesem Abend zu Scully kam, um ihr die schlechten Nachrichten zu überbringen und den Fall zu besprechen, war sie distanziert gewesen, nicht grausam, nur einfach nicht wirklich da, sie unterhielt sich nicht mit ihm, nur auf einem sehr oberflächlichen Niveau. Sie antwortete, wenn er sprach, gab aber keinen weiteren Hinweis darauf, dass es ihr überhaupt etwas bedeutete. Er versuchte nicht daran zu denken, was das bedeutete. Als er sie nach ihrem Wohlbefinden fragte, bekam er ihre patentierte abweisende Antwort ‚Es geht mir gut, Mulder.' Sie akzeptierte seine Besuche, seine Besorgnis, sogar seine Berührung, aber sie schien nie danach zu suchen oder etwas davon zurückzugeben.

An diesem Morgen hatte er sie aus dem Krankenhaus ausgecheckt, durch keine weitere Unterhaltung begleitet, als nötig war, um ihm zu sagen, wo ihre Zahnbürste war und wie lange es dauern würde, bis der Pfleger sie an die Entlassungsrampe fahren würde. Auf dem Flughafen hatte sie nicht einmal dagegen protestiert, in einen Rollstuhl gesetzt zu werden. Sie saß einfach darin, ließ sich von ihm schieben, gab ihm aber kein Zeichen, dass er mehr war als ein weiterer Pfleger. Zum ersten Mal, dachte Mulder, erhielt er einen Einblick darin, was ihr den Namen Eiskönigin eingebracht hatte. Dann schämte er sich beinahe sofort für diesen Gedanken. Vielleicht erinnerte sie sich...

Nein. Sie hätte etwas gesagt, wenn sie es getan hätte. Ihr Schweigen, entschied er, war Selbstschutz, ein Präventivschlag, um die Dinge auf ihre Weise zu Ende zu bringen. Es war die einzige Art, die sie zurückbehalten hatte, um sich selbst zu schützen. Vor ihm. Das tat weh. Dennoch konnte er es ihr nicht vorwerfen. Trotzdem versuchte er weiter, zu ihr durchzudringen. Er brauchte sie noch immer, jetzt vielleicht mehr als je zuvor. Das, so dachte er, war einfach total verrückt, dass er sie brauchte, um ihm in dem Moment die Kraft zu geben, weil sie beide wussten, wofür er die Kraft sammelte: um sie zu verlassen. So sicher wie die Hölle würde sie ihm dabei nicht helfen.

Durch den ganzen Flughafen, während der Flüge, dem unausweichlichen Aufenthalt in Atlanta bestürmte er sie mit Fragen, fragte, ob sie etwas zu trinken wollte, bot ihr an, ihr ein Buch zum Lesen zu holen, alles, um das Schweigen in Schach zu halten. Nothing. Nada. Nichts. Überhaupt keine Reaktion, abgesehen von der steten, losgelösten, wütend machenden Antwort ‚Es geht mir gut, Mulder.'

Nun, als Mulder in die Kiesauffahrt zum Haus ihrer Mutter einbog, sah sie ihn immer noch nicht an. Wenn ihre Augen Gefahr liefen, seinen zu begegnen, glitten sie davon und konzentrierten sich auf sonst etwas, so wie sie jetzt auf die winterliche Landschaft Baltimores konzentriert waren. Dies waren ihre letzten Momente zusammen und sie war weit weg, lebte irgendwo in ihren Gedanken und überhaupt nicht wirklich bei ihm. Er wollte sich jede Linie ihres Gesichtes einprägen, jede Bewegung, die sie machte, den Duft ihres Haares, die anmutige Art, wie sie ging, das tiefe Blau ihrer Augen, auf schmerzvolle Art noch schöner durch den Kontrast zu ihren Wunden, die zwar heilten, aber immer noch hässlich waren, und die verschwindenden Blutergüsse auf ihrer Wange.

Sie gab ihm nichts. Es brachte ihn um.

Besser mich als sie, dachte er, dann schaltete er die Zündung aus und stieg aus dem Wagen. Er ging herum, um ihr die Tür zu öffnen, aber sie kam ihm zuvor. Sie war bereits halb draußen, bevor er sie erreichen konnte. "Komm schon, Scully, lass mich dir helfen," bat er, zu leise, als dass es jemand außer ihr hören konnte. "Du bist gerade aus dem Krankenhaus gekommen." "Es geht mir gut, Mulder," antwortete sie automatisch. "Würdest du mir bitte meine Taschen geben?"

Mulder öffnete den Mund, um zu protestieren, als er hörte, dass die Eingangstür geöffnet wurde. Es war Margaret Scully, deren Gesicht vor Sorge abgespannt wirkte. Einen Moment hielt sie an der Schwelle inne - die Atmosphäre testend, dachte er - bevor sie heruntereilte, um ihre einzige lebende Tochter zu umarmen. "Oh, Dana, ich bin so froh, dass du in Ordnung bist," murmelte Maggie und hielt ihre Tochter fest. "Wir haben uns alle solche Sorgen gemacht, als wir es hörten." Mulder hörte das stoßweise Schluchzen in Scullys Atem, als sie sich in der Umarmung ihrer Mutter entspannte.

"Mom, es tut mir so leid," sagte sie. "Es tut mir so leid, dass ich dir Sorgen bereitet habe." "Nein, Baby, weine nicht, es ist in Ordnung," beruhigte Maggie sie und wiegte sie in ihren Armen. "Du siehst gut aus, wirklich. Es ist nur, dass du so dünn bist und blass. Komm rein und ruh dich aus."

Mulder drehte sich um, er fühlte sich unbehaglich, wie immer angesichts

Maggies mütterlicher Liebe. Nicht zum ersten Mal wünschte er sich, er hätte

sie nie gesehen, hätte niemals den Beweis dafür vor Augen gehabt, dass die

Liebe seiner eigenen Mutter so wenig mit der warmen, selbstlosen Zuneigung

zu tun hatte, die Maggie Scully ihren Kindern schenkte.

Er öffnete den Kofferraum, nahm Scullys zwei Reisetaschen heraus, trug sie zur Schwelle und stellte sie vorsichtig gleich hinter der Eingangstür ab.  Drinnen stand ein leuchtend dekorierter Weihnachtsbaum mit wie es aussah Hunderten von blinkenden Lichtern. Auf der Spitze steckte ein Engel mit goldenen Haaren, der ein leuchtendes Kreuz hielt. Das Kreuz warf seine gedämpfte Kontur in Richtung der Tür, wo Mulder stand. Er konnte sich nicht vorstellen, was es für die Scullyfamilie bedeutete, aber für ihn bedeutete es in diesem Moment nur eines: Du gehörst nicht hierher.

"Komm schon," meinte Maggie, den Arm um die Schultern ihrer Tochter gelegt, und führte sie zur Tür. "Es ist fürchterlich kalt hier draußen, du musst doch völlig durchgefroren sein." "Ich bin nur müde, das ist alles, Mom," erwiderte Scully. "Es war ein langer Flug und wir hatten einen langen Zwischenaufenthalt in Atlanta. Feiertagsverkehr. Sind Bill und Charlie hier?" "Tara und Matthew sind oben und machen ein Nickerchen und Bill ist auf dem Weg hierher. Er wird jede Minute hier sein. Charlie steckt in Denver fest und wird wohl nicht vor Mitternacht hier sein. Aber alle sind erleichtert, dich zu sehen," antwortete Maggie, als sie die Schwelle erreichten. Erst dann schien sie Mulder zu bemerken, der da stand, die Hände an den Seiten herabhängend, unschlüssig.

"Hallo, Fox," begrüßte sie ihn, aber vielleicht nicht so warm, wie sie es in der Vergangenheit getan hatte. Er machte ihr daraus keinen Vorwurf.  Wegen ihm hatte sie ihre Tochter beinahe verloren, zum wiederholten Mal.  Zum Teufel, was glaubte er? Wegen ihm hatte sie eine Tochter verloren, wenn auch nicht diese. "Hallo, Mrs. Scully," erwiderte er. Und wenn es um sein Leben gegangen wäre, ihm fiel kein weiteres Wort ein, das er sagen könnte.  Da war etwas, das er sagen sollte, etwas konventionelles. Was war das doch?

Dann erinnerte er sich.

"Fröhliche Weihnachten," sagte er und die Worte fühlten sich noch seltsamer an als gewöhnlich. "Fröhliche Weihnachten auch für Sie, Fox," meinte Mrs.  Scully, dann lachte sie ein wenig verlegen. "Ich meine natürlich, ein frohes Hanukkahfest. Möchten Sie nicht eine Weile mit hineinkommen? Auf dem Herd steht heißer Apfelsaft und ich wollte gerade ein paar Pfefferkuchen aus dem Ofen holen."

Mulder blickte seine Partnerin an, unfähig, den Ausdruck in den eisblauen Augen zu lesen. Er entschied sich für die männliche Auswahl Nr. 1: Erledige es, solange es gut geht. "Danke, Mrs. Scully, aber ich fürchte, ich muss zurück nach D.C.," antwortete er vorsichtig. "Sie fahren zu den Feiertagen nicht nach Hause?" "Nein. Hanukkah ist nicht die Art von Feiertag, um nach Hause zu fahren, und Mom feiert es sowieso nicht," erklärte er und versuchte so zu klingen, als würde er es amüsant finden. "Zu jüdisch, vermute ich."

Gott, Mulder, dachte er und winselte angesichts seiner eigenen Leichtfertigkeit. Lass uns die Wunde aufreißen, solange wir dabei sind. Ich bin sicher, die Scullys würden liebend gern alles darüber hören, wie deine Mutter die Religion ihrer Vorfahren behandelt, als ob es ein peinlicherweise wahnsinniger Verwandter war, der in der Dachstube lebt.  "Jedenfalls," sagte er schnell, um das unbehagliche Schweigen zu brechen, "muss ich noch ein paar Arbeiten erledigen, Skinner wird den Bericht über all das haben wollen."

"Nicht an Weihnachten," bemerkte Mrs. Scully. "Ich bin mir sicher, dass er jetzt nicht arbeitet." Mulder zuckte mit den Schultern. Noch eine Entschuldigung, Mulder, sagte er sich selbst. Komm schon, du kannst das.  Sag etwas glaubwürdiges, nur sag nichts dummes, und dann verschwinde von hier. Jetzt. Sag etwas, verdammt noch mal. Ihm fiel nichts ein. Er stand einfach nur da.

Warum will er nicht bleiben, dachte Maggie. Ich habe ihn sich nie zuvor so unwohl bei Dana fühlen sehen. Ist es Weihnachten? Sicherlich ist er daran gewöhnt. Aber er will wirklich nicht bleiben, obwohl ihn Dana hier haben will. Ich weiß, dass sie es will, ich kann es sehen. Warum kann er es nicht? Laut sagte sie, "Nur ein paar Minuten, Fox, nur lange genug, um sich aufzuwärmen. Wir werden Sie nicht lange aufhalten, das verspreche ich."

Mulder blickte seine Partnerin wieder an, dann senkte er den Blick. Er gab nach. "Danke, Mrs. Scully," antwortete er. "Gern." War es Einbildung oder entspannte sich Scullys Körper ein bisschen? Er konnte es nicht sagen, ihre Mutter geleitete sie zu rasch hinein, und er konnte ihr Gesicht nicht sehen.

"Setz dich hier hin, Dana, ich bringe euch etwas zu trinken," meinte Mrs.  Scully, nahm ihrer Tochter den Mantel und die Handschuhe ab und führte sie zum Sofa. "Fox, kann ich Ihren Mantel haben?" "Nein, danke," erwiderte er.  "Ich kann wirklich nicht lange bleiben." "Gut," bemerkte Mrs. Scully, dann hielt sie inne. "Ist Apfelsaft für jeden in Ordnung?" "Tatsächlich denke ich, Mom, würde ich gern Kaffee nehmen, wenn welcher da ist," antwortete Scully. "Es ist welcher da, aber der ist alt," stellte Mrs. Scully fest.  "Ich werde welchen machen, das dauert nicht lange. Fox, machen Sie es sich bequem. Ich bin gleich zurück."

Scully beobachte ihre Mutter, wie sie in der Küche verschwand. Mulder setzte sich an das entgegengesetzte Ende der Couch, jeden Muskel angespannt, und blieb auf Distanz. Scully konzentrierte ihren Blick sorgfältig auf die Küchentür. Schließlich drehte sie sich um, um ihn anzusehen. Oh Gott, Scully, dachte er, bitte tu das nicht. Er schloss seine Augen, wartete darauf, dass der Schlag kam, wollte es hinter sich bringen und hier verschwinden, weg von dem Schmerz, weg von der Schuld, weg von dem grenzenlosen, unauslöschbaren Verlangen nach ihr, das drohte, seine Vernunft und seine Selbstkontrolle fortzureißen. Aber erst war *das* durchzustehen. Er nahm an, dass er ihr diese Chance, ihn zu verletzen, schuldete, dass sie ihm den letzten Schlag versetzen konnte, bevor das alles endete, damit sie ihn hassen konnte und ihn schließlich gehen ließ.  Und dann sprach sie.

"Mulder," sagte sie mit zitternder Stimme. "Bitte sag mir, dass du mich nicht wirklich verlassen wirst." Direkter Treffer, dachte Mulder. Und ich hatte recht - es tut weh. Er legte seine Finger zusammen und studierte sie einen Moment lang. "Ich muss, Scully," erwiderte er schließlich. "Ich habe es dir gesagt, ich werde dein Leben nicht noch einmal riskieren. Das sind nicht die X-Akten, das ist vorbei. Das ist nur der tägliche FBI-Mist und es gibt keine Entschuldigung dafür, dass ich dich in eine gefährliche Situation wie diese hineingezerrt habe. Nicht jetzt, nicht, wenn es so wenig dabei zu gewinnen gibt."

"Und wer bist du, dass du entscheidest, was das beste für mich ist?" fragte Scully ärgerlich. Ärger. Das hatte er nicht erwartet, nicht so schnell, aber es musste wohl so sein. Und sie war ärgerlich, da brannte ein Feuer in diesen unergründlichen blauen Augen, aber da war auch Liebe und tiefe Verletztheit und - etwas anderes, etwas kraftvolles, dennoch schwer zu erfassendes. "Wenn du nicht mit mir gearbeitet hättest..." begann Mulder, aber Scully unterbrach ihn. "Ich habe sechs Jahre mit dir gearbeitet und ich bin immer noch hier," sagte sie und dann liefen die Tränen. "Es ist mir egal, ob es die X-Akten sind oder das Misthaufenkommando, es ist mein Job, es ist das, was ich tue und ich liebe es immer noch, das zu tun, ich liebe es immer noch, mit dir zu arbeiten, und..."

Sie legte ihre Hände über ihr Gesicht und wurde still. Er konnte den Kampf in ihrem Innern spüren: sie kämpfte um die Kraft, die nächsten Worte herauszubringen. Beinahe hoffte er, dass sie versagen würde, dass sie unfähig war, es zu sagen, weil es wehtun würde, es würde mehr als wehtun, es würde ihn verdammt noch mal umbringen. Aber es würde auch der letzte Schlag sein und er wusste, dass, wenn er die Kraft finden könnte, sie zu belügen, ihre Liebe zurückzuweisen, alles zuende gehen konnte. Er konnte verschwinden und sie würde nicht wollen, dass er zurückkehrte. Es musste auf diese Weise sein. Es musste.

Sag es, Scully, dachte er. Sag es, bring es hinter dich und vervollständige meine Verdammnis. Als wenn er es laut gesprochen hätte, ließ sie ihre Hände in den Schoß fallen und sah ihn an. "Und ich liebe dich," flüsterte sie.  Dann wartete sie, ihr Kinn und ihr Mund zitterten immer noch, die Tränen waren bereit, zurückzukehren. Dies war der Moment, auf den er vorbereitet war. Er glaubte zu wissen, was er zu tun hatte, was er ihr zu sagen hatte: ein grausamer Scherz oder eine kühle Zurückweisung, ein leichtfertiges Abtun, etwas, was sie ärgerlich genug machte, um ihn für immer wegzuschicken.

Aber nun, da die Worte schließlich ausgesprochen waren, erkannte er, dass er es nicht tun konnte. Egal, wie sehr er es musste, er konnte sie nicht noch einmal zusammenbrechen lassen. Nicht jetzt, nicht wenn es ein Lebwohl war. "Du weißt, was ich für dich empfinde, Scully." sagte er. Der Schatten eines Mulderlächelns zeigte sich flüchtig auf seinen Lippen und war schnell wieder fort. "Nein, tatsächlich weiß ich das nicht," hielt ihm Scully entgegen und ihre Stimme, wenn auch schwach, war fest. "Du verlässt mich, Mulder. Wenn du mich liebst, wie kannst du mich dann verlassen?"

"Ich muss gehen," erwiderte er. Er sah hinunter auf den Boden und schüttelte frustriert den Kopf. "Scully, ich... ich weiß nicht, wie ich es dir besser erklären soll als ich es bereits habe. Du weißt, dass ich jeden umbringen würde, der auch nur versucht, dir wehzutun." Mulder drehte sich um, um sie wieder anzusehen. "Scheiße, Scully, ich habe jemanden dafür getötet, dass er dir wehgetan hat, gerade letzte Woche," brachte er heraus.  "Und wir beide wissen, dass es nicht das erste Mal war. Aber das ist nicht genug, Scully. Es kommt zu spät, nachdem sie dir wehgetan haben. Es kommt, nachdem sie dich fortgenommen haben, nachdem sie dir die Chance genommen haben, Kinder zu bekommen. Vielleicht bin ich ein Feigling, aber ich kann das nicht noch einmal durchmachen: dich zu sehen, wie du verletzt und blutend daliegst, vielleicht sogar tot, oder wie du dir das Herz aus dem Leibe trauerst wegen Emily. Ich kann nicht genug Menschen umbringen, um diese Dinge nicht passieren zu lassen."

Seine Stimme zitterte vor hilfloser Wut, er hörte es, hielt inne und atmete tief ein, um sich zu festigen. Er kam hier der tatsächlichen Wahrheit zu nahe und das konnte nicht passieren. Wieder begann er und zwang sich dazu, ruhiger zu sprechen. "Scully, ich... sorge mich um dich. Ich sorge mich sehr," sagte er, blickte wieder herab und dann zurück zu ihr. Seine Augen bohrten sich in ihre. "Aber wenn du mich wirklich liebst, wenn du das wirklich meinst, dann bitte lass mich einfach gehen. Ich kann damit nicht mehr umgehen." Für einen kurzen Moment dachte er, sie würde vielleicht nachgeben, würde ihn ohne eine weitere Szene gehen lassen - und für Dana Scully war das bereits die Hölle einer Szene. Aber er sah den Blick in ihren Augen und wusste, dass sie nicht so wohlwollend fühlte.

"In Ordnung, Mulder," meinte sie, so ruhig, dass es beinahe erschreckend war. Sie blickte zu ihm auf. "Wirst du mich wenigstens zum Abschied küssen?" Bring mich einfach um, Scully, es würde weniger wehtun, dachte er, aber er beugte sich herüber, um sie auf die unverletzte Wange zu küssen.  Mit erhobener Hand hielt sie ihn auf. "Nein," flüsterte sie. "Nein, Mulder, nicht so. Ich möchte einen richtigen Kuss, die Art von Kuss, den du einer Geliebten gibst, nicht einer Freundin. Du schuldest mir das so sehr." "Scully..." stieß er hervor, dann brach er ab. Er kannte diesen Blick, sie würde nicht darüber diskutieren. Der Kuss eines Geliebten war eine nichtverhandelbare Forderung.

Bring es hinter dich, Mulder, befahl er sich selbst. Tu es einfach und verschwinde von hier. Jesus, es ist nur ein Kuss. Er wusste, dass es eine Lüge war. Das Bombenattentat von Dallas war nichts im Vergleich zu der Mauer, die hier dabei war, einzustürzen. Aber er konnte es einfach halten, dachte er, als er sich wieder zu ihr beugte, konnte daraus ein schnelles, brüderliches Küsschen auf die Lippen machen...

... und dann war ihr Mund auf seinem und ihre Lippen waren warm und weich und einladend und salzig von ihren Tränen und in diesem Augenblick wusste Fox Mulder, dass er erledigt war. All seine guten Absichten schwanden dahin wie Rauch, als seine Hände in ihr Haar glitten, ihren Mund gegen seinen stießen, sie wild küßte, sie verzweifelt küßte. Sie legte ihre immer noch verletzten Arme um seinen Hals und er fühlte, wie sich ihr Mund unter seinem öffnete, ihn hereinließ, ihn vereinnahmte. Scully, Scully, dachte er wild, was machst du mit mir?

Er stieß seine Zunge in ihren Mund, sog ihren Atem in seine Lungen, inhalierte ihren süßen, würzigen Duft, schmeckte die heimlichen Tiefen, von denen er so lange geträumt hatte. Sie stöhnte leise unter seinem Mund, drehte sich, um ihn tiefer hereinzulassen und er legte seine Arme in einer glühenden Umarmung um sie, seine Hände glitten ruhelos auf ihrem Rücken herauf und herunter. Sie spürte, wie er hart wurde und auch die Feuchtigkeit zwischen ihren eigenen Beinen als Antwort darauf, eine Hitzewelle bedeckte ihren ganzen Körper. Heftig atmete sie ein, erstaunt darüber, zu erkennen, was sie mit diesem Mann mit nur einem einzigen Kuss gemacht hatte und was er dafür mit ihr tat.

Ihr sanftes Keuchen erschreckte ihn und er beendete den Kuss aus Angst, dass sie ärgerlich war, dass er es zu weit hatte gehen lassen. Jesus, alles worum sie gebeten hatte, war ein Kuss, was sie bekommen hatte, war der unmissverständliche Druck der heftigsten Erektion, die er seit der Junior Highschool hatte, direkt an ihrem Bein. Eine Hand legte er leicht auf ihre Wange und suchte in ihren Augen nach der Empörung, der Abscheu, von der er sicher war, dass sie dasein musste.

Sie war nicht da. Was da war, war dieses schwer zu erfassende Etwas, das er schon vorher gesehen hatte, es loderte in ihren Augen, so willkommen und so gefährlich, wie eine Flamme in der Nacht. Leidenschaft. Sie wollte ihn, wollte das, wollte... alles. Sehe ich das wirklich, Scully? fragte er sie mit den Augen. Ist es möglich, dass du das von mir willst? Und sie nickte, ja. Ja. Er beugte sich wieder zu ihr, küßte sie jetzt rauer, spürte in jeder ihrer Bewegungen die Einladung für ihn, weiterzugehen, ihr die Angst zu nehmen, sie bereit für ihn zu machen und dann mehr zu tun und mehr...

 

 

 

 

 

Zehn Sekunden zuvor, dachte sie, habe ich geglaubt, ich würde glücklich sein mit nur einem Kuss. Aber ich kann nicht. Es ist nicht genug. Ich will ihn. Ich will seine Hände auf mir. Ich will ihn in mir. Ich will alles von ihm.

Sie kannte seine Berührung so gut, kannte das Gefühl seiner Arme um sie, aber nichts, das zuvor zwischen ihnen passiert war, hatte ihre Sinne jemals so stark geweckt. Ihr Körper forderte mehr, nicht nur seine liebende Umarmung, sondern die beinahe schmerzvolle Ekstase, ihn in sie hineinzuholen, ihrer Weichheit zu erlauben, sich seiner Stärke hinzugeben, ihn vollkommen zu umhüllen.

Ihre Brüste fühlten sich geschwollen an und schmerzten, das weiche Fleisch ihres Geschlechts war geschwollen und schmerzte, und sie presste sich näher an ihn, musste ihn fühlen, wollte, dass er sie fühlte. Sie schmeckte seinen Mund, seine Lippen, zog ihn sogar noch tiefer herein, und es war berauschend, es war wundervoll, aber es war nicht genug, nicht annähernd genug. Berühr mich, dachte sie, oh bitte, bitte, berühr mich, ich kann es nicht aushalten, wenn du es nicht tust, aber sie wusste, er würde es nicht tun, nicht hier im Haus ihrer Mutter, vielleicht, es sei denn...

Kaum zu atmen wagend, nahm Scully seine Hand in ihre und führte sie an ihre Brust und hielt sie dort, presste seine Handfläche in ihr Fleisch und spürte die willkommene Wärme seiner Hand sogar durch ihre Sachen. Sie fühlte die Anspannung in seinen Muskeln, fühlte ihn beben unter der Wucht seines Verlangens, als er sie liebkoste, zart zuerst und dann fester und sein Daumen über ihre erregte Brustwarze strich. Das Gefühl schoss durch sie hindurch, heiß, feucht und köstlich und ihr rationales Selbst explodierte, schmolz unter seiner Hand dahin wie nichts. Ja, dachte sie, die Worte wirbelten in ihrem Kopf durcheinander, ja, jetzt, Mulder, jetzt, will dich, ich will dich, will dich zu... lass uns irgendwo hingehen... ich muss bei dir sein, ich muss nackt in deinen Armen sein.

Urplötzlich schreckte er zurück, als ob ihr Fleisch ihn verbrannt hatte. Er setzte sich auf, lehnte sich von ihr fort und zog seinen Mantel um sich.  Scully war durcheinander, ihre Gedanken drehten sich noch immer. Sie streckte wieder ihre Hand nach ihm aus, aber er schüttelte ein wenig den Kopf, er würde nicht zu ihr kommen.

Dann bemerkte sie den eisigen Windzug von der Eingangstür und drehte sich um, um zu sehen, was los war. Kein Wunder, dass Mulder sich verhüllte. Da stand, mit seiner massigen Gestalt den Türrahmen ausfüllend, ihr älterer Bruder Bill, Lieutenant Commander William Scully Jr., in voller Marinemontur, sein Gesicht eine Maske aus Wut und Empörung.

 

 

 

 

 

"Was zur Hölle geht hier vor?" forderte Bill Scully in seiner Offiziersstimme zu wissen. "Ich sollte meinen, das war offensichtlich," antworte Mulder und erhob sich von der Couch. Scully griff nach Mulders Hand, berührte ihn nun nicht zum Vergnügen , nicht einmal zur Versicherung, sondern weil es ihrer beider Art war, ihre Art war, Mulder zu sich selbst zurückzubringen, ihn auf dem Boden der Tatsachen zu halten, wenn er dabei war, die Nerven zu verlieren.

Aber Mulder hatte Bill Scully nie gestattet, ihn dazu zu bringen, die Kontrolle zu verlieren, und er würde jetzt nicht damit anfangen. Er bewegte sich nicht, weder auf Bill zu noch von ihm fort, er stand einfach da, seine Finger um Scullys geschlossen, obwohl er wusste, dass der Anblick seiner Hand in ihrer den großen Seemann nur noch mehr wütend machen würde. Nicht dass er irgendetwas darauf gab, was Bill Scully von ihm dachte, aber der Mann war Scullys Bruder. Mulder hatte recht. Bills Augen zogen sich noch mehr zusammen und er machte einen bedrohlichen Schritt auf Mulder zu.

"Bill, nicht," sagte Scully und obwohl Mulder die Warnung in ihrer Stimme hören konnte, tat es ihr Bruder augenscheinlich nicht. Mulder bewegte sich immer noch nicht. "Ich weiß nicht, wie zur Hölle Sie es wagen können, in dieses Haus zu kommen, ganz zu schweigen davon, meine Schwester zu befummeln vor Gott und allen anderen," fauchte Bill und fletschte nun praktisch die Zähne. "Sie haben ihr genug angetan und dem Rest von uns.  Warum verschwinden Sie nicht einfach und lassen sie allein?"

"Das war genau das, was ich gerade tun wollte," antwortete Mulder. Seine Stimme war zu kontrolliert, zu ausgeglichen, wenn man die krasse Beleidigung betrachtete, und Scullys Besorgnis wuchs. Bill unterschätzte Mulder und das war ein Fehler. Jeder andere Mann wäre in ernsthafter Gefahr gewesen, sie wusste, was dieser Ton bedeutete. Scully festigte ihren Griff an seiner Hand. Sie spürte ein beruhigendes Drücken seinerseits und wusste, dass sie die Situation richtig eingeschätzt hatte. Mulder war wütend, richtig, und bereit, sich zu verteidigen, wenn er musste. Aber um ihretwillen würde er es nicht so weit kommen lassen.

Absichtlich drehte Mulder Bill Scully den Rücken zu. Immer noch die Hand seiner Partnerin halten, sprach er leise, zu leise, als dass es Bill hören konnte. "Ich denke, es ist das beste, wenn ich jetzt gehe," meinte er und sie spürte die Tränen wiederkommen. "Bitte entschuldige mich bei deiner Mutter. Du ruhst dich aus und erholst dich und dann gehst du zurück nach Quantico."

"Geh nicht, Mulder, bitte geh nicht," bat sie und nun weinte sie wirklich.  Er schüttelte sanft den Kopf, brachte ihre Hand an seine Lippen und drückte einen Kuss auf ihre Finger. "Wir sehen uns, Scully," sagte er und bemühte sich um einen leichten Tonfall. Vorsichtig ihre Hand loslassend, ging er zur Tür, seitwärts an Bill vorbei, der keine Anstalten machte, aus dem Weg zu gehen. Mulder schien es nicht einmal zu bemerken.

Ein einzelnes Schluchzen kam aus ihrer Kehle, laut wie ein Schuss in der Stille und genauso durchdringend. Mulder erstarrte an der halboffenen Tür, eine Hand auf der Klinke. Er senkte den Kopf, als würde er seine Schuhe studieren, er schien etwas in seinem Kopf abzuwägen. Scully hielt den Atem an, hoffend, betend. Schließlich drehte sich Mulder um und sah sie an, alle Heftigkeit war aus seinen Augen verschwunden. "Ich liebe dich, Dana," sagte er leise. "Ich habe dich immer geliebt und ich werde es immer tun."

Sie öffnete den Mund, um ihm zu antworten, aber er drehte sich um. Ohne ein weiteres Wort ging er fort und schloss die schwere Eingangstür hinter sich.  Scully hörte seine Schritte, als er zum Auto ging, hörte das Geräusch der Zündung, hörte das Knirschen von Eis unter den Rädern, als er davonfuhr.  Sie legte ihr Gesicht in ihre Hände und weinte, ihr Gesicht verzerrt durch heftige, gebrochene Schluchzer, die fürchterlich anzuhören waren.

 

 

 

 

 

Maggie Scullys Haus

Weihnachtstag

 

Weihnachten war ein Desaster. Zwischen Bills schwelendem Ärger und Scullys vollkommener Absonderung war wenig Raum für den Rest der Scullys, um sich zwischen ihnen zu bewegen. Bill war das Sprechen vergangen und Scully war weit davon entfernt. Er starrte vor sich hin, sie hielt ihren Blick gesenkt. Es war, als versuchten sie einen Weihnachtstanz inmitten eines Minenfeldes, wie Charlie es beschrieb. Niemand wagte, sich zu bewegen.

Wenn Bills Frau Tara wusste, was geschehen war, dann sagte sie nichts dazu.  Charlie, der jüngere Bruder wusste es nicht und wollte es auch nicht wissen, das machte er klar. Maggie wusste es. Sie wusste nur nicht, was sie tun sollte.

Es schien alles so gut zu gehen am Heiligabend. Fox hatte ihr gestattet, ihn dazu zu überreden, eine Weile zu bleiben, und das war gut, weil es offensichtlich das war, was Dana wollte. Er musste es auch gewollt haben, trotz seines Protestes, weil er blieb.

Erfreut darüber, ihn überredet zu haben, war Maggie in die Küche gegangen, um Kaffee zu machen. Der letzte Kaffee war durchgelaufen und sie hatte die Tassen, Milch und Zucker zusammen mit Apfelsaft und Keksen auf ein Tablett gestellt und war dabei, ins Wohnzimmer zurückzukehren, als sie Dana sehr leise sprechen hörte.

Ihre Tochter sagte Fox Mulder gerade, dass sie ihn liebte, dass sie nicht wollte, dass er fortging. Schnell ging Maggie zurück und hoffte, dass sie sie nicht gehört hatten. Dana war so eine individuelle Persönlichkeit, so unabhängig, sie würde es hassen, wenn sie wüsste, dass irgendjemand gehört hatte, was sie sagte. Für sich selbst konnte Maggie nicht so recht entscheiden, ob sie mehr überrascht darüber war, was Dana gesagt hatte oder darüber, dass sie es augenscheinlich vorher noch nicht gesagt hatte.

Da sie sie nicht unterbrechen wollte, wartete sie ein paar Minuten, bis sie sicher war, dass sie zuende gesprochen hatten, dann spähte sie um die Küchentür herum. Da war Dana, in den Armen von Fox, und er sah sie mit solch einer Zärtlichkeit an, berührte ihr Gesicht mit solch einer Ehrfurcht, dass es Maggie beinahe das Herz brach. Er liebt sie, dachte Maggie. Das sieht man.

Danas Gesicht war erhitzt, ihre Augen leuchteten und sie atmete schnell, sie sah Fox mit Augen voller Liebe und Schmerz an und bewegte sich auf ihn zu, ihre Lippen kamen seinen näher und näher. Es war offensichtlich, dass das kein guter Moment war, um Apfelsaft zu servieren.

Maggie sah rasch fort, solange immer noch ein wenig Raum zwischen ihnen war, aber die sanften Geräusche und das Rascheln von Kleidung aus dem anderen Zimmer überließen nur wenig ihrer Vorstellung. Sie fragte sich, was sie tun sollte. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie da bleiben sollte, wo sie war, und ihnen ein wenig Privatsphäre geben, aber den Geräuschen nach zu urteilen konnte sie die ganze Nacht dort bleiben, wenn sie sie nicht unterbrach.

Dann hörte sie ein lautes Rufen - war das Bill Jr.? - gefolgt von Fox gefährlich leiser Antwort und eine Tür, die geschlossen wurde, und dann Dana, die weinte und schluchzte, wie sie es nie zuvor getan hatte. Maggie stellte das Tablett ab und ging ins Wohnzimmer. Dort stand Bill und sah seine Schwester verächtlich an. Dana schluchzte immer noch laut in ihre Hände und sah nicht einmal auf, als sich ihre Mutter neben sie setzte, aber sie schmiegte sich an Maggie und sie begann, sich zu beruhigen, nur ein bisschen.

"Bill, was um Himmels Willen ist hier los?" verlangte Maggie zu wissen.  "Ich kam herein und fand Mr. Mulder," antwortete er und spuckte den Namen förmlich aus. "Er hatte seine Hände überall auf Dana. Ich weiß nicht, was mit euch beiden los ist. Ich kann nicht glauben, dass ihr ihn in dieses Haus gelassen habt, nach allem, was er ihr angetan hat." Daraufhin blickte Dana auf und ihre Augen brannten, aber sie sagte nichts, obwohl sich ihre Hände kurz zu Fäusten ballten. Maggie legte ihren Arm in einer schützenden Umarmung um ihre zu dünnen Schultern und versuchte, ihre Tochter zu beruhigen.

"Bill, ich habe keine Ahnung, was du gesehen hast oder was du glaubst, gesehen zu haben, aber Fox ist Danas Freund und er war hier, weil ich ihn gebeten hatte, hereinzukommen," erklärte Maggie. "Warum zur Hölle hast du das getan, Mom?" "Weil er Dana nach Hause gebracht hat und weil deine Schwester ihn hier haben wollte," erwiderte Maggie. "Weil Weihnachten ist und ich wollte, dass er sich willkommen fühlt." "Seit wann ist er in diesem Haus willkommen?"

"Ich glaube nicht, dass sie oder ich dir darauf eine Antwort schulden," sagte Maggie kalt. Heilige Maria, dachte sie, konnte Bill so dumm sein?  "Gut, er ist irgendein verdammter Freund," meinte Bill. Er stolzierte in Richtung Treppe und schleuderte praktisch seine Uniformmütze auf einen Kleiderhaken. Dann wirbelte er herum, die Hände in die Hüften gestemmt, und sah seine Mutter an. "Ich sag dir was, er ist immer da, wenn meine Schwester in Schwierigkeiten steckt. Verdammt, vielleicht deswegen, weil er der Grund für all die Schwierigkeiten ist."

"Wie kannst du so was sagen, Bill? Er hat Danas Leben gerettet!" "Das stimmt nicht. Hast du wirklich geglaubt, dass dieser Science Fiction Voodoo Mist, den er sich da ausgedacht hat, um ihr einen verdammten Computerchip in den Nacken zu pflanzen, irgend etwas damit zu tun hat, dass Danas Krebs verschwunden ist?" "Ich weiß es nicht und du weißt es auch nicht," erwiderte seine Mutter. "Aber es ging ihr besser. Du hast es selbst gesehen."

"Das hat verdammt noch mal überhaupt nichts mit ihm zu tun. Er bedeutet nichts als Schwierigkeiten. Er hat Melissa umgebracht und er war verdammt nahe daran, Dana zu töten. Was willst du, Mom - ein weiteres Grab, um dort zu weinen? Lass den alten Fox Mulder nur weiter hierher kommen und du hast eins, weil er sie eines Tages umbringen wird."

"Das reicht," sagte Dana. Bill und Maggie starrten sie an. Sie hatten beinahe vergessen, dass sie da war. "Was immer zwischen Mulder und mir ist, das ist privat," stellte sie klar, ihre Stimme war fest, obwohl ihre Augen rot und geschwollen vom Weinen waren. "Ich werde nicht darüber debattieren und ich möchte nicht, dass darüber diskutiert wird." "Du musst nicht darüber diskutieren," meinte Bill. "Es war ziemlich deutlich, als ich hier hereinkam. Ich muss zugeben, Dana, ich hätte nie gedacht, dass du die Art Frau bist, die ihr Leben für eine gute Nummer wegwerfen würde. Ist es das, was man den Frauen auf der FBI-Akademie beibringt?"

Maggie keuchte und schlug die Hände vor das Gesicht, zu erschrocken, um zu reden. Danas Reaktion war schneller und entschlossener. Mit einem Satz war sie auf den Beinen und schlug ihren Bruder ins Gesicht. Hart. Der Schlag brachte Bill ins Straucheln, er stolperte und verlor den Halt. Eine Hand griff nach dem Geländer, aber ein Fuß verfing sich im Teppich, er rutschte aus und landete hart auf seinem stabilen Hinterteil.

Nun, sie war eine trainierte Agentin, natürlich konnte sie einen Mann niederstrecken, dachte Maggie, aber ein anderer Teil ihres Gehirns schrie bereits auf vor Schmerz. Wie sollte sie dieses Chaos beseitigen? Sie sah Bill, der auf die Beine kam, Feuer in den Augen, er würde sich nicht wieder dabei erwischen lassen, nicht auf der Hut zu sein und er war auf keinen Fall jemand, der eine Beleidigung durchgehen ließ.

Dana atmete heftig, ihre Augen waren zusammengekniffen, ihr Gesicht kreidebleich und sie war immer noch in der Schwebe, ihren Bruder anzugreifen, der gut fünfzig Kilo mehr wog und mehr als dreißig Zentimeter größer war als sie.

Und dann blieb Maggies Blick am Rücken ihrer Tochter hängen, an den Umrissen des Holsters, dem Griff, dem Lauf ihrer Waffe, kaum verborgen unter Danas dünnem Sweater. Dana ist eine Agentin, dachte sie erschrocken.  Dana trägt eine Waffe. Oh, lieber Gott, lass es nicht so weit kommen. Aber Maggies Ängste waren unbegründet. Dana war wütend, wütender als ihre Mutter es sich je vorstellen konnte, aber sie hatte sich unter Kontrolle. Als sie sprach, war ihre Stimme klar, erkennbar und eiskalt.

"Ich habe es dir schon einmal gesagt, Bill, und bei Gott, ich meine es so," sagte sie und sah furchtlos zu ihm auf. "Was ich mit meinem Leben tue und mit meinem Körper, ist meine Entscheidung. Halt dich da raus." Dann hatte sie sich umgedreht und war ohne Hilfe die Treppe hinaufgegangen, obwohl es für Maggie und Bill klar erkennbar war, dass Dana schwach war und Schmerzen hatte. An diesem Abend war sie nicht mehr heruntergekommen und sie und Bill hatten seitdem kein Wort miteinander gesprochen.

Bill hatte seinen Ärger durch die Mitternachtsmesse hindurch gehätschelt.  Weder Maggie, seine Mutter, noch Tara, seine Frau, konnten ein Wort aus ihm herausbekommen. Er lehnte es ab, danach zu bleiben, um Father McCue zu begrüßen.

Charlie war angekommen, beladen mit Paketen, kurz nachdem sie aus der Kirche zurückgekommen waren, und er war zu Tode erschrocken, als seine Mutter, seine starke, wunderbare Mutter, ihn mit einer Umarmung und einem plötzlichen Tränenfluss begrüßt hatte. Er tätschelte ihr den Rücken und betrachtete die grimmigen Gesichter um sich herum.

"Bin ich im Weihnachtsniemandsland angekommen?" fragte er. Niemand antwortete ihm. Am nächsten Morgen kam Dana herunter und packte mit den anderen zusammen ihre Geschenke aus, aber es war wie Weihnachten mit einem Geist. Sie bedankte sich bei jedem, aber die Worte waren oberflächlich und ohne jedes Gefühl. Sobald das letzte Geschenk ausgepackt war, sagte sie, dass sie müde wäre und ging zurück in ihr Zimmer.

Sie kam auch nicht zum Weihnachtsessen herunter. Maggie, Charlie und Tara versuchten, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, aber Bills Anwesenheit und Danas Abwesenheit machten das bald zunichte und das Essen wurde schweigend eingenommen, nur durch das Klirren des Bestecks und des Porzellans und das Gebrabbel des einjährigen Matthew begleitet. Niemand wollte Nachschlag.

Es gab kein anderes Wort dafür. Es war ein Desaster.

 

 

 

 

 

Maggie Scullys Haus

3:00 a.m.

 

Dana lag wach da. Sie hatte unregelmäßig vor sich hingedöst, nachdem ihre Mutter sie praktisch dazu gezwungen hatte, eine Schmerztablette zu nehmen, aber sie war aufgewacht, als die Wirkung nachzulassen begann und seitdem war sie nicht einmal nahe daran, einzuschlafen. Sie weinte auch nicht mehr.  Es war sowieso sinnlos, es würde ihn nicht zurückbringen, es würde nicht ungeschehen machen, was passiert war, es würde ihr nicht wiederbringen, was sie verloren hatte.

Warum muss das passieren, warum können die Männer, die ich liebe, nicht Freunde sein oder wenigstens höflich zueinander? Mulder ist immer höflich zu Bill gewesen und Bill ist nie zu jemand anderem so. Er ist mein großer Bruder und ich liebe ihn und ich habe ihn geschlagen, ich habe ihn so heftig geschlagen, dass ich vom Dienst suspendiert worden wäre, wenn ich ihn verhaftet und es dann getan hätte. Es tut mir leid, Mom, Bill, es tut mir so leid, ich liebe euch beide.

Ich liebe auch Mulder. Und ich will ihn. Ich habe ein Recht darauf, ihn zu wollen, oder nicht? Ich weiß, du glaubst, Mulder gehört zu der Sorte Männer, vor der du mich gewarnt hast. Er mag es sein. Er sieht mir so aus.  Er berührt mich auf diese Art. Und weißt du was, Bill? Ich will, dass er es ist. Gib mir nur eine kleine Chance und er wird es sein. Und ich glaube, du weißt das. Das ist der wahre Grund, warum du ihn so hasst. Ich kenne die Regeln, die Mom uns beigebracht hat: küssen, umarmen, berühren nur oberhalb der Taille und den Rest bis nach der Hochzeit aufheben. Ich denke, es ist wundervoll, dass du dich danach gerichtet hast. Aber für mich ist es so nicht gewesen.

Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid. Ich weiß, dass ihr alle so enttäuscht von mir seid. Aber es tut mir nicht leid, nicht wirklich. Ich vertraue ihm mit meinem Leben, Bill, auch wenn du es nicht tust. Ich habe mein Leben vor langer Zeit in seine Hände gegeben und er hat nie versagt.  Sechs Jahre, Bill, und er hat mich die ganze Zeit so behandelt, als wäre ich etwas heiliges. Er hat mich nicht ein einziges Mal so berührt, in der Art, wie ein Mann eine Frau berührt - bis gestern.

Ich habe so viele Fehler gemacht. Aber welches waren Fehler? Ich lag falsch. Ich weiß einfach nicht, was ich anderes hätte tun können. Die Zeit für Warnungen ist vorbei, Bill. Sie war es vor langer Zeit. Du musst mich loslassen. Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe, Bill. Ich würde beinahe alles dafür geben, dass es nicht passiert wäre. Aber ich konnte es nicht mehr ertragen. Nichts mehr. Niemand will mir zuhören. Nicht Bill, nicht Mulder. Warum habe ich kein Mitspracherecht dabei? Mach ein Profil von mir, Mulder. Dringe in meinen Kopf ein und finde heraus, was ich als nächstes tun möchte. Und wenn du es getan hast, sagst du es mir bitte?

Ich bin immer noch Bundesagentin. Er kann nirgendwo hingehen, wo ich ihn nicht finden kann. Wenn ich ins Büro zurückkehre, kann ich ihn verfolgen, ihn dazu bringen, mir zuzuhören. Abgesehen davon, dass ich es nicht kann.  Ich kann es einfach nicht. Es würde ihn gefangen nehmen, da wäre kein Platz für ihn, zu entkommen. Emotionale Vergewaltigung. So kann es nicht sein.  Ich kann ihm das nicht antun. Ich muss ihn gehen lassen.

Und dann fand Dana Scully heraus, dass sie letztlich nicht wirklich fertig war mit Weinen.

 

 

 

 

 

Maggie Scully schlief auch nicht viel. Sie konnte nicht verstehen, was geschehen war, warum Bill Jr. oder Dana es zugelassen hatten, dass sich der Bruch zwischen ihnen formte oder wie sie es soweit kommen lassen konnten.  Es ist Weihnachten, dachte sie und Tränen traten in ihre Augen, als sie sich an all die lang vergangenen Weihnachtsfeste erinnerte, als Bill noch ein Junge war und Dana ein süßer rothaariger Engel. Melissa war da bei ihnen und Bill Sr.

Unwillkürlich blickte Maggie zu dem leeren Platz in dem großen Bett neben ihr. Seit sechs Jahren ist er nicht mehr da, dachte sie, und es ist immer noch seine Seite des Bettes. Es war seine Seite gewesen, wenn er auf See war. Es würde immer seine Seite sein.

Manchmal ist es, als ob er einfach auf einer weiteren langen Seereise ist und ich warte auf den Tag, an dem ich hinunter zu den Docks gehe und ihn wieder zu Hause begrüße. Ich wünschte, es wäre wahr, ich wünschte, er wäre hier, um mir zu sagen, was ich tun soll.

‚Du weißt, was du zu tun hast, Maggie. Du hast es immer gewusst.' Maggie fuhr zusammen, als die laute Bassstimme erklang. War das in ihrem Kopf oder war da wirklich jemand im Zimmer? Nein. Da war niemand. Ich kann das nicht gehört haben, dachte sie. Es klang wie Bill. Ich muss wirklich durcheinander sein, ich höre schon Stimmen. Oder tue ich es? Weiß ich, was zu tun ist?

 

 

 

 

 

"Dana?"

Es war die Stimme ihrer Mutter. Mom.

"Dana, bist du wach? Ich dachte, ich hörte..."

"Ich bin wach," sagte Dana und setzte sich auf. "Komm rein."

Maggie öffnete die Tür, trat an Danas Bett, setzte sich auf die Kante und nahm die Hand ihrer Tochter. Im schwachen Mondlicht, das durch die Blenden der Jalousie fiel, konnte sie Danas Gesicht deutlich sehen.

"Du hast geweint," meinte sie und strich ihr das Haar aus dem Gesicht.

Dana nickte. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber ihre Lippen zitterten.  Sie schloss die Augen, schluckte schwer und zwang sich wieder zur Kontrolle.

Mein armes Mädchen, dachte Maggie und fühlte, wie ihr selbst die Tränen in die Augen stiegen. Warum kämpft sie so hart gegen normale menschliche Gefühle an? Was habe ich getan, dass sie das Gefühl hat, es wäre nicht in Ordnung zu weinen?

"Dana," flüsterte Maggie. "Dana, es ist in Ordnung, Liebling, es ist in Ordnung."

Danas Gesicht verzog sich und sie ergab sich den liebenden Armen ihrer Mutter. "Oh, Mom, ich weiß nicht, was ich tun soll. Es tut mir leid, dass ich Bill geschlagen habe, es tut mir so leid. Es tut mir leid, dass ich allen das Weihnachtsfest verdorben habe. Ich weiß nicht, was falsch mit mir ist, ich vermassele es einfach allen."

"Shh, Dana, ganz ruhig," erwiderte Maggie und tätschelte Danas Rücken so, wie sie es vor vielen Jahren getan hatte, als Dana noch ein Kind war. "Bill weiß, dass du es nicht so gemeint hast."

"Oh, ich hab es aber so gemeint, Mom," widersprach Dana, lehnte sich zurück und wischte die Tränen mit den Händen ab. "Ich war wütend, und ich wollte ihm wehtun, also tat ich es. So war ich nie."

"Du bist auch jetzt nicht so," meinte Maggie und strich Dana wieder übers Haar.

"Ich bin so," sagte Dana. "Ich bin schlimmer. Und ich hoffe, dass du niemals verstehen wirst, wie ich jetzt bin."

"Ich verstehe dich, Dana," entgegnete Maggie, ein wenig verletzt. "Du bist meine Tochter."

"Nein," sagte Dana kopfschüttelnd. "Du willst nicht verstehen. Niemand will es."

Ich weiß nicht, was sie mir sagen will, dachte Maggie plötzlich besorgt, aber ich glaube, dass sie vielleicht Recht hat. Ich glaube nicht, dass ich es wissen will. Aber was immer es ist, es ist nicht das, was Bill Jr.  glaubt.

Ich werde das nicht mögen. Aber wenn sie es mir erzählen will, werde ich ihr zuhören. Ich werde.

"Dana, was ist es, wovon du glaubst, es ist so schlecht, dass du es mir nicht erzählen kannst?"

Die Sekunden auf Danas Wecker tickten dahin. Maggie wartete. Dana sah zum Fenster. Niemand sagte etwas.

"Dana?"

Noch mehr Schweigen.

"Mom," sagte Dana schließlich und hielt dann wieder inne. "Ich... Mom, das ist nichts, worüber ich rede."

"Mit mir oder mit niemandem?"

"Mit niemandem," antwortete Dana und schüttelte entschieden den Kopf.  "Nicht einmal wirklich mit Mulder. Ich war immer... so kalt zu ihm, manchmal so herzlos."

"Oh, Dana, du bist nicht herzlos," meinte Maggie aufmunternd. "Du bist einfach so. Schon als du ein kleines Mädchen warst... Missy hat stundenlang erzählt. Und du? Du warst immer so in dich gekehrt und du hast fast nie jemanden an dich herangelassen."

Dana nickte langsam. "Ich weiß das. Und ich versuche es. Aber manchmal kann ich es nicht, so sehr ich es auch will." Wieder sah sie weg und fixierte ihren Blick auf die Schranktür. "Ich habe soviel für mich behalten. Ich habe nicht einmal die Hälfte von dem gesagt, was ich sagen wollte. Dad ist gegangen und Missy ist gegangen und nun ist auch Mulder gegangen, auf eine andere Art. Bei allen blieb so vieles ungesagt und obwohl ich das weiß, kann ich immer noch nicht sagen, was ich sagen will."

"Du fürchtest dich, Dana," sagte Maggie sanft. "Manchmal ist es in Ordnung, sich zu fürchten. Aber aus Gründen, die ich nicht verstehe, bringt dich das um."

Wieder schwieg Dana.

"Dana, was ist gestern schiefgelaufen?" fragte Maggie. "Nicht mit Bill. Das kann ich mir schon denken. Was ist mit Fox schiefgelaufen?"

"Er ist gegangen," erwiderte Dana.

"Ich weiß. Warum ist er gegangen?"

"Nein, ich meine, er ist für immer gegangen," erklärte Dana, die Worte fielen ihr schwer. "Er hat mich verlassen. Er wird um seine Versetzung bitten."

Maggies Augen weiteten sich vor Überraschung. "Ist es wegen Bill?"

"Nein," antwortete Dana. "Er hat es mir gesagt, während wir im Krankenhaus waren. Er sagte, er könnte es nicht mehr ertragen, mich wieder verletzt zu sehen. Ich vermute, wenn du wolltest, könntest du Bill die Schuld für Mulders Entscheidung geben. Gott weiß, er hat es hart genug versucht, dass es passiert."

"Also, was Bill gestern getan hat..." meinte Maggie und hielt inne. Dana sah unbehaglich aus.

"Bill hat gesehen... er kam herein, während ich... während wir uns zum Abschied küssten. Mulder hat... er hat... er hat mich berührt."

Oh Dana, süße Dana, dachte Maggie und unterdrückte ein Lächeln. Du bist eine erwachsene Frau, Ärztin, FBI-Agentin und du windest dich so, mir etwas so unschuldiges zu erzählen?

"Also, das hat Bill gesehen," stellte Maggie fest. "Du berührt... ich kann mir vorstellen, wo, nicht dass es eine Rolle spielt... von dem Mann, den du liebst."

Dana nickte kaum merklich. Sie sah immer noch unbehaglich aus.

"Sag mir nicht, dass du dich deswegen schuldig fühlst," meinte Maggie.

"Nicht unbedingt schuldig," erwiderte Dana und suchte nach Worten.  "Vielleicht ein bisschen. Mehr... gestört, denke ich. Bill hätte... nicht hinsehen brauchen. Er hätte es nicht sollen." Dana biss sich auf die Unterlippe. "Vielleicht, wenn Bill uns nicht unterbrochen hätte, hätte ich Mulders Meinung ändern können. Ich glaube wirklich, dass er gehofft hat, dass ich das tue."

"Es ist nicht so leicht wie du denkst, die Meinung eines Mannes zu ändern, nicht wenn er glaubt, dass er Recht hat, Dana," sagte ihre Mutter sanft.  "Wenn er ein ehrenwerter Mann ist, und ich denke, Fox ist das, dann bleibt er bei seiner Entscheidung, auch wenn das bedeutet, dem Verlangen des eigenen Herzen entgegen zu handeln. So sind die Männer, zumindest die guten Männer, und du kannst das nicht ändern, egal wie sehr du es versuchst."

"Ich hätte es können," behauptete Dana stur. "Ich brauchte nur ein bisschen mehr Zeit."

"Du hattest sechs Jahre, Dana," belehrte sie Maggie nicht unfreundlich.

"Warum hast du so lange gewartet?"

Dana seufzte und bestätigte so die Wahrheit hinter der Frage ihrer Mutter.  "Das Büro," erklärte sie. "Mein Ruf, seiner, unsere Arbeit. Unsere Partnerschaft. Und die Gefahr. Die Menschen benutzen mich, um ihm wehzutun.  Wenn wir..." Dana zögerte bei dem Wort. "Wenn wir... ein Liebespaar...  wären, würden sie auch das dazu benutzen, um ihm wehzutun."

"Dana, ich verstehe nicht, was du da sagst," meinte Maggie irritiert. "Wer benutzt dich? Und wozu?"

Dana sah ihre Mutter an und lächelte, aber das Lächeln löschte nicht den Schmerz in ihren Augen aus. "Ich hab es dir ja gesagt," meinte sie. "Du willst es nicht hören."

"Ich will es verstehen. Und im Moment tue ich das nicht," erwiderte Maggie.  "Ich verstehe nicht, wie es euch beide so erschrecken kann, euch zu lieben."

"Ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll," sagte Dana. "Ich bin nicht mal sicher, ob ich es selbst verstehe. Ich weiß, dass er gefährlich ist, dass ihn zu lieben gefährlich ist, und noch schlimmer, ich weiß, dass ich auch gefährlich geworden bin. Ich kenne mich selbst nicht mehr; manchmal schaue ich in den Spiegel und wundere mich, wer mich da ansieht. Wie kann ich das sein? Ich bin Ärztin? Welcher Arzt tötet Menschen?"

Sie hat Menschen getötet? dachte Maggie erschrocken. Sie konnte es nicht einmal ertragen, eine Schlange zu verletzen. Wie konnte sie da? Dann sah sie den vorsichtigen Blick in Danas Augen.

"Es tut mir leid," meinte Dana. "Ich hätte das nicht sagen sollen."

"Nein," erwiderte Maggie kopfschüttelnd. "Es ist nur... du hast niemals über diesen Teil deines Jobs gesprochen, Dana."

Dana schüttelte den Kopf. "Nein. Und ich wollte es auch jetzt nicht tun.

Aber es passiert." Wieder gab es ein lange Pause, bevor Dana weitersprach.  "Du willst wissen, warum ich so lange gewartet habe und ich kann es dir nicht sagen. Ich hatte eine Menge Gründe. Und er hatte sein. Ich vermute...  zuerst schien es unpassend, und später gab es zuviel Schmerz zwischen uns.  Zuviel Entsetzliches. Zu viele Dinge zu bereuen." Dana knautschte eine Ecke der Bettdecke in ihren Händen.

"Manchmal mag ich mich selbst nicht mehr und dabei war ich so stolz darauf, Ärztin zu sein, Bundesagentin zu sein. Es hat Spaß gemacht, wie damals, als ich ein kleines Mädchen war und dein Abendkleid angezogen habe. Erinnerst du dich daran, gleich nach meinem Abschluss in Quantico, als du und ich nach San Diego geflogen sind, um Bill zu besuchen?"

Maggie nickte. "Du hast die Metalldetektoren auf dem Flughafen ausgelöst und die Menschen kamen angelaufen. Aber als du ihnen deinen Dienstausweis hingehalten hast, haben sie uns durchgelassen."

"Das meine ich," entgegnete Dana. "Du warst so stolz auf mich, so beeindruckt, dass ich eine Waffe im Flugzeug tragen konnte, und irgendwie war ich das auch. Aber das war FBI spielen, Mom. Richtiges FBI ist es, wenn du herausfindest, warum sie dich diese Waffe tragen lassen."

Wo führt das hin, Dana? wunderte sich Maggie, dann empfand sie einen plötzlichen Anflug von Scham. Das alte Sprichwort stimmte, dachte sie: Pass auf, worum du bittest, es könnte wahr werden. Nun, sie hatte darum gebeten, dass sich Dana ihr gegenüber öffnete. Nun war sie sich nicht sicher, ob sie es ertragen konnte, es zu hören.

"Wenn du die ganze Wahrheit kennen würdest... aber ich will nicht, dass du alles weißt," sagte Dana, als hätte sie die Gedanken ihrer Mutter gelesen.  Entschieden schüttelte sie den Kopf. "Ich will nicht, dass es irgendjemand weiß. Was ich jetzt tue... es ist, als wäre ich Teil einer Mauer zwischen der Hölle und der Menschheit. Darüber zu reden ist so, als würde man diese Mauer einreißen." Dana blickte zum Fenster. Blasse Streifen Morgendämmerung zeigten sich nun durch die Blenden. "Ich bin müde, Mom," sagte sie. "Und da draußen ist niemand, dem ich trauen kann, außer Mulder." Dann drehte sich Dana um und sah ihre Mutter direkt an. Ihre blauen Augen waren klar und stetig. "Ich weiß nicht warum, aber ich muss immer daran denken, was passiert, wenn ich im Dienst getötet werde. Ich weiß, ihr werdet um mich trauern. Aber ihr würdet auch wütend sein und ihr würdet mir nie verzeihen.  Ihr würdet nie verstehen, warum ich es zugelassen habe."

"Und du glaubst, Fox würde es?"

"Mulder... Mulder würde eigenhändig den Leichensack zuziehen, über meinem blutenden Körper stehen und mir sagen, dass es das alles wert war, dass ich nicht umsonst gelebt und gestorben bin. Und er würde es so meinen."

"Glaubst du, er könnte deinen Tod so leicht akzeptieren, Dana?" fragte Maggie, ein bisschen verletzt durch den Gang der Gedanken ihrer Tochter, aber entschlossen, ihn zu verstehen. "Weil ich es nicht glaube."

"Das habe ich nicht gemeint," erwiderte Dana. "Ich meinte, dass er wissen würde, es verstehen würde, warum ich es zuließ. Er wäre nicht wütend auf mich. Er würde diese Wut auf die Person übertragen, die mich getötet hat; und wenn es fünfzig Jahre dauern würde, er würde diese Person finden und sie kaltblütig erschießen. Dann, glaube ich, würde er nach Hause gehen, seinen Mantel aufhängen, sich auf seine Couch setzen und sich mit seiner eigenen Waffe erschießen."

Wieder schloss sie ihre Augen und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. "Hat er mich deshalb verlassen? Weil ich die Dämonen nicht mehr fernhalten kann?  Bringe ich sie hervor?"

Maggie spürte, wie sie taub wurde. Dana hat Recht, dachte sie. Ich wollte das nicht hören. Ich wollte Dana nicht so sehen. Ich wollte nie, dass sie so war. Und das ist nur der Teil, von dem sie sprechen will? Wenn das wahr ist, dann will ich niemals von dem anderen Teil wissen. Aber ich muss es anhören, Dana, ich muss dich reden lassen. Vielleicht wird es weniger schmerzhaft sein, als bei dir so versagt zu haben, dass ich wirklich nicht verstehe, wie ich dir helfen kann. Und schlimmer noch, dass du es auch weißt. Dann hörte sie Dana lachen und der Klang ließ sie frösteln.

"Habe ich dir jemals erzählt, dass ich auf Mulder geschossen habe?" hörte sie Dana fragen.

"Du hast auf ihn geschossen?" Oh, das ist wirklich mehr, als ich ertragen kann, dachte Maggie. "Warum, Dana?"

"Um ihn davor zu bewahren, zum Mörder zu werden," sagte Dana einfach. "Er war dabei, einem Verdächtigen in den Kopf zu schießen, dem Mann, von dem er glaubte, er hätte seinen Vater getötet."

"Das kann ich gar nicht von ihm glauben, Dana," erwiderte Maggie kopfschüttelnd. "Es hört sich einfach nicht nach dem Fox Mulder an, den ich kenne."

Dana zuckte mit den Schultern. "In dieser Nacht war er nicht ganz er selbst, bestimmt, aber er ist vollkommen fähig zu töten; ich hab ihn das tun sehen. Mehr als einmal."

"Oh mein Gott, Dana, warum erzählst du mir das?" stieß Maggie ängstlich hervor.

Dana dachte einen Moment lang nach, dann sah sie ihre Mutter an. "Ich will dir nicht wehtun, Mom. Ich will nur, dass du mich verstehst. Auf Menschen schießen, sie sogar töten, riskieren, dass sie dasselbe mit mir tun - das ist jetzt Teil meiner Welt. Es ist so sehr ein Teil davon, dass ich auf Mulder geschossen habe, weil es der einzige Weg war, den ich hatte, um ihn zu schützen, ihn nicht zu weit gehen zu lassen. Er würde dasselbe für mich tun."

Ich verstehe dich nicht, Dana, dachte Maggie. Ich verstehe das alles nicht.

Ich erkenne dich nicht, wenn du so bist.

Dana blickte zur Decke, dann schloss sie die Augen und seufzte. Wenn ich nicht geschossen hätte, als ich es tat, wenn ich Mulder diesen Mann hätte töten lassen, dann wäre ich genauso schlecht, wie die Menschen, die ich versuche aufzuhalten. Aber ich frage mich immer wieder, ob du mich nicht bereits so siehst."

"Nein, Dana," protestierte Maggie. "Denk das nie. Du hast getan, was du für richtig gehalten hast, auch wenn es bedeutete, Fox umzubringen."

"Ich hätte ihn nie umgebracht," antwortete Dana. "Und er wusste, dass ich ihn nicht töten würde. Ich glaube nur nicht, dass er jemals darüber nachgedacht hatte, dass ich überhaupt auf ihn schießen würde."

"Und er hat dir verziehen?" fragte Maggie.

"Er hat mir gedankt, dass ich auf ihn aufgepasst habe," sagte Dana. "Er vertraut... er hat mir vertraut, dass ich ihn aufhalte, bevor sein... sein Ärger, seine Wut... Überhand gewinnt. Er hat verstanden, was ich getan habe."

"Es freut mich, dass es wenigstens einer tut," meinte Maggie und erkannte ihren Fehler in dem Moment, wo die Worte aus ihrem Mund kamen. "Nein, Dana, das meine ich nicht, wirklich..." Mitten in ihrer Entschuldigung brach sie ab, erschreckt und irritiert durch das kalte Lächeln auf den Lippen ihrer Tochter.

"Mom," sagte Dana. "Es ist in Ordnung. Wie ich gesagt habe: wie kannst du mich verstehen, wenn ich mich selbst nicht verstehe?"

"Aber du sagst, Fox kann es."

"So gut, wie es nur irgendjemand kann. Ja."

"Liebst du ihn wirklich, Dana?"

"Mehr als alles andere, Mom," flüsterte Dana. "Mehr als du dir vorstellen kannst."

"Oh, ich weiß nicht," meinte Maggie leicht. "Ich kann mir eine ganze Menge vorstellen. Ich war nicht immer alt."

Das erzeugte ein richtiges kleines Lächeln. Gut, dachte Maggie.

"Es tut mir leid, Mom," sagte Dana. "Sogar in meinem Alter ist es schwierig, dich als Frau zu sehen und nicht nur als meine Mutter."

"Es ist auch nicht leicht, zu denken, dass mein kleines Mädchen... getan hat, was du getan hast, verletzt worden ist, wie du es bist," erwiderte Maggie und streichelte zärtlich Danas Hand, die auf der Bettdecke lag. "Ich weiß ehrlich nicht, was ich von all dem halten soll. Ich habe diese Seite von Fox nie gesehen, aber es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass du einen Mann liebst, der so gewalttätig ist, wie du ihn gerade beschrieben hast.  Das erschreckt mich."

"Er könnte mir niemals schaden," erklärte Dana beinahe wütend. "Ich bin womöglich der einzige Mensch auf der Erde, dem er niemals wehtun könnte."

"Dana, ich kann mir da nicht so sicher sein, Ich wünschte, ich könnte es.  Aber ich liebe dich und ich will versuchen, darauf zu vertrauen, dass du weißt, was du tust."

"Das ist nicht genug," sagte Dana. "Ich habe keinen Grund, Mulder zu fürchten. Ich will auch nicht, dass du ihn fürchtest. Es ist gar keine Frage, dass er eher sterben würde, als mich zu verletzen."

"Ich weiß nicht, was ich dir sonst sagen kann," entgegnete Maggie und hob resigniert die Hände. "Soviel ich weiß, sind gewalttätige Männer immer gewalttätig und niemals mehr als zu Hause."

"Mom, du verstehst nicht," meinte Dana leise. "Du hast nicht gehört, was ich dir gesagt habe. Wenn du dich vor Mulder fürchtest, dann solltest du dich auch vor mir fürchten. Wir sind nicht so verschieden."

"Dana, sag das nicht," erwiderte Maggie.

"Es ist wahr. Ich weiß, was seine Mutter über mich denkt. Sie sagt es nicht, aber ich kann es sehen. Sie glaubt, dass ich gewalttätig bin, dass ich ihren Sohn zur Gewalt treibe. Dass ich ihn nicht beschützen kann, dass ich schlecht für ihn bin und zerstörerisch für ihre Familie. Und vielleicht hat sie Recht. Immerhin hab ich auf ihn geschossen."

"Aber du bist nicht so, Dana!" protestierte Maggie entrüstet. "Jeder kann das sehen..."

"Jeder?" fragte Dana. "Nicht Mrs. Mulder. Sie hat Angst, um ihren Sohn und um sich. Aber sie gibt ihm nichts, nicht wirklich; er kann nicht zu ihr gehen, wie ich zu dir kommen kann. Sie versucht es nicht zu zeigen, aber sie schämt sich für ihn und sie verachtet mich, weil ich zu ihm halte. Ich will nicht, dass du so über mich denkst, oder über ihn."

"Das tue ich nicht," erwiderte Maggie ehrlich und eindringlich und hoffte,

dass das der Schlüssel dazu war, dass ihre Liebe Dana durch die

erschreckende Stimmung hindurch, in der sie sich befand, erreichte. "Ich

bin stolz auf dich. Und dein Vater war es auch. Er war stolz auf dein

Engagement, stolz darauf, dass du dich aus einem höheren Grund in Gefahr

begibst und stolz darauf, dass du dich mutig dem Feuer stellst. Er konnte

es dir nie sagen. Aber es war so"

"Ich hoffe es," sagte Dana sanft. Ihr Gesicht verzog sich; sie kämpfte gegen die Tränen an, aber sie kamen dennoch und Maggie nahm sie zärtlich in die Arme.

"Ich bin nicht mutig, Mom," flüsterte Dana an der Schulter ihrer Mutter.  "Ich wünschte, ich könnte es sein. Wenn ich mutig scheine, dann ist ein Teil davon Mulder. Wie schaffe ich es, dass Bill das versteht?"

"Vielleicht kannst du es nicht," entgegnete ihre Mutter. "Du kannst die Menschen nicht immer ändern, so dass sie so sind, wie du glaubst, dass sie sein müssen, egal wie sehr du sie liebst. Aber was du tun kannst, und ich denke, du hast es bereits getan, du kannst Bill wissen lassen, dass er deine Entscheidungen nicht mögen muss, aber dass er sie zu respektieren hat. Das schließt die Medizin ein und das FBI und, so vermute ich, das schließt auch Fox Mulder ein."

"Immer," flüsterte Dana und wischte sich die neuerlichen Tränen aus den Augen. "Ich liebe meinen Bruder. Ich will ihn nicht verletzen. Aber ich liebe meinen Job und meinen Partner noch mehr. Und ich wollte, dass Mulder mich festhielt, dass er mich küßte... und dass er mich berührte. Ich wollte es so sehr. Ist es so verkehrt, das zu wollen?"

"Nein," antwortete Maggie. "So sollte es sein, wenn du ihn wirklich liebst, obwohl ich immer noch glaube, dass alles, was intimer ist als eine Berührung, in die Zeit nach der Hochzeit gehört. Aber sei nicht zu hart zu Bill, Dana; große Brüder mögen es nicht, ihre Schwestern als sexuelle Wesen zu sehen, egal ob sie verheiratet sind oder nicht."

Dana antwortete nicht, aber sie löste sich von ihrer Mutter und Maggie sah, wie sich ihre Gesichtszüge verhärteten.

Maggie seufzte. "Dana, ich will nicht, dass Bill und du - dass ihr euch im Streit trennt. In einer Woche muss er nach San Diego zurückfliegen und dann ist er wieder für drei Monate auf See. Das kann eine lange Zeit sein.  Versuch, vorher mit ihm zu reden. Erzähl ihm, wie du fühlst. Vielleicht könnt ihr die Angelegenheit zwischen euch klären."

"Das glaube ich nicht," erwiderte Dana.

Maggie dachte einen Moment nach. "Vielleicht soll ich mit ihm reden, ihm etwas von dem erzählen, was du mir erzählt hast?"

"Ja, wenn du willst," sagte Dana. "Aber ich glaube nicht, dass er bereit ist, das zu hören."

 

 

 

"Das größte Geschenk, das Oxford seinen Söhnen gibt, ist, so glaube ich wirklich, eine geniale Respektlosigkeit gegenüber dem Lernen und aus dieser Respektlosigkeit erwächst vielleicht Liebe."

Shakespeare über dem Hafen

Robertson Davies

 

Kapitel 4

FBI-Bezirksbüro

Birmingham, Alabama

Dienstag, 29. Dezember

11:15 a.m.

 

Was zur Hölle hab ich mir da eingebrockt, fragte sich Mulder, während er vor dem Büro auf den verantwortlichen Special Agent Daniel Prescott wartete.

Elf Jahre beim FBI und niemals zuvor war er einem Bezirksbüro unterstellt gewesen, wo die meisten Agenten eigentlich begannen. Er war sich nicht einmal völlig darüber im Klaren, was Bezirksbüros eigentlich taten; sie waren einfach immer zur Stelle, wenn er in die Stadt kam, bereit mit Personal, Telefonen, Labors zu dienen. Was die Agenten den Rest ihrer Zeit taten, wenn sie ihm nicht halfen, konnte er sich nicht vorstellen.  Abhöraufgaben? Düngemittelsonderkommando? Unbedenklichkeitsbescheinigungen für die Nationalgarde?

Möglicherweise von allem etwas, dachte er grimmig. Halt an dich, Mulder. Es ist nicht das erste Mal, dass du deine FBI-Karriere hinschmeißt.

Aber die Abteilung Verhaltenswissenschaften für die X-Akten zu verlassen hatte nur bedeutet, von Quantico ins Hoover Building umzuziehen. Das hier war nicht das Hoover Building; es war nicht einmal Salt Lake City, Utah.  Dieses Bezirksbüro, was immer seine Aufgabe ist, war soweit unterhalb der Sichtlinie der Offiziere in D.C., dass ein Bezirksagent, der hier angestellt war, für den Rest seiner Karriere leicht in Vergessenheit geraten konnte.

Das war es, was du von Skinner wolltest, Junge, dachte er und drehte Däumchen, wie er es oft tat, wenn er auf Vorgesetzte wartete. Du hast ihm gesagt, er soll dich von den X-Akten fortschicken, fort von den Verhaltenswissenschaften, völlig aus dem Bezirk fort. Und du hast bekommen, was du wolltest.

Große Mengen Düngemittel, dachte er, und der Gedanke ließ ihn beinahe lächeln. Das war Scullys Bemerkung gewesen, als die X-Akten zum ersten Mal anderen Agenten zugeteilt wurden und sie beide ihr Geld von Uncle Sam bekamen, indem sie Großeinkäufe von Düngemitteln untersuchten, die Sorte, aus der die Bombe von Oklahoma gebastelt worden war. Große Mengen Düngemittel erwarten dich in den Baumwollfeldern von Alabama.

Es war egal. Birmingham hatte etwas, was ihm nur wenige Bezirksbüros bieten konnten. Birmingham war nur etwa fünf Stunden Fahrt von Mobile entfernt.  Vier, wenn man einen Dienstausweis hatte und sich nicht scheute, ihn zu zeigen. Mulder hatte diese Scheu nicht.

Er fragte sich, wieviel Skinner wirklich über Scullys und seinen Fang in Mobile wusste und über seine Gründe, um eine Versetzung zu bitten. Skinner hatte eine Ader dafür, in Mulders Einsatzberichten herauszufinden, was war und was nicht. Obwohl AD Kersh offiziell Mulders Vorgesetzter war, war er der Meinung, dass Skinner über seine Karriere wachte.

Deswegen hatte er auch Kersh übergangen und war mit seiner Bitte zu Skinner gekommen. Kersh wäre zu glücklich gewesen, ihn für den Winter in ein Bezirksbüro nach Norddakota zu versetzen, in der Hoffnung, ihn dadurch zum Kündigen zu verleiten, aber wenn Skinner ihn woanders hinschickte, würde das Kersh auch nicht kümmern.

Skinner musste wissen, was los war.

Also war die Versetzung nach Birmingham eine Ermunterung, die Suche in Mobile fortzusetzen? Eher unwahrscheinlich. Wenn Skinner mich in Mobile haben wollte, dann hätte er mich auch dorthin schicken können. Natürlich hätte er mich auch nach Cincinnati oder Boise schicken können, wenn er mich von Mobile fernhalten wollte.

Birmingham, so entschied er, war Skinners Art, ihm die Entscheidung zu überlassen. Die Suche nach Krycek würde außerhalb des Dienstplanes erfolgen. Skinner wollte nichts darüber wissen, jedenfalls nicht offiziell, und vielleicht überhaupt nicht.

Diese Aufgabe stellte für Mulder eine Gelegenheit dar und für Skinner die Möglichkeit zu leugnen. Darüber lächelte Mulder. Reine Büropolitik, so gut gespielt wie es nur ging. Skinner war gut darin. Deshalb war er stellvertretender Direktor. Er sagte niemals zu viel.

Sogar als Mulder Skinners Büro zum letzten Mal verließ, gestern morgen, hatte Skinner nicht zu viel gesagt. Er hatte den Bericht gelesen, sich Mulders Bitte angehört und ein paar Fragen gestellt.

Nach langem Schweigen hatte Skinner ein paar Worte auf ein Formular, das für Versetzungen benutzt wurde, gekritzelt, die Papiere gegengezeichnet und sie über die polierte Oberfläche seines Schreibtischs geschleudert, damit Mulder sie aufsammeln konnte. "Birmingham Bezirksbüro, Nordbezirk von Alabama," sagte er. "Bericht zum frühestmöglichen Zeitpunkt und nicht später als 48 Stunden von jetzt an."

Mulder war aufgestanden und hatte eine Schwerfälligkeit in seiner Seele gespürt, die er nicht erwartet hatte. Dass es schwer werden würde, Scully zu verlassen, hatte er gewusst; in Wirklichkeit war es schlimmer als schwer, es ließ ihn blutend und herumzappelnd wie einen ausgeweideten Fisch, der langsam starb, zurück. Aber er hatte das erwartet. Was er nicht erwartet hatte, waren seine Reuegefühle, als er von dem Ex-Marine mit dem steinernen Kinn Abschied nahm, der ihm über die Jahre so oft den Arsch aufgerissen hatte.

"Irgendetwas nicht in Ordnung, Agent Mulder?" hatte Skinner in seinem Sessel zurückgelehnt gefragt, sein Gesichtsausdruck verschlossen und unlesbar wie immer.

Mulder hatte den Kopf geschüttelt. "Nein, Sir," entgegnete er. "Ich bin dankbar, dass Sie sich für mich dieser Sache annehmen."

"Wenn Sie Ihre Karriere im Klo herunterspülen wollen, dann ist das Ihre Angelegenheit, Agent Mulder," hatte Skinner geantwortet. "Es ist nicht meine Aufgabe, Sie davon abzuhalten, dumm zu sein, ich muss nur diese Dummheit daran hindern, den Auftrag des Büros und meine Karriere zu vermasseln."

Mulder hatte nur genickt. Es gab wirklich nichts mehr zu sagen. Er ging auf die Tür zum Vorzimmer zu.

"Agent Mulder," rief Skinner plötzlich.

Mulder drehte sich um. "Sir?"

Skinner stand auf. Er machte einen Schritt auf Mulder zu und hielt ihm seine Hand hin. Mulder nahm sie.

"Ich hasse es, Sie zu verlieren," sagte Skinner. "Viel Glück in Alabama."

"Danke Sir," erwiderte Mulder. Skinner löste seinen festen Griff um Mulders Hand. "Nun scheren Sie sich raus hier," forderte er, setzte sich wieder hin und nahm eine Akte in die Hand.

Mulder tat es. Er hatte Skinners Büro verlassen und war sofort in das Großraumbüro gegangen, hatte sich gezwungen, nichts anzusehen, was Scully gehörte, während er seine paar Sachen in einen Pappkarton packte. Es gab nicht viel, was er mitnehmen wollte.

Mulder war schon auf halbem Weg aus der Tür, als sein Gewissen (sein Herz, dachte er und augenblicklich unterdrückte er das Wort) die Oberhand gewann.  Er setzte den Karton ab, ging hinüber zu ihrem Schreibtisch, nahm einen Stift aus der obersten Schublade und kritzelte eine Nachricht auf einen pinkfarbenen Post-it-Zettel. Er riss den Zettel vom Block und steckte ihn unter ihre Kaffeetasse, wo sie ihn sicher sehen würde.

Und wenn ihn irgendjemand anders sehen würde, würde es auch nichts ausmachen. Jetzt nicht mehr.

Den Karton aufnehmend war Mulder aus dem Großraumbüro gegangen. Als er das Hoover Building verließ, hatte er niemandem in die Augen gesehen. Er ging zu seinem Wagen, stieg ein und fuhr auf direktem Weg nach Birmingham mit nur wenigen Minuten Unterbrechung; er hielt sich mit Kaffee, kalter Luft und Pink Floyd in ohrenbetäubender Lautstärke wach.

Während er in dem Büro in Birmingham saß, dachte Mulder darüber nach, dass es womöglich einen besseren Eindruck gemacht hätte, wenn er wenigstens ein bisschen geschlafen hätte, bevor er hierher gekommen war. Er litt so unter Schlafmangel, dass er beinahe halluzinierte, aber alles was er getan hatte, war ein Motel zu finden, zu duschen, sich zu rasieren und umzuziehen, bevor er sich über seinen ersten Tag hier informierte.

"Agent Mulder?" Die affektierte männliche Stimme holte ihn aus seinen Erinnerungen. Mulder blickte auf. Da stand ein kahlköpfiger Mann mittleren Alters, mit Augen von der Farbe gekochter Leber und einer Lederhaut, die davon zeugte, dass er zu lange in der Sonne gewesen war, aber unter seinem glatten weißen Hemd zeichnete sich eine muskulöse Gestalt ab und er strahlte Autorität aus.

Er hat ziemlich viel von Skinner, dachte Mulder und erhob sich. Und doch ist er anders.

"Daniel Prescott, leitender Spezialagent," stellte sich der Mann vor und streckte seine Hand aus. Seine Händedruck war kurz und beinahe schmerzhaft herzlich. Dominanzgehabe, dachte Mulder und schob den Gedanken beiseite.  Was hast du erwartet?

"Fox Mulder, Sir," erwiderte Mulder. "Es freut mich, Sie kennenzulernen."

"Hmm," machte Prescott, aber seine Miene drückte deutlich ein anderes Wort aus: Bullshit.

"Kommen Sie rein, Mulder, setzen Sie sich," forderte Prescott ihn auf, den Weg weisend. Kleines Büro, dachte Mulder. Gewöhn dich dran. Er setzte sich auf einen Lederarmsessel Prescotts Schreibtisch gegenüber, der auch schon bessere Tage gesehen hatte.

"Sie haben eine ganz schöne Karriere hinter sich, Agent Mulder," sagte Prescott, während er in Mulders Personakte blätterte. "Was haben Sie angestellt, dass man Sie in die Provinz geschickt hat?"

"Sir, ich bin nicht sicher, ob Birmingham die Provinz ist," begann Mulder, aber Prescotts Grinsen unterbrach ihn.

"Oh, das ist die Provinz," erklärte Prescott. Das macht ihm Spaß, dachte Mulder. Aber da ist nichts Sadistisches daran. "Das Birmingham Bezirksbüro ist so sehr Provinz, sie würden uns nicht einmal Prügelknaben für die Großen sein lassen. Aber machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Wir finden hier genug, um Sie zu beschäftigen."

"Mir wurde nicht gesagt, was meine Aufgabe sein würde, Sir," sagte Mulder, der Profiler in ihm zeichnete bereits seinen ersten Eindruck von Prescott auf. Schlauer als er aussieht oder aussehen will, dachte Mulder. Reichlich Straßenland unter sich. Und er ist gern hier. Ich hab nicht einmal gewusst, dass es überhaupt möglich ist, diese Art von Exil zu genießen.

Es war ein Puzzle. Und Mulder war gut darin. Er begrüßte die Herausforderung; es würde ihn ablenken...

Andere Dinge.

"Nun, Mulder, Sie haben sich in dem Bundesstaat niedergelassen, der sich selbst das Herz des Dixie nennt, der Staat mit einer der niedrigsten Raten der Nation beim High School Abschluss," erklärte Prescott. "Sie sind ein Verhaltenswissenschaften-Veteran, ich bin sicher, Sie wissen, dass eine ungebildete Bevölkerung einhergeht mit einer entsprechenden Rate an Gewaltkriminalität. Jetzt leistet das ABI einen guten Teil Arbeit hier, aber meistens arbeiten sie für den Gouverneur. Es gibt ein ganz gutes staatliches gerichtsmedizinisches Labor, aber sie sind bis Weihnachten ausgebucht und es wird nicht besser, solange die Grundsteuer so niedrig bleibt wie sie ist. Hören Sie mich?"

"Ja, Sir," erwiderte Mulder. Gewaltkriminalität, dachte er innerlich aufstöhnend. Ist das nicht großartig? Zurück dahin, wo ich angefangen habe.

Prescott musste Mulders Gedanken gelesen haben.

"Es gibt nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssen, Mulder," meinte Prescott. "Mit Ihrem Hintergrund wäre ich ein verdammter Narr, wenn ich Sie einsetzen würde, um Gewaltverbrechen zu untersuchen. Aber davon gibt es nicht annähernd genug, um Sie die ganze Zeit zu beschäftigen. Wir sind immer noch Teil des Centabom Teams. Eric Rudolph hat eine Abtreibungsklinik hier in Birmingham in die Luft gejagt und das ist auch nicht so weit weg vom Centennial Park in Atlanta. Wir haben hier außerdem Banküberfälle, Unbedenklichkeitsbescheinigungen, Abhöraufgaben und sogar diese verdammten Düngemittel, die Sie so hassen."

Darüber musste Mulder lächeln. "Steht das in meiner Akte?"

"So deutlich wie der Tag," sagte Prescott. "Sie haben genau einen Tag damit verbracht, einen Ammoniumnitrateinkauf zu verfolgen und schon waren sie auf irgendeiner Hochgeschwindigkeitsjagd quer durch die Wüste im Südwesten.  Niemand hat dafür eine gute Erklärung gehört."

Mulder sagte nichts.

Prescott musterte ihn scharf. Spooky Mulder, dachte er. Elftausend Agenten beim FBI und ich bekomme Spooky zugeteilt. Einfach unglaublich. Nicht dass es ihm etwas ausmachte, im Gegenteil. Natürlich hatte er all das seltsame Zeug gehört und er hatte die Akte des Mannes gelesen, die noch seltsamer war. Er war nicht besorgt; Prescott war im Süden geboren und aufgewachsen und er hatte Leute getroffen, die ein viel blinderes Vertrauen in UFOS und Regierungsverschwörungen hatten, als Mulder jemals zu träumen wagte. Da waren Menschen nach Hause zurückgekehrt, die beim Grabe ihrer Mutter schworen, dass sie in einem Raumschiff entführt und von Aliens vergewaltigt worden waren. Mehrmals.

Jedenfalls, auch wenn Mulder verrückt war, so hatte er immer noch eine Aufklärungsquote bei seinen Fällen, dass einem die Augen herausfielen, gut genug, um jeden leitenden Special Agent mit halb soviel Verstand glücklich zu machen, ihn zu bekommen. In der Abteilung Verhaltenswissenschaften und seitdem in verschiedenen Spezialaufträgen hatte Mulder gezeigt, dass er immer noch in der Lage war, richtige Polizeiarbeit zu leisten. Terroristen, Serienmörder, sogar eine Geiselnahme, für die er gar nicht ausgebildet war - Mulder hatte sich daran gemacht und exzellente Arbeit geleistet, als wenn er die Abteilung Verhaltenswissenschaften nie verlassen hätte.

Aber der Mann sagte einfach nicht genug, so dass Prescott sich ein Bild davon machen konnte, wer oder was er wirklich war oder warum er Washington freiwillig verlassen hatte, wohin die Karriereleiter unweigerlich führte.  Freiwillig zu gehen war Selbstmord an der Karriere, besonders für einen Einzelgänger wie diesen Typen. Dennoch würde er immer noch ein Gewinn sein für die Abteilung Verhaltenswissenschaften, könnte er ein Gewinn sein, verbesserte sich Prescott, wenn er sich an die Regeln halten würde. Und ich bin der Mann, der es tun kann, Oxfordjunge.

"Mulder, lassen Sie uns eine Minute offen miteinander reden," meinte Prescott, sich in seinem Stuhl zurückdrehend, eine Hand an der Hüfte. "Was immer Sie über Alabama denken, ist womöglich falsch. Wir haben nicht 1960 und niemand will Sie erschießen und in eine Grube werfen. Aber wir haben hier eine Machtstruktur und es wäre nicht zu hilfreich, wenn Sie hier hereinspazieren und sich wie Mr. Großstadt-Bundesagent benehmen würden. Es wird hier nicht interessieren, ob Sie einen akademischen Grad aus Oxford haben, sie werden Ihnen nicht trauen." Prescotts Augen waren hart wie Stahl und Mulder konnte spüren, wie sie über ihn hinwegwanderten, ihn herausforderten, ihm die Peitsche zeigten.

Aber Mulder war nicht bereit aufzugeben - noch nicht. "Sir, es ist mir wirklich egal, ob mir jemand traut oder nicht," erwiderte Mulder. "Ich habe auch nicht die Absicht, ihnen zu trauen; ich habe vor langer Zeit aufgehört, den Menschen zu trauen." Mulder lehnte sich in seinem Stuhl zurück, nur ein wenig. "An diesem Punkt bin ich verpflichtet, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass ich auch keinen Grund habe, Ihnen zu trauen." (Du traust immer noch jemandem, sagte die leise Stimme in seinem Kopf, aber er zwang sich, sie zu ignorieren. Später, sagte er sich. Befass dich mit diesem Schmerz später, wenn du allein bist.)

"Es interessiert mich einen Scheiß, ob Sie mir trauen oder nicht, Mulder," entgegnete Prescott leichthin. "Wenigsten solange, wie Sie nicht vergessen, wer hier die Befehle gibt. Ich kenne Ihre Vergangenheit und ich kann Ihnen jetzt schon sagen, Sie brauchen eine Haltungsanpassung. Hier sind die Regeln anders, ein paar davon zumindest, aber es ist immer noch das FBI.  Vergessen Sie das nicht; und wagen Sie sich nicht auf irgendeine gottverdammte Gänsejagd, ohne mir davon zu erzählen. Das funktioniert nicht."

"Sir, ich löste eine Anzahl..." begann Mulder, aber Prescott unterbrach ihn. "Ich weiß Bescheid über Ihre Arbeit an den X-Akten und Ihre Jagd nach kleinen grünen Männchen," erklärte Prescott und forderte mit erhobener Hand Schweigen, als Mulder noch einmal begann zu reden. "Ich denke, das ist Pferdescheiße, aber was ich so gehört habe, haben Sie fachmännische Arbeit geleistet und es ist Ihnen gelungen, nebenbei ein paar wirkliche Fälle zu lösen. Kurz gesagt, Sie sind ein guter Agent, oder Sie waren es."

"Ich bin es immer noch, Sir," stellte Mulder ruhig klar, seine Augen zusammengekniffen in einer Weise, die Scully verstanden hätte, wenn sie dagewesen wäre.

Prescott gab sich einem weiteren Lächeln hin, zufrieden darüber, dass er Mulder nicht unter die Haut gegangen war. Das war ein gutes Zeichen.  Dennoch musste er noch einen Versuch starten; Mulder war noch nicht ganz bereit, sich Prescotts Autorität unterzuordnen, und das war etwas, was Prescott nicht bereit war zu tolerieren.

"Mulder, hören Sie mit dem Mist auf, okay? Sie mögen ein guter Cop sein, aber Sie sind auch ein unsicherer Kantonist. Die meiste Zeit Ihrer Karriere waren Sie in Schwierigkeiten, wurden sogar zum Direktor für Entlassung und Degradierung, und der einzige Grund, warum Sie hier sind anstatt sich mit halbwüchsigen Ladendieben im örtlichen Wal Mart herumzuschlagen ist, dass Sie augenscheinlich Freunde an hohen Stellen haben, die das nicht zulassen."

"Ich habe niemals jemanden darum gebeten, meine Karriere zu retten," sagte Mulder. "Bis heute weiß ich nicht, wer die Regeln des OPR widerrufen hat.  Das ist weit über meiner Gehaltsklasse passiert." Es war auch weit über deiner Gehaltsklasse, du Hurensohn, dachte Mulder. Mal sehen, wie du darauf reagierst.

Prescott lehnte sich nach vorn und sein Blick war gerade, aber Mulder spürte die Drohung hinter diesem Blick.

"Agent Mulder," erklärte Prescott. "Es interessiert mich einen Dreck, wer es war, weil es nicht zählt. Sie sind weder Rod Serlin noch der verdammte Efrem Zimbalist Jr. Sie sind nicht mit sechstausend anderen Agenten im Hoover Building, Sie sind nur einer von 71 Agenten in Birmingham, Alabama, in meinem gottverdammten FBI. Menschen, die es in meinem FBI vermasseln, gehen nicht zurück in die Abteilung Verhaltenswissenschaften, Agent Mulder, und sie gehen auch nicht zu den verdammten X-Akten zurück. Sie fliegen auf ihrem lilienweißen Arsch aus dem Büro, aber sie lassen ihre Eier als Souvenir an meiner Wand zurück. Denken Sie, dass Sie damit klarkommen können?"

"Wenn ich das nicht denken würde, wäre ich nicht hier," antwortete Mulder, immer noch seine Stimme ruhig haltend. "Ist das alles, Sir?"

"Gehen Sie," erwiderte Prescott und wedelte mit der Hand in Richtung Tür.  "Sie müssen ein bisschen Papierkram erledigen und dann werde ich Cheryl in der Verwaltung bitten, Ihnen ein paar Hinweise zu geben, damit Sie eine Wohnung finden. Seien Sie morgen um 8.15 Uhr hier."

Mulder nickte und erhob sich. Vor Prescotts Schreibtisch stehend, sagte er, "Sir, ich bin seit elf Jahren beim FBI und ich habe nicht die ganze Zeit damit zugebracht, kleine grüne Männchen zu jagen. Glauben Sie es oder nicht, ich bin ein verdammt guter Ermittler, wenn Sie mich erst kennen."

"Oh, dessen bin ich mir sicher, Agent Mulder," entgegnete Prescott gedehnt.  "Weil, wenn ich es nicht glauben würde, dann wären Sie nicht hier, darauf können Sie Ihren süßen Hintern verwetten."

Mulder nickte wieder, dann sah er Prescott an, sein Blick scharf, analysierend. "Marine?" fragte er. "Vietnam, vielleicht?"

Prescott schüttelte den Kopf. Profiler, dachte er. Du lieber Gott.  "Kriegsgeheimnis," sagte Prescott. "Vertraulich. Weit über Ihrer Gehaltsklasse."

Mulder zog eine Augenbraue hoch, nickte beinahe unmerklich und ging, die Tür hinter sich schließend. Prescott lehnte sich befriedigt zurück. Mulder unter Kontrolle zu halten würde eine Herausforderung sein, und Dan Prescott hatte eine verdammt lange Zeit keine Herausforderung wie diese gehabt. Gib auf und leg deine Kehle bloß, Junge, dann hau ab und erledige deinen Job und vielleicht kannst du deine Eier ein bisschen länger behalten.

 

 

 

 

 

Maggie Scullys Haus

zwei Tage später

13:30 p.m.

 

"Mom, wenn wir nicht bald losfahren, werde ich meinen Flug verpassen," rief Bill die Treppe hinauf. Er trug seine Ausgehuniform, hatte seinen Mantel an, die Taschen in der Hand und war fertig zum Losfahren und seine Mutter zog sich immer noch oben an.

"Nur noch eine Minute, Bill, versprochen," rief Maggie hinunter. "Bring schon mal deine Sachen ins Auto, ich bin gleich da."

"Mom, ich darf diesen Flieger nicht verpassen. Sie haben meinen Urlaub gestrichen. Das bedeutet Ärger und das bedeutet, ich sollte gestern dasein!"

"Das weiß ich, Bill," erwiderte Maggie unbeirrt. "Ich bin gleich sofort!"

Verärgert ging Bill zur Tür und fummelte mit drei Fingern an der Klinke herum, während er in den anderen beiden das Handgepäck hielt. Mit einigen Schwierigkeiten schaffte er es, die Tür zu öffnen und ging langsam zum Auto, damit er nicht auf der dünnen Eisschicht ausrutschte, die die Treppe bedeckte. Er warf das Gepäck auf den Rücksitz, schob sich auf den Beifahrersitz, langte hinüber, steckte den Zündschlüssel ins Schloss und startete den Motor, um ihn warmlaufen zu lassen. Dann lehnte er sich zurück, um auf seine Mutter zu warten. Beinahe bereute er es, dass er Tara und das Baby zu ihrer Mutter geschickt hatte, aber sie war verärgert gewesen und mit ihrer eigenen Familie würde sie glücklicher sein.

Aber sie hätte ihn auch nicht seinen Flug verpassen lassen, dachte er mit wachsender Irritation. Gott, Mom, jetzt komm schon! Er hatte gehofft, dass Dana mit zum Flughafen kommen würde, aber er wusste, darum zu bitten, war ein bisschen zu viel. Sie hatten beide die Beherrschung verloren, aber das war vorher auch schon passiert und sie waren immer in der Lage gewesen, es rasch zu beenden. Diesmal war es anders. Dad hatte früher immer gesagt, sieh im Wörterbuch unter Beherrschung nach und gleich daneben findest du ein Foto der Scully-Familie. Er hatte gewusst, wovon er sprach.

 

 

 

 

 

Gestern Abend, genau eine Woche nach der apokalyptischen Szene zwischen Bill und seiner Schwester, hatte Maggie ihn gefragt, ob er mit ihr einen Spaziergang machen würde. Sofort gingen bei ihm die Alarmglocken los.  Draußen schneite es und es war eiskalt und Maggie hasste es zu frieren. Sie verließ ihren Kamin nicht zum Vergnügen. Nur einfach um den Block, hatte sie leichthin gemeint. Sie wollte nur ein bisschen frische Luft schnappen.

Bill hatte aufgestöhnt, während er seine Kaltwetter-Klamotten überzog und gewusst, dass dies eine von diesen typisch weiblichen ‚oh, wir wollen nur darüber reden'-Sachen werden würde. Warum zur Hölle konnte niemand damit aufhören, Dana sich einfach beruhigen lassen und ihn auch und das ganze einfach vergessen? Dad hätte das getan. Bill und seine Mutter waren noch nicht einmal einen halben Block von zu Hause fort, als sie ihn mit der befürchteten Bemerkung traf.

"Bill," hatte Maggie gesagt. "Wir müssen wirklich miteinander reden."

"Oh du lieber Gott," hatte Bill gemurmelt. Das brachte ihm einen scharfen Blick seiner Mutter ein. "Tut mir leid, Mom. Seemannsgerede."

"Nun, dann heb dir dein Seemannsgerede für die See auf," hatte Maggie geantwortet. "Bill, du musst wissen, wie besorgt ich wegen des Streits zwischen dir und Dana bin. Das kann so nicht weitergehen."

"Nichts geht so weiter. Wir streiten gar nicht mehr. Sie braucht nur Zeit, um sich zu beruhigen."

"Bill, ihr streitet euch nicht, weil ihr gar nicht miteinander redet. Sie beruhigt sich nicht, sie zieht sich zurück. Was passiert ist, war viel schlimmer als alles, was ich bisher bei euch beiden erlebt habe. Du hast Dana noch nie so angeschrieen und ich habe sie nie zuvor dich schlagen gesehen."

Bill schnaufte. "Sie hat eine starke Rechte. Wenn ihre Linke auch so gut ist, sollten wir sie in den Boxring stellen." Es klang beinahe stolz; stolz, aber überhaupt nicht glücklich.

"Sie und ich haben nachts miteinander geredet..." begann Maggie, aber Bill unterbrach sie. "Also das ist es. Du überbringst Nachrichten von Dana? Ich dachte, sie hätte soviel Schneid, selbst mit mir zu reden."

"Das ist keine Frage von Mut, Bill," hatte Maggie erwidert. "Dana ist einer der mutigsten Menschen, die ich kenne. Sie stand in der Schusslinie und sie hat sich ihr gestellt und sie ist immer noch da. Bedeutet dir das gar nichts?"

"Dafür bezahlen sie sie," meinte er barsch. "Was soll ich deiner Meinung nach tun? Applaudieren?"

"Nein," entgegnete Maggie scharf. "Ich möchte, dass du sagst, dass du sie für das, was sie tut, bewunderst. Dass es dir etwas bedeutet, dass sie sich in Gefahr begibt, dass sie Risiken auf sich nimmt, um die zu schützen, die zu Hause sind."

"Aliens nachzujagen ist nicht meine Vorstellung davon, der Welt die Demokratie zu sichern. Das ist meine Vorstellung von verrückt und Dana ist verrückt, diesem Idioten Mulder zu folgen."

Maggie packte Bill am Ärmel und stoppte ihn so. Sie stellte sich direkt vor ihm hin, sah zu dem breiten, hochgewachsenen Seemann auf und wunderte sich nicht zum ersten Mal darüber, wie sie ihn mit ihrem eigenen schmalen Körper vor so vielen Jahren hatte zur Welt bringen können. "Bill, ich weiß nicht alles über Danas Arbeit. Sie enthält uns eine Menge vor; so will sie es.  Aber letzte Nacht hat sie mir eine Menge Dinge erzählt, von denen sie noch nie gesprochen hat. Und das erschreckt mich - das erschreckt mich sehr. Es ist nicht Danas Art, so offen zu reden."

Einen Moment hielt Maggie inne. Über ihre Ängste um Dana zu sprechen machte es nur noch schlimmer. Sie änderte die Richtung. "Dana ist... ein Rätsel.  Das war sie immer gewesen. Aber jetzt ist sie es mehr als je zuvor, denn obwohl sie möchte, dass wir sie kennen und begrüßen, was sie tut und dass wir stolz auf sie sind, verbirgt sie so viel vor uns," sagte Maggie. "Sie versucht, uns davor zu bewahren, sie als jemanden zu sehen... der sich gegen die menschliche Agonie stärkt, jemand, der verletzt und tötet."

"So ist sie nicht, oder so war sie niemals zuvor," antwortete Bill. Maggie musste nicht fragen, was er mit ‚zuvor' meinte.

"Sie ist am Leben und hat einen sehr gefährlichen Beruf," erklärte Maggie.  "Ich nehme an, sie hat sich dem angepasst. Sie hat gelernt, sich selbst zu verteidigen. Sie hat sich verändert, Bill, und das in einer Art, die mir leid tut. Aber was wirklich zählt, sie ist immer noch unsere Dana."

"Mom, Danas Job ist die eine Sache. Ihr Partner ist eine andere und er kostet sie beinahe das Leben. Melissa wurde von Leuten umgebracht, die etwas wollten, was Mulder gestohlen hat, so wie ich das verstanden habe.  Eigentum des DoD," sagte er und benutzte die militärische Abkürzung für Verteidigungsministerium. "Ist das der Mann, mit dem du sie arbeiten lassen möchtest? Sie war schon zwei Jahre beim FBI, bevor sie ihn getroffen hat, hat an der Akademie unterrichtet, vollkommen sicher, und hat ihren Teil für Gott und den Staat getan."

Bill hatte die Zähne zusammengebissen und seine Nackenhaare standen zu Berge. "Was war verkehrt an diesem Job, Mom? Warum bin ich der einzige in der Familie, der glaubt, dass dieser Bastard Mulder schlecht ist, für Dana und für den Rest von uns?" Er war wütend, obwohl Maggie hinter der Wut seine glaubhafte Besorgnis um Dana , seine endlose Trauer um Melissa - er war zwei Tage, nachdem sie gestorben war, von einem Noteinsatz nach Hause gekommen - und vor allem seine Schuld hören konnte.

Maggie kannte die Schuld der Navyleute nur zu gut. Sie war endemisch in dem Haufen der Blauuniformierten. Sie blieben monatelang fort, arbeiteten an ihrer Karriere, liebten ihren Job und dann kamen sie nach Hause, um sich in der Schuld darüber zu wälzen, was sie alles nicht getan hatten und was in ihrer Abwesenheit schief gegangen war. Seit dem Tod seines Vaters schien Bill Jr. sich für die ganze Familie verantwortlich zu machen, und das bedeutete, dass er mehr als genug Navyschuld mit sich herumtrug.

Natürlich war es die Lösung, die Navy zu verlassen, zu Hause zu bleiben und sich um die Angelegenheiten zu kümmern. Doch keiner der Scullymänner würde diesen Gedanken jemals hegen. Und Bill konnte die Verbindung nicht sehen?  Maggie schüttelte den Kopf. "Lass uns weitergehen, sonst schneien wir noch ein," sagte sie und nahm wieder seinen Arm. Sie gingen einen halben Block weiter, bevor Maggie wieder sprach. "Bill, kennst du die Selbstmordrate unter den Gesetzeshütern?"

"Nein," erwiderte er, nur halb hinhörend.

"Nun, sie ist grausam," meinte Maggie. "Ich habe sie mir gestern angesehen, weil ich denke, dass ich eine Menge über Polizeiarbeit lernen muss.  Nachdem, was ich gelesen habe, bringen sich Polizeioffiziere, und das schließt das FBI ein, viel öfter um als andere Leute."

"Und?" schoss Bill zurück. "Willst du mir sagen, dass sich Dana umbringen wird?"

"Nein, das will ich nicht," erwiderte Maggie, ein wenig verärgert. "Was ich dir sagen will ist, dass die Experten sagen, dass Menschen wie Dana, und Fox, in ständiger Gefahr sind, zu zerbrechen und eines Tages nicht mehr in der Lage sein werden, es zu ertragen. Deshalb bedeutet es für Dana so viel, einen Partner zu haben. Und deswegen würden sie - oder einer von ihnen - sterben oder töten, um den anderen zu schützen."

Bill redete noch immer nicht, aber wenigstens hörte er jetzt zu. So wie er den Kopf geneigt hielt, konnte Maggie erkennen, dass er anfing zu begreifen.

"Ich verstehe nicht, was Dana tut," fuhr Maggie fort. "Ich verstehe nicht, wie sie sich selbst dazu bringen kann, ein Kind zu untersuchen, das von einem psychotischen Killer zu Tode gequält worden ist. Ich verstehe nicht, wie sie angeschossen, verbannt oder geschlagen werden kann und immer noch aufsteht, bereit hinauszugehen und es am nächsten Tag wieder zu tun. Aber das beeinflusst sie. Als wir miteinander sprachen, redete sie immer wieder über den Tod und über das Töten. Egal was ich gesagt habe, sie kam immer wieder darauf zurück."

Bill schauderte angesichts dessen, aber Maggie hörte jetzt nicht auf. Wie viele Frauen musste sie ihre Gedanken aussprechen, um sie zu verstehen, sie klärte die Dinge sowohl für sich selbst als auch für Bill.

"Bill, ich habe Dana letzte Nacht tatsächlich gesagt, dass ich sie nicht verstehe und deswegen fühle ich mich schrecklich, aber es ist die Wahrheit und sie schien sie zu akzeptieren. Für den Fall, dass es dir noch nicht aufgefallen ist, Dana schätzt die Wahrheit," meinte Maggie und er konnte den Stolz in ihren Augen sehen.

"Ich weiß, dass sie das tut," brummte er. "Das habe ich niemals bezweifelt."

"Dann versuche zu verstehen, dass Dana jetzt deine Unterstützung braucht," antwortete Maggie. "Sie hat sie verdient. Sie tut das, was sie tut, weil sie daran glaubt, dass es richtig ist und notwendig. Da ist sie nicht viel anders als du. Du bist in der Navy, weil die Navy ein Teil dessen ist, was uns alle vor den Feinden im Ausland schützt. Dana hilft, dein Heim und deine Familie zu beschützen, derweil du fort bist. Beide seid ihr darauf vorbereitet, Gewalt anzuwenden und zu töten, wenn es nötig ist. Ihr wisst beide, dass eure Jobs euch alles kosten können, was ihr habt. Aber ihr macht beide weiter, ungeachtet dessen, was es euch oder die Menschen, die ihr liebt, kostet."

"Was habe ich dich gekostet, Mom? Melissa ist nicht wegen mir gestorben," antwortete Bill, den Blick auf den Gehsteig gerichtet.

"Ich bin froh, dass du das erkannt hast," erklärte seine Mutter. "Ich war mir dessen nicht sicher." Das saß. Sie konnte es sehen. Er hatte sich selbst dafür angeklagt. Navyschuld, dachte sie wieder.

"Bill, willst du wissen, was dein Job die Menschen, die dich lieben, wirklich kostet?" fragte Maggie. "Weil ich es dir sagen kann: sehr viel.  Ich weiß, wie Taras Leben verläuft, weil ich es selbst erlebt habe; zu Hause zu sein mit einem kleinen Kind, auf den Ehemann zu warten, dass er von See heimkommt, zu hoffen und zu beten, dass nichts passiert, was ihn davon abhält, jemals wieder heimzukommen. Nein Bill, Dana und du, ihr seid gar nicht so verschieden."

"Mom," begann Bill, aber wieder brachte ihn seine Mutter zum Schweigen. Sie waren beinahe zu Hause und sie musste fertig werden. "Bill, wenn du auf See bist, dann hast du Schiffskameraden und dein Ziel und deine Traditionen, um es zu ertragen. Danas Job stellt sie abseits des Hauptziels des FBI, alles was sie dazu bringt weiterzumachen, ist ihr Partner und ihr Glaube an die Richtigkeit dessen, was er tut. Ich weiß, dass du ihn nicht leiden kannst und ich weiß auch, warum. Ich habe ihm gegenüber selbst Vorbehalte. Aber ich glaube daran, dass Fox alles aufgeben würde, einschließlich seines eigenen Lebens, um sie in Sicherheit zu wissen. Würdest du das als weit entfernt von deinen Schiffskameraden einschätzen?"

"Das ist Mulder für sie? Ihr... Schiffskamerad?" fragte Bill. Es war eine Frage, keine Herausforderung. Zum ersten Mal in seinem Leben hörte er ihr wirklich zu und sie belohnte ihn, indem sie ihm eine ehrliche Antwort gab, eine zu der sie all das Reden gebraucht hatte, um sie zu finden. "Er ist ihr Partner. Ihre Lebenslinie," sagte Maggie. "Sie braucht ihn. Sie vertraut ihm. Und ganz abgesehen davon, sie liebt ihn, Bill, tief und aufrichtig. Aber ich glaube, was für Dana sehr viel wichtiger ist, worauf sie sich wirklich stützt, ist zu wissen, dass er sie genauso braucht. Und jetzt sind sie getrennt, er lässt sich versetzen."

"Weswegen? Hat er ein kleines grünes Männchen davonkommen lassen?"

"Nein, er tut es für Dana," erklärte Maggie und ignorierte den Spott.  "Augenscheinlich hat er das Gefühl, dass er sie in Gefahr gebracht hat und er hat um Versetzung gebeten."

"Ich kann nicht behaupten, dass ich deswegen verärgert wäre," brummte Bill.

"Ich weiß," sagte Maggie. "Aber es ärgert Dana. Es bringt sie um."

"Nicht buchstäblich," erwiderte Bill und sah seine Mutter erstaunt an.

"Dana würde das nicht tun."

"Ich weiß nicht," sagte Maggie langsam. "Ich hoffe, nicht. Alles was ich weiß ist, dass ich mir Sorgen um sie mache, Bill, so wie nie zuvor."

 

 

 

 

 

Nun, während Bill in dem sich langsam erwärmenden Auto saß, wünschte er, dass er mehr Zeit hätte, mehr Zeit, um diese Unterhaltung in sich aufzunehmen und zu versuchen, irgendeine Art Entspannung mit seiner Schwester zu erreichen. Aber so war die Navy: die Zeit war vorbei, wenn sie vorbei war und man ging, wenn man gerufen wurde.

Und wenn man gerufen wurde, wie er heute Morgen, dann bedeutete das Ärger, ernsthaften Ärger irgendwo in der Welt. Er hatte die Morgenausgabe der Washington Post von vorn bis hinten gelesen auf der Suche nach einem Hinweis, aber er konnte keinen finden.

Was immer der Ärger war, er wurde wahrscheinlich geheim gehalten, bis sie auf See waren. Vielleicht würde er ihr schreiben, überlegte er, aber in seinem Herzen wusste er, dass er es nicht tun würde. Er war ein lausiger Briefschreiber.

Bill war tief in Gedanken, als er hörte, wie die Fahrertür geöffnet wurde und eine Gestalt im schwarzen Mantel einstieg.

"Das hat ja ewig gedauert," brummte er. "Nie im Leben werden wir es jetzt noch schaffen."

"Oh, wir werden es schaffen," erwiderte eine kühle, gleichmäßige Stimme.  Bill blickte erschrocken auf. Es war Dana, immer noch blass und schmal, die letzten Spuren ihrer Verletzungen immer noch im Gesicht.

"Dana, geh wieder rein. Es geht dir noch nicht gut genug, um zu fahren," stieß er hervor.

"Versuchst du immer noch, mein Leben zu führen, Bill?"

War sie immer noch wütend? Er konnte es nicht sagen. "Ich sage nur..."

"Du sagst nur, dass du mein Leben besser führen kannst, als ich es kann," entgegnete Dana und legte den Sicherheitsgurt an. "Bill, was muss ich tun?  Dich wieder schlagen?"

Bill grinste, ein breites Scullygrinsen von einem Ohr zum anderen. Einen Augenblick später bekam er ein kleines Lächeln zurück, aber keiner von beiden redete.

Dana, Dana, dachte Bill. Dieser Muldertyp hat dich nicht einmal zur Hälfte verdient. Aber ich schwöre bei Gott, ich werde versuchen, den Mund zu halten. Er sann darüber nach, was er sagen sollte. "Hör bloß auf," meinte er schließlich und sah, wie ihre Augen aufblitzten. In einer spöttisch-abwehrenden Geste hielt er die Hände hoch. "Bitte, hau mich nicht wieder. Ich werde genug Schwierigkeiten damit haben, es der Crew zu erklären, dass mich meine kleine Schwester zusammengeschlagen hat."

"Ich kann es auch wieder tun," erklärte Dana, legte den Rückwärtsgang ein und setzte den Wagen auf der Auffahrt zurück. "Vergiss das nicht. Und nun schnall dich an. Du hast eine interessante Fahrt vor dir."

 

 

 

 

 

Auf der Fahrt zum Baltimore-Washington International Airport 12:47 p.m.

Die Fahrt war die Hölle. Dana, sich anscheinend der Reste von Schnee und Eis, die die Schneepflüge übriggelassen hatten, nicht bewusst, hatte das Gaspedal durchgetreten, sobald sie den Highway erreicht hatten, und jagte den großen Buick ihrer Mutter die Straße entlang. Bill, der geglaubt hatte, schon alles gesehen zu haben, was ihn jemals erschrecken konnte, klammerte sich an den Sitz als ginge es um sein Leben.

Aber Dana schien ihr Handwerk zu beherrschen, das musste er zugeben.  Gekonnt lenkte sie das Auto um Hindernisse herum, behielt es in den engsten Kurven unter Kontrolle und ließ die Tachonadel nie unter 70 Meilen sinken.

Sie würden es rechtzeitig schaffen, oder sie würden bei dem Versuch, es zu tun, sterben, dachte Bill. "Dana, du solltest langsamer fahren," bat er.  "Es ist sauglatt da draußen."

Dana schüttelte den Kopf. "Ich kann unter schlimmeren Bedingungen fahren.

Das ist Teil meiner Ausbildung."

"Wer war dein Lehrer? Mario Andretti?" brummte er.

Sie lächelte immer noch nicht. "Nein," sagte sie. "Der Sicherheitsdienst der Vereinigten Staaten, der, das muss ich feststellen, das FBI nicht mehr liebt als es die Navy tut."

"Ich kann verstehen, warum," knurrte Bill, sich immer noch festklammernd.  Er bewegte seinen Kopf zur Seite, um seinen steifen Nacken zu lösen - zu verspannt, viel zu verspannt, dachte er - und da sah er, im selben Moment wie seine Schwester, die blinkenden Lichter eines Maryland Highway Streifenwagens.

"Großartig," meinte Bill. "Jetzt schaffen wir es wirklich nicht mehr."

Dana sah ihn ruhig an. "Lass mich nur machen, Bill. Behalt einfach deine Hände im Schoß und bewege dich nicht, bis ich sage, es ist okay. Ich meine es todernst." Sie fuhr an den Straßenrand, hielt den Wagen an und rollte ihr Fenster herunter. Rasch legte sie ihre Hände zurück auf das Lenkrad, als sich der Streifenpolizist näherte.

"Guten Tag, Ma'am," grüßte der Officer. "Das war ein bisschen schnell oder was würden Sie sagen?"

"Officer, ich bin bewaffnet," erklärte Dana, ohne ihre Hände zu bewegen.  "Ich bin Bundesagentin. Ich werde jetzt in meine Jackentasche greifen und meinen Ausweis herausholen."

"In Ordnung," sagte der Cop, nun ganz wachsam. "Bewegen Sie sich bitte ganz langsam." Er griff mit der Hand nach hinten zu seiner eigenen Waffe und beobachtete sorgfältig, wie Dana ihm die Lederhülle, die ihren Ausweis und ihre ID-Karte enthielt, herausreichte.

"Wo ist die Waffe, Agent Scully?" fragte der Cop, sah zuerst auf den Ausweis, dann auf Bill, der sich, wie befohlen, nicht bewegte. Jetzt verstand Bill; das war tatsächlich gefährlich. Wenn der Cop Dana nicht glaubte, dass sie die war, für die sie sich ausgab, wenn er glaubte, dass sie nach ihrer Waffe griff, würde er schießen.

"Sie ist hinter meinem Rücken," sagte sie, vollkommen still sitzend.

"Ist Ihr Begleiter bewaffnet?"

"Nein."

"Würden Sie bitte aus dem Auto steigen, Ihre Hände so, dass ich sie sehen kann? Sie legen die Hände auf das Armaturenbrett und bleiben sitzen, Sir," ordnete er an und sah zu Bill, der tat, was er ihm gesagt hatte.

Scully stieg aus, drehte dem Cop den Rücken zu und legte die Hände auf das Autodach. Der Cop schob ihren Mantel beiseite und ergriff die Waffe.  "Danke, Agent Scully. Sie können jetzt wieder einsteigen. Ich muss wegen der Ausweisnummer anrufen."

"Natürlich," antwortete Scully.

"Nur eine Minute," erklärte er und ging zurück zu seinem Auto. Es dauerte weniger als eine Minute.

"Danke, Agent Scully," sagte der Officer und gab ihr ihre Waffe zurück.  "Setzen Sie Ihren Weg fort. Bitte versuchen Sie dennoch, ein wenig vorsichtiger zu sein, die Straße ist heute sehr glatt."

"Danke, Officer," antwortete Scully, steckte ihre Waffe zurück in das Holster und legte den Sicherheitsgurt wieder an. "Das werde ich tun."

Der Officer tippte an seine Mütze, ging zurück zum Streifenwagen, stieg ein und fuhr davon.

Bill sah erstaunt zu. "Was war das?" fragte er. "Er hat dich nicht einmal nach deinem Führerschein gefragt."

Dana zuckte mit den Achseln. "Weil ich ihm meine Erkennungsmarke gezeigt habe," sagte sie. "Aber Verkehrspolizisten werden bei Waffen nervös, also hat er meinen Ausweis und meine Waffe nachgeprüft."

Bill begann zu lachen. Er konnte nichts dagegen tun. Seine kleine Schwester saß hier so kaltblütig und schaffte sich einen Strafzettel vom Hals. "Du hast ihm deine Marke gezeigt? Was zur Hölle soll das denn bedeuten?" fragte er immer noch lachend. "Du hast ihn eingesackt?"

"Nein," entgegnete Dana. "Hab meine Glaubwürdigkeit blinken lassen. Hab ihn vorgeführt. Hab ihm die Marke gezeigt. Wie immer du es auch nennen willst; es bedeutet einfach nur, dass ich ihm meinen Ausweis gezeigt habe."

"Nun, mir hast du ihn nie gezeigt," meinte Bill. "Wie ist es - kann ich ihn sehen?"

Danas Augen weiteten sich. "Sicher," antwortete sie. Sie händigte ihm die Lederhülle ganz zwanglos aus, als wäre es etwas Alltägliches, aber Bill wusste, dass er irgendwie, durch einen beinahe unerhörten Schicksalsschlag, das Richtige zu seiner Schwester gesagt hatte, vielleicht zum ersten Mal seit Jahren.

Bill öffnete die Hülle und studierte den Messingausweis mit dem Adler

obenauf, die ID-Karte mit dem ‚FBI' in großen Lettern verziert, die lange,

komplizierte Ausweisnummer und darüber das Foto seiner Schwester, ihr Name

und ihre Unterschrift. Special Agent Dana Katherine Scully.

Das ist meine Dana. Meine kleine Schwester. Er besah es sich lange. Dana beobachtete ihn, bewegte sich aber nicht.

"Shit," sagte Bill schließlich. "Ich will auch so etwas haben." Jetzt hatte er schon zwei Punkte gemacht, noch einmal hatte er das Richtige gesagt. Er konnte es im Gesicht seiner Schwester sehen, in ihrem stillen Stolz, als sie ihren Ausweis zurücknahm und ihn sorgfältig in die Tasche steckte.

Dana startete den Wagen wieder und lenkte ihn zurück auf den rutschigen Highway. "Vielleicht solltest du das," meinte sie, das Licht wich aus ihren Augen, als sie das Gaspedal noch einmal durchdrückte. "Es kann Spaß machen, FBI zu spielen."

 

 

 

 

 

Baltimore-Washington International Airport

1:32 p.m.

 

Sie schafften es zur Abfertigungshalle und hatten weniger als fünf Minuten, bis Bills Flug aufgerufen wurde. Dana hielt mit quietschenden Reifen vor dem Terminal von Delta Airlines an und sprang heraus.

"Ich gehe schon," meinte Bill. "Ich werde rennen müssen, wenn ich dieses Flugzeug noch bekommen will." Er küßte sie flüchtig auf die Wange, griff sein Gepäck vom Rücksitz und eilte zur Tür, wo er auf zwei Seeleute mit niedrigem Dienstgrad traf.

"Commander Scully, Sir," sagten die beiden Seeleute wie aus einem Munde und salutierten. Bill wechselte das Gepäck in die linke Hand und erwiderte den Gruß.

"Sind Sie auf der Suche nach mir," fragte er.

"Sir, wir wurden geschickt, um Sie zu Ihrem Flugzeug zu begleiten," antwortete einer der Seeleute. "Sie haben es für sie aufgehalten."

"Auf wessen Befehl?"

"Sir, ich glaube, es war der Befehl des COMSURFLANT," sagte der andere Seemann. "Darf ich Ihr Gepäck haben, Sir?"

Bill nickte, der Seemann nahm die Taschen und eilte auf das Gate zu. Bill drehte sich um und sah Dana neben sich stehen. Ihr Gesicht war nachdenklich. "Sie haben das Flugzeug aufgehalten?" fragte sie und zog eine Augenbraue hoch.

"Ja," antwortete Bill. "Anscheinend meint es die Navy ernst damit, mich so schnell wie möglich an Bord haben zu wollen."

Dana antwortete nicht, aber auf ihrer Stirn standen Sorgenfalten.

Der andere Seemann räusperte sich und zog Bills Aufmerksamkeit auf sich.

"Ja?" schnappte er.

"Sir, es tut mir leid, Sir," sagte der Matrose. "Ich habe die Anweisung, Sie zum schnellstmöglichen Zeitpunkt an Bord des Flugzeugs zu bringen."

"Ich bin auf dem Weg," antwortete Bill. "Fliegen Sie ebenfalls mit?"

"Nein, Sir," erwiderte der Seemann.

"Dann parken Sie bitte den Wagen meiner Schwester auf dem Kurzzeitparkplatz und treffen Sie sie wegen der Schlüssel an meinem Abflugschalter."

"Aye, aye, Sir," antwortete der junge Mann. Er streckte Dana seine Hand entgegen, die - mit einem prüfenden Blick auf ihren Bruder - ihre Schlüssel in seine Hand legte.

"Ma'am, wir treffen uns am Schalter 5 von Delta Airlines," sagte der Seemann, dann salutierte er noch einmal vor Bill. "Sir."

Bill erwiderte den Gruß. "Lassen Sie sie nicht warten." Auf den Terminal zugehend, hielt er seiner Schwester die Tür auf und begann, seinen Mantel ausziehend, flott auf sein Abfluggate zuzugehen.

"Kammerdienerservice," meinte Dana. "Nicht zu heruntergekommen."

Bill knurrte, "Das bewahrt sie vor Schwierigkeiten."

Sie erreichten den Sicherheitsschalter. Dana zögerte.

"Ich könnte auch hier auf ihn warten," sagte sie.

"Wo ist das Problem?" fragte Bill.

"Die Waffe," antwortete sie nur.

"Kannst du damit nicht durch? Du gehörst zum FBI, um Gottes Willen."

"Es zieht nur eine Menge Aufmerksamkeit auf sich," erwiderte sie ,dann zuckte sie mut den Schultern. "Ich denke, ich kann es noch einmal durchstehen." Sie ging um den Metalldetektor herum und blieb vor einem uniformierten Wächter stehen, der sich erhob, als sie sich näherte und ihr bedeutete, stehenzubleiben.

"Warum zeigst du ihm nicht deine Marke?" schlug Bill augenzwinkernd vor.

Scully sah ihn von der Seite an, aber er sah, dass sie nicht sauer war. "Du solltest glücklich sein, Bill," meinte sie und zeigte ihren Ausweis und schob ihren Mantel über der Waffe zur Seite. "Ich tue das nicht für jeden."

"Werden Sie an Bord gehen, Agent Scully?" fragte der Wachmann.

Sie schüttelte den Kopf.

"Noch andere Waffen?"

"Nein."

Bill war in der Zwischenzeit durch den Kontrollpunkt gegangen und wartete auf der anderen Seite auf sie, während der Wachmann ihr gestattete, durchzugehen.

"Das war nicht so schlimm, oder?" fragte er.

"Nein," bestätigte Scully. "Aber nur deswegen, weil ich nicht an Bord gehe.  Dann wird es schwieriger. Sie müssen es der Fluggesellschaft melden, ihnen meine Platznummer nennen und so weiter. Du kannst dein Flugzeug verpassen, außer du hast einen Navyausweis oder so etwas."

"Ha, ha," meinte Bill sarkastisch und sie beschenkte ihn mit einem schwachen Kleine-Schwester-Lächeln, als sie gemeinsam zum Schalter gingen, wo das Airline-Personal bereits ungeduldig wartete.

Der Seemann, der sein Gepäck genommen hatte, trat auf ihn zu. "Ihre Buchungsbestätigung, Sir," sagte er. "Sie können gleich an Bord gehen."

Bill knurrte nur als Antwort. Der Seemann trat zurück, drehte sich auf dem Absatz um und ging zum Außenbereich des Gates.

"Bill, ich glaube, er hat Angst vor dir," sagte Dana mit einem kleinen Lächeln in den Mundwinkeln. "Ich glaube, sie alle hier. Sie halten das Flugzeug auf, sie bringen dein Gepäck weg, sie parken deinen Wagen? Du musst der blanke Terror sein."

"Das bin nicht ich, Dana," sagte Bill und klang ein wenig verärgert. "Das ist der Rang."

"Der Rang, ja?" Dana strich mit ihren Fingerspitzen über die Reihen Goldlitze an ihres Bruders Ärmel, dann legte sie ihre Hand leicht auf die raue blaue Wolle. "Shit," sagte sie und sah zu ihm auf. "Ich will auch so etwas haben."

Bill sah sie einen Moment lang an, dann zog er sie in eine stürmische Umarmung und ignorierte die glotzende Flugzeugcrew. "Ich liebe dich, kleine Schwester," sagte er. "Ich werde nie diesen Partner von dir lieben, aber ich liebe dich."

"Ich liebe dich auch," flüsterte Dana und drückte ihn ebenfalls. "Ich werde dich in meine Gebete einschließen."

"Und ich dich in meine," erwiderte er sehr leise. Dann ließ er sie los. Für einen Moment sah er sie an, dann setzte er seine Mütze wieder auf den Kopf, drehte sich um und ging auf die Tür zu dem wartenden Flugzeug zu. Dort hielt er inne und blickte zu ihr zurück. "Dana - hat Mom dich gebeten, mich herzufahren?" Und sie sah die Zweifel in seinen Augen.

Nachdrücklich schüttelte sie den Kopf. "Das war meine Idee," antwortete sie.

Bill nickte und winkte ihr zu, dann drehte er sich um und ging an Bord, seine Haltung stark und perfekt. Er blickte nicht noch einmal zurück.

 

 

ENDE "And Death Shall Have No Dominion" Teil 1/6

 

Tod Ohne Herrschaft  -   Kapitel 5-10

(Originaltitel: And Death Shall Have No Dominion)

von Jean Helms

( JeanLHelms@aol.com )

 

aus dem Englischen übersetzt von Sylvie < aktex_sm@hotmail.com >

Es gibt Hunderte Plätze, vor denen ich mich fürchte hinzugehen - so angefüllt mit der Erinnerung an ihn.  Und einen stillen Platz mit Erleichterung betretend, den seine Schuhe nie berührten oder der sein Gesicht nie sah, sage ich &#8218;Hier gibt es keine Erinnerung an ihn!" und so heimgesucht der Standort, so viele Erinnerungen an ihn.

&#8218;Zeit bringt keine Erleichterung'

Edna St. Vincent Millay

 

Kapitel 5

J. Edgar Hoover Building

Montag, 2. Januar

8:15 a.m.

Scully konnte sich an keine Zeit erinnern, wo sie sich so gefürchtet hatte, zur Arbeit zu kommen. Es war alles so seltsam, weil es zuerst alles so vertraut war.  Gestern Abend war sie in ihr Apartment in Georgetown zurückgekehrt, hatte ihren überquellenden Briefkasten geleert und ihren Anrufbeantworter abgehört - zwei Nachrichten, eine von Byers aus dem Büro der Lone Gunmen, der ihr sein Mitgefühl wegen ihrer Verletzungen aussprach und sie bat, anzurufen; die andere war falsch verbunden.

Nur zwei Nachrichten in zwei Wochen, dachte sie. Ich bin wirklich von der ganzen Welt abgeschnitten. Ich kann mich erinnern, dass ich mal soviel in zwei Stunden hatte. Das war vorher, als es andere Menschen als Fox Mulder in meinem Leben gegeben hat, dachte sie. Jetzt gibt es niemanden. Meine anderen Freunde waren es leid, dass ich jede Verabredung abgesagt habe, dass sie mich nie am Telefon erreichen konnten, dass mein Handy ständig klingelte bei den seltenen Gelegenheiten, an denen ich es geschafft habe, so etwas wie ein Privatleben zu führen.

Und schließlich zogen sie sich ganz zurück und die einzigen telefonischen Nachrichten, die ich hatte, waren von ihm oder meiner Familie. Nun ist er fort.  Sie packte ihren Koffer aus, sah in den Kühlschrank und fand nichts, was sie essen könnte, bestellte sich eine Pizza und schnitt eine Grimasse, als sie erkannte, dass ihr nächster Impuls war, Mulder anzurufen und ihn zu fragen, ob er ihr Gesellschaft leisten wollte.

Dana dachte darüber nach, den Anruf von Byers zu beantworten, aber sie war noch nicht bereit, darüber zu sprechen, nicht einmal mit den drei seltsamen Junggesellen, die Mulders einzige wirkliche Freunde waren. Sie würden das meiste sowieso herausfinden, auch ohne ihre Hilfe.

Als die Pizza kam, schaltete sie den Fernseher ein, suchte nach irgendetwas sicherem zum Ansehen, etwas, das sie nicht an irgendetwas erinnerte, was sie verloren hatte. Schließlich blieb sie bei einer Werbesendung mit dem Titel &#8218;Haarclub für Männer' hängen.

Es schien sicher genug zu sein, Mulder hatte seine Haare noch, also konnte es sie nicht an ihn erinnern... obwohl sein Haaransatz vielleicht nicht mehr da war, wo er gewesen war, als sie Partner wurden. Aber er war 37 Jahre alt, am 13.  Oktober 38, und das passierte bei Männern seines Alters. Aber sein Haar war immer noch dicht und es ist so weich und dunkel... okay, vielleicht ein paar graue Strähnen, aber er verdiente sie... dennoch ist es seidig und es fühlt sich so gut an unter meinen Fingern... ich erinnere mich daran, wie es sich angefühlt hat, als ich ihn gehalten habe und meine Hand an seinem Nacken lag, wo die Haare kürzer sind... ich weiß, er mochte das...

Die Erinnerungen trafen sie wie ein körperlicher Schlag. Zitternd fuhr sie senkrecht hoch. Es lohnte sich nicht. Sie war allein, zum ersten Mal seit Jahren wirklich allein. Die Erinnerungen kamen. Da war weder Mom, noch Bill, noch ihr geliebter Neffe, um sie abzulenken, noch war Arbeit zu erledigen - nichts als dieser mächtige, beinahe unbegreifliche Verlust ihres Partners, ihres besten Freundes - ihres Geliebten. Ja, das auch, auch wenn sie sich nie geliebt hatten.  Jetzt konnte sie es zugeben.

Natürlich kannst du das, Dana, erkannte sie. Du kannst es immer zugeben, wenn es zu spät ist, nicht wahr? Eines Tages wirst du vielleicht jemandem erzählen, dass du ihn liebst, wenn er noch bei dir ist. Die plötzliche Einsicht tat weh, aber sie konnte es nicht leugnen. Mulder geht hinaus? Sag ihm, dass du ihn liebst, biete ihm deinen Körper an. Bill eilt auf See, in irgendwelche Schwierigkeiten?  Umarme ihn fest. Dad ist tot? Geh los und finde einen psychopatischen Killer, der behauptet, er kann die Antwort auf eine Frage kanalisieren, die du nie gestellt hast, solange Dad noch lebte.

Warte lange genug und du kannst deine Verteidigung niederlegen, weil diese Menschen später nicht mehr dasein werden, um mehr zu verlangen. Du fühlst dich so selbstgefällig, weil du deine Gefühle herauslässt und sie können sie nicht dazu benutzen, in deinen Panzer einzudringen. Du hast deinen Keks und du isst ihn auch.

Du bist ein Feigling, sagte sie sich, und für dieses eine Mal klang das Wort wahr. Nein, das bin ich nicht. Ich will kein Feigling sein. Sie sah ihre Waffe und ihren FBI-Ausweis an, die vor ihr auf dem Couchtisch lagen. Das beweist nicht, dass du kein Feigling bist, sagte sie sich. Die Waffe, der Ausweis - sie geben dir ein Image, hinter dem du dich versteckst. Nimm sie fort - wie es jemand in Mobile getan hat - und du bist nichts, gar nichts. Nicht ohne jemanden, der dich beschützt.

Sie schauderte wieder, als das Bild wiederkam, ihr Gesicht angstverzerrt und gerötet von der Anstrengung zu atmen, als der dicke Schlamm ihre Augen und ihre Nase und ihre Lungen füllte... es wäre auch passiert, wenn er sie nicht gerettet hätte. Aber jetzt war Mulder gegangen und sie hatte immer noch ihren Job.  Würde sie jemals wieder in den Einsatz gehen, sogar mit einem neuen Partner?  Würde sie sich jemals wieder sicher fühlen? Nein. Niemand würde sein Leben so für sie aufs Spiel setzen, wie er es getan hatte. Niemand.  "Mulder, ich weiß nicht, ob ich das ohne dich tun kann," hatte sie in die Dunkelheit geflüstert, als ob er es hören konnte. "Ich weiß nicht einmal, ob ich es versuchen will..." Sie zog ihre Beine an, legte ihre Arme darum und umarmte sich selbst fest, als ihre Tränen kamen, bis sie schließlich einschlief.  Gegen drei Uhr früh hörte sie ihr Telefon klingeln und erwachte, sprang vom Sofa und packte den Hörer, sicher dass es Mulder war, der sie anrief. Das war exakt die Zeit in der Nacht, zu der er am liebsten anrief.  Sie presste den Hörer eifrig ans Ohr, aber alles was sie hörte, war das Freizeichen. Er hatte sie nicht angerufen; sie hatte es nur geträumt. Es war nicht er. Und er würde es nie wieder sein; niemals wieder.

 

~~~~~

 

 

Nun ging sie die vertrauten Korridore des Hoover Buildings entlang und betrat das Großraumbüro, im Geiste all die Dinge zusammentragend, die dieselben waren und die Dinge, die sich verändert hatten. Von den letzteren gab es nicht genug, dachte sie; da hätten ein paar äußerliche Veränderungen sein sollen, die das völlige Durcheinander in ihrem Leben kennzeichneten. Die Dinge sollten nicht so gleich aussehen.

Aber sie taten es. Die Nachrichtenbretter, die Korridore, die Wände, die Telefone, ihr Schreibtisch... aber der war anders. Da lag eine Notiz unter ihrer Kaffeetasse. Scully nahm die Tasse hoch und sammelte die klebrige Notiz auf. Es war Mulders Handschrift. Sie hatte gewusst, dass es so sein würde.  Dana, verzeih mir, dass ich diesen Weg ohne dich gehe, es ist nicht das, was ich vorgezogen habe zu tun.

Aber ich muss wissen, dass du da bist,

wenn ich das jemals verstehen werde.

Ich liebe dich, G-woman, Immer.

Fox

Oh Mulder, dachte sie, ihre Augen tränenblind, wie konntest du dich nur daran erinnern, was ich in diesem Tagebuch geschrieben habe? Und warum unterschreibst du das hier mit dem Namen, den du mich nie hast benutzen lassen? Ich wusste immer, das du lügst, wenn du sagtest, dass dich niemand Fox nennt. Ich mache mir keine Gedanken um den Namen, nur um die Lüge. Warum versuchst du es nun zurückzunehmen?

Aber die Antwort war ihr bereits klar: Er hatte seinen Vornamen aus demselben Grunde benutzt, wie er die Nachricht offen auf dem Schreibtisch liegengelassen hatte. Die Zeit der Täuschung war vorbei; er liebte sie und es war ihm egal, wer es wusste. Irgendwie tat es dadurch nur noch mehr weh.  Scully stand einen Augenblick da, an den Schreibtisch als Stütze gelehnt, und wartete, bis sie glaubte, ruhig erscheinen zu können. Als sie sich sicher war, dass ihr Gesicht sie nicht verraten würde, nahm sie den Zettel vom Schreitisch, steckte ihn in die Jackentasche und ging aus dem Großraumbüro fort und fort aus dem Teil ihres Lebens, der sich hier abgespielt hatte, für immer.

 

~~~~~

 

Assistant Director Walter S. Skinners Büro

8:26 a.m.

"Kommen Sie herein, Agent Scully," forderte Skinner sie auf und öffnete die Tür zu seinem Vorzimmer. Scully trat ein und setzte sich auf ihren gewohnten Platz vor Skinners Schreibtisch.

"Sir, ich weiß es zu schätzen, dass Sie zugestimmt haben, mich zu sehen," begann sie. "Es gibt... ein paar Dinge, die ich gern mit Ihnen bereden würde, bevor ich an die Arbeit zurückkehre."

"Worüber wollten Sie sprechen, Agent Scully?" fragte Skinner und setzte sich in seinen Sessel.

"Über meine Zuteilung," antwortete Scully. "Ursprünglich war ich den X-Akten zugeteilt worden, um Agent Mulders Untersuchungen zu unterstützen. Wir haben, wie Sie wissen, auch nach unserer Versetzung zusammengearbeitet. Nachdem er hier nicht länger zugeteilt ist, habe ich gehofft, nach Quantico zurückkehren zu können, um wieder das zu tun, wofür ich ursprünglich ausgebildet wurde." "Ich bin mir dessen nicht bewusst, dass sie im Moment in Quantico einen Ausbilder für Gerichtsmedizin brauchen, Agent Scully," sagte Skinner. "Ich kann keinen Vorteil für das Büro erkennen, Sie irgendwo anders hinzuschicken." Scully atmete tief ein und sah auf ihre Hände herab. "Sir," bemerkte sie, ohne ihn anzusehen. "Ich bin in das Großraumbüro gegangen, ohne mich zu beschweren, weil Agent Mulder dort war und weil er mein Partner war und weil er weiterhin mit mir arbeiten wollte. Aber das ist nicht die Arbeit, für die ich ausgebildet wurde; ein Pathologe ist von sehr geringem Nutzen in einem Großraumbüro." Skinner runzelte die Stirn und klopfte mit dem Bleistift auf den Schreibtisch.  "Agent Scully, ich bin mir dessen bewusst, dass Sie und Agent Mulder eine sehr enge Arbeitsbeziehung entwickelt haben, aber ich erwarte von Ihnen, dass Sie in der Lage sind, Ihren Job überall dort zu tun, wo man Sie zuteilt. Ob Agent Mulder verfügbar ist, um mit Ihnen zu arbeiten, ist dabei kein Faktor. Ist das klar?"

"Absolut, Sir," antwortete Scully, Gesicht und Stimme beherrscht.  "Jedoch," fuhr Skinner fort, "stimme ich Ihrer Einschätzung zu, ich kann keinen Grund sehen, Sie noch länger in dem Großraumbüro zu lassen." Er beugte sich nach vorn und nahm ein Papier in die Hand, das auf seiner Schreibtischunterlage lag.  "Wie es manchmal so geht, Agent Scully, in Quantico ist eine Stelle frei für jemanden mit Ihrer Qualifikation. Es ist nicht die Akademie," fügte er rasch hinzu. "Die offene Stelle ist in der NCAVC, einer gerichtsmedizinischen Spezialabteilung des VICAP."

"VICAP?" fragte Scully.

Das Programm zur Erfassung von Gewaltverbrechen war die Erfindung eines Kriminalbeamten aus Los Angeles, der ein ganzes Jahr damit zugebracht hatte, das Land nach einem Verbrechen abzusuchen, das dem ähnelte, das er gerade untersuchte. Der Kriminalbeamte, Pierce Brooks, hatte die Idee gehabt, ein landesweites computergestütztes Netzwerk zu schaffen, um die Spuren in Tausenden ungelöster Kriminalfälle zu vergleichen und zur Verfügung zu stellen.  Die VICAP-Gruppe hatte, trotz chronischer ernsthafter Unterfinanzierung bewiesen, dass sie ein vernichtendes Werkzeug gegen Serienkiller war, lediglich unterstützt durch das Programm zur Erforschung der kriminellen Persönlichkeit.  Beide waren Teil des NCAVC, des Nationalen Zentrums zur Analyse von Gewaltverbrechen, einem Ableger der Verhaltensforschung.

Es war in gewisser Weise ein Bombenjob, beliebt bei der örtlichen Justizbehörde

und gemocht von der Öffentlichkeit. Innerhalb des Büros jedoch wurde die

&#8218;Psychogruppe' oftmals nur als ein bisschen weniger seltsam als die X-Akten

angesehen.

Das zu wissen, war mehr als genug, um Scully zögern zu lassen. "Sir, ich habe nie zuvor auf diesem Gebiet gearbeitet. Ich weiß nichts über..." Skinner unterbrach sie. "Agent Scully, in den letzten sechs Jahren waren Sie in eine Reihe von Untersuchungen von Gewaltverbrechen ungewöhnlicher Natur involviert. Sie haben Seminare zu Theorie und Methode von Beweissammlung und Analyse abgehalten. Ich glaube, Sie sind einmalig qualifiziert, diesen Posten auszufüllen."

Scully atmete langsam aus. Sie wollte anfangen zu sprechen, aber stattdessen schloss sie den Mund wieder und richtete ihren Blick voller Zweifel auf den stellvertretenden Direktor.

"Wenn Sie an dieser Aufgabe nicht interessiert sind, ist da immer noch das HCPU," meinte Skinner. "Sie sind knapp mit Ärzten." Die Abteilung für das Gesundheitsvorsorgeprogramm? Er musste Witze machen.  Sollte sie ihre Tage damit verbringen, den Rest des Büros zu impfen und Cholesterinproben von ihnen zu nehmen oder ihre Schnittverletzungen zu bandagieren?

"Sir, wenn ich mich nicht täusche, ist VICAP-Arzt keine Sache für einen Spezialagenten," sagte sie vorsichtig. "Wollen Sie mir vorschlagen, dass ich meinen Ausweis zurückgeben sollte?"

"Nein, das will ich nicht. Aber ich habe irgendwie den deutlichen Eindruck, dass Sie vielleicht im Moment gar keine Agentin mehr sein wollen. Möglicherweise fühlen Sie sich nicht in der Lage dazu."

"Es geht mir gut, Sir," antwortete sie. "Aber ich bin im Moment wirklich nicht daran interessiert, als Medizinerin zu arbeiten, weder innerhalb noch außerhalb des FBI. Ich bin Agentin und ich beabsichtige, das zu bleiben. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass das immer noch eine Option ist." "An diesem Punkt liegt es vollkommen an Ihnen, Agent Scully," meinte Skinner und sie spürte seine Besorgnis über sie, tiefe Besorgnis. "Aber Sie haben erst kürzlich ziemliche Qualen durchgemacht und haben eine Partnerschaft beendet, die wahrscheinlich die engste war, die ich jemals in all meinen Jahren beim FBI erlebt habe. Ich bin nicht unglücklich über Ihre Ausführung und ich verstehe Ihre Gründe für eine Versetzung, aber Sie müssen das nicht sofort entscheiden.  Die Stelle beim VICAP wird auch noch in ein oder zwei Tagen zu haben sein." Scully schüttelte den Kopf. "Danke Sir, aber ich muss nicht mehr darüber nachdenken. Ich würde es als eine Ehre ansehen, wenn Sie mich dem NCAVC zuteilen würden. Ich bin jederzeit bereit, mich dort zu melden." Skinner lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und betrachtete sie einen langen Augenblick. "Sehr gut, Agent Scully," meinte er. "Holen Sie Ihre persönlichen Dinge aus Ihrem derzeitigen Büro und melden Sie sich heute Nachmittag bei SAC Michael Rolfe vom VICAP."

"Jawohl, Sir. Danke, Sir," erwiderte Scully und erhob sich von ihrem Stuhl.

"Kann ich jetzt gehen?"

"Eins noch," sagte Skinner.

"Sir?"

Skinner zögerte; Scully wusste, warum. Er hatte diesen Ausdruck im Gesicht, der besagte, dass er etwas fragen wollte, was technisch gesehen nicht sein Job war.  Sie straffte sich.

"Agent Scully," sagte er langsam, als würde er seine Worte mit großem Bedacht wählen. "Als Sie heute Morgen um ein Treffen baten, war ich darauf vorbereitet, dass Sie mich danach fragen würden, wohin Agent Mulder versetzt wurde. Sie haben es nicht getan."

"Nein, Sir," antwortete Scully. Bleib ruhig, sagte sie sich.

"Darf ich fragen, warum nicht?"

Sie begann zu sprechen, spürte aber wieder den Kloß in ihrem Hals und hielt inne, schloss die Augen und kämpfte um Kontrolle. Atme, Dana, dachte sie. Du wirst nicht im Büro des stellvertretenden Direktors weinen. Als sie ihre Augen öffnete, sah Skinner sie immer noch an, wartete auf ihre Antwort und sie segnete ihn dafür, dass er sie nicht bedrängte, dass er ihr die Zeit gab, die sie brauchte.

"Er bat mich, es nicht zu tun, Sir" erklärte sie mit einiger Anstrengung.

"Und Sie haben ihm gegenüber immer Ihr Wort gehalten." Es war keine Frage.

Scully nickte, unfähig ihrer Stimme zu trauen.

Skinner verlängerte ihre Agonie nicht. "Das wäre alles, Agent Scully," sagte er.

"Schließen Sie die Tür hinter sich."

 

~~~~~

 

 

Nationales Zentrum für die Analyse von Gewaltverbrechen Marinekasernen, Quantico, Virginia 1:10 p.m.

SSA Rolfe war nicht da, als sich Scully im VICAP-Büro meldete, und seinem Assistenten, SSA Andrew Kennedy, einem Schwarzen mittleren Alters zufolge, wurde Rolfe auch nicht vor zwei Uhr nachmittags zurück erwartet.  "Sehen Sie sich um, nehmen Sie die Atmosphäre in sich auf," sagte Kennedy. "Ist schon eine Weile her, seit Sie hier waren, oder?" "Nicht so lange, Sir," erwiderte Scully. "Ich war einige Jahre als Lehrerin für Gerichtsmedizin hier."

"Mmm," machte Kennedy. Er schien beeindruckt. "Wo waren Sie danach?" "AD Skinners Mitarbeiterin," antwortete sie rasch und fühlte sich augenblicklich schuldig. Es ist nicht so, dass ich mich wegen der X-Akten oder wegen Mulder schäme, sagte sie sich. Ihr war nur nicht danach, jetzt darauf einzugehen, das war alles. Ihre neuen Kollegen würden es früh genug herausfinden.  Kennedy jedoch stellte entweder keine Verbindung her oder zog es vor, sie zu ignorieren. "Skinner ist ein guter Mann," meinte er. "Kommen Sie in einer Stunde wieder, der Boss wird mit Ihnen reden wollen.

"Ja Sir," entgegnete Scully und verließ rasch das Büro.  In den nächsten 45 Minuten wanderte Scully in Quantico umher, beobachtete aus der Distanz die Auszubildenden, die ihre Runden durch die Hogangasse drehten, der Attrappenstadt, wo die Trainingssimulationen stattfanden. Sie erinnerte sich an eine besonders teuflische Situation, die sich ihre Ausbilder für ihre Akademieklasse ausgedacht hatten, in der einer der Ausbilder den Part des Bankräubers spielte, der Geiseln genommen hatte.  Die Augen des Ausbilders hatten teuflisch geglänzt, als ein Auszubildender nach dem anderen bei der Übung durchfiel, entweder sich selbst oder die angeblichen Geiseln umbrachte, und Scully hatte ängstlich darauf gewartet, dass sie dran war und darum gebetet, dass sie nicht dieselben Fehler machen würde - oder noch schlimmere.

Und dann war sie dran. Sie war hoch erhobenen Hauptes in das Gebäude gegangen, als ob sie vollkommen zuversichtlich wäre. Kühl und effizient hatte sie all die richtigen Schritte getan, genau wie sie im Buch standen, und sie löste die Situation exakt wie es von ihr erwartet wurde, ohne einen einzigen Fehltritt. An diesem Tag hatte sie die höchste Punktzahl in der Klasse.  Natürlich erinnerte sich niemand daran. Keiner erzählte Geschichten von Dana Scullys brillanter Lösung der Geiselsituation in der Hogangasse, während Mulders Reaktion auf dieselbe Situation eine Akademielegende geworden war.  Sie hatte die Geschichte selbst gehört, kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung.

&#8218;Spooky' Mulder, hatten sie ihr erzählt, hatte begonnen, mit absolut normaler

Stimme auf den Ausbilder/Geiselnehmer einzureden, all die empfohlenen Fragen zu stellen und all die richtigen Äußerungen zu machen, um eine Beziehung zu dem Mann herzustellen.

Irgendwie waren Mulders Fragen Stück für Stück vom Manuskript abgewichen,

anstatt die fiktive Biographie tiefer zu erforschen, mit der ihn der

&#8218;Geiselnehmer' fütterte, drang er in das Privatleben der realen Person ein und

bohrte sich mit jeder Frage weiter in die tiefsten Geheimnisse des Ausbilders.  In sehr kurzer Zeit wurden die Fragen so persönlich und peinlich - tödlich genau - dass der Ausbilder augenscheinlich vergaß, dass er spielerisch agieren sollte; mit einem Wutschrei war er von seinem Stuhl gesprungen und Mulder an die Kehle gegangen. Auf diesen Moment hatte Mulder gewartet; wie der Blitz, sagten sie, lag der Ausbilder mit dem Gesicht auf dem Boden, entwaffnet und in Handschellen.  Dies war das erste Mal, dass jemand vom FBI Zeuge von Mulders unheimlichem Instinkt geworden war. Angeblich war es dieser Zwischenfall gewesen, der ihm den Spitznamen &#8218;Spooky' eingebracht hatte.

Während ihrer Zeit als Mulders Partnerin hatte Scully ein Dutzend verschiedener Versionen dieser Geschichte gehört, und verschiedene andere, die alle behaupteten, das wahre Original des Spitznamens zu sein. Dennoch wusste sie nicht, welche davon die Wahrheit war, und sie hatte ihn gefragt, kurz nachdem sie den X-Akten zugeteilt worden war. "Beten Sie darum, dass Sie es nie herausfinden, Scully," hatte er geantwortet und boshaft mit den Augenbrauen gewackelt. Darüber hatte sie gelacht und er hatte ihr mit der Hand auf die Schulter geklopft und sich über den Scherz genauso amüsiert wie sie.  Nun zurückblickend konnte sie es als ein frühes Zeichen dafür erkennen, wie sie sich für ihren Partner erwärmte, lernte seine Gesellschaft in einer Weise zu genießen, wie sie es nie erwartet hatte. Ein Schrei aus der Hogangasse brachte ihre Gedanken zurück in die Gegenwart und sie erkannte, dass sie es wieder getan hatte. Sie war noch nicht einmal eine Stunde hier und alles was sie tat, war an Mulder zu denken.

Gut, Dana, dachte sie. Du lebst dein Leben wirklich weiter. Sehr gut.  Aber das war das Problem; es tat wirklich gut, so an ihn zu denken, sich an das Lachen und die Wärme ihrer Freundschaft zu erinnern. Die Nähe, die sie später entwickelt hatten, nach ihrer Entführung, war auf ihre eigene Art wunderbar gewesen, aber irgendwo auf ihrem Weg hatten sie vergessen, wie man gemeinsam lacht. War es vorher einfacher gewesen, mit ihm zusammenzuarbeiten, als er sich noch nicht so sorgte? fragte sie sich verwirrt. Ich glaube, das war es vielleicht, aber ich kann mich einfach nicht erinnern. Vielleicht auch nicht.  Wie seltsam, man sollte meinen, ich würde mich daran auf ewig erinnern.  Sie sah auf ihre Uhr. Es wurde Zeit. Zeit zurückzugehen und SSA Rolfe zu treffen.

 

~~~~~

 

 

Büro von SSA Michael Rolfe

2:03 p.m.

Michael Rolfe war, das fand Scully schnell heraus, ein Muskeltyp, aber ein ziemlich verheirateter Muskeltyp, dem Ring an seiner linken Hand nach zu urteilen. Dunkelbraunes Haar, blaue Augen, nicht groß aber sehr muskulös.  Gepflegter dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, marineblaue Krawatte mit einem Goldstreifen. Er sah aus wie um die vierzig, obwohl das jung war, um die Verantwortung für eine Abteilung wie diese zu haben. Er saß kerzengerade auf seinem Stuhl in exakter Haltung.

Der klassische Karriereagent, dachte sie. Er dekoriert sogar die Pflicht.  Stetig, gehorchend, den Regeln folgend. Aber ich denke, diese alte weibliche Einschätzung trifft hier zu: er sieht gut aus, sicher, aber er weiß es auch.  "Nun, Agent Scully," sagte Rolfe und nahm seine Lesebrille ab. "Sie haben ohne Frage die akademischen Zeugnisse für diesen Job. Tatsächlich muss ich sagen, Sie sind überqualifiziert; ein gerichtsmedizinischer Forscher kann diesen Job erledigen. Man braucht dazu keinen Gerichtsmediziner." "Ich habe nicht als Pathologin am Tisch gearbeitet, Sir," antwortete sie. "Ich kann Autopsien durchführen als Teil der Untersuchungen, und ich habe ein paar gemacht, aber ich glaube nicht, dass ich deshalb überqualifiziert bin, nicht nach dem, was AD Skinner mir sagte."

"Ja, es ist mir bekannt, dass Sie einige Jahre unter Skinner gearbeitet haben, aber Ihre Akte sagt aus, dass diese Aufgabe geheim war," entgegnete Rolfe und betrachtete sie mit einigen Interesse. "Welche Art von Arbeit haben Sie gemacht - ohne zu sehr ins Detail zu gehen."

"Geheim?" fragte sie mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen. "Mir wurde nie gesagt, dass ich diese Aufgabe als geheim anzusehen habe, Sir." Und dann erkannte sie ihren Fehler. Skinner hatte das in ihre Akte geschrieben, um ihr die Möglichkeit eines Neuanfangs zu geben, ohne den Schatten der X-Akten auf ihrer Karriere. Idiotisch, beschimpfte sie sich selbst. Das war idiotisch. Aber nun war es zu spät.

"Wenn es keine geheime Untersuchung ist, Agent Scully, dann würde ich gern wissen, was es war," forderte Rolfe. "Ich muss mehr über Ihre Erfahrungen wissen. Wo haben Sie gearbeitet?"

Für einen Moment schwieg Scully.

"Agent Scully?" fragte Rolfe, ein wenig schärfer.  "Die meiste Zeit in den letzten fünf Jahren war ich den X-Akten zugeteilt," antwortete sie langsam. "Ich habe mit..."

"Fox Mulder zusammengearbeitet," ergänzte Rolf langsam, die Lippen vor Empörung gekräuselt. "Sie haben fünf Jahre lang paranormale Phänomene untersucht?" "Ja Sir," erwiderte sie, ebenfalls langsam. Sie hatte die Verachtung in Rolfes Stimme erkannt.

"Ich kann nicht behaupten, dass ich vollkommen zufrieden damit bin, das zu hören."

"Warum nicht, Sir?" fragte Scully.

"Die Frage ist irgendwie nicht ganz aufrichtig, nicht wahr, Agent Scully?" meinte Rolfe mit hochgezogenen Augenbrauen. "Ich persönlich halte die X-Akten für die größte Zeit- und Mittelverschwendung beim FBI, die es jemals gab. Und ich bin sicher, dass ich nicht erwähnen muss, dass ich nicht der einzige bin, der so empfindet." Rolfe lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und zog nachdenklich an seiner Unterlippe. Dann wandte er sich wieder Scully zu.  "Agent Scully," sagte er langsam. "Sie sollten eine gute Ergänzung des VICAP sein. Sie haben die Zeugnisse und Ihre Zeit hier in Quantico spricht für Sie, aber Ihre - sollten wir sagen, Ihre Berufsausbildung - in kriminalistischer Untersuchung lag in den Händen des beim FBI am wenigstens achtbaren Agenten." "Sir, Agent Mulder..."

"Ich glaube nicht, dass es irgendetwas gibt, das Sie mir über Spooky Mulder erzählen können, Agent Scully," erklärte Rolfe und sein Blick war kalt. "Ich habe drei Jahre mit ihm zusammengearbeitet."

"In der Verhaltensforschung?" fragte Scully. Rolfe nickte. "Sir, ich weiß, dass Agent Mulder einige Jahre in der Verhaltensforschung gearbeitet hat, als Profiler für kriminelle Persönlichkeiten. Aber ich habe das so verstanden, dass er dort sehr geschätzt wurde."

"Das wurde er in der Tat," meinte Rolfe und sein Widerwille war nicht zu übersehen. "Mulder hatte ein Talent als Profiler, ein wirkliches Talent. Es steht außer Frage, dass er intelligent und verständnisvoll ist. Aber er war immer ein Wilder, vollkommen unberechenbar, anfällig für das Arbeiten nach Gefühl. Dass sein Gefühl manchmal richtig war, ist unerheblich für mich. Ich ziehe es vor, die Dinge nach den Regeln zu tun." Rolfe beugte sich nach vorn und seine Augen bohrten sich in Scullys. "Lassen Sie mich das ganz klar sagen, Agent Scully," sagte er. "Ich habe keine Angst davor, den Ruf des VICAP dadurch zu beflecken, dass ich Mrs. Spooky als gerichtsmedizinische Analytikerin anstelle."

Das traf einen Nerv. Rolfe konnte das an der plötzlichen Anspannung in Scullys Unterkiefer erkennen. Aber sie reagierte nicht.  "Agent Scully," fuhr Rolfe fort. "AD Skinner hat Sie hierher zugeteilt und das bedeutet, dass Sie sowieso eine Weile hier sein werden, egal ob es mir passt oder nicht. Wenn Sie mir zeigen können, dass Sie nicht vergessen haben, wie man eine rechtmäßige Untersuchung durchführt, dann okay; dann werden wir miteinander auskommen. Aber eines verspreche ich Ihnen: das erste Mal, wenn Sie irgendetwas tun, auch nur einen Schritt, einen Vorschlag machen, von dem ich auch nur annehme, dass er nicht auf den höchsten Prinzipien von Gerichtsmedizin, Verbrechensbekämpfung und FBI-Regeln beruht, werden Sie sich nach einer anderen Stelle umsehen müssen. Ich werde über Skinners Kopf hinweg gehen, wenn es sein muss. Habe ich irgendetwas vergessen?"

"Nein, Sir," antwortete Scully in einem Ton, so ruhig sie konnte. "Sie haben sich vollkommen klar ausgedrückt." Sonst sagte sie nichts, doch sie behielt ihren Blick ruhig und zielstrebig genau auf Rolfe gerichtet.  "Möchten Sie mir sonst noch irgendetwas sagen?" fragte Rolfe und zog eine Augenbraue hoch.

"Nur fragen, wann und wo ich mich einfinden soll, Sir," sagte sie und erhob sich von ihrem Stuhl.

"Meldung bei SSA Kennedy um 8.15 Uhr morgens," erklärte Rolfe. "Sehen Sie sich als in der Probezeit befindlich an, Agent Scully. Kennedy wird angewiesen, eine Auge auf Sie zu haben und direkt an mich zu berichten." "Ja, Sir," erwiderte Scully und zwang sich dazu, den Blick nicht zu senken.

"Kann ich jetzt gehen?"

"Gehen Sie. Und seien Sie darauf vorbereitet, dass das Leben eine Weile sehr viel anders wird, Agent Scully." meinte Rolfe. "Sie müssen eine Menge vergessen."

Wenn Rolfe erwartet hatte, dass seine letzten Worte dazu beitrugen, dass Scully ihre Beherrschung verlor, dann hatte er sich geirrt. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht einen Mikrometer, abgesehen davon vielleicht, dass ihre blauen Augen noch kälter und distanzierter wurden.  "Sir," grüßte sie und verließ das Büro.

Rolfe sah ihr hinterher, dann lächelte er. Sieht nicht schlecht aus, dachte er.  Ich habe gehört, dass sich Spooky ein wirkliches Schätzchen als Partnerin geangelt hatte; sie sagten, sie würde für ihn die Beine breit machen. Schwer zu glauben, bei beiden. Allerdings, wenn man die Verantwortung hatte, dachte er, gab es immer Mittel und Wege, es dazu kommen zu lassen. Eine Menge Wege.

 

~~~~~

 

 

Montevallo, Alabama

zwei Wochen später

3:46 p.m.

"Das ist das blanke Chaos," sagte der junge Agent und sah sich an dem blutverschmierten Tatort um.

"Ich hab schon schlimmeres gesehen," entgegnete Mulder abwesend, während er sich niederbeugte, um einen Blutspritzer zu untersuchen. Er stand im Wohnzimmer, das ehemals von Crystal Shaw, 25, und Bryce, seit acht Monaten ihr Ehemann, bewohnt wurde. Mrs. Shaw war tot, vor zwei Tagen mit einem Baseballschläger erschlagen.  Ihr Mann erzählte der Polizei, dass er nach Hause gekommen war und er sie mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden des Wohnzimmers liegend gefunden hatte, ihr Kleid bis zur Taille hochgeschoben und ihr Slip zu den Knien herabgezogen. Die Wohnung war durchsucht worden.

Der Baseballschläger gehörte Shaw. Die Polizei von Montevallo hatte ihn im Abwaschbecken in der Küche gefunden, augenscheinlich war er abgewaschen worden.  Der Schauplatz wies eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Vergewaltigungsmord zwei Tage vorher in Mississippi auf - nicht viel, aber genug für einen begeisterten Kleinstadtpolizisten, um sich auf die Zuständigkeit des FBI für zwischenstaatliche Verbrechen zu berufen und um Hilfe anzurufen.  Prescott hatte Mulder geschickt, zusammen mit Agent Dan Michaels, einem neuen Agenten frisch aus Quantico. Das Distriktbüro in Birmingham war seine erste Zuteilung und dies war sein erster Schauplatz eines Gewaltverbrechens. Im Moment, dachte Mulder, sah der Kleine ein bisschen grün um die Nase aus und die Leiche war nicht mal mehr hier.

"Alles in Ordnung, Michaels?" fragte Mulder.

"Ja," antwortete Michaels sich rechtfertigend. "Es ist nur ein bisschen warm hier drin."

"Ja, das habe ich bemerkt," meinte Mulder. Draußen waren um die null Grad und es blies ein kalter Nordwind, aber er ließ es durchgehen. Er war selber einmal Anfänger gewesen. Vor langer Zeit.

"Also, was denken Sie, ist hier passiert?" fragte Mulder und richtete sich auf.

"Warum glauben Sie, er hat es getan?"

"Warum?" fragte Michaels. "Die Regierung muss sich nicht damit belasten, ein Motiv zu nachzuweisen. Wieso ist es wichtig, warum?" "Wenn man keinen Verdächtigen hat, ist es sehr wichtig," erklärte Mulder. "Wenn es zum Beispiel ein Banküberfall ist, dann ist es offensichtlich. Man sucht nach jemandem, der Geld braucht, eine Menge davon und schnell." "Das macht Sinn," stimmte Michaels zu.

"Aber hier," fuhr Mulder fort. "Hier haben wir Einbruch, Vergewaltigung, Diebstahl und Mord - vier gesonderte Ereignisse und für jedes eine andere Motivation. Wenn man nicht herausbekommen kann, warum der Killer hierher kam, dann versteht man ihn nie wirklich gut genug, um ihn zu finden. Also, sagen Sie mir, was Sie hier sehen."

"Nun," sagte Michaels und räusperte sich. "Der Tatort weist für mich darauf hin, dass das beabsichtigte Verbrechen Einbruch und Diebstahl war und der Mord den Überfall erleichtern sollte. Die Vergewaltigung war nur ein Verbrechen aus Gelegenheit. Der Ehemann berichtete, dass ein paar Schmuckstücke seiner Frau fehlen und der Täter war nicht bewaffnet, denn er hätte nicht den Baseballschläger benutzt, wenn er es gewesen wäre." "Das scheint der Fall zu sein," erwiderte Mulder. "Dennoch, dieser Raum ist ein bisschen zu sauber für dieses Szenario."

"Was meinen Sie mit sauber? Es ist ein Chaos," sagte Michaels und sah sich um.

"Mein Gott, das Gehirn der Lady überall an der Wand." "Nein, ich würde es als Unordnung beschreiben," meinte Mulder und folgte Michaels' Blick. "Wenn sie überhaupt viel miteinander gekämpft hätten, dann würde es hier schlimmer aussehen. Und das Zeug an der Wand ist tatsächlich zum größten Teil Blut, obwohl man ein bisschen Gewebe finden könnte, wenn man genau genug hinsieht. Aber es gibt hier nichts, das auf einen größeren Kampf hinweist.  Das wird auch durch die Mediziner bestätigt, die keine Abwehrverletzungen an der Leiche gefunden haben."

"Die Abwehrverletzungen könnten unmittelbar vor dem Tod entstanden sein," entgegnete Michaels sicher. "Sie wären nicht zu sehen, wenn das Herz aufgehört hätte zu schlagen, bevor sich Quetschungen bilden konnten." "Ich bin mir nicht sicher, ob die Gerichtsmediziner Ihnen zustimmen würden, Michaels, aber das ist nicht mein Gebiet," sagte Mulder. Denk nicht daran, wessen Gebiet das ist, Mulder. Nicht jetzt. Mach nur deinen Job.  "Haben Sie den Autopsiebericht gelesen?" fragte er, eine Spur zu schnell, um seine Gedanken davon abzuhalten, weiterzuwandern.  "Ich... ich, äh, hab ihn überflogen," erklärte Michaels. "Viele Verletzungen verursacht durch stumpfe Gewalt am Kopf und im Gesicht." "Hmm, ja," sagte Mulder. "Aber wenn Sie ihn genauer gelesen hätten, dann hätten Sie gesehen, dass das Opfer einen hohen Blutalkoholgehalt hatte und dass es keinerlei Spermaspuren an der Leiche oder ihren Sachen gegeben hat." "Vergewaltiger ejakulieren nicht immer," hielt Michaels entgegen.  "Sie haben aufgepasst in der Schule, Michaels," meinte Mulder zustimmend. "Nein, das tun sie nicht. In der Tat gibt es eine bestimmte Untergruppe bei Serienvergewaltigern, die es fast nie tut. Aber in diesem Falle, glaube ich, dass das Fehlen von Spermaspuren auf etwas anderes hindeutet. Irgendetwas stimmt nicht."

Mulder wurde still, beinahe unbeweglich und starrte auf die Blutspritzer auf dem Boden. "Geben Sie mir ein paar Minuten, Michaels," bat er. Er begann, im Haus umherzuwandern, sah in die Schubladen, in die Schränke, blieb stehen, um die Fotographien von der Leiche der erschlagenen Frau zu studieren.  "Agent Mulder?" fragte Michaels, nach mehr als 15 Minuten.  Mulder blickte durch ihn hindurch und antwortete nicht, er schien ihn nicht einmal zu sehen. Michaels war entnervt. Er versuchte es nicht noch einmal.  Nach ungefähr 30 Minuten unbehaglichen Schweigens, hörte Mulder auf, umherzuwandern und starrte Michaels an. "Ich bin doch ein Idiot," sagte er leise.

"Was?" fragte Michaels. "Was heißt das?"

"Das heißt, dass der Mörder seit zwei Tagen unter unserer Nase herumläuft," erklärte Mulder. "Dieser Tatort ist nichts weiter als ein Bühnenbild, geschaffen von jemandem, der uns glauben machen wollte, dass diese Frau überfallen und vergewaltigt wurde. Aber das wurde sie nicht, das ist ein Mord und nichts weiter."

"Wie können Sie das wissen?" fragte Michaels verblüfft. "Was ist mit den Schmuckstücken, die verschwunden sind und den Sachen der Frau?" "Versuchen Sie sich in das Verbrechen hineinzuversetzen, als es passiert, Michaels," forderte Mulder ihn auf. "Stellen Sie sich vor, ich wäre der Killer; ich sitze mit dem Opfer zusammen in diesem Raum und trinke mit ihr und wir fangen an zu streiten. Wir hatten diesen Streit schon vorher und ich glaube, dass ich explodieren werde, wenn sie nicht aufhört. Sie nörgelt ständig deswegen herum und ich kann es keine Minute länger aushalten. Ich werde dieses Weibsstück zum Schweigen bringen."

Mulders Blick hatte eine lähmende Art von tierischer Schläue und Wut, während er die Gedanken des Killers aussprach. Er versetzt sich tatsächlich in den Kopf dieses Typen, dachte Michaels nervös. Ich hoffe, er kann zurück, bevor wir ins Auto steigen müssen. "Ich gehe zum Schrank, um vielleicht nach einer Waffe zu gucken," fuhr Mulder fort, seine Stimme wurde leiser. "Sie ist weg; vielleicht hat sie sie weggebracht oder sie versteckt sie, weil ich sie schon früher damit bedroht habe, und das macht mich noch wütender. Also greife ich mir die nächstbeste Waffe, die sich als Baseballschläger entpuppt. Ich gehe zurück in das Wohnzimmer und beginne, ihr damit ins Gesicht zu schlagen, in dem Versuch, sie zum Schweigen zu bringen. Ich schlage ihr den Schädel ein und dresche weiter auf sie ein, bis sie zusammenbricht."

Mulder Stimme wurde zum Flüstern. Er sah schockiert aus.  "Und dann erkenne ich, was ich getan habe," sagte er. "Ich weiß, sie werden mich verdächtigen, also wasche ich den Schläger ab und versuche, meine Fingerabdrücke abzuwischen. Dann gehe ich zurück, ziehe ihren Slip herunter und schiebe ihr Kleid hoch, verwüste die Schubladen, spüle vielleicht ein paar Wertsachen im Klo herunter, um es wie einen Diebstahl aussehen zu lassen." "Oh, mein Gott," unterbrach ihn Michaels und katapultierte Mulder zurück in die Realität. "Agent Mulder, das bedeutet, der Ehemann hat es getan. Wenn es das ist, was passiert ist, dann konnte es kein anderer sein." "Nein, das konnte es nicht," erwiderte Mulder, beinahe gleichgültig. "Nicht in einer Million Jahren konnte es jemand anderes sein." "Was machen wir jetzt?" fragte Michaels.

"Das ist der leichte Teil," erklärte Mulder. "Nehmen Sie ihn fest und befragen Sie ihn. Und Michaels, wenn Sie es tun, dann erzählen Sie ihm, dass Sie wissen, dass er seine Hände gewaschen hat."

"Warum?"

"Tun Sie es einfach, Michaels," sagte Mulder und rieb sich die Schläfen. Sein Kopf begann zu schmerzen. Das tat er immer, hinterher. Nachts würde er seinen Kopf gegen die Wand knallen. "Nehmen Sie einen Polizisten mit," fügte er hinzu.  "Ich fahre zurück ins Büro. Rufen Sie mich an, wenn Sie Hilfe bei der Vernehmung brauchen. Aber ich glaube nicht, dass das nötig ist." Zwei Stunden später saß Mulder an seinem Schreibtisch und schrieb seinen Bericht, als das Telefon klingelte. Es war Michaels.  "Agent Mulder, der Typ hat gestanden, "erzählte er aufgeregt. "Er ist gleich, nachdem ich ihm das mit dem Händewaschen erzählt habe, zusammengeklappt. Es war unglaublich! Woher wussten Sie, dass das funktionieren würde?" "Unschuld kann in umschriebenem Sinne auch heißen, dass man kein Blut an den Händen hat," erklärte Mulder. "Gehen Sie nach Hause und denken Sie darüber nach." Er legte den Hörer auf.

Blutige Hände, dachte er. Ihr Blut klebt an meinen Händen.

 

~~~~~~~~~~~~~

 

 

Der Blitz zuckt durch meinen Schädel;

meine Augäpfel schmerzen und schmerzen;

mein ganzes erschöpftes Gehirn scheint wie enthauptet, und auf irgendeinem betäubenden Platz umherzurollen.

Moby Dick

Herman Melville

 

Kapitel 6

VICAP

Zwei Wochen später

7:18 p.m.

"Nun, wenn das nicht Mrs. Spooky ist, die wieder lange arbeitet. Wollen Sie bis zur Hexenstunde bleiben und auf Ihrem Besenstiel heimreiten, Scully? Oder wollen Sie ein UFO mit kleinen grünen Männchen erwischen?" Scully blickte von ihren VICAP-Berichten auf. Es war Lon Glassman, ein Agent ohne Besonderheiten mittleren Alters, ein Möchtegern-Profiler und die arroganteste Person, mit der sie jemals arbeiten musste, ohne Ausnahme.  Glassman war fleischig und roh, hässlich, um es perfekt deutlich zu machen. Aber es war die Hässlichkeit in ihm, die sie sich schmutzig fühlen ließ, wenn sie nur in seiner Nähe war, und seine schweißigen Hände hatten eine Art, sie &#8218;aus Versehen' zu berühren, die sie ganz sicher krank machte. Ganz zu schweigen davon, dass er sich permanent über die X-Akten lustig machte, und über Mulder.  "Was gibt es, Glassman?" fragte sie müde.

"Oh, ich wollte nur die Zeit totschlagen," erwiderte Glassman und machte es sich auf der Ecke ihres Schreibtischs bequem. "Was versuchen Sie da zu tun, ein besonderes Bewachungsgespenst?"

"Glassman, wenn es nichts gibt, worüber Sie mit mir reden müssen, dann gehen Sie einfach, okay?" sagte sie verärgert. "Ich habe zu arbeiten." "Mann, ich versuche nur freundlich zu Ihnen zu sein," antwortete Glassman kopfschüttelnd. "Das lustige ist, als ich das erste Mal von Ihnen gehört habe, hieß es, dass Sie wirklich freundlich sind, Sie und Spooky." "Ich werde das nicht mit einer Erwiderung beehren," entgegnete Scully. "Bitte, gehen Sie. Mir ist nicht nach Schwatzen zumute." In Wahrheit konnte Scully sich nicht an das letzte Mal erinnern, wo sie irgendetwas gefühlt hatte - abgesehen von taub, losgelöst, vollkommen ohne Verbindung zu sich selbst und zu allen um sie herum. Abgesehen von den Malen, wo sie spürte, wie sie in reinen, unverfälschten Terror versank, einem Terror, den sie weder erfassen noch erklären konnte, weil im Vergleich zu den X-Akten das VICAP ein Spaziergang.  Ihr Job bestand in erster Linie darin, die Berichte zu studieren, die das VICAP von den örtlichen Justizbehörden erreichten, die forensischen Analysen in jeder Richtung zu vergleichen, versuchen zu bestimmen, ob die RFLP-Analyse der DNA des Blutes in einem Bereich eine solide Verbindung zur PCR-Analyse der DNA des Sperma in einem anderen ergab. Sie las endlos Autopsieberichte durch, studierte die Fotographien, die während der Autopsie gemacht wurden, suchte nach Allgemeinheiten, deckte die Mängel auf, verglich Zerstörungsmuster aus dem ganzen Land. Es war eine ermüdende, schwierige Arbeit und wurde selten durch eine Verhaftung bezahlt.

Aber ihren Job zu erledigen wurde schwerer mit jedem Tag, der verging. Nicht dass sie sich darüber sonderlich sorgte. Neuerdings, fand sie, sorgte sie sich nicht sonderlich um irgendetwas. Sie war so sehr in sich gekehrt, wie sie es immer gewesen war; nicht ihre übliche verschlossene Zurückhaltung, sondern eine hohe Nervosität, die sie sich unbewachter und unsicherer fühlen ließ als je zuvor. Sie zuckte bei jedem Geräusch zusammen und war unerträglich irritiert, wenn das Telefon klingelte. Das Geräusch von jemandem, der einen Gummi schnipsen ließ oder mit dem Bleistift klopfte, machte sie wild.  Aber sie war immer noch Dana Scully und sie war immer noch allein und so verschloss sie alles und behielt es für sich.

Der Druck von Rolfe war konstant. Seine Verachtung für sie schien zu einem ausgewachsenen Hass geworden zu sein und er machte ihr ihr Arbeitsleben zu einem permanenten Kampf. Nichts, was sie tat, war jemals gut genug, nicht einmal in diesen seltenen Zeiten, in denen eine Verbindung bewiesen werden konnte zwischen weitentfernten Verbrechen, oder in den noch selteneren Zeiten, wenn ihre Arbeit zu einer Verhaftung führte.

Im Gegensatz zu Rolfes Prophezeiung schaffte sie es, beim VICAP auszuhalten, aber es war ein teurer Sieg, erreicht um den Preis ständiger Wachsamkeit. Rolfes adleräugiger Argwohn ihr gegenüber war nicht hilfreich. Jeder Bericht, jede Analyse musste perfekt sein, nicht einfach nur gut, sondern so perfekt, dass niemand jemals einen Fehler darin finden konnte, weil Rolfe es sonst tun würde.  Sie begann, das zu hassen und wollte verzweifelt einen Weg heraus aus dem Job finden, den sie früher geliebt hatte, und von dem sie dennoch unfähig war, gänzlich loszulassen. Sie überprüfte ihre Arbeit zwei- und dreimal, dann lag sie wach und fragte sich, was sie vermisste. Dies war der Job, weswegen sie ihre Familie verletzt hatte, der Job, auf den sie einmal so stolz gewesen war. Nun war alles reduziert auf einen Kampf tagein tagaus, nicht zu versagen, nicht aufzugeben, niemanden ihre Tränen sehen zu lassen.  Sie litt unter Schlaflosigkeit, lebte von Junkfood und Kaffee, ihre Gefühle auf einer Achterbahn zwischen Anspannung und Wut. Ihre körperlichen Wunden heilten, aber für jeden, der sie kannte, sah Scully schwächer und verwundeter aus als an dem Tag, an dem sie Mobile verlassen hatte.

Nacht für Nacht, wenn sie mit ihrer Arbeit kämpfte, versuchte sie sich vorzustellen, wie Mulder damit umgegangen wäre. Sie wünschte, sie könnte ihn anrufen, sei es nur, um seine fachmännische Meinung  zu einer Untersuchung zu hören. Sie hatte immer gewusst, dass er gut darin war, aber nun, nachdem sie mit Agenten zusammenarbeitete, die das taten, was er früher getan hatte, sah sie, klarer als je zuvor, wie gut er wirklich war. Es gab einfach niemanden, der besser war.

Aber sie hatte ihm ein Versprechen gegeben und sie würde dieses Versprechen nicht brechen, nicht einmal aus rein beruflichen Gründen. Und es würde niemals wieder rein beruflich zwischen ihnen sein, wenn es das jemals gewesen war. Und, dachte sie, ich habe immer noch ein wenig Stolz. Ich werde ihn nicht anflehen, wieder mit mir zusammenzuarbeiten.

Und so kämpfte sie allein.

Es gab ein paar kleine Triumphe, die sie gelernt hatte, zu speichern als Teil ihrer Verteidigung gegen die Antipathie Rolfes und des restlichen VICAP-Teams.  Vor allem schien SSA Kennedy sie aufrichtig zu mögen, oder wenigstens behandelte er sie nicht anders als die anderen Agenten. Aber er war ein Schwarzer und sie war eine Frau in einem Büro, in dem 85 Prozent der rund 11.000 Agenten weiß und männlich waren. Sie hatten beide zweimal so hart zu arbeiten, um halb so gut zu sein. Sie waren Überlebende in demselben Rettungsboot, dachte sie, Insassen im selben Flüchtlingslager.

Und Kennedy war der einzige. Der Rest des VICAP-Teams war über ihre Anwesenheit klar verbittert und tat alles, um ihr das Leben schwer zu machen. Es machte ihr zu schaffen. Ihre Versuche, sich zu wehren, hatten sie nirgendwo hingeführt. Sie war sich vollkommen sicher, dass die VICAP-Agenten sie nicht töten lassen würden, wenn sie es könnten - das würde zu weit führen - aber irgendetwas in der Art, und sie würde sich auf keine Rückendeckung irgendwelcher Art verlassen.  Zum Glück für sie konnte sie mit allem, was sie ihr zuwarfen, so weit umgehen, dass sie sogar den schaurigsten Tatorten und den scheußlichsten verstümmelten Leichen mit Gelassenheit begegnete. Daraus zog sie eine grimmige Befriedigung und sie wusste, dass einige ihrer angeblichen Kollegen deswegen enttäuscht waren. Besonders Glassman.

In der ersten Woche, in der sie hier war, hatte er Dutzende von Fotographien auf ihren Schreibtisch geschmettert, Tatortfotos von Verstümmelungen und sie hatte sie mit antrainiertem Selbstbewusstsein durchgesehen. Sie wusste, dass er gehofft hatte, sie zusammenbrechen, schreien, sich übergeben, ohnmächtig werden oder weinen zu sehen.

Nicht sie. Die Fotographien erschreckten sie, aber sie hatte schlimmere Dinge gesehen, ohne irgendetwas nach außen hin zu zeigen. VICAP-Fälle, so schlimm sie auch waren, waren nicht einmal ansatzweise vergleichbar mit dem, was sie bereits gesehen hatte.

Mach eine Autopsie an einem Mann, der von einem prähistorischen, außerirdischen Virus heimgesucht wurde, dachte sie. Geh mit dem Plattwurmmann in die Kanalisation. Iß ein Leberwurst-Sandwich mit Eugene Tooms. Sammle eine wurmzerfressene, kopflose Leiche mitten im Hochsommer in einem Gefängnis in Florida ein. Beobachte, wie die verdammten F. emasculata auf dem Gesicht eines toten Mannes kochen, aufbrechen und eine Seuche ausspeien, die einen innerhalb von Stunden umbringen kann. Dann komm wieder und sag mir, dass diese Leichen das schlimmste sind, was du je gesehen hast.

Aber Glassman piesackte sie immer noch, versuchte, ihr unter die Haut zu gehen aus Gründen, die sie nicht ergründen konnte. Sie war sich nicht sicher, ob sie es wirklich wissen wollte. Sie wollte nur, dass er sie allein ließ, er und alle anderen, und sie taten es nicht. Wie jetzt, als er auf ihrem Schreibtisch saß und immer näher rückte.

"Hey, Scully," sagte er mit einem wissenden Lächeln. "Verraten Sie mir etwas.

Ist es wahr, dass der gute alte Spooky ins Bett pinkelt?" "Nicht dass ich wüsste, Glassman," antwortete sie müde. "Würden Sie bitte von meinem Schreibtisch herunterkommen? Ich habe Arbeit zu erledigen." "Warum haben Sie beide sich getrennt?" fuhr er fort, ihre Bitte ignorierend.

"Konflikt zwischen Liebenden?"

"Ich werde das nicht mir Ihnen diskutieren," erwiderte sie und spürte, wie die Wut in ihr aufstieg. "Was immer ich auch für Gründe für meine Versetzung hatte, sie gehen Sie nichts an."

"Ich habe gehört, dass Sie beide eine Biowaffen-Untersuchung vermasselt haben und dass sie ihn aufs Land versetzt haben," meinte Glassman. "Ist da was wahres dran?"

"Ich weiß nicht, wo Mulder ist und es kümmert mich nicht," entgegnete Scully mit einer Lässigkeit, die sie nicht empfand. "Glassman, lassen Sie mich allein. Ich meine es ernst."

"Ich auch," sagte er. "Kommen Sie schon, Scully, bleiben Sie locker. Um Gottes Willen, ich hab nur einen Spaß gemacht. Kommen Sie schon, warum gehen wir beide nicht zusammen ein Bier trinken und lernen uns besser kennen?" "Ich will Sie gar nicht besser kennenlernen und ich würde es nicht als Scherz betrachten," brachte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. "Ich betrachte das als anstößig. Glassman, ich sage es Ihnen zum letzten Mal: gehen Sie von meinem Schreibtisch runter."

"In Ordnung," meinte er und stand auf. "Wissen Sie was, es gibt nur zwei Arten von Frauen beim FBI, Scully; die Art, die Männer mag und die Art, die sie nicht mag. Vielleicht sollten Sie beim nächsten Mal darüber nachdenken, wenn Sie wieder einmal jemanden schneiden, der nur versucht, ein Freund zu sein." "Ich danke Ihnen sehr für Ihre Besorgnis," entgegnete sie kalt. Glassman ging schnaufend davon und ließ sie allein zurück im Büro mit ihrem Papierkram. Sie blickte herab auf die Berichte, aber sie übermittelten nichts mehr an ihre Gedanken.

Also Glassman wollte etwas über die Untersuchung in Mobile wissen? Das war einfach zu schlecht; Scully sprach nie über diesen letzten Fall, dachte nicht einmal darüber nach, wenn sie es verhindern konnte. Aber das wurde mit jedem Tag, der verging, schwieriger.

Manchmal - tatsächlich immer öfter - konnte sie es nicht verhindern, darüber nachzudenken. Der kleinste Luftzug von regennasser Erde und sie war wieder zurück, mit dem Gesicht im feuchten Ton und sie spürte wieder den zuschnürenden Schmerz in ihren Händen und Füßen und das schmerzhafte blutige Husten und die Erschöpfung.

Die Erinnerungen drangen mit einer Wucht von Realität in ihre Gedanken ein; manchmal war es so, als ob sie ihren Körper verlassen hatte und auf sich herabsah, wie sie immer noch da lag, gefesselt, hilflos, verletzt und darauf wartend, dass sie verblutete oder im Schlamm versank.  Manchmal kamen die Gedanken, wenn sie Auto fuhr und sie kam vom Weg ab und landete irgendwo in der Nachbarschaft, wo sich sogar bewaffnete Polizisten nicht allein hintrauten. Es gab Zeiten, da musste sie an den Straßenrand fahren und den Wagen anhalten, weil sie zu sehr zitterte, um weiterfahren zu können.

Ein paar Mal, während sie auf der Arbeit war, weckte irgendein Aspekt eines

Falls ihre Erinnerungen so lebhaft, dass sie sichtbar zusammenzuckte; einmal

hatte sie ohne nachzudenken laut &#8218;Nein!' gerufen. Jeder Agent im Raum hatte sich

umgedreht und sie angestarrt, und sie hatte ihre Gedanken beinahe hören können:

Mrs. Spooky, schienen sie zu sagen. Spricht mit sich selbst. Was habt ihr erwartet?

Ich kann nichts dagegen tun, wollte sie ihnen sagen. Ich weiß nicht, wie ich die Erinnerungen daran hindern kann, zu kommen. Ich weiß nicht, wie ich aufhören kann, davon zu träumen.

Die Träume kamen nun beinahe jede Nacht; sie konnte nicht schlafen, selbst wenn sie die Zeit dazu hatte, was selten war. Ihre Nachbarn begannen, sich ihr sanft zu nähern, weil ihre nächtlichen Schreie des Terrors das ganze Haus wachhielten.  Sie entschuldigte sich jedes Mal, aber es gab nichts, was sie dagegen tun konnte, außer zu versuchen, nicht zu schlafen.  So wie die Dinge liefen, das war vielleicht eine Möglichkeit. Immer öfter lag sie wach, warf sich herum, müde aber ängstlich zu schlafen, und dann hörte sie Schritte oder Stimmen, vertraute, aber bedrohliche Stimmen, und sie lag da, erstarrt vor Terror, wie ein Kind, das darauf wartete, dass das Monster unter dem Bett hervorkroch.

Aber es war niemand da außer ihr und der Stille.  Nur um sicher zu gehen, hatte sie damit begonnen, ihre Wohnung jeden Abend zu durchsuchen; in den letzten drei Nächten war der Terror so groß geworden, dass sie mit der Waffe in der Hand suchte, ihren Finger - entgegen allen Sicherheitsvorschriften - am Abzug, bereit zu schießen.  Sie wusste nicht einmal, nach wem oder wonach sie suchte. Letzte Nacht, als sie die Schritte hörte, war sie aus dem Bett gestiegen, hatte ihre Waffe gegriffen, sich in Schussstellung begeben und gefordert, dass wer immer da war sich zeigen sollte. Doch wieder war niemand dagewesen. Nur sie, die den unsichtbaren Eindringling anschrie. Ihr älterer Nachbar aus der Wohnung nebenan hatte sie heute morgen sehr seltsam angesehen. Gestern, als sie zu einem schnellen, einsamen Essen ausgegangen war, hatte sie das Restaurant wütend verlassen, als die Kellnerin sie nicht an einen Tisch setzen konnte, an dem sie mit dem Rücken zur Wand sitzen und alle Ein- und Ausgänge sehen konnte.  Lustig, dachte sie abwesend, früher habe ich gedacht, das wäre übertrieben, wenn andere Polizisten oder Agenten es taten. Aber nun weiß ich, es macht Sinn, wenn man auf einen Angriff vorbereitet ist. Wenn man es nicht ist, könnte man getötet werden. Wenn man jemals gegen seinen Willen mitgenommen, verletzt, beinahe umgebracht worden war, dann hatte man das Recht, ein bisschen wachsamer zu sein als normal, sagte sie sich. Es ist einfach gesunder Menschenverstand: Wenn sie es einmal getan hatten, konnten sie es wieder tun. Und da ist jetzt niemand, der mir Rückendeckung gibt, außer mir.

Plötzlich bemerkte sie, dass das VICAP-Büro still war, alle waren gegangen außer ihr und abgesehen von der Lampe auf ihrem Schreibtisch, war es dunkel. Sie hatte eine Stunde dagesessen, über die Chancen in ihrem Leben gebrütet und versucht, sich selbst zu beruhigen, dass alles logisch war, dass es in einer objektiven Art Sinn machte.

Aber sie würde keine Arbeit mehr erledigen, also ging sie besser nach Hause. Sie stopfte die Berichte nachlässig in einen Aktenordner und schloss ihn in einer Schublade ein. Bevor sie hinaus zu ihrem Wagen ging, stellte sie sicher, dass ihre Waffe geladen und schussbereit war.

Also, was wäre, wenn sie mitten in den Marinekasernen von Quantico wäre, wo einige der bestausgebildeten Marines und Bundesagenten der Welt zu Hause waren?  Man wusste nie, wer möglicherweise wartete.

 

~~~~~

 

 

Birmingham-Southern College

Büro des Kassierers

Zwei Wochen später

4:32 p.m.

Gott, was habe ich geglaubt, dachte Mulder, als er einen steilen Hang zum Verwaltungsgebäude hinaufkletterte. Ich hätte mich nach Oklahoma versetzen lassen sollen, dort gibt es wenigstens keine Berge.  Sich umschauend fand er ein Zeichen, das besagte, dies war das Büro des Kassierers. Das war es. Er untersuchte kurz die Eingangshalle und bemerkte das Kassenfenster; auf dem Namensschild stand der Name der Frau eingraviert, nach der er suchte. Er ging hinüber zu dem Fenster und griff in seine Tasche nach seinem Ausweis, als er sich ihr näherte.

"Kann ich Ihnen helfen?" fragte die Frau hinter dem Fenster.  "Ja, ich bin Special Agent Fox Mulder vom FBI," antwortete Mulder und zeigte seine Marke. "Sind Sie Betty Howard?"

"Ja," sagte die Frau. Sie klang nervös. Das taten sie alle. Mulder unterdrückte ein Stöhnen. Nur ein einziges Mal würde er gern mit jemandem reden, der glaubte, mit dem FBI zu reden, würde Spaß machen. Niemand tat es, und er konnte es ihnen nicht einmal übel nehmen.

"Mrs. Howard," begann er.

"Miss Howard," entgegnete Miss Howard. "Habe ich irgendetwas falsch gemacht?" "Nicht dass ich wüsste," sagte Mulder. "Ich bin hier, um Sie nach Ihrem Nachbarn, Robert Gentry, zu befragen. Er hat Ihren Namen als Referenz angegeben."

"Als Referenz wofür?"

"Mr. Gentry ist, wie Sie vielleicht wissen, Teil der Armeereserve," erklärte Mulder. "Er hat sich um eine hochgeheime Sicherheitsbescheinigung beworben. Ich bin nur hier, um ein paar Dinge zu dieser Bewerbung abzuklären." "Nun, ich weiß nicht, was ich Ihnen erzählen kann," erwiderte Miss Howard. Sie blickte hinüber zu dem anderen Fenster. "Müssen wir hier reden?" "Wir müssen nicht, aber ich würde es wirklich gern tun," antwortete Mulder. "Ich bin gerade eine ganze Seite des Berges hinaufgestiegen, um hierher zu kommen, und ehrlich gesagt, Miss Howard, bin ich müde." Er schenkte ihr sein bezauberndstes Mulderlächeln.

Es funktionierte. Miss Howard lächelte zurück. "Deshalb nennen sie es die Bergspitze," meinte sie. "Versuchen Sie mal irgendwann, zum Studentenwohnheim hinaufzusteigen."

"Nein, danke," wehrte Mulder ab. "Diese Kletteraktion war genug. Ich vermute, dass alle Angehörigen der Oberschicht hier gut entwickelte Wadenmuskeln haben." "Sie sind ein BSC-Markenzeichen," erwiderte Miss Howard nickend. Sie fühlte sich nun so wohl, wie es sich Mulder vorgestellt hatte. Es war einfach, es war so einfach, dass es Mulder irritierte. Sein Befragungsgeschick war in diesem Falle nicht sonderlich gefragt. Alles waren streng leicht geworfene, heimliche Körbe.  Überhaupt keine Herausforderung.

Mulder zwang seinen Verstand auf die naheliegende Aufgabe. Er nahm einen Stift aus der Tasche und begann, das Formblatt der Bescheinigung für Gentry auszufüllen.

"Also. Miss Howard," sagte er. "Wielange leben Sie schon mit Mr. Gentry Tür an Tür?"

"Ungefähr zwei Jahre," antwortete sie. "Damals bin ich von Montgomery hierher gezogen."

"Und während dieser Zeit, haben Sie ihn da kennengelernt als jemanden, der in irgendeiner Art Ärger mit dem Gesetz verwickelt war?" "Was für eine Art Ärger mit dem Gesetz?"

"Haben Sie Polizeiautos vor seinem Haus gesehen, zum Beispiel, oder haben Sie ihn oder jemand anderen, der mit ihm zusammenlebt, darüber reden hören, dass er im Gefängnis war, verhaftet, mit einem Verbrechen in Verbindung gebracht oder von einer Grandjury befragt worden ist?"

"Nein, nichts von alldem," erklärte sie. Sie begann wieder, nervös zu werden.

Zeit für eine weitere Dosis &#8218;Fox Mulder, der gute Cop'.  "Das ist fein, Miss Howard," meinte er und schenkte ihr wieder ein Lächeln. "Das passt mit dem zusammen, was er in seine Bewerbung geschrieben hat. Wie ich schon sagte, wir versuchen nur, ein paar Informationen nachzuprüfen, die wir bereits haben."

Sie entspannte sich ein wenig, aber noch nicht genug. Versuch eine andere Technik, dachte er. "Miss Howard, gibt es etwas, das Sie mir nicht sagen möchten?" fragte er.

Ihre Augen flogen auf, aber sie schüttelte den Kopf. "Nein, natürlich nicht," antwortete sie. "Ich vermute, das liegt daran, dass ich noch nie vom FBI verhört worden bin."

"Es wird nicht mehr lange dauern, Miss Howard, versprochen," meinte Mulder.  "Also, haben Sie jemals gesehen, dass Gentry illegale Drogen genommen hat, dass er illegale Drogen in Besitz hatte, dass er Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch betrieben hat?"

"Es gab bei ihm nie wilde Partys oder so was. Die einzigen Drogen, die ich je bei ihm gesehen habe, waren Antibiotika."

Mulder nickte und wollte gerade zur nächsten Frage übergehen, als Miss Howard begann, wieder zu sprechen.

"Wissen Sie, Mr. ... es tut mir leid, ich habe Ihren Namen vergessen. Miller?"

"Mulder," sagte er. "Agent Mulder. War da noch etwas?" "Oh, nichts ernsthaftes," antwortete sie. "Ich erinnere mich nur, dass ich gedacht habe, dass seine Gesundheit nicht die beste sein musste." "Warum sagen Sie das?" fragte Mulder, sein Blick plötzlich brennend.  "Nun, eines Abends kam er nach Hause mit einer Tüte von Brunos Apotheke und er ließ sie fallen," erzählte sie. "Ich kam gerade selbst nach Hause und versuchte, ihm dabei zu helfen, die Sachen aufzuheben. Es waren vier, vielleicht fünf Fläschchen irgendeiner Sorte Antibiotika."

Antibiotika? Also war der Mann Antibiotika-süchtig, oder was? Das, was sie ihm gerade erzählt hatte, ließ seine Kopfhaut anfangen zu kribbeln, ein sicheres Zeichen dafür, dass gerade etwas wichtiges passierte. Seine nächste Frage überraschte sogar ihn. "Miss Howard, erinnern Sie sich, um welche Sorte Antibiotika es sich handelte?"

"Nein," entgegnete sie. "Ist das wichtig?"

"Ich weiß nicht," sagte Mulder gedankenvoll. "Wahrscheinlich nicht. Aber nur für den Fall, erinnern Sie sich an irgendetwas?"

"Nun, ich erinnere mich, dass es zwei Sorten waren," erklärte sie.

"Silo-irgendwas und eins, das äh... klang wie &#8218;vibrate'."

Spielt, Magic Fingers, dachte er. "Danke. Möglicherweise bedeutet das gar

nichts," meinte er. Er fuhr mit dem Rest der Befragung fort, aber der Gedanke an

eine Tüte voller &#8218;vibrierender Silos' fuhr fort, sich seinen Weg in sein Gehirn

zu graben, und er hörte den verbleibenden Antworten nur mit halbem Ohr zu. Rasch beendete er das ganze, gab ihr seine Visitenkarte und bat sie anzurufen, wenn ihr noch irgendetwas einfiel, das er wissen sollte.  Während er den steilen Hang wieder hinab zu seinem Auto stieg, versuchte Mulder irgendeinen Grund für seine Reaktion herauszufinden. Er konnte es nicht und das verwirrte ihn. Wenn seine Vernehmungsfähigkeiten einrosteten, waren seine deduktiven Fähigkeiten fast durchgerostet. Nichts schien sich so zusammenzufügen, wie es sollte, nicht dass da besonders viel zu schlussfolgern war.

Aber nun diese Sache mit Gentry. Warum waren alle seine Antennen ausgefahren und signalisierten Gefahr? Was hatte es mit einer Tüte voller Antibiotika auf sich?  Er spürte die Gedanken in seinem Hinterkopf um dieses eine Thema kreisen, dem er sich nicht stellen wollte, dem er sich nicht stellen konnte: Der Grund, warum er es nicht herausfinden konnte war, dass Scully nicht da war. Scully hätte gewusst, was die Antibiotika möglicherweise bedeuteten. Wenn sie es nicht wüsste, hatte sie gewusst, wo sie es herausfinden konnte. Wie auch immer, sie hätte es ihm erklärt, dann hätte sie ihn dazu genötigt, seine Gedanken zu verfeinern, indem sie jede seiner Vermutungen in Frage stellte, bis er schließlich wusste, wo es langging.

Scully. Habe ich dir jemals gesagt, dass du das beste warst, was mir je passiert ist? Ich frage mich, ob du mir hierbei helfen würdest, wenn ich dich anrufen würde.

Vergiss es, Arschloch, sagte er sich. Du hast sie im Stich gelassen. Sie wird dich wahrscheinlich nicht wieder willkommen heißen, weder als Partner noch als sonst etwas. Leb dein Leben weiter und finde es selbst heraus, was diese verdammten Antibiotika bedeuten. Geh nach Birmingham an die Universität von Alabama, finde jemanden vom Personal der Medizinischen Schule und bring sie dazu, es dir zu erzählen.

Ja, als wenn sie die juristischen Verwicklungen einer Tüte voller Penicillin kannten. Du bist der Agent und du weißt nicht, was es bedeutet; wie sollte es dann irgendjemand anderes wissen?

Vergiss es einfach. Leb dein Leben weiter.

Er sah auf die Uhr. Beinahe Feierabend. Fahr im Büro vorbei, lass die Papiere da, dann fahr nach Hause und sieh nach, ob die Knicks im Fernsehen sind. Steh morgen wieder auf und fahre nach Mobile, setz deine &#8218;inoffizielle' und vollkommen nutzlose Untersuchung fort. Nächste Woche mach das gleiche wieder.  Ich fange an, diesen Job zu hassen, dachte er.

 

~~~~~

 

 

Dana Scullys Apartment

Zwei Tage später

1:51 a.m.

Ich wollte das heute Abend nicht tun, dachte sie. Ich wollte über ihn hinwegkommen. Scully machte sich bereit, sich der Nacht zu stellen, der schlimmsten Zeit, der wirklich schlimmsten Zeit, wenn sie allein war, nicht schlafen konnte und es nichts gab zwischen ihr und ihren Ängsten.  Nichts, das heißt, ausgenommen die schwindende Erinnerung an eine Zeit, in der sie sich nicht fürchtete: die Zeit, bevor sie gefesselt und hilflos in Alabama war, die Zeit, in der sie sich der Gefahr mit Mulder an ihrer Seite gestellt hatte.

Scully wollte aufhören, an ihn zu denken. Sie wusste, dass sie über ihn hinwegkommen und wieder sie selbst sein, ihre Sicherheit und ihre Selbstachtung wiedergewinnen musste. Gedanken an Mulder taten nichts, um ihr zu helfen, sich von diesem Trauma zu erholen; in Wahrheit machten sie es irgendwie schlimmer.  Tag für Tag befahl sie sich selbst streng, ihn zu vergessen, Sie zwang sich dazu, an all die Zeiten zu denken, wenn er sie enttäuscht hatte, all die Zeiten, wenn er andere Menschen, andere Fälle zwischen sie hatte kommen lassen. Diana.  Bambi. Angela White. Phoebe. Denk daran, Dana, befahl sie; du bedeutest ihm nicht mehr, als diese Menschen.

Aber sie wusste, dass es nicht wahr war und letztlich konnte sie genauso wenig über ihn hinwegkommen, wie sie die Farbe ihrer Augen wechseln konnte.  Nun begann sie, wie jede Nacht, seit sie nach Quantico zurückgekehrt war, mit dem, was zu einem Ritual der Erinnerung geworden war; ob sie versuchte, sich zu trösten oder sich zu bestrafen, wusste sie nicht. Sie wusste nur, dass sie dies jede Nacht tun musste, bevor sie überhaupt schlafen konnte.  Zuerst holte sie die Notiz hervor, die er ihr geschrieben hatte. Sie hatte sie so oft in der Hand gehabt, dass das Papier weich wurde und die Tinte verblasste.  Sie kannte sie auswendig, aber sie las sie wieder und wieder und versuchte herauszufinden, was die Worte ihm bedeutet hatten, als er sie niederschrieb.  Hatte er innegehalten und nach den richtigen Worten gesucht? War dies der einzige Entwurf? War da mehr, was er vielleicht gesagt hätte, wenn er nicht vorgehabt hätte, die Notiz offen liegen zu lassen, wo sie jeder vielleicht sehen konnte?

Als sie die Notiz zum ersten Mal fand, hatte sie jedes Wort in ihrem Kopf hören können, als ob er sie sprach. Nun war seine Stimme gegangen, es sei denn, sie kam in ihren Träumen zu ihr. Manche dieser Träume waren lieblich, Träume in denen sie erkannt hatte, dass alles ein Fehler gewesen war, dass er sie nicht verlassen hatte und dass sie immer noch zusammen bei den X-Akten waren. Andere Träume waren mehr erotisch, Träume, in denen sein Kuss nur der Anfang und sie nicht länger die Eiskönigin war, sondern leidenschaftlich, kühn, fordernd, auf jede seiner Berührungen reagierend.

Sie erwachte aus solchen Träumen und die Realität holte sie langsam ein und sie weinte, ihr Verlust so frisch wie am ersten Tag.  Was schlimmer war als das Erwachen aus den Träumen, war die Tatsache, dass Mulder begann, in ihren Alpträumen aufzutauchen. Er war niemals Teil der Angst, niemals einer von denen, die nach ihr suchten, um sie umzubringen oder sie wieder zu entführen. Seine Rolle war einfach die, sie in irgendeiner Form im Stich zu lassen: entweder zu sterben oder selbst entführt zu werden oder Hand in Hand mit Diana oder Phoebe Green oder irgendeiner anderen Frau fortzugehen, in deren Armen sie ihn früher gesehen hatte.

Vorsichtig legte sie die Notiz zurück in die Schublade und begann mit dem zweiten Teil ihres Rituals, als sie das einzige Foto von ihnen beiden zusammen herausnahm. Ein Fotograf der Washington Post hatte es gemacht, hatte sie und Mulder draußen an einem Tatort erwischt. Es war nichts kompliziertes; Mulder sah in eine Zeitung, die sie in der Hand hielt.

Schon als sie das Foto in der Zeitung gesehen hatte, war sie erschrocken gewesen. Der Fotograf hatte ihr unwissentlich enthüllt, was für jeden anderen so klar war: Mulder liebte sie. Er zeigte keine offenkundige Zuneigung oder flirtete oder irgendetwas in der Art. Er tat einfach seinen Job, wie immer. Die Offenbarung zeigte sich in der Art, wie er neben ihr stand - er überragte sie, wirklich, um mehr als 20 Zentimeter. Er beugte seinen Kopf zu ihr, sie gleichzeitig beschützend und ihr aufmerksam zuhörend, er stand so dicht neben ihr, dass sein Mantelärmel ihren streifte.

Sie war so klein neben ihm, aber so zuversichtlich, so unerschrocken. Er war sich weder des Fotografen noch sonst jemandem außer ihr bewusst.  Scully hatte das Foto am nächsten Tag in der Zeitung gesehen mit einer Überschrift, die sich auf sie als &#8218;ein Team von FBI-Agenten' bezog. Einem seltenen Impuls folgend hatte sie die Zeitung angerufen und um einen Abzug gebeten. Der Fotograf hatte ihr reizender Weise zwei zugesandt und sie hatte einen Mulder gegeben. Er hatte es auch gemocht und es an die Seite eines Aktenschrankes in der Nähe seines Schreibtischs gepinnt.  Sein Abzug war bei dem Feuer verbrannt. Muss wohl ein Omen gewesen sein, dachte sie matt. Sie legte das Foto zurück in die Schublade und schob sie rasch zu, so dass sie nicht versehentlich das Foto von Emily erblickte. Sie konnte nicht einmal daran denken, es jetzt anzusehen.

Ihr gingen die Ideen aus. Zwei Nächte zuvor hatte sie sich in eine Usenet-Gruppe eingeloggt, von der sie wusste, dass er sich früher daran beteiligt hatte, eine Diskussionsgruppe über Verhaltenspsychologie. Er postete beinahe sicher irgendwo anders, aber sie wollte diese Seite von ihm im Moment nicht untersuchen, also hielt sie sich an einer Gruppe fest, die sich seinen beruflichen Interessen widmete.

Sie hatte zwei oder drei Nachrichten überprüft auf der Suche nach einer, die vielleicht seine war. Dann traf sie der Gedanke: Was wenn irgendwer ihre Internetnutzung aufzeichnete? Rasch loggte sie sich aus. Am besten keinerlei Gelegenheiten bieten, dachte sie. Die Lone Gunmen hatten sie das gelehrt.  Seufzend stand sie auf. Sie konnte genauso gut versuchen, zu schlafen, dachte sie und zog ihre Waffe. Vorsichtig ging sie durch die Tür in ihr Schlafzimmer, ihre Augen wanderten hierhin und dorthin auf der Suche nach Eindringlingen.  Beinahe geräuschlos kniete sie sich neben das Bett, dann zielte sie rasch mit der Waffe darunter, während sie die Bettdecke wegriss. Niemand da. Gut.  Scully legte die Waffe neben ihrem Bett auf den Nachttisch. Lustig, wie abhängig sie neuerdings davon war. Manchmal auf der Arbeit wanderten ihre Gedanken wieder und wieder zurück zu der SIG Sauer, die sie am Rücken trug. Sie konnte ihre Kühle, ihr Gewicht spüren, sogar wenn sie sie nicht in der Hand hatte.  Die Waffe erschien ihr wunderschön, schön und tödlich. Sie schien ihr zuzuwinken, sie darum zu bitten, sie zu halten, das Gefühl auszuprobieren, den Lauf auf sich selbst zu richten. Sie verhöhnte sie beinahe mit Gedanken an die explosive Erleichterung, die sie bieten konnte, an die Kugel, die ihr Gehirn durchdrang und allen Schmerz ausradierte und sie für einen letzten verzückten Augenblick in ihrem Leben wieder fühlen ließ.

Sie... dachte nur daran.

 

~~~~~

 

 

Assistant Director Walter S. Skinners Büro

Donnerstag, 25. Februar

9:52 a.m.

"Sir," sagte Kimberly. als sie ihren Kopf zur Bürotür hereinsteckte. "Der Sicherheitsdienst meldet, dass unten eine Margaret Scully ist, die darum bittet, mit Ihnen zu reden."

"Margaret Scully?" fragte Skinner. "Dana Scullys Mutter?"

"Ja Sir, ich glaube, das ist sie," erwiderte Kimberly.  Skinner runzelte die Stirn und setzte sich in seinem Stuhl zurück. "Ist irgendetwas mit Agent Scully passiert?"

"Nein Sir, nicht dass ich wüsste," meinte Kimberly. "Ich denke, wir hätten davon gehört."

"In Ordnung, Kimberly, sagen Sie ihnen, dass sie sie heraufschicken sollen," befahl Skinner.

Ungefähr zehn Minuten später ging die Bürotür wieder auf. "Mrs. Scully, Sir," meldete Kimberly.

"Danke Kimberly," erwiderte Skinner und stand auf, um Maggies Hand zu nehmen.

"Schließen Sie bitte die Tür. Mrs. Scully, das ist ein unerwartetes Vergnügen.

Was kann ich für Sie tun?"

"Mr. Skinner, ich bitte um Entschuldigung, dass ich Sie bei der Arbeit störe," bat Maggie. "Ich weiß, Sie sind ein sehr beschäftigter Mann. Aber Sie waren so freundlich, als Melissa im Krankenhaus lag und ich dachte... dass ich mit Ihnen reden könnte."

"Gibt es ein Problem mit Ihrer Tochter?" fragte Skinner mit einer so sanften Stimme, dass keiner seiner Agenten sie als seine erkennen würde, während er sie zu einem Sessel führte. Er hockte sich auf die Ecke des Schreibtischs, verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete sie aufmerksam.  "Ich... ich denke ja," erwiderte Maggie und drehte nervös am Henkel ihrer Handtasche. "Das letzte Mal habe ich sie am Dienstag gesehen - das war ihr Geburtstag. Sie sah fürchterlich aus; zu dünn, blass und verängstigt. Ich habe Dana niemals so ängstlich gesehen."

"Ich auch nicht," entgegnete Skinner. "Ist es ein körperliches Problem?" Maggie schüttelte den Kopf. "Das war das erste, was ich sie gefragt habe," sagte sie "Es ist nicht der Krebs, Gott sei Dank. Er ist immer noch in der Rückbildung."

"Das sind gute Neuigkeiten," meinte Skinner. "Wo liegt dann das Problem?" "Es sind verschiedene Dinge," erklärte Maggie. "Sie war wesentlich mehr traumatisiert durch das, was ihr in Alabama passiert ist, als ich glaube, dass irgendjemand von uns gewusst hat. Aus irgendeinem Grund war sie nicht in der Lage gewesen, sich nicht unterkriegen zu lassen, so wie sie es so viele Male vorher konnte."

Maggie sah zu Skinner auf und sie hatte Tränen in den Augen. "Mr. Skinner, sie scheint so hoffnungslos, so müde und doch manchmal so wütend zu sein. Sie redet jetzt sehr wenig, aber wenn sie es tut, spricht sie über den Tod, das Sterben, über Menschen, die getötet wurden oder andere getötet haben. Und ich weiß, dass sie nicht gut schläft; sie hat Alpträume. Ich habe gehört, wie sie schreiend aufwachte."

"Und Sie glauben, dass das bedeutet..."

"Ich glaube, Dana... möchte sterben," sagte Maggie und sah wieder auf ihre Tasche herab und spielte mit dem Henkel.

"Meinen Sie damit, dass sie sich womöglich das Leben nehmen könnte?" Maggie nickte stumm und kämpfte darum, sich zusammenzunehmen. "Sie ist nicht sie selbst. Ich konnte sie früher immer erreichen, aber jetzt nicht mehr. Wir hatten eine lange Unterredung, gleich nachdem es passiert war - eine sehr seltsame und erschreckende Unterhaltung, aber ich hatte gehofft, dass es ein Zeichen dafür war, dass sie sich öffnete und mit den Dingen klarkam." Sie schüttelte den Kopf und schluckte ein paar Mal schwer, bevor sie weitersprach. "Ich habe mich geirrt, Mr. Skinner," erklärte sie. "Es war nur ein Zeichen dafür, wie traumatisiert sie wirklich ist. Sie war nicht sie selbst, überhaupt nicht, und ich konnte es nicht erkennen. Aber sie sagt, dass niemand sie wirklich versteht."

Wieder sah sie auf. "Sie haben uns schon früher geholfen, Mr. Skinner," fuhr sie mit brechender Stimme fort. "Ich hoffe, Sie können auch jetzt helfen." "Ich will, wenn ich es kann, Mrs. Scully," antwortete Skinner. "Das FBI hat ein hochkarätiges Angestelltenunterstützungsprogramm und die Berater sind erstklassig. Möchten Sie, dass ich Dana in das Programm für eine Behandlung hole?"

"Nein," erwiderte Maggie. "Ich meine, ja, das würde ihr wahrscheinlich helfen, wenn die Zeit dazu gekommen ist, aber ich bin mir nicht sicher, wieviel Zeit wir haben, Mr. Skinner."

"Also, was schlagen Sie vor, Mrs. Scully?"

"Es gibt nur einen Menschen, der ihr jetzt helfen kann," sagte Maggie leise.  "Ihm vertraut sie; mit ihm wird sie reden. Und er wird ihr helfen. Ich weiß, er wird es."

Sie sah mit tränenfeuchten Augen zu Skinner auf. "Bitte, Mr. Skinner," bat sie mit zitternder Stimme. "Bitte, bevor es zu spät ist: sagen Sie mir, wo Fox Mulder ist."

 

~~~~

 

Meine ganze Seele schweigend wartend,

Vollkommen nackt unter einem schwülen Himmel,

Beugt sich geblendet durch seine strahlenden Augen:

Ich werde ihn besitzen oder sterben.

Ich werde wachsen um ihn in seiner Wohnung,

Wachsen, leben, sterben in sein Gesicht sehend, Sterben in seiner Umarmung gefangen.

Fatima

Alfred, Lord Tennyson

Kapitel 7

Fox Mulders Apartment

Montag, 1. März

6:33 p.m.

Mulder stand unter der Dusche, als er das Telefon klingeln hörte. Einen Moment überlegte er, ob er es klingeln lassen sollte, aber er wusste, dass er es nicht tun konnte. Niemand rief ihn mehr an, es sei denn, es ging um den Job. Sich ein Handtuch um die Hüften wickelnd, ging er ins Schlafzimmer und nahm den Hörer ab.

"Mulder," meldete er sich.

"Mulder, ich bin's, Prescott. Was machen Sie gerade?"

"Nichts, Sir," log er und löste das Handtuch, um sich die Haare zu trocknen.

"Was kann ich für Sie tun?"

"Ich habe mich gefragt, ob Sie wohl in den Süden Alabamas fahren und dem Polizeidepartment in Daphne bei einem kleinen Problem helfen würden. Scheint so, als hätten sie etwas, was verdächtig nach einem Serienkiller aussieht." Oh Gott, bloß das nicht, stöhnte Mulder innerlich auf. Alles, bloß nicht das.  Dann klingelte es. Daphne. Er erinnerte sich, dort gewesen zu sein. Es war seine letzte Nacht mit Scully. Es war die Nacht, die ihn schließlich davon überzeugte, damit aufzuhören, sie in seine Alpträume hineinzuziehen. Es war die Nacht, in der Krycek... aber er konnte nicht daran denken, würde nicht daran denken. Er zwang seine Gedanken zurück zu dem, was Prescott gesagt hatte.  "Ist es das Daphne in der Gegend von Mobile?" fragte er zwangloser, als ihm zumute war.

"Ah, Ihnen entgeht nicht viel, oder Mulder? Sie sollten Polizist werden," meinte Prescott und seine Stimme tropfte vor Sarkasmus. "Es liegt in der Gegend von Mobile. Aber in Mobile haben sie niemanden mit ihrem Wissen, um ein kriminalistisches Profil zu erstellen, und ich habe ihnen erzählt, dass Sie glücklich sein werden, sich zur Verfügung zu stellen." "Ich begrüße das, Sir," erwiderte Mulder trocken. Er gewöhnte sich langsam an Prescotts manchmal deftigen Sinn für Humor, aber er war immer noch nicht wirklich daran gewöhnt, einen Boss zu haben, der mit ihm scherzte, Punkt.  Skinner hätte nicht einmal einen Scherz gemacht, wenn man ihm eine Waffe an den Kopf gesetzt hätte.

Wo er schon daran dachte, er hatte einmal eine Waffe an Skinners Kopf gehalten und ganz sicher hatte der Mann das überhaupt nicht lustig gefunden.  "Liegt das in unserem Zuständigkeitsbereich?" fragte Mulder.  "Entsprechend VICAP wahrscheinlich nicht," antwortete Prescott. "Aber irgendjemand da oben - der augenscheinlich in der Minderheit ist - glaubt, dass es eine Verbindung zu einem Mord in Florida gibt. Sie überprüfen, was sie haben und entscheiden dann, ob sie sich dieser Untersuchung anschließen." "Welche Situation?"

"Sechs Leichen, alle männlich, alle durch mehrere Schusswunden getötet, Kaliber 38, durch eine unbekannte Person. Sie wissen schon, das was ihr Psychotruppentypen eine UP nennt."

"Gruppentötungen," sagte Mulder sofort. "Klassischer Modus Operandi. Sir, dafür brauchen sie keinen Profiler. Ein Auszubildender kann Ihnen alles sagen, was Sie über diesen Unbekannten wissen wollen."

"Vielleicht, vielleicht nicht," entgegnete Prescott. "Da ist noch mehr. Die Kugeln waren alle Kaliber 38, aber aus unterschiedlichen Waffen. Und noch ein paar weitere Unterschiede."

"Sir, bei allem nötigen Respekt, warum jetzt?" fragte Mulder. "Ein Profil an diesem Punkt richtet womöglich mehr Schaden an als dass es nützt, wenn die Untersuchung noch am Anfang steht; es könnte die Ermittler in die falsche Richtung führen. Das klingt wie etwas, was das VICAP weiter bearbeiten sollte in Zusammenarbeit mit den örtlichen Beamten."

"Das VICAP ist dort, Mulder," erklärte Prescott. "Sie haben bereits zwei Leute vor Ort."

Sie haben Agenten geschickt, dachte Mulder. Das war eigenartig. VICAP-Agenten blieben eigentlich in Quantico, verglichen und analysierten Informationen; sie reisten normalerweise nicht umher.

"Sir, ich habe den leisen Verdacht, dass ich dorthin geschickt werde, um jemanden weiter oben zufriedenzustellen," sagte Mulder.  "Oh, ich weiß nicht," meinte Prescott in seiner langsamsten, übertriebensten affektierten Stimme. Mulder hatte begriffen. Er tat es immer. Verdammt, das machte Spaß, ihn zu beobachten. "Vielleicht bin ich es nur, der einen Buckligen spielt."

"Ich verstehe nicht, was daran gut für mich sein könnte, dorthin zu gehen." "Nun, vielleicht haben Sie recht, Mulder," erwiderte Prescott. "Warum rufen Sie nicht Walter Skinner an und erzählen ihm das?" Am anderen Ende der Leitung herrschte lange Schweigen.

"Skinner will mich dort haben?" fragte Mulder.  "Sie sind einfach wie eine Tüte Katzenfutter: so gut, dass man namentlich nach Ihnen fragt," meinte Prescott. "Ich sag Ihnen was - wenn Sie sich gleich auf den Weg machen, können Sie in Daphne sein, bevor es Zeit fürs Bett ist. Das VICAP-Team treffen Sie im Pembroke Inn. Sie haben bereits für Sie reserviert.  Schreiben Sie, wenn Sie Arbeit haben, Oxford-Boy." Prescott legte auf.  Mulder starrte lange Zeit auf den Hörer. Skinner, dachte er. Warum will Skinner mich dabei haben? Dann begann er zu spüren, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten und ihn schaudern ließen. Irgendetwas stimmt nicht, dachte er, und verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Hör auf, Gespenster zu sehen, Mulder, dachte er. Hier gibt es nichts, worauf du reagieren musst. Du hast keinerlei Informationen, du hast keine Ahnung davon und du weißt nichts davon, dass irgendetwas nicht stimmt. Dein siebter Sinn kribbelt nicht. Du bist nackt und du bist immer noch nass von der Dusche. Es ist einfach kalt hier drin.  Er ging hinüber zum Thermostat und streckte die Hand aus, um die Temperatur hochzudrehen. Sie stand bereits auf 25 Grad. "Oh, Mist," sagte er laut.

 

~~~~~

 

 

Das Pembroke Inn

Daphne, Alabama

11:06 p.m.

"Kann ich Ihnen helfen?" fragte die Nachtportiersfrau.  "Ja," antwortete Mulder und hielt seine Marke hoch. "Special Agent Fox Mulder, FBI. Ich nehme an, dass bereits zwei weitere Bundesagenten hier sind und ich soll sie treffen. Können Sie mir sagen, welche Zimmernummer sie haben?" "Oh ja, Mr. Mulder. Sie haben eine Nachricht hinterlassen, dass noch ein anderer Agent kommen wird," erwiderte die Frau und klapperte auf der Tastatur. "Lassen Sie mich nachsehen - sie haben Zimmernummer 204 und 206. Aber sie sind nicht hier. Sie sagten, dass Sie sie im Polizeidepartment treffen werden." "Wo könnte das sein?"

"Am Highway 98. Sie sind bereits drauf; ich meine, das ist da, wo wir sind, wo sich unser Hotel befindet. Fahren Sie einfach in Richtung Süden, dann ist es zu Ihrer Linken."

"Danke," sagte Mulder. "Gibt es eine Reservierung auf meinen Namen?" "Ähm," machte die Frau und klapperte wieder auf der Tastatur. "Sie sollen das Zimmer 204 mit einem Mr. Glassmann teilen. Ist das richtig?" "Das ist es, wenn Mr. Glassmann zum FBI gehört," antwortete er. "Kann ich bitte die Schlüssel haben?"

"Es tut mir leid, Sir," sagte sie. "Mr. Glassmann hat bereits die Schlüssel zu beiden Zimmern. Genießen Sie Ihren Aufenthalt." Das glaubst auch nur du, dachte er.

 

~~~~~

 

 

Daphne Rathaus

11:26 p.m.

Mulder ging die dunklen Flure entlang und schielte nach den Nummern an den Türen. Der junge Polizist, der ihn hereingelassen hatte, sagte, dass das FBI Zimmer 12 für seine Operation nutzte. Dann hörte er die Stimmen, laute Stimmen, und beschloss, ihnen zu folgen.

Das Geräusch kam aus Zimmer 12. Jemand war darin und redete entschieden zu laut.  Wahrscheinlich eine unserer VICAP-Kanonen, dachte Mulder. Töte mich jetzt, irgendjemand, bitte.

Er öffnete die Tür. Ein Mann mittleren Alters, sein rotes Haar war beinahe verblasst, stand in einer Ecke des Raumes, die Hände an den Hüften, und machte den wohl schnoddrigsten Eindruck, den Mulder je gesehen hatte.  VICAP. Mulder hatte den Mann nie zuvor gesehen, aber er erkannte es. Der Typ roch beinahe wie ein Agent. Und er polterte herum wie eine typische Primadonna.  VICAP. Das musste es sein. Und da fragen sie sich, warum ich aufgehört habe, an Serienkillern zu arbeiten.

"Nee, sie macht keine Schusswaffenanalysen," sagte der Agent gerade und blinzelte dem Polizisten zu. "Sie ist ein Mädchen mit... spezielleren Talenten.  Hey, habe ich recht?"

Zu wem auch immer er sprach, stand hinter einer Wandtafel und reagierte nicht.  Mulder konnte ihre Beine sehen, die in schwarzen Hosen steckten, und ihre Füße, in hochhackigen Schuhen. Irgendetwas in ihm regte sich bei diesem Anblick.  Kannte er sie?

Ein Polizist aus Daphne, der verzweifelt befangen aussah, saß zwischen den beiden. Bei Mulders Eintritt blickte er auf. "Kann ich Ihnen helfen, Sir?" fragte er.

"Ja," sagte Mulder. "Ich bin Fox Mulder vom FBI." "Oh Gott," stöhnte der rotgesichtige Agent auf. "Sie sagen, sie schicken jemanden aus dem Distriktbüro in Birmingham und dann schicken sie mir Spooky Mulder?"

Ganz offensichtlich wollte er noch mehr sagen, aber er hatte keine Chance dazu.  Hinter der Wandtafel drang ein schepperndes Geräusch hervor. Mulders Augen drehten sich automatisch dem Geräusch zu. Er war total erschlagen und absolut sprachlos von dem, was er sah. Eine zierliche wunderschöne Frau. Rotes Haar. Das Gesicht eines Engels.

Aber sie war so blass, so dünn, und ohne die Lebhaftigkeit, die früher ihre Augen leuchten ließ. Sie konnte es nicht sein. Aber sie war es.  "Mulder?" fragte sie ungläubig und kam auf ihn zu. "Mulder, bist du das?" "Scully," sagte er. Und dann stand er einfach so da. Ihm fiel nichts weiter ein, was er sagen konnte.

 

~~~~~

 

 

Eine Minute eher war Scully nahe daran gewesen, ihren Ausweis nach Glassmann zu werfen und hinauszugehen.

Glassmann, um Gottes Willen. Rolfe wusste, dass sie ihn nicht leiden konnte.; sie hatte mit ihrem Vorgesetzten über Glassmanns Haltung ihr gegenüber mehr als einmal gesprochen. Es hatte zu nichts geführt. Sie diesem Fall zuzuordnen und sie mit Glassmann arbeiten zu lassen, war so klar ein Zeichen, dass sie sich vorstellen konnte, dass Rolfe versuchte, sie zum Kündigen zu bringen. Und vielleicht, nur vielleicht tat er ihr einen zweifelhaften Gefallen. Vielleicht, dachte sie, ist es wirklich an der Zeit, zu kündigen.  Niemals, nicht in ihren wildesten Träumen hatte sie sich vorgestellt, sich mit etwas wie diesem abzufinden und da stand sie nun, ließ es ohne Protest durchgehen, obwohl ihr die Hände juckten, Glassmann zu packen und das Leben aus ihm herauszuschütteln.

Als sie Mulders Stimme hörte, war sie sich zuerst sicher, dass sie es sich einbildete. Sie war bereits erschöpft, unglaublich mitgenommen durch ihren langen Kampf und machtlos gegenüber Glassmanns Beleidigungen. Seit Wochen hörte sie Dinge - es machte Sinn, dass ihr Verstand die Vorstellung des Mannes heraufbeschwor, der sie früher vor all dem beschützt hatte.  Nein. Es war nicht er. Sie hörte wieder Dinge. Aber ihr Körper wusste es besser, auch wenn ihr Verstand es nicht akzeptieren konnte. Der Ständer mit den metallenen Teströhrchen rutschte aus ihren plötzlich gefühllosen Fingern, krachte auf den Boden und die leeren Röhrchen zerschmetterten um sie herum. Sie bemerkte das Chaos nicht einmal, das sie um sich herum verursachte, und stolperte beinahe über ihre eigenen Füße, als sie auf die so lange ersehnte Stimme zuging.

Und letztlich war er real. Er stand im Türrahmen und starrte sie erstaunt an, als wäre sie aus dem Grab auferstanden.

"Mulder?" fragte sie. "Mulder, bist du das?"

"Scully," antwortete er und starrte sie immer noch benommen an.  Einen Moment lang bewegte sich niemand. Scully war sich Glassmanns und des Polizisten schmerzhaft bewusst, die das alles mit brennendem Interesse beobachteten. Sie konnte sich nicht in seine Arme werfen und vor Erleichterung weinen - oder ihm ins Gesicht schlagen und ihn anschreien, sie war sich nicht sicher, was - egal wie sehr sie es wollte.

Aber dann lächelte er, dieses ein wenig schiefe Lächeln, das er nur für sie allein aufbewahrte. Da vergaß sie sich beinahe selbst und wäre fast auf ihn zugerannt, aber er machte einen Schritt vorwärts und streckte seine Hand aus.  "Es ist schön, dich zu sehen, Scully," sagte er.  Sie nahm seine Hand und umschloss sie nur ein wenig länger, als es sich für Freunde schickte. "Es ist eine Weile her, Mulder," entgegnete sie und versuchte ihre Stimme sachlich zu halten. "Ich wusste gar nicht, dass du diesem Projekt zugeteilt wurdest."

"Das wusste ich auch nicht, bis vor fünf Stunden," erklärte er und ließ seine Hand sinken. "Ich bin jetzt im Distriktbüro von Birmingham." "Das hörte ich eben," erwiderte sie und zog eine Augenbraue hoch. "Ich hab mich schon gefragt."

Mulder räusperte sich und sah sich im Raum um. "Wie geht es deiner Familie?"

"Mom geht es gut," antwortete sie. "Bill... Bill ist auf See. Ich weiß nicht wo.  Das ist über meiner Gehaltsklasse. Allen anderen geht es gut." Eine Pause. "Wie geht es deiner Mutter?"

"Wir haben nicht miteinander gesprochen," sagte er kurz. Da war ein kurzes Schweigen während dem niemand zu wissen schien, was er sagen sollte. Mulder fand sich zuerst wieder.

"Scully?" fragte er. "Willst du mich deinen Kollegen vorstellen?" "Ja, natürlich," antwortete Scully kühl. "Das ist Officer Willie Mack von der Polizei in Daphne, unser Verbindungsmann."

"Freut mich," sagte Mack und schüttelte Mulder die Hand. "Ich habe von Ihnen gehört."

"Nur Gutes, hoffe ich," meinte Mulder.

Mack grinste nur.

"Nun ja," gab Mulder zu. "Ich hab es nicht geglaubt." "Und dieser... Gentleman," fuhr Scully fort, "ist Special Agent Lon Glassmann vom VICAP."

Glassmann behielt seine Hände in den Taschen.

"Das Vergnügen ist ganz meinerseits, wie es scheint" meinte Mulder und zog eine Augenbraue hoch.

"Gut," sagte Mack laut und stand auf. "Ich nehme nicht an, dass Sie mich im Moment hier brauchen, also denke ich, ich hole mir einen Kaffee. Ich bin am Ende des Ganges, wenn Sie mich brauchen, Ma'am," sagte er in Scullys Richtung.  "Danke sehr, Officer Mack," erwiderte sie höflich. "Sie waren bereits eine große Hilfe."

Er nickte ihr zu und ging hinaus.

"Also," sagte Mulder. "Was genau ist der Fall?" "Der Fall," erklärte Glassmann, "ist kein Fall. Es handelt sich nicht um einen Serienkiller. Es ist keine staatsübergreifende Orgie. Es ist eine Serie unzusammenhängender Morde und wir sind hier nicht zuständig. Morgen früh sind wir hier verschwunden, oder sobald Scully damit fertig ist, mit ihren kleinen Teströhrchen zu spielen."

Scully fühlte einen Anflug von Scham und sah unglücklich zur Seite.  "Mit ihren Teströhrchen zu spielen?" fragte Mulder ungläubig. "Ich bin mir nicht sicher, dass ich richtig gehört habe. Agent Scully ist eine vollkommen qualifizierte Gerichtsmedizinerin und ich habe sie nie anders als sorgfältig bei der Arbeit erlebt."

"Ja, da bin ich mir sicher, Sie wissen alles über ihre Arbeit, Mulder," erwiderte Glassmann augenzwinkernd. "Aber es gibt keinen Grund für mehr gerichtsmedizinische Untersuchungen. Die örtliche Polizei kann das erledigen." "Ich glaube, das ist meine Entscheidung, nicht Ihre," stellte Mulder klar.  "Also, ich bin sicher, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich herausfinde, wie die aktuelle gerichtsmedizinische Beweislage ist, bevor ich sie treffe." "Schlagen Sie sich selbst k.o.," meinte Glassmann und setzte sich in den einzigen bequemen Sessel im Raum. "Ich werde gar nichts tun." "Scully?" fragte Mulder. "Was haben wir hier also?" Der Ausdruck auf Glassmanns Gesicht machte klar, dass er es nicht mochte, wegen Scully ignoriert zu werden, aber das kümmerte Mulder herzlich wenig. Wie er Scully kannte, würde sie die Details klar vor ihm ausbreiten. Sie würde ihm sagen, was er wissen musste, und sie hatte immer einen exzellenten Sinn dafür gehabt, was das sein könnte. Jedenfalls wollte er ihre Stimme wieder hören.  "Lass mich meine Notizen holen," sagte Scully und verschwand kurz hinter dem Raumteiler. Sie kehrte mit einem ordentlichen Stapel Karteikarten zurück, mit Notizen darauf, reinlich geschrieben in ihrer sorgfältigen runden, an der Katholischen Schule geübten Schrift.

"Ich sag dir alles, was ich weiß, aber danach musst du selbst weitersehen," meinte sie und sortierte die Karten. "Du musst selbst entscheiden, was es bedeutet."

"Und das von der Frau, die als Studentin Einstein neu beschrieben hat," sagte er in dem alten vertrauten scherzhaften Ton. Das hatte ihm beinahe immer ein Lächeln eingebracht, aber nicht heute Abend. Nur eine hochgezogene Augenbraue.  Schlechtes Zeichen. Mist, nicht nur ein schlechtes Zeichen, sondern eine Botschaft, die er lesen konnte, als stünde sie auf Papier.  Komm mir nicht näher, sagte sie ihm. Ich werde dich nicht hereinlassen.

"Fang an, Scully," forderte er sie leiser auf. "Erzähl mir, was du weißt." "Es ist wenig genug," sagte sie kühl. "Aber es ist alles, was wir im Moment haben." Rasch breitete sie es vor ihm aus: sechs Männer, alle durch mehrere Schusswunden getötet, Munition Kaliber 38, mehrere verschiedene Waffen. Die ersten beiden waren Fred Williams, ein Verkäufer in einem Tante-Emma-Laden, und sein Neffe, DeAndrew Williams, beides Schwarze. Sie wurden in dem Laden gefunden, in dem der Onkel arbeitete.

"Auf den Neffen wurde dreimal geschossen," erklärte Scully. "Es scheint so, dass er versucht hat, sich aus dem Laden zurückzuziehen. Der Onkel wurde zweimal getroffen, in die Brust und ins Gesicht. Ein Kunde fand ihn hinter dem Ladentisch."

"Wurde irgendetwas gestohlen?" fragte Mulder.

Scully schüttelte den Kopf. "Nicht dass irgendjemand etwas entdecken konnte."

"Anzeichen für einen sexuellen Angriff?"

"Kein Sperma an den Leichen, keine Anzeichen für sexuelle Verletzungen."

Mulder nickte. "Okay, was als nächstes?"

"Der nächste war zwei Tage später," erläuterte Scully. "Wilhelm Nivek, männlicher Weißer, 18 Jahre alt, Kassierer auf einer Exxon-Tankstelle, ungefähr einen halben Block von da entfernt , wo die Williams getötet wurden." Auf Nivek, erzählte sie ihm, war fünfmal geschossen worden, viermal in die Brust, einmal in den Hals - eine post mortem Wunde, weil sie nicht geblutet hatte. Eine Frau, die in dem Eisladen nebenan arbeitet, hatte einen jungen Schwarzen gegen neun aus dem Laden rennen sehen, etwa um die Zeit, als Nivek getötet wurde. Sie hatte der Polizei eine Beschreibung gegeben, erklärte Scully.  "Ja, das war eine große Hilfe," meinte Glassmann lachend. "Haben Sie eine Ahnung, auf wie viele Leute in der Gegend hier diese Beschreibung passt?" "Es ist besser als gar nichts," erwiderte Scully, sich rechtfertigend.

"Jedenfalls gab es am nächsten Tag eine weitere Beschreibung ähnlich wie diese."

"Welche war...?" fragte Mulder und ignorierte Glassmanns Unterbrechung.  "In einem anderen Tante-Emma-Laden nahe der I 10," erklärte Scully. "Harold Donaldson, männlicher Schwarzer, 26 Jahre. In den Kopf und in den Hals geschossen, wieder mit Kaliber-38-Kugeln. Donaldson wurde lebend gefunden, starb aber, ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen."

Diesmal, so erzählte sie ihm, wurden rund 200 Dollar aus der Kasse vermißt. Die Waffe, mit der Donaldson erschossen wurde, war dieselbe, mit der die Williams getötet wurden.

"Hört sich wie eine Verbindung für mich an, Glassmann," bemerkte Mulder. "Und die letzten beiden?"

"Vor drei Tagen," fuhr Scully fort. "In einem Elektronikgeschäft in Pensacola, nicht allzu weit entfernt von der Florida State Line: der stellvertretende Leiter, Buck Richards, männlicher Schwarzer, 21 Jahre, und ein Kunde, Jonathan Stouffer, weißer Männlicher, 35 Jahre alt, der in Mobile lebte." "Wie passen diese Opfer zu den anderen, Scully?" fragte Mulder. "Unsere Zuständigkeit könnte davon abhängen."

"Das weiß ich," sagte sie und er konnte die Angst in ihrer Stimme hören. Warum war sie nervös? Das war eine 0815-Untersuchung, nicht so schwierig, dachte er.  Scully konnte das im Schlaf.

"Es gibt verschiedene Verbindungen," erläuterte sie langsam und sah dabei in die Ferne, als ob sie von einem Blatt ablesen würde, das nur sie sehen konnte.  "Beginnen wir mit dem Modus Operandi: mehrere Schusswunden in den Kopf und in die Brust, Kaliber-38-Kugeln, keine Anzeichen für einen Kampf bei den Opfern." "Das ist wahr, aber es ist vielleicht ein bisschen dürftig, um unsere Zuständigkeit daran aufzuhängen," sagte Mulder, ein wenig leiser. "Irgendetwas anderes? Was ist mit der Waffe?"

"Die Waffe passt zu keinem der früheren Morde," antwortete Scully. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Augenbrauen hoch; ihr Fuß klopfte arhythmisch auf den gefliesten Boden. "Es fehlte etwas Geld, aber niemand war sich sicher, wieviel," fuhr sie fort. Sie biss sich auf die Lippe und sah Mulder so an, als hätte sie noch irgendetwas zu sagen, aber sie tat es nicht.

"Ist das alles?" fragte er.

"Nein," antwortete sie und schüttelte ungeduldig den Kopf. "Da war noch ein anderer Grund, ich weiß, dass da etwas war; wenn du einen Moment aufhören könntest, mich zu bearbeiten, dann kann ich mich vielleicht erinnern." Sie ist wirklich aus dem Gleichgewicht, erkannte Mulder schockiert. Aber warum? So arbeiteten sie, verfeinerten ihre Theorie über einen Fall durch geben und nehmen, hinterfragten die Gedanken des anderen bis sie eine Übereinstimmung darüber erzielten, wie sie vorgehen würden. Es hatte sie nie zuvor gestört, auch wenn die Debatte heftig wurde; in Wahrheit schien sie den verbalen Schlagabtausch zu genießen.

Halt dich besser zurück, dachte er. Du kannst nicht derjenige sein, der sie über den Rand katapultiert und sie ist nahe daran.

"Scully," sagte Mulder vorsichtig. "Ich zweifle nicht an deinen Schlussfolgerungen, aber ich kann immer noch nicht die Verbindung erkennen, abgesehen von der Munition, und das würde ich keinen überzeugenden Beweis nennen."

"Sie können sie nicht erkennen, weil sie nicht da ist," schnaufte Glassmann.  "Sie ist da," schnappte sie zurück, ihr Gesicht gerötet vor - war es Ärger oder Scham? Mulder konnte es nicht sagen. Dann blickte sie erleichtert zu ihm auf.  "Die Zeugen. Es gibt von drei Zeugen Beschreibungen möglicher Verdächtiger; einer dieser Zeugen beschrieb einen männlichen Schwarzen fast genauso, wie der vom zweiten Tatort beschrieben wurde." Einen Moment lang schien sie beinahe glücklich, aber das hielt nicht lange an.

"Das ist Blödsinn, Scully," sagte Glassmann und Scully wandte sich wieder ab.  "Sie setzen Verbindungen, wo gar keine sind. Ich sage, wir verschwinden hier und überlassen es den örtlichen Bauerntölpeln."

"Aus welchem Grund?" fragte Mulder. "Ich gebe zu , es gibt ein paar Widersprüche..."

"Mein Problem ist, dass es nicht zusammengeht," unterbrach ihn Glassmann.  "Unterschiedliche Waffen, Opfer unterschiedlicher Rassen, unterschiedlichen Alters... sie wurden überfallen."

"Warum hat er dann nichts wertvolles mitgenommen?" fiel Scully ein und sie war nun ernsthaft erregt, wie Mulder erkennen konnte. Sie zitterte und ihr Gesicht war sogar noch weißer geworden als zuvor. "Warum bringt man zwei Menschen in einem Laden voller Computer und Stereozubehör um und verschwindet nur mit dem Bargeld aus der Kasse?"

"Verdammt große Sache," höhnte Glassmann. "Dann ist er eben verrückt. Deshalb ist es noch nicht unser Fall. Und vergessen Sie die Zeugen; wenn Sie mir einen Cent für jeden geben, den Sie hier finden und auf den die Beschreibung passt, dann kann ich in Pension gehen."

"Das reicht jetzt, Glassmann, lassen Sie sie in Ruhe," forderte Mulder kalt und betonte dabei jedes Wort einzeln. "Sie hat recht. Mehr als wahrscheinlich handelt es sich hier um einen einzelnen Täter; vom Modus Operandi her handelt es sich um einen Mörder auf Tour, nicht um einen Serienkiller im klassischen Sinne.  Er wird weiter töten, bis wir ihn kriegen."

"Ich bin mir nicht sicher, dass Sie irgendjemand gefragt hat, Mulder," sagte Glassmann. "Ich habe es jedenfalls ganz sicher nicht getan." "Irgendjemand hat mich gefragt, Glassmann," antwortete Mulder gleichmütig. "Der stellvertretende Direktor Walter Skinner hat mich gefragt, über den SSA in Birmingham. Als ich es das letzte Mal überprüfte, hatte Skinner immer noch die Verantwortung für das VICAP. Also lassen Sie uns lieber lernen, zusammen auszukommen, nicht wahr?"

"Nicht eine Minute länger als ich muss, Spooky," erwiderte Glassmann höhnisch und ließ sich wieder in seinen Sessel zurückfallen. "Wenn ich irgendetwas in der Sache zu sagen hätte, wäre niemand von uns hier und Sie würden es ganz sicher auch nicht sein."

"Nun, zum Glück für weitere potentielle Opfer haben Sie nichts zu sagen," erwiderte Mulder, aber seine Augen hatten das Grau von Stahl angenommen. "Ich habe es. Und ich bin nicht in der Stimmung, noch länger zu streiten; also lassen Sie uns einfach von hier verschwinden und ins Hotel fahren." Scully zog die Augenbrauen hoch. "Ich bin so weit. Ich war schon vor zwei Stunden fertig, aber Agent Glassmann bestand darauf, zuerst hierher zu kommen." "Die Zimmer waren noch nicht fertig," erwiderte Glassmann. "Wir nutzen nur die Zeit ein bisschen, bis sie es sind, wenn Sie sich darüber Sorgen machen." Nicht fertig, dachte Mulder? Dann erinnerte er sich an die Worte der Portierfrau: Sie haben Zimmer 204 und 206. Glassmann hat die Schlüssel - zu beiden Zimmern.

Beide Zimmer.

Er hat deinen Schlüssel, Scully? Wie konntest du ihm deinen Schlüssel geben? Wie konntest du ihn überhaupt um dich haben wollen, geschweige denn in deinem Zimmer? Nicht mit diesem Wurm... das kannst du nicht. Der bloße Gedanke machte ihn krank.

Natürlich tat es das. Es würde auch sie krankmachen. Egal wie sehr sie sich auch verändert hatte, dies war keine Möglichkeit.

Welches Spiel spielst du, du Hurensohn, dachte er und warf Glassmann einen wütenden Blick zu. Ich glaube, ich sollte dich gleich hier auseinandernehmen; es wäre eine nette kleine Aufwärmung für den wahren Spaß und die Spiele, um diesen Mörder zu fangen.

"Tatsächlich sind sie fertig," sagte Mulder und sein Ton war sorgfältig gleichmäßig. "Glassmann, Sie und ich sind in Zimmer 204 und Agent Scully ist im Zimmer daneben, Nummer 206. Zu dem Sie bereits die Schlüssel haben, wie ich verstanden habe."

"Das ist nicht richtig," protestierte Scully und ihr Gesicht wurde noch weißer.  "Wir sollten in verschiedenen Stockwerken sein. Und was machen Sie mit meinen Zimmerschlüsseln?"

"Sie hatten nichts anderes, Scully," erklärte Glassmann gönnerhaft. "Man kann es sich nicht immer aussuchen. Und ich habe Ihre Schlüssel, weil ich uns angemeldet habe."

"Sagten Sie nicht, die Zimmer waren noch nicht fertig?" fragte Mulder und erlaubte nur einer Spur von Herausforderung, sich in seine Worte zu schleichen.  "Was denn nun, Glassmann?"

"Ihnen antworte ich nicht, Mulder," sagte Glassmann. "Von einem Agenten aus einem Distriktbüro lasse ich mir einen Scheiß sagen." "Würden Sie lieber einen Scheiß von jemandem weiter oben gesagt bekommen?" fragte Mulder und ging auf ihn zu. "Ich könnte das arrangieren." "Gott, Glassmann, Mulder, hört auf damit," unterbrach Scully sie und legte ihre Hände an ihre Schläfen, so als würde ihr der Kopf wehtun. "Nicht jetzt. Ich bin müde." Sie drehte ihren Kopf fort und ließ die Schultern sinken. Sie klingt müde, dachte Mulder... und irgendwie beschämt.  "Ich habe gar nichts gemacht, Scully," verteidigte sich Glassmann. "Überhaupt nichts. Also hören Sie auf, sich wie eine Mimose zu benehmen.  "Das hat damit gar nichts zu tun und das wissen Sie genau," erwiderte sie wütend. "Sie und ich, wir haben das bereits diskutiert..." Dann brach sie ab und schüttelte den Kopf. "Vergessen Sie es. Geben Sie mir einfach die verdammten Schlüssel und lassen mich allein. Ich fahre zurück ins Hotel." Sie blickte zu Mulder. "Ihr könnt machen, was ihr wollt."

War es Zorn oder war es Angst, die die Farbe aus ihrer Haut weichen ließ? Und wegen ihm oder wegen Glassmann? Wie auch immer, dachte Mulder, sie ließ es nicht heraus und das vergiftete sie. Es brachte sie um. Zur Hölle, so ist es. Nicht weil ich hier bin. Auf keinen Fall. Niemals.

"Scully," sagte er leise.

Sie kannte diesen Ton; sie hatte sechs Jahre damit verbracht zu lernen, darauf zu reagieren, wenn sie ihn hörte. Erschrocken blickte sie rasch auf.  "Wenn du möchtest, helfe ich dir, ein anderes Zimmer zu finden," sagte Mulder mit gleichmäßiger Stimme. "Möchtest du das?"

Empfindungslos schüttelte sie den Kopf und Mulder drehte sich frustriert um und atmete beinahe zischend ein. Sei nicht wütend auf sie, dachte er. Sie ist das Opfer. Wieder... Er atmete tief ein. Hilf ihr einfach, sagte er sich. Du kannst ihr helfen. Du musst; aus welchem Grunde auch immer, sie kann sich nicht selbst helfen.

Er drehte sich um und sah, dass sie ihn mit demselben nervösen, beschämten Blick ansah. Noch einmal atmete er tief ein und versuchte sich so gut es ging zu beruhigen. Es war nicht einfach. "Es ist deine Entscheidung, Scully," meinte er.  "Aber wenn du deine Meinung änderst..."

"Ich weiß," antwortete sie rasch. "Aber ich bin in Ordnung. Es war ein Fehler, Mulder; lass es einfach."

"Lass uns nur sichergehen, dass er sich nicht wiederholt," entgegnete er und warf Glassmann über die Schulter einen Blick zu.  Glassmann sagte nichts. Er ist zu verdammt zuversichtlich, dachte Mulder. Ich würde mich freuen, ihm eine Kugel direkt in dieses Grinsen zu verpassen, dachte er. Nein. Bleib professionell. Bleib kühl. Du kannst mit diesem Scheißkerl umgehen.

"Agent Glassmann," sagte Mulder und drehte sich um.

"Ja?" antwortete der Mann, augenscheinlich gleichgültig.  "Glassmann, Sie und ich scheinen ein Problem zu haben," erklärte Mulder mit der Art Geringschätzung, die er selten außerhalb von Verhörzimmern zeigte. "Ich persönlich interessiere mich einen Scheiß dafür, ob Sie mit mir reden oder nicht, aber ich habe keine Wahl und Sie auch nicht. Wir haben hier alle einen Job zu erledigen, also müssen wir uns alle sehr schnell verständigen. Und sehr schnell bedeutet jetzt. Heute Abend."

"Welche Art von Verständigung soll das denn sein, Spooky?" fragte Glassmann und verschränkte, immer noch grinsend, die Arme vor der Brust.  Mulders Augen verengten sich beinahe unmerklich. "Mein Name ist Mulder," sagte er sanft, aber die Drohung war unmissverständlich. "Oder Agent Mulder, was immer Sie bevorzugen. Die Verständigung ist, von jetzt an werden Sie Agent Scully höflich, professionell und mit dem Respekt begegnen, den sie für ihr Können und ihre Erfahrung verdient. Wenn Sie ein Problem damit haben. das zu verstehen, können wir das auch woanders diskutieren."

"Von Ihnen nehme ich keine Befehle an," fauchte Glassmann aggressiv und stand auf.

"Oh, ich glaube, ich kann Sie überzeugen," antwortete Mulder noch ein wenig ruhiger.

Glassmann sagte nichts.

"Also kann ich davon ausgehen, dass es keine weiteren Fragen gibt?" fragte Mulder.

"Leck mich," antwortete Glassmann und drehte ihm den Rücken zu.  Das genügte Mulder als Antwort. Er sah zu Scully hinüber. Die Scham war immer noch da, aber für einen Moment sah sie beinahe... dankbar aus.  Du bist sicher, Scully, dachte er. Nichts wird dir passieren. Nicht solange ich lebe.

Sie fing den Blick auf, aber ihre Augen zeigten keinerlei Reaktion. "Lass uns einfach für heute Schluss machen und morgen darauf zurückkommen," sagte sie.  "Ich brauche etwas Schlaf. Allein," fügte sie bedeutungsvoll hinzu.  "Das wird kein Problem sein," erwiderte Mulder ruhig. "Agent Glassmann ist im Zimmer nebenan zusammen mit mir. "Seltsamerweise war das Zimmer verfügbar, als ich ankam."

"Ich glaube nicht, dass ich mit Ihnen in einer Koje schlafen will, Mulder," meinte Glassmann geringschätzig.

"Ich mag die Idee auch nicht sonderlich, Glassmann," erwiderte Mulder. "Aber ich glaube nicht, dass Sie eine Wahl haben, es sei denn, Sie haben einen Erlass, der Sie zu einem Einzelzimmer berechtigt, wenn Sie mit einem anderen Agenten desselben Geschlechts unterwegs sind. Das letzte Mal, als ich nachgesehen habe, besagten die Regeln für so eine Situation zwei Mann in einem Zimmer." "Womöglich muss ich kotzen," sagte Glassmann.

"Vielleicht leiste ich Ihnen Gesellschaft," reagierte Mulder. Dann drehte er Glassmann den Rücken zu, als wäre er vollkommen unwichtig. "Scully, kommst du zurück ins Hotel?"

"Ich bin mit Glassmann gefahren," antwortete sie.

"Möchtest du lieber mit mir fahren?" fragte er vorsichtig. "Ich gehe jetzt." Sie zögerte, aber so kurz, dass niemand außer Mulder es je bemerkt hätte. Aber sie nickte. "Sicher," sagte sie. "Gib mir nur eine Sekunde, um ein paar Sachen wegzupacken."

Scully trat hinter die Wandtafel, öffnete eine stählerne Instrumentenbox und verschloss die gesammelten Beweise darin.

"Glassmann, ich glaube, Sie haben die Schlüssel zu Agent Scullys Zimmer," meinte Mulder lässig, als Scully hinter dem Raumteiler verschwand. "Kann ich sie bitte haben?"

"Ich sehe nicht, dass sie mehr als einen benötigt," antwortete Glassmann und zog die Plastikkarten aus seiner Tasche.

"Und ich sehe nicht, dass Sie einen brauchen," sagte Mulder. "Geben Sie sie mir.

Jetzt."

Glassmann warf die Karten auf den Tisch. "Ich hoffe, Sie werden glücklich, Mulder," zischte er und meinte es ganz klar nicht so.  "Wenn nicht, dann haben wir wenigstens etwas gemeinsam, Glassmann," erwiderte Mulder, zu leise für Scully, um es zu hören, als er die Schlüssel an sich nahm.  Egal was mit ihr nicht stimmte, eher gefror die Hölle, als dass sie ihn mit dieser Art Bockmist davonkommen ließ.

Etwas lauter fügte er hinzu, "Denken Sie daran: Sie sind in Zimmer 204, nicht 206. Öffnen Sie nicht die falsche Tür. Wir sehen uns dort." Er drehte sich um und sah Scully zur Tür gehen mit der Beweismittelbox in der Hand.  "Lass uns gehen," sagte sie. "Ich muss das hier nur noch Officer Mack geben auf dem Weg nach draußen."

"Okay, wir finden ihn," antwortete Mulder. Er schien ruhig, aber Scully wusste, dass er nicht so ruhig war, wie er versuchte zu erscheinen. War es die Konfrontation mit Glassmann oder die Aussicht darauf, allein mit ihr zu sein?  Wie auch immer, dies würde ein langer Fall werden, dachte sie. Ein langer, unerfreulicher Fall, betont durch emotionale Komplikationen. Ich hätte das FBI verlassen sollen, bevor ich dich je wiedergesehen habe, Mulder, dachte sie, als sie ihn mit einem Blick streifte. Er beobachtete sie. Wie ärgerlich.  "Fertig, Scully?" fragte er und sah ihr in die Augen.  Sie las die Botschaft darin: Du bist jetzt sicher, Scully. Ich pass auf. Sie nickte, unwillig eine Erwiderung zu formulieren. Jetzt erinnere ich mich, dachte sie. So haben wir kommuniziert. Die Augen. Es war alles in den Augen. In diesem Fall, dachte sie, bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn wirklich wieder ansehen will.

 

~~~~~~

 

 

Einmal habe ich mich verliebt,

aber nun zerbreche ich nur.

Es gibt nichts, was ich tun kann, eine totale Finsternis im Herzen Einmal war ein Licht in meinem Leben, aber nun ist da nur noch die Liebe im Dunkeln, nichts kann ich sagen, eine totale Finsternis im Herzen.

"Totale Finsternis im Herzen"

Kapitel 8

Daphne, Alabama

11:56 p.m.

Sie sprachen nicht auf dem Weg zu Mulders Wagen. Er ließ sie einsteigen, stieg dann selbst ein und startete den Motor, aber er legte noch keinen Gang ein und saß einfach nur mit den Händen auf dem Lenkrad da.  Er will reden, dachte Scully. Und natürlich müssen wir reden. Aber was will ich ihm sagen? Sie drehte sich herum, um ihn anzusehen und erblickte das Zögern in seinen Augen und das vorsichtige Lächeln auf seinen Lippen. Ich kenne diesen Ausdruck, dachte sie. Er wartet darauf, dass ich ihm zeige, dass alles mit uns in Ordnung ist, und das ist es nicht. Zur Hölle mit ihm - manchmal wünschte ich, ich hätte ihn nie getroffen. Aber Gott helfe mir, ich bin froh, dass er hier ist.

Mulder, du Bastard, ich weiß verdammt noch mal nicht, was du von mir hören willst. Dann sah sie die Überraschung in seinem Blick und erkannte erschrocken, dass sie den letzten Satz laut gesprochen hatte.  "Du musst mir gar nichts sagen, Scully," sagte er und das Lächeln war verschwunden. "Ich hab die Botschaft verstanden." "Hast du das?" fragte sie, so ruhig sie konnte und versuchte, den Tumult, der in ihr tobte, zu verbergen.

"Dass du nicht gerade vor Freude überschäumst, mich zu sehen?" erwiderte er grimmig. "Ja. Ich denke, das hast du ganz deutlich gemacht." Er legte den Gang ein und fuhr aus der Parklücke auf den Highway.  Dann herrschte ein langes, unbehagliches Schweigen.  "Mulder, ich weiß nicht, was ich dabei empfinde, dich wiederzusehen," sagte sie schließlich mit flacher Stimme. "Ich wünschte, ich würde es wissen." "Wie kannst du es nicht wissen?" fragte er. "Wie ist es möglich, dass du nicht weißt, was du mir bedeutest?"

"Es tut mir leid, habe ich deine Gefühle verletzt?" entgegnete sie kalt. "Wie furchtbar für dich. Es ist schmerzhaft herauszufinden, dass jemand, der dir wichtig ist, deine Gefühle nicht erwidert. Ich kenne das - ist mir um Weihnachten herum passiert."

Bei dieser Äußerung zuckte er zusammen; als er wieder sprach, war seine Stimme dunkler und wesentlich weniger lebhaft. "Scully, du weißt, warum ich gegangen bin," sagte er. "Ich habe es dir gesagt. Es hat nichts mit dem zu tun, was ich für dich empfinde. Das musst du glauben."

"Es liegt mir wirklich nichts daran, darüber zu reden," erwiderte sie, drehte den Kopf zur Seite und sah aus dem Fenster. "Ich muss über andere Dinge nachdenken, Dinge, die nichts mit dir zu tun haben." "Wenn du nicht über persönliche Angelegenheiten reden willst, das ist in Ordnung." Er richtete seine Augen weiter auf den Highway. "Im Moment denke ich auch nicht, dass ich es will. Aber wir haben einen Job zu erledigen, zusammen offensichtlich, und wir können es nicht tun, wenn wir uns vor dem anderen verschließen. Diese Untersuchung wird es nicht geben, wenn wir nicht miteinander reden."

"Okay, Mulder," erwiderte sie, aber ihre Selbstkontrolle versagte wieder einmal.  Sie wirbelte herum. "Lass uns reden. Lass uns über eine Menge Dinge reden, zum Beispiel darüber, wie du entscheiden konntest, unsere Partnerschaft zu beenden, ganz allein, ohne irgendeinen Beitrag von mir." Tränen schossen ihr in die Augen; wütend wischte sie sie fort. "Mulder, ich habe dich angefleht zu bleiben;

Gott, es bringt mich um, wenn ich daran denke, wie sehr ich mich erniedrigt habe, und es gab nie auch nur die geringste Hoffnung, dass du mir zuhören würdest oder auf das hören würdest, was ich wollte. Ich weiß nicht, wie du mir das antun konntest."

"Ich wollte nur sichergehen, dass du außer Gefahr warst und es dir gut ging," antwortete er und starrte weiter auf die Straße, als würde ein weiterer Blick von ihr ihn womöglich umbringen. "Ich wollte dich nicht erniedrigen und ganz sicher wollte ich nicht ohne dich sein. Ich will es auch jetzt nicht." "Oh wirklich," äußerte sie so empört, dass Mulder nicht hinsehen musste, um zu wissen, dass der Ärger aus ihren Augen sprühte. "Also, sieh mich an, Mulder.  Sehe ich aus, als ginge es mir gut?"

Er antwortete nicht und er bewegte sich nicht.

"Mulder, verdammt noch mal, sieh mich an," verlangte sie mit dunkler Stimme.

"Das ist das Mindeste, was du jetzt tun kannst." Er warf ihr einen kurzen Blick zu und sein Kopf sackte nur für eine Sekunde nach unten, bevor er seinen Blick zurück auf die Straße zwang. "Du siehst unglücklich aus," sagte er schließlich. "Aber ich bin nicht eingebildet genug, um zu glauben, dass das alles nur wegen mir ist."

"Nein, nicht alles," schoss sie zurück. "Aber genug, um mich sehr unsicher zu machen, ob ich wieder mit dir arbeiten will."

Das tat ihm weh. Sie konnte es sehen. Ein Teil von ihr wollte ihn trösten, den Schmerz fortnehmen, aber der andere Teil von ihr - der Teil, der den Verlauf der Dinge bestimmte - glaubte, er hätte noch nicht einmal annähernd genug.  "Möchtest du wissen, was ich jetzt tue, Mulder?" fragte sie und ihre Augen funkelten. "Ich arbeite im VICAP. Natürlich nennt mich jeder Mrs. Spooky, sogar mein Vorgesetzter, SSA Rolfe, der mich verachtet, weil er dich zuerst verachtet hat. Ich habe kein Privatleben; meine Freunde sind alle schon vor Jahren verschwunden, weil es niemals Platz für sie und für dich in meinem Leben gab und ich mich für dich entschieden hatte. Kurz gesagt, Agent Mulder, du hast mir alles genommen, was ich jemals hatte und ich war noch nie so unglücklich in meinem Leben." Die letzten Worte spuckte sie ihm förmlich ins Gesicht.  "Hat dich Mike Rolfe wirklich so genannt?" fragte Mulder ungläubig.  Für einen Moment war das einzige Geräusch das Tappen von Scullys Fingernägeln auf dem harten Vinyl der Armlehne. "Es geht immer nur um dich, nicht wahr, Mulder?" sagte sie kalt. "Vergiss alles andere, was ich gesagt habe. Das einzige, worum du dich zu sorgen scheinst, ist ob jemand mich Mrs. Spooky nennt, weil das ein schlechtes Licht auf dich wirft, nicht wahr? Na gut, was irgendjemand über dich denkt, ist die letzte meiner Sorgen." "Nun, du schienst es als ziemlich große Beleidigung genommen zu haben," begann er, aber sie unterbrach ihn.

"Sieh mal," erklärte sie. "Die Frage ist nicht, wie mich irgendjemand nennt. Es geht darum, ob ich überhaupt noch eine Karriere vor mir habe. Aber wenn das für dich okay ist, dann würde ich jetzt lieber nicht darüber reden." "Nein, es ist nicht okay," erwiderte er ungeduldig. "Du hast es sehr deutlich gemacht, dass du wünschtest, ich wäre nie aufgetaucht, und wenn das so ist, dann ist es so. Aber wenn du nicht jetzt deine Marke abgeben willst, dann müssen wir diesen Fall zusammen bearbeiten, ob es dir passt oder nicht." "Es passt mir nicht," fauchte sie. "Wenn du gewollt hättest, dass ich mit dir arbeite, wenn du mich darum gebeten hättest, wäre es etwas anderes gewesen, aber du hast es nicht. Das war nicht deine Idee, Mulder; du warst total schockiert, als du mich gesehen hast. Verrat mir eines: wenn du gewusst hättest, dass ich an diesem Fall mitarbeite, hättest du ihn dann angenommen?" "Frag mich das nicht," sagte er gereizt. "Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann."

"Ist es das?" fragte sie. "Möchtest du gern eine andere Frage hören, die du nicht beantworten kannst? Wie kommt es, dass du so besorgt um mein Wohlergehen bist, dass du sogar fortgehen musstest, um mich zu beschützen, dass du mich nicht einmal anrufen konntest oder mir eine email schicken oder mir schreiben, nur um zu fragen, ob ich noch lebe? Ich meine, nicht einmal an meinem Geburtstag. Ich habe den ganzen Tag am Telefon gewartet und geglaubt, dass du mich wenigstens an diesem Tag anrufen würdest. Ich habe beinahe mein eigenes Geburtstagsessen bei meiner Mom verpasst, weil ich so sicher war, dass du anrufen würdest. Aber du hast es nicht getan." Mulder sagte nichts.

"Du hast dich nicht einmal daran erinnert, nicht wahr?" fragte sie verbittert.

"Du warst... so beschäftigt mit irgendetwas anderem, nehme ich an." Er konnte nicht antworten. Sie hatte recht - er hatte ihren Geburtstag vergessen oder hatte ihn absichtlich aus seinem Hirn verbannt. Aber es ihr gegenüber zugeben war kein bisschen hilfreich. Und selbst wenn er sich erinnert hatte, er hätte nicht angerufen.

"Mulder, sag etwas," forderte sie und hasste die Wut in ihrer Stimme, fühlte aber, dass sie sogar noch zunahm. "Sag mir, dass du nicht wusstest, wie elend ich mich seit dem Tag fühle, als du mir sagtest, dass du gehst." "Ich wusste es nicht."

"Du bist ein Lügner."

Das traf ihn. "Ich bin was?" fragte er. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich richtig gehört habe."

"Ein Lügner," sagte sie und ihre Augen waren kälter als er sich jemals hätte vorstellen können. "Du hast mich richtig verstanden. Du kennst mich besser als irgendjemand sonst auf der Welt. Und du weißt, seit du gegangen bist, geht es mir absolut und ganz sicher verdammt elend!"

Sie schrie ihm Obszönitäten ins Gesicht. Mein Gott, dachte er verwirrt, wie war es so weit gekommen?

"Mulder, sogar heute Abend mit Glassman, bedeutete alles, was ich gesagt habe, alles was ich versuchte zu diesem Fall beizusteuern, nichts," sagte sie und ihre Stimme zitterte vor Wut. "Niemand hört mir zu. Niemand respektiert etwas von dem, was ich zu sagen habe, weil sie alle wissen, dass ich früher kleine grüne Männchen und mexikanische Ziegensauger gesucht habe und ich weder die Oxford-Bildung noch das Y-Chromosom habe, um diesen Mangel zu überspielen. Und du kreuzt auf und sagst Glassman, dass ich recht habe und das soll alles gut machen? Nein. Diese Art von Hilfe will ich nicht, weder von dir noch von sonst wem. Ich will nicht Mrs. Spooky sein. Ich möchte mehr sein, als nur ein bedeutungsloser Scherz."

Absolute Stille.

"Hast du mir gar nichts zu sagen?" fragte sie praktisch zischend, aber mit Tränen in den Augen. "Überhaupt nichts?"

"Ich bin kein Lügner, Scully," erwiderte er und sie sah, dass seine Augen, zum ersten Mal heute Abend, monoton und freudlos waren.  "Bist du nicht?"

"Nein. Aber ich bin ein Feigling."

"Oder nur ein verdammter Wahnsinniger," fauchte sie. "Vielleicht wirst du einfach durch mich verrückt, Mulder." Die Worte waren kaum aus ihrem Mund, als sie erkannte, was sie getan hatte. Sie wusste, dass die von den Verschwörern sorgfältig aufgebauten Lügen und Irreführungen ihn bis zu einem Punkt gequält hatten, dass er manchmal an seinem eigenen Verstand zweifelte; sie wusste es, weil er es ihr erzählt hatte, er hatte ihr mit diesem geheimen Wissen vertraut.  Und nun verspottete sie ihn deswegen, nutzte ihren Zugang zu seinem privatesten Selbst, um ihn zu verletzen. Egal was er gesagt oder getan hatte, das war einfach zu weit unterhalb der Gürtellinie und sie wusste es.  Und er auch.

"Was zum Teufel soll das heißen?" verlangte er mit einem heftigen Seitenblick zu ihr zu wissen.

"Nichts," antwortete sie und schüttelte frustriert den Kopf. "Es heißt gar nichts. Es tut mir leid, dass ich es gesagt habe. Vergiss es, in Ordnung?" "Auf keinen Fall," rief er und nun zitterte seine Stimme. "Das war ein verdammter Tiefschlag, Scully. Wenn du wütend bist, in Ordnung, aber um Gottes Willen, hör auf damit, mich verrückt zu machen, okay?" Die Reifen quietschten; er fuhr auf den Parkplatz des Hotels, fuhr zu schnell und drückte das Bremspedal mit solcher Macht, dass sie den verbrannten Gummi der Reifen riechen konnte. Sie erinnerte sich daran; so fuhr er immer, wenn er verdammt wütend war. Und wenn Mulder so wütend war, so verletzt, dann blieb er nicht, um es zu Ende zu bringen; er verschwand einfach.  Der Gedanke ließ sie vor Angst und Besorgnis frieren. Jetzt fuhr er unter den Baldachin und hielt den Wagen an. Er sagte nichts, aber die Botschaft war deutlich: hier hast du auszusteigen.

"Tu es nicht," sagte sie und ihre Stimme bebte. "Tu es nicht, Mulder." "Tu was nicht?" fragte er immer noch wütend. "Nicht mit dir reden? Dich nicht in dein Hotel bringen? Nicht fortgehen, damit du noch ein paar billige Schüsse auf mich abschießen kannst? Du hast mich die letzten 15 Minuten lang angeschrieen, und wenn ich mich recht erinnere, habe ich verdammt noch mal gar nichts gesagt, um dich zu provozieren. Also was genau möchtest du nicht, dass ich es tue, Scully?"

"Halt hier nicht an und setz mich raus," antwortete sie und nun zitterte sie so heftig, dass er sie kaum verstehen konnte. "Park den Wagen, Mulder. Bitte. Lass mich nicht hier zurück."

Einen Moment glaubte sie, er würde es ablehnen, würde ihr befehlen, aus dem Wagen zu steigen und dann fortfahren, aber er tat es nicht. Ohne ein Wort startete er den Motor wieder und fuhr die paar Meter zum Parkplatz an der Seite des Hotels und hielt an. "Okay, ich habe geparkt," sagte er und drehte seinen Kopf herum, um sie anzusehen. "Was nun?"

Sie atmete langsam ein und aus. Sie wartete, bis sie sich sicher war, dass sie sprechen konnte, ohne in Tränen auszubrechen. "Ich... Mulder, ich muss mich entschuldigen," sagte sie beinahe flüsternd. "Ich hätte nicht sagen sollen, was ich gesagt habe. Ich wollte nie... die Beherrschung verlieren. Ich begreife, dass wir damit professionell umgehen müssen."

Mulder beobachtete sie vorsichtig, aber die Wut verschwand langsam aus seinen Augen und wich dem Ausdruck des Profilers. Er las in ihr, drang in ihren Kopf ein, etwas, von dem sie sich ziemlich sicher war, dass er es nie zuvor getan hatte, nicht ernsthaft.; nicht mit ihr. Doch sie glaubte nicht, dass sie es mochte. Nicht ein bisschen.

"Ich glaube nicht," antwortete er langsam, "dass es ein Problem sein wird zusammenzuarbeiten, wenn es das ist, was du willst. Ich vertraue immer noch einem Urteil, Scully."

"Das ist sehr freundlich von dir," entgegnete Scully, aber sie konnte es nicht so kühl und unnahbar klingen lassen, wie sie es wollte; sie war wieder kurz davor, zu weinen. Verdammt, Dana, dachte sie. Krieg dich unter Kontrolle. Das ist nicht das Gesicht, das du ihm jetzt zeigen möchtest. Sei stark, um Gottes Willen.

Sie wandte ihr Gesicht von ihm fort. "Mulder, du kannst dich darauf verlassen, dass ich alles tun werde, was hier getan werden muss, weil mir sehr daran gelegen ist, das hier so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Ich dachte, alles was ich tun muss, war die Beweise zu sichern, die uns in diesem Fall ein Urteil ermöglichen und so schnell wie möglich nach Quantico zurückzukehren." "Warum bist du dann immer noch hier?" fragte er und sprach nun etwas ruhiger.  "Ich dachte, du hättest bereits entschieden, dass es sich um eine Bundesangelegenheit handelt?"

"Ich bin nur hier, weil ich hier sein muss," erwiderte sie. "Das sind meine neuen Befehle, so wie heute Abend: bleib da und assistiere dem Profiler - dir - bei der Analyse der vorhandenen physischen Beweise." "Ich kann mir niemanden vorstellen, mit dem ich es lieber täte," bemerkte Mulder und seine Stimme war immer noch gleich. "Aber ist das der einzige Grund, warum du bleibst?"

"Welchen anderen Grund könnte ich haben?" fragte sie und war wütend darüber zu hören, wie ihre Stimme versagte. "Mir wurde befohlen hier zu sein, also bin ich hier."

"Aber...?"

"Nichts aber. Es ist mein Job." Scully schluckte schwer und versuchte, ihren Atem zu verlangsamen, aber ihre Selbstkontrolle zerbrach zunehmend. Sie blinzelte heftig und hoffte, er würde die Tränen nicht sehen, die begannen, über ihre Wangen zu laufen.

"Mulder, ich versuche, mit dir zu arbeiten," erklärte sie mit erstickter Stimme.  "Ich werde es. Aber ich kann mich ehrlich nicht dazu bringen, mich darum zu sorgen, ob wir hier Erfolg haben oder nicht."

Mulder sah die Tränen, widerstand aber dem Impuls, sie wegzuwischen. Einmal hatte sie sich nicht geschämt, vor ihm zu weinen oder sogar in seinen Armen, aber diese Zeit war für immer vorbei, dachte er. Wenn er das schon nicht ändern konnte, so konnte er wenigstens versuchen, so zu tun, als hätte er es nicht bemerkt. Er blieb, wo er war und schwieg.

"Mulder, es tut mir leid," sagte sie und kämpfte darum, ihre Stimme gleichmäßig zu halten und versagte absolut. "Aber ich denke, du erkennst, dass ich wirklich nicht die Partnerin bin, die du im Moment brauchst." "Das glaube ich nicht, Scully," hielt er dagegen. "Du hast jedes Recht, wütend auf mich zu sein, aber ich werde niemals glauben, dass wir nicht zusammenarbeiten können."

"Nein," antwortete sie und hielt ihren Blick in die Dunkelheit da draußen gerichtet. "Ich kann nicht," sagte sie und weinte nun offen. "Ich kann einfach nicht. Ich bin nicht mehr die, die ich einmal war, Mulder. Ich habe nicht mehr das emotionale Gleichgewicht, um das zu tun, was du brauchst. Ich hasse schon den Gedanken, im Moment da draußen zu sein."

"Das entspricht niemandes Vorstellung von Spaß," sagte er. "Besonders nicht diese Art von Fall."

"Früher konnte ich es tun," antwortete sie immer noch weinend und schreckte vor ihm zurück. "Ich war gewöhnt, eine Menge Dinge zu tun. Jetzt bin ich vollkommen unprofessionell."

"Du warst in deinem ganzen Leben noch nicht unprofessionell," erwiderte er. "Und ich kann sagen, dass die Dinge in der letzten Zeit für dich nicht sonderlich gut liefen."

"Nicht so schlecht, um dich derart anzuschreien, wie ich es getan habe," meinte sie, ein wenig ruhiger, aber ihre Stimme war immer noch belegt und sie schniefte zwischen den Worten, wie ein ängstliches kleines Mädchen.  "Das ist eine natürliche Reaktion," sagte er.

Wieder versteifte sie sich, aber sie entspannte sich ein wenig, als sie bemerkte, dass Mulder im Augenblick nicht im Profiler-Modus war. Er versuchte einfach nur, versöhnlich zu sein.

"Vielleicht ist es einfach nur eine seelische Reinigung," fuhr er fort. "Wie ein Elternteil, das ganz krank ist vor Sorge und weint, weil das Kind so spät noch draußen ist. Und wenn das Kind nach Hause kommt, hören die Eltern auf, sich Sorgen zu machen und werden wütend."

"Glaubst du, das ist mit mir passiert?"

"Das, oder etwas ähnliches."

"Und warum genau sollte das sein?" fragte sie und ärgerte sich wieder aus Gründen, die sie nicht verstehen konnte. "Du glaubst, dass ich vor Sorge um dich krank war und nun bin ich wütend?"

Aber Mulder schluckte den Köder nicht. "Ich weiß nicht," meinte er gedankenvoll.  "Ich weiß nicht, was passiert ist oder warum du beim VICAP arbeitest mit diesem kleinen Ekel, aber ich weiß, dass ich dich nie so verängstigt und besiegt gesehen habe. Ich hätte niemals geglaubt, dass das passieren kann." Beinahe hätte sie gelächelt über die Bemerkung mit dem kleinen Ekel, aber das Lächeln war schnell verschwunden bei dem Wort besiegt. Ich bin nicht besiegt, dachte sie. Bin ich es?

"Ja," sagte er sanft und sie wusste, dass er wieder in ihr gelesen hatte.  "Scully, ich weiß nicht, was verkehrt ist, obwohl ich mir ein bisschen was denken kann. Später, wenn es für dich in Ordnung ist, wirst du mir vielleicht davon erzählen. Aber im Augenblick bist du erschöpft. Du willst nicht einmal zurückschlagen. Irgendetwas ängstigt dich, Dana, und ich glaube irgendwie, dass es meine Schuld ist."

Dana, dachte sie dumpf. Er hat mich Dana genannt. Das bedeutet, dass ich aufmerksam sein muss. Oder nicht?

Sie schüttelte den Kopf. "Es ist nicht deine Schuld," erwiderte sie tonlos.  "Glassman ist ein Ekel und ich hasse das VICAP, aber ich bin dort, weil ich darum gebeten habe." Sie blickte ihn wieder an. "Was immer in meinem Leben falsch läuft, ist meine Schuld, Mulder, nicht deine." "Ich wünschte, ich könnte das glauben," meinte er mit einem wehmütigen Lächeln.  "Aber jetzt ist nicht der Augenblick, um die Stärke der Kräfte zu erforschen, die sich gegen dich stellen. Du bist müde und du musst schlafen." Ich bin nicht müde, Mulder, dachte sie. Ich bin erschöpft. Ein bisschen Zimmerservice, eine heiße Dusche, in meinen Schlafanzug wechseln, versuchen zu schlafen... und darum beten, dass ich nicht laut genug schreie, dass mich jemand hört, wenn heute Nacht die Träume beginnen. Bei dem Gedanken schauderte sie.  "Scully?" fragte er. "Möchtest du hineingehen?"

Sie nickte. "Lass uns gehen,"

Sie stiegen aus dem Wagen und Mulder ging nach hinten, öffnete den Kofferraum und holte sein Gepäck heraus. Und dann fiel es ihr ein. "Oh, verdammt," sagte sie und schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn.  "Was ist?" fragte Mulder.

"Mein Gepäck." Sie ließ empört die Hand sinken. "Es ist im Mietwagen und den fährt Glassman. Ich hab gar nichts zum Schlafen." "Mach dir deshalb keine Sorgen," meinte er schulterzuckend. "Ich hole deine Sachen von Glassman, sobald er hier ist."

Sie schüttelte den Kopf. "Er bleibt immer bis in die Puppen auf, wenn er unterwegs ist. Jedenfalls wird er es mir bringen wollen und ich will ihn nicht in meinem Zimmer haben. Lass uns diesen Kampf nicht heute Nacht führen," sagte sie, als Mulder anfing zu sprechen. "Morgen ist früh genug dafür. Aber ich wäre dir sehr dankbar, wenn du ein extra T-Shirt hättest, das du mir leihen könntest."

Einen langen Moment sah er sie an, dann seufzte er. "Ja, ich denke, das kann ich tun," antwortete er. "Warte eine Sekunde." Er griff in seine Reisetasche und holte ein T-Shirt der New York Knicks heraus, an das sie sich gut erinnerte.  "Das müsste gehen," meinte er und hielt es ihr hin. "Oder verletzen die Knicks Ihren guten Geschmack, Agent Scully?"

Sie schüttelte den Kopf und nahm das T-Shirt. "Nicht solange die Spurs ihnen immer noch kräftig den Hintern polieren können, Agent Mulder," entgegnete sie.  Einen Moment lang starrte er sie an und sah verletzt aus. "Gott, Scully," murmelte er. "Das ist wirklich grausam. Du solltest die Unterlegenen nicht verspotten."

Und zu ihrer Überraschung lachte sie.

Wie lange war es her, seit sie zusammen gelacht haben? Und wie lange, seit sie dieses sanfte Lächeln in seinem Gesicht gesehen hatte, das Lächeln, das sagte, dass er zufrieden war, sie glücklich gemacht zu haben?  Es schien Ewigkeiten her zu sein.

"Komm," sagte er und zum ersten Mal an diesem Abend hörte sie eine Spur von Zuneigung in seiner Stimme. "Ich bring dich in dein Zimmer." Sie blickte zum Eingang zur Lobby und schüttelte den Kopf. "Lass uns hinten herum gehen, ja?"

"Sicher," meinte er.

Er wusste, was los war. Sie wollte nicht durch die Lobby gehen, so wie sie aussah, mit roten Augen und dem ganzen Make-up aus dem Gesicht gewischt. Dass er sie tatsächlich ohne Make-up mochte, dass er die Handvoll Sommersprossen auf ihrer Nase und ihren Wangen mochte, behielt er klugerweise für sich.  Sie gingen um das Hotel herum zu dem Eingang, der an der Poolseite lag. Während sie schweigend mit dem Fahrstuhl nach oben fuhren, hielt sie ihr Gesicht von ihm abgewandt, aber das Schweigen war jetzt nicht mehr so schmerzhaft wie vorher.  Wenn sie auch noch nicht wieder dabei waren, Freunde zu sein, dachte er, so waren sie doch wenigstens auf dem Weg, wieder Partner zu sein. Zeitweilig, erinnerte er sich selbst. Das hatte sich nicht geändert, das konnte sich nicht ändern, solange sie in Gefahr war.

Sie fanden Scullys Zimmer und Mulder setzte seine Tasche ab, nahm die Schlüssel aus der Tasche, schloss auf, öffnete die Tür und gab ihr beide Schlüssel.  "Danke," sagte sie und sah ihn immer noch nicht an.  "Sicher," sagte er leise und nahm seine Tasche wieder auf. "Ich sehe dich morgen." Er drehte sich um, um seine eigene Tür zu öffnen und Scully beobachtete ihn heimlich und erinnerte sich an die vielen Male, an denen sie dieselbe Routine durchlaufen hatten, als sie noch Partner waren und sich für den Abend trennten.

Nun - das war großzügig gedacht, denn sie blieben selten lange getrennt. Die meiste Zeit endeten sie entweder in dem einen Zimmer oder in dem anderen, besprachen die Dinge manchmal kurz, manchmal bis weit in die Nacht. Es war so einfach gewesen, so mit ihm zusammen zu sein, auch wenn die Diskussionen manchmal heftig wurden, weil es immer auf seinem Vertrauen in sie beruhte, seinem Glauben, und mit der Zeit auf einer zarten Zuneigung, die sie beide in Ehren hielten und sich dennoch nicht eingestanden. Diese Zuneigung gab es jetzt immer noch, egal was sonst passiert war, egal wie rau sie ihn heute Abend behandelt hatte. Sie war in seinen Augen und in seiner Stimme; sie war sogar in der Art, wie er ihre Tür geöffnet hatte.

Nein. Scully konnte ihn noch nicht gehen lassen, nicht ohne die Dinge ein wenig zu glätten. Sie warf das T-Shirt auf das nächste Bett und drehte sich wieder zu ihm um. "Mulder?" fragte sie so ruhig sie konnte und hoffte, zu der Normalität dieses einst vertrauten Moments zurückzukehren.  Er wandte sich ihr zu, ihre Blicke trafen sich und hielten sich fest und Scully fühlte ihren Atem in den Lungen stecken bleiben. All seine Einsamkeit, sein Verlangen nach ihr, seine unerschütterliche Liebe war dort in den Tiefen seiner Augen, so klar, als hätte er es ausgesprochen...  ... und Scully, die nur etwas Simples hatte sagen wollen, etwas, das ihn wissen lassen sollte, dass sie immer noch Freunde waren, flog in seine Arme und griff nach ihm mit einer Verzweiflung, von der sie nicht gewusst hatte, dass sie sie in sich hatte.

Scully hörte das entfernte Geräusch, als seine Reisetasche auf dem Boden landete und sich seine Arme um sie schlangen. Mulder legte seinen Kopf auf ihre Schulter, beugte sich nach unten und sie seufzte leise, sein Name ein kaum wahrnehmbares Flüstern auf ihren Lippen.

Er hielt sie fest, seine Arme zogen sie eng an sich, aber er zitterte und nicht, wie sie wusste, vor Leidenschaft. Sie erinnerte sich an dieses Gefühl seines Körpers an ihrem, kannte es von vor langer Zeit: er brauchte Trost und er brauchte ihn verzweifelt.

Sanft legte sie ihre Hand in seinen Nacken, hüllte ihn in ihre Umarmung ein und streichelte sein Haar. Sie spürte seine Lippen an ihrer Kehle, seinen Mund, der sanft und zögernd an ihrem Fleisch nach der Vergebung suchte, die sie ihm verweigert hatte zu geben - bis jetzt.

So sanft, so unschuldig war seine Berührung, aber sie erschütterte sie, sie war vernichtet durch das Wissen um ihre eigene Herzlosigkeit, wie sehr ihn ihre Wut verletzt hatte, wieviel ihm ihre Vergebung bedeutete, wie groß die Macht war, die er ihr über sich gegeben hatte.

Über alle Maßen erregt küßte sie zärtlich seine Wange und er wandte sich ihr zu, sein Mund suchte ihren. Ihre Lippen trafen sich, sanft zuerst, dann härter, tiefer, öffneten sich für den anderen mit einer Leidenschaft, die ihr den Atem nahm. Sie fühlte sich schwindlig und trunken durch den nackten Hunger seines Kusses. Sie war allein gewesen, so lange Zeit emotional isoliert... was er jetzt in ihr weckte, war nichts weniger als überwältigend. Zitternd löste sie sich von ihm und kuschelte ihren Kopf beinahe scheu in seine Halsbeuge.  Wieder einmal verstand er selbst solche Dinge, die sie nicht aussprechen konnte.  Er hielt sie nun weniger fest, streichelte ihr Haar und drückte sanfte Küsse auf ihre Stirn. Sie entspannte sich in seiner Umarmung und spürte, wie ein Teil der schweren Last ihrer langen Einsamkeit von ihrem Herzen wich.  "Ich habe gelogen, Mulder," flüsterte sie.

"Hast du?" fragte er mit unsicherer Stimme. "Wann?" "Als ich gesagt habe, ich wäre nicht sicher, ob ich mich freue, dich zu sehen oder nicht," antwortete sie. Sie schob ihre Arme unter seinen Mantel, legte sie um seine Taille und zog ihn fest an sich. "Ich bin froh. Ich bin wirklich froh, dass du hier bist."

"Bist du das?"

"Ja," flüsterte sie. "Ich habe dich so sehr vermißt. Manchmal habe ich geglaubt, ich würde davon sterben."

"Ich habe dich auch vermißt," sagte er. "Mehr als du jemals wissen wirst." Er küßte sie wieder sanft und ließ sie los. "Wir machen besser Schluss, Scully," meinte er und schob eine vorwitzige Locke hinter ihr Ohr. "Dieser Neandertaler-Partner von dir kann jeden Moment hier auftauchen und ich habe das Gefühl, er würde dafür sterben, diese Geschichte herumerzählen zu können." "Ich weiß, er würde es," entgegnete sie mit einem nervösen Lachen, als sie sich umdrehte. "Er ist sehr interessiert an unserer Geschichte." "Und nicht, wie ich annehme, an der Geschichte paranormaler Phänomene?" fragte er und schüttelte den Kopf in spöttischer Bestürzung. "Du hättest ihm einfach die Wahrheit sagen und ihn unsäglich enttäuschen sollen." "Vielleicht," erwiderte sie sanft. Sie griff nach der Türklinke, dann hielt sie inne. "Mulder?" sagte sie und sah ihn nicht an.  "Ja?"

"Er ist nicht mein Partner," sagte sie leise und sah über die Schulter hinweg zu ihm zurück.

"Ist er nicht?" fragte Mulder sanft.

"Nein," erwiderte Scully. Sie wandte sich ihm wieder zu. "Du bist mein Partner, Mulder. Mein einzig wirklicher Partner."

Und da war es. Ohne es zu wissen, hatte sie ihm die Entscheidung vorgelegt: sie zurück in sein Leben zu lassen mit allen dazugehörigen Risiken oder sie auszuschließen, wegzuschicken zu ihrer eigenen Sicherheit.  Aber da war ein Ausdruck in ihren Augen, der nicht dagewesen war, als er ankam.  Es war ein Ausdruck des Friedens, aber eines zerbrechlichen Friedens, leicht zu verlieren. Ein Frieden, dachte er, der sie womöglich verlassen würde, wenn er es tat. Sie hatte beinahe ihre ganze Kraft verloren und er wusste immer noch nicht ganz, warum. Aber sie brauchte ihn. Das wusste er.  Es gab wirklich nichts weiter zu sagen. Er würde einfach später mit den Konsequenzen umgehen müssen.

"Du bist auch die einzige Partnerin, die ich jemals haben will, Scully," sagte er und streckte seine Hand aus, um ihr wieder über ihr weiches rotes Haar zu streicheln. "Es wird niemals jemanden geben, der besser ist als du... oder mit dem ich lieber zusammen sein möchte."

Sie seufzte, kam zurück in seine Arme und kuschelte sich an ihn. "Ich bin froh darüber," flüsterte sie. Lange Zeit standen sie so da, bis Mulder widerwillig den Zauber brach. "Scully," sagte er und hielt sie fest. "Ich könnte hier glücklich stehen und dich die ganze Nacht so halten, aber du musst wirklich schlafen. Ich kann immer noch sagen, wann du müde bist, weißt du." "Ich weiß," antwortete sie. "Aber nicht jetzt. Zuviel ist passiert. Es scheint immer noch alles so unreal. Ich möchte noch ein bisschen länger mit dir zusammen sein."

"Es ist fast Mitternacht," erinnerte er sie.

"Und du denkst frühestens in zwei Stunden an Schlaf, es sei denn, du hast dich mehr verändert, als ich denke," meinte sie und sah zu ihm auf. "Komm noch ein paar Minuten in mein Zimmer."

"Scully, ich weiß nicht..." begann er, aber sie unterbrach ihn.  "Nur für ein paar Minuten," bat sie. "Ich sollte wenigstens soviel Zeit damit zubringen, nett zu dir zu sein, wie ich damit verbracht habe, dich anzuschreien."

Das brachte ihn zum Lachen. "In Ordnung," stimmte er immer noch lächelnd zu.

"Aber bring mich nicht dazu, es zu bereuen."

"Keine Chance," entgegnete sie und lächelte zurück. Mulder öffnete die Tür und hielt sie für sie auf, dann folgte er ihr hinein und setzte seine Reisetasche gleich neben der Tür ab. Die Luft im Zimmer war warm und er zog sein Jackett aus, lockerte seine Krawatte und setzte sich dann in einen der beiden Sessel.  Scully setzte sich auf die Kante des einen Bettes. "Also, erzähl mir, was du gemacht hast, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe," bat sie.  "Hinter Eric Rudolph herjagen mit null Erfolg," erwiderte er. "Eine der Kliniken, die er bombardiert hat, ist in Birmingham, wenn du dich erinnerst." "Ich erinnere mich," sagte sie. "Ich erinnere mich auch, dass die Centabom Spezialeinheit sich selbst dabei auch nicht gerade mit Ruhm beklettert hat, nach ihm zu suchen."

"Das tut weh," meinte er, aber er lächelte. "Sieh nur, wie lange das Unabom Team gebraucht hat, um ihren Typen zu finden, und dann schafften sie es auch nur, weil sein Bruder ihn verraten hat. Jedenfalls wissen wir, nach wem wir suchen; wir wissen nur nicht, wo."

"Irgendwann wird er auftauchen," erwiderte sie schulterzuckend. "Wenigstens hat er in der letzten Zeit niemanden bombardiert. Was sonst beansprucht deine Zeit?"

"Prüfen von Hintergrundinformationen, große Berge von Dünger durchsuchen..." "Ja, aber mit dieser Menge Dünger, da müsste doch irgendwie ein kleines Pferd drin sein," meinte sie lächelnd. Es war ein alter Scherz zwischen ihnen und er lachte, während er sich erinnerte. "Nicht in diesen Bergen, da nicht," meinte er kopfschüttelnd aber immer noch lächelnd. " Da ist nicht mehr als eine Gruppe armer, alter Alabama-Farmer, die versuchen, an einer sich schnell urbanisierenden ländlichen Umgebung festzuhalten." "Und sie züchten Baumwolle mit Ammoniumnitrat?" fragte sie. "Oder basteln sie wirklich Bomben?"

"Rudolph bastelt Bomben." Er legte seine Hände hinter den Kopf und lehnte sich bequem zurück. "Sonst niemand, von dem ich wüsste." "Seltsam, dass du beim Centabom Team gelandet bist und ich beim VICAP," stellte sie fest, zog ihre Schuhe aus und zog die Beine unter sich.  "Wie genau ist das passiert, Scully?" fragte er. "Ich bin neugierig." "Ich wusste es, bevor ich dich traf," erwiderte sie lächelnd, wurde dann jedoch ernst. "Ich bat Skinner darum, mich zu versetzen. Ich ging für genau fünf Minuten in das Großraumbüro zurück, gerade lange genug, um unter meine Tasse zu sehen..."

"Ahh."

"Tatsächlich." Ihre Stimme wurde weicher. "Ich mag die Notiz. Sie ist...  manchmal ein großer Trost für mich."

"Nur manchmal?" fragte er spielerisch.  "Ich dachte, ich hätte es besser gemacht."

Scully schüttelte den Kopf. "Es gab Zeiten, da... funktionierte gar nichts." Sie streckte sich auf dem Bett auf und stützte ihren Kopf auf einen Arm. "Dennoch, war ich die meiste Zeit in Ordnung."

"Aber nicht die ganze Zeit," sagte er und das Lächeln verschwand.

"Nein."

"Es tut mir leid," erwiderte er leise.

"Das sagtest du bereits."

"Ich meine es immer noch."

"Ich weiß, dass du es tust," sagte sie. "Aber lass uns nicht bei unerfreulichen Themen hängen bleiben."

"In Ordnung," meinte er. Einen Moment dachte er nach. "Wo ist dein Bruder?"

"Bill? Das sagte ich dir schon - ich weiß es nicht."

"Geheime Mission?"

"Wahrscheinlich," sagte sie und versuchte, unbesorgt zu erscheinen. "Sie haben seinen Urlaub gestrichen, gleich nach Weihnachten. Am selben Tag ist er noch in See gestochen. Seitdem haben wir nicht viel von ihm gehört. Ich weiß nicht, wo er ist, ausgenommen, dass seine Befehle augenscheinlich vom COMSURFLANT kamen." "Ich hab mich noch nie besonders gut mit Navy-Abkürzungen ausgekannt," meinte er und beugte sich wieder nach vorn. "Wer oder was ist ein COMSURFLANT?" "Der Kommandeur der Seeflotte im Atlantik," erklärte sie. "Vermutlich ist Bill auf einem Schiff, das irgendwo im Atlantik patrouilliert." "Gab es da irgendeine Krise?" fragte Mulder.

"Nicht dass ich mir dessen bewusst wäre," antwortete Scully. "Mulder, du fragst mich nicht das, was du wirklich von Bill wissen willst, nicht wahr?" "Bin ich so durchschaubar?" fragte er zaghaft lächelnd.  "Für mich bist du es," sagte sie. Sie setzte sich auf und schwang ihre Beine vom Bett. "Bill und ich hatten einen gewaltigen Streit, nachdem du gegangen warst.  Er sagte ein paar Dinge über dich, und über mich, egal, und ich... habe ihn geschlagen."

"Du hast deinen Bruder geschlagen?" fragte Mulder ungläubig. "Scully, ich fühle mich deswegen beschissen."

"Es war nicht deine Schuld," antwortete sie, aber die Lebhaftigkeit in ihrer Stimme schwand. "Was immer zwischen mir und meinem Bruder passiert ist, ist eine Sache zwischen uns, Mulder. Es hat überhaupt nichts mit dir zu tun." "Das habe ich anders gehört, als ich im Haus deiner Mutter war." "Das ist wohl wahr," sagte sie. "Bill ist zu sehr Navy-Offizier und zu sehr großer Bruder. Er war immer so. Er kann nicht aufhören, sich in mein Leben einmischen zu wollen und die Dinge so zu richten, wie sie ihm passen." "Nun," meinte Mulder und schlug die Hände in seinem Schoß zusammen. "Eine Sache habe ich für ihn gerichtet. Ich habe deinen unterbelichteten Partner aus deinem Leben verbannt."

"Ja, das hast du," sagte sie, ein bisschen kühl, wie er glaubte und er zuckte zusammen. Prima, Mulder, du hast gerade den Streit wiedereröffnet. Cleverer Junge. Wirklich clever.

Scully sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. "Entspann dich, Mulder, ich werde dir keine Moralpredigt halten - nicht jetzt," beruhigte sie ihn, aber da war nichts von dem Humor, mit dem sie das früher gesagt hätte. "Ich habe mein Leben jetzt ganz gut selbst im Griff, obwohl keiner von euch mir eine große Wahl gelassen hat."

"Nein, ich nehme nicht an, dass wir das getan haben," sagte er leise. "Aber wenn du glücklich..."

"Es geht mir gut," erwiderte sie, dann schloss sich ihr Mund. Sie würde nichts mehr sagen. "Ich glaube, du hattest recht, Mulder," fuhr sie fort. "Wir sollten unerfreuliche Themen für eine Weile meiden."

"Also, was bleibt uns dann übrig, worüber wir reden können?"

Sie zuckte mit den Achseln. "Der unbekannte Verdächtige?"

"Das nenne ich überhaupt nicht erfreulich," entgegnete er grimmig.  "Wo ist das Problem?" fragte sie. "Dieser Mörder ist brutal, aber nicht besonders grausam. Wir haben beide schlimmeres gesehen." "Das Problem ist, dass ich von ihm ein Täterprofil erstellen muss," erklärte Mulder. "Jetzt. Deswegen bin ich hier."

"Jetzt?"

"Jetzt. Aus Gründen, die ich nicht ergründen kann, hat mich Skinner hierher geschickt, weil irgendjemand hier ein Täterprofil dieses unbekannten Verdächtigen erstellt haben will und es sofort den lokalen Polizeibehörden übergeben will."

"Das ergibt keinen Sinn," meinte Scully stirnrunzelnd. "Normalerweise, wenn du in der Abteilung Verhaltensforschung wärst, würdest du nach Quantico gehen und dein Täterprofil dort erstellen und es solange in der Akte lassen, bis alle anderen Spuren versagt haben."

"In der Tat."

"Also, warum ist Skinner involviert?" fragte sie verwirrt.  "Ich weiß nicht, Scully, aber es ist kein gutes Zeichen," sagte er. Er beugte sich nach vorn. "Da muss ziemlich hoher politischer Einfluss auf diesen Fall wirken, dass man zwei VICAP-Agenten und einen gewesenen Verhaltensforscher so rasch hinzugezogen hat."

"Gewesener, mein Gott," meinte sie und versuchte, zu lächeln. "Du bist der Beste, Mulder. Ich wusste immer, dass du gut bist, aber ich wusste nicht, wie gut, bis ich zum VICAP kam. Ich habe ein paar gute Profiler kennengelernt, aber du bist besser. Das bist du wirklich."

"Scully, ich werde rot," entgegnete er, als würde er scherzen, aber ihm wurde wirklich unbehaglich. Es sah ihr nicht ähnlich, so offen mit Lob zu sein, weder für ihn noch für jemand anderen.

"Aber ich meine es so." Wieder lächelte sie, dann erhob sie sich, kam zu ihm herüber und setzte sich auf die Armlehne des Sessels. Mulder legte seinen Arm um ihre Taille, vorsichtig zuerst, aber dann fester, als er sich sicher war, dass sie seine Berührung begrüßte.

Scully beugte sich über ihn und küßte ihn zärtlich. Aber sie ist immer noch instabil, dachte er, und sie braucht es wahrscheinlich mehr, eine emotionale Bindung herzustellen als eine physische. Er ließ sie das Tempo bestimmen und hielt den Kuss sanft, bis er sicher war, dass sie mehr wollte.  Langsam glitt sie herab, bis sie in seinem Schoß saß. Scully spürte, wie sich seine Arme um sie legten, sie beruhigten, und sie mit seiner Stärke umgaben, und sie beendete den Kuss, schloss die Augen und lag an seiner Brust, still wie ein Kind. Sie atmete tief ein und genoss den Duft, der einmal so sehr Teil ihrer Welt gewesen war, dass sie sich dessen gar nicht bewusst gewesen war, der vertraute Duft, der allein Mulders war: eine eigenwillige Mischung aus frischem Aftershave, dem leichten, ein wenig süßen Geruch von gestärktem Leinen, der leisesten Spur von Waffenöl und Leder und unter all dem die tiefe, ursächliche Essenz des Mannes.

Die Wärme seiner Arme, sein Duft, das gleichmäßige Schlagen seines Herzens - alles vereint, um Scullys angekratzte Nerven zu beruhigen, und sie streckte sich und seufzte und kuschelte sich wie eine zufriedene Katze an ihn.  "Ich hab dir gesagt," murmelte sie, "dass du der einzige bist, mit dem ich zusammenarbeiten möchte. Und das nicht nur aus persönlichen Gründen." "Dann bin ich froh, dass ich hier bin, auch wenn irgendein politischer Drecksack dafür gesorgt hat," sagte er mit tiefer Stimme und hielt sie fester. "Aber, Dana..." Er zögerte. Mulder hatte nicht fragen wollen, ganz bestimmt nicht jetzt, aber die Frage hatte ihn beschäftigt, seit ihrer Trennung im Dezember.  "Aber Dana, was?" fragte sie sanft.

"Nun... ist irgendetwas davon persönlich?"

"Was genau meinen Sie, Agent Mulder?" fragte sie ernsthaft, aber da war der Hauch eines Zwinkerns in ihren Augen.

"Ich meine... Mist." Er schüttelte traurig den Kopf, dann atmete er tief ein und preschte vor. "Ich wollte nur wissen... ob du mich noch liebst." Es folgte ein kurzes Schweigen und er glaubte, sein Herz würde aufhören zu schlagen, dann spürte er ihre Lippen an seinem Hals in einem warmen, sehnsüchtigen Kuss. "Ich liebe dich immer noch, Fox," flüsterte sie in sein Ohr.  "Ich werde dich immer lieben."

Seinen Vornamen von ihr zu hören, erschreckte ihn und er blinzelte rasch zu ihr herüber, um zu sehen, ob sie ihn neckte, aber sie tat es nicht; sie lag nur da, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, das er noch nie bei ihr gesehen hatte.

Ich könnte mich daran gewöhnen, meinen Namen mit dieser Stimme zu hören, dachte er. Das könnte ich wirklich. Er drehte seine Kopf zu ihr und sie traf ihn in einem sanften Kuss, der sich schnell vertiefte. Seine Hände begannen, über ihren Rücken und ihre Schultern zu gleiten, und sie drehte sich ein wenig, um ihm mehr Raum zu geben und sich ihm zu öffnen.

Scully spürte seine Zunge, die langsam zwischen ihre Lippen glitt - nicht weiter - und sich dann wieder zurückzog. Er schmeckt mich, dachte sie. Der Gedanke ließ sie köstlich beben. Ich möchte ihn auch schmecken. Langsam knöpfte sie seinen Kragen auf, schob den Knoten seiner Krawatte noch weiter nach unten und presste ihre Lippen gegen den Puls, der so kräftig an seinem Hals schlug. Sie knabberte zart daran, dann bewegte sie sich aufwärts, ihre Zunge schnellte hervor und nahm den leisen, salzigen Geschmack seiner Haut auf und saugte an seinem Ohrläppchen.

Sie hörte, wie er die Luft einzog und spürte, wie sich seine Muskeln anspannten.  Das war Erregung in ihm - und in ihr - mehr als sie je für möglich gehalten hätte. Er atmete tief, seine Hände glitten langsam über ihren Körper, aber immer nur bis kurz über den Stellen, wo sie wirklich von ihm berührt werden wollte.  "Scully," sagte er mit enger Stimme. "Wenn du aufhören willst, dann sollten wir es besser jetzt tun."

"Ich möchte nicht aufhören," flüsterte sie, ihre Lippen an seinem Ohr. "Ich möchte, dass du mich berührst. Bitte Mulder... bitte, berühr mich." Seine Reaktion war unmittelbar, sie hörte, wie sich sein Atem beschleunigte, spürte, wie sich sein Griff um sie festigte, fühlte seine Erektion, die sich stark gegen ihren Schenkel drückte. Er küßte sie wieder, heftiger als zuvor, zog sie tiefer in sich hinein, dann löste er sich von ihr, nur um heiße, feuchte Küsse auf ihrem Hals zu verteilen, die sie vor Erwartung zittern ließen. Langsam und sinnlich zog er ihre Bluse aus dem Bund ihrer Hose und schob eine Hand unter den seidenen Stoff, über die weiche Spitze ihres BHs und fand und löste den Verschluss mit einer gekonnten Bewegung.

Kein Herumfummeln, dachte sie entfernt, als seine Hand sich um ihre Brust schloss, seine Finger über ihre Brustwarze und die weiche rosafarbene Haut strichen, die sie umgaben. Oh Gott, Mulder, du bist so gut darin.  Mulder benutzte seine freie Hand dazu, die letzten Knöpfe zu öffnen, ihre Bluse vorn zu teilen und sie unbedeckt seiner Berührung zu überlassen. Sie sah fasziniert zu, wie er seinen Kopf senkte und sie in den Mund nahm. Das Universum wirbelte und krachte durcheinander, als sie das mysteriöse Vergnügen seiner Lippen und seiner Zunge auf ihrer Brust spürte, das rhythmische Ziehen an ihrer Brustwarze, seine Zähne, die sie sanft berührten und die Süße intensivierten, ohne ihr dabei wehzutun.

Dana schloss die Augen, warf ihren Kopf zurück und ergab sich den Gefühlen. Ihre Hände glitten in sein Haar, hielten ihn enger an sich und sie krümmte ihren Rücken, presste sich an ihn, als das Vergnügen, das er ihr bereitete, beinahe ins Unerträgliche wuchs. Ihre Finger wanderten langsam über sein Gesicht, erinnerten sich wieder der vertrauten Konturen, so geliebt und so verzweifelt begehrt während des einsamen Winters. Ja, ich liebe dich, dachte sie, und es tut mir so sehr leid, dass ich das vergessen hatte. Sie hörte ein dunkles stöhnendes Geräusch und erkannte, dass es aus ihrer eigenen Kehle kam. Sie rief seinen Namen, hauchte wortlose Geräusche, von denen sie sich nicht erinnern konnte, sie je zuvor gemacht zu haben und er reagierte und saugte nun gieriger, seine Hand glitt über ihre andere Brust.

Seine Berührung war perfekt, sie war absolut sinnlich und sie versank, sie verlor sich in den warmen, feuchten ziehenden Empfindungen seines Mundes.  Und dann - ohne jede Vorwarnung - wurde es entsetzlich.  Scully konnte ihn nicht mehr sehen, ihn nicht einmal mehr spüren. Alles war Dunkelheit und sie fühlte wieder die kalten Hände an ihrem Körper, die nach ihr griffen, sie befummelten, und sie begann zu kämpfen, versuchte verzweifelt, sich von dem gesichtslosen Mann aus ihren Alpträumen zu befreien. Seine Hände waren tot und er war tot und sie starb und überall war saure, feuchte Erde und kaltes Wasser und Dunkelheit und Tod.

"Lass mich los!" schrie sie und schlug wild mit den Händen nach ihm und versuchte, sich zu befreien. Sie spürte seine Hände von ihrem Körper ablassen, während sie blind auf die Füße stolperte und sah hinab...  Und da war wieder Mulder, der sie schockiert anstarrte, seine Gesichtszüge erfroren in einer Mischung von Schuld und Verwirrung, von der sie sich nicht in ihren schlimmsten Alpträumen hätte ausmalen können, sie ihm in diesem Moment zu verursachen.

"Es tut mir leid," sagte er, total verwirrt durch die plötzliche Wende der Ereignisse. "Ich... hätte das nicht tun sollen." Rasch stand er auf, griff seinen Mantel und ging in Richtung Tür.

Scully stand zitternd da und beobachtete, wie er ging. "Mulder," rief sie, krank vor Scham. "Ich meinte nicht, dass... Mulder, bitte verlass mich nicht." "Scully, ich..." begann er, sich umdrehend, aber sie unterbrach ihn.  "Mulder, das warst nicht du," erwiderte sie verzweifelt. "Du hast nichts verkehrt gemacht. Ich hab dich darum gebeten, erinnerst du dich? Ich wollte jedes kleine bisschen genauso sehr wie du."

"Augenscheinlich nicht," antwortete er. Mulder sah sie immer noch nicht an.  Scully wollte weinen, irgendetwas tun, um ihm zu zeigen, wie sehr es ihr leid tat, aber alles was sie tun konnte, war dazustehen. "Doch, ich wollte es," sagte sie. Sie zitterte nun heftig, ob von dem Schock oder von der Luft, die über ihre nackte, feuchte Haut strich, konnte sie nicht sagen. Sie zog die Bluse zusammen und hielt sie mit einer Hand fest. "Ich habe dir gesagt, dass ich es will und ich wollte es. Ich will es. Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich habe einfach... angefangen, mich an Dinge zu erinnern." Mulders Gesicht wurde beinahe weiß, aber in seinen Augen sah sie, neben Schock und Verletzung, dämmerndes Verständnis.

"Erinnern woran?" fragte er mit belegter Stimme.  "Unter dem Haus zu sein, gefesselt, blutend, im Schlamm versinkend," sagte sie langsam. Was war das für ein Ausdruck auf seinem Gesicht?  "Bist du sicher, dass das alles ist, woran du dich erinnerst?" "Ja. Mulder, du machst mir Angst," entgegnete sie. "Was gibt es sonst zu erinnern?"

"Nichts," antwortete er kopfschüttelnd. "Nichts. Wirklich." "Das ist nicht wahr," sagte sie und kam einen Schritt auf ihn zu. "Ich kenne dich zu gut, um das zu glauben."

"Nein," meinte er und drehte sich wieder um. "Wirklich, da ist nichts. Ich...  nun, ich habe ganz sicher nicht erwartet, dass sich die Dinge so entwickeln würden."

"Es tut mir leid," flüsterte sie. "Es tut mir wirklich leid. Ich weiß nicht, warum das passiert ist. Aber es ist passiert." Daraufhin drehte er sich wieder um und sah sie so aufmerksam an, dass sie wusste, sich absolut sicher war, dass da noch etwas anderes war, was er hätte sagen können. Aber er tat es nicht.

"Mulder, bitte sprich mit mir," bat sie. "Bitte."

"Es tut mir leid," sagte er endlich. "Ich denke nicht, dass ich bleiben sollte.  Ich denke, ich bin einfach... zu weit gegangen oder zu schnell oder irgendetwas."

"Nein, das bist du nicht," erwiderte sie weich und sie ging zu ihm hinüber und legte sanft ihre Hand auf seinen Arm. "Ich wollte es - ich will dich - mehr als ich jemals etwas in meinem Leben wollte."

"Dann ist heute Nacht vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt," erwiderte er langsam.

"Warum nicht?" fragte sie verzweifelt. "Warum willst du nicht bleiben?" "Weil du müde bist und ich auch und wir sind beide überreizt," antwortete er leise. "Ich will bei dir sein, aber ich will es nicht so. Du hast Angst. Du hast mehr als Angst, es ist etwas Grauenerregendes. Das bedeutet, wir müssen aufhören, Dana."

Mulder hatte recht und sie wusste es, aber da war ein unterschwelliges, beinahe elektrisierendes Beben, das durch ihre Adern lief, ein kraftvolles Empfinden, am Leben zu sein, bereit zu handeln, bereit zu fühlen... sie hatte so etwas nicht annähernd gefühlt, seit Jahren. Aber diese Energie, dieses Gefühl von Leben hatte seinen Preis; das konnte sie bereits spüren. Irgendetwas mächtiges und böses fraß dieses wiedergewonnene Bewusstsein auf, wuchs zu einem Ding von Furcht, das sie lebendig verschlingen konnte, wenn es das wollte.  Früher habe ich mich sicher in deinen Armen gefühlt, dachte sie und zitterte wieder. Was war falsch gelaufen? Und was ist es, das du mir nicht sagen willst?  Das wird warten müssen. Im Augenblick muss ich versuchen, den Schaden zu reparieren. Wieder. "Dann nicht heute nacht," gestand sie zu, den Kopf vor Scham gesenkt. "Aber verlass mich nicht so, Mulder, bitte." "Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll," antwortete er leise.  "Du könntest..." begann sie, dann schüttelte sie den Kopf. "Halt mich nur eine Minute." Sie hob ihren Blick wieder zu seinem. "Denkst du, dass du das tun könntest?"

Er blickte sie aufmerksam an, suchte nach irgendetwas anderem hinter ihren Worten, fand es aber offensichtlich nicht. "Ja," sagte er schließlich. "Ich glaube, ich brauche das auch." Sie legte eine Hand auf seine Brust, lehnte ihren Kopf an ihn und er legte zärtlich einen Arm um sie.  "Mulder?" flüsterte sie.

"Was?" fragte er sehr leise.

"Liebst... liebst du mich noch?"

Er antwortete nicht sofort und Scully fühlte ein Stechen der Angst, Angst, dass er vielleicht nein sagen könnte, oder schlimmer, dass er versuchen könnte, sie einfach im Stich zu lassen. Aber dann seufzte er und küßte sie zärtlich auf die Stirn. "Ich liebe dich immer noch," sagte er und hielt sie fester. "Das wird sich nicht ändern, egal was passiert. Irgendetwas ist verkehrt, aber nicht das.  Niemals."

Seufzend entspannte sie sich an ihm. Sie standen so noch einen Moment länger, dann zog sie sich langsam es bedauernd zurück.  "Wir sehen uns morgen früh," sagte sie weich, ohne ihn anzusehen.  "Ich bringe dir dein Gepäck, wenn Glassman auftaucht," entgegnete er. "Du kannst die Verbindungstür offen lassen. Er wird nicht hereinkommen." "Aber du auch nicht, nicht wahr?" fragte sie traurig und sah ihn an.  "Nein," antwortete er, aber er berührte ihr Gesicht, als er das sagte. Sein Lächeln war ernst, aber traurig, so traurig. Es tat ihr weh, es zu sehen. "Nicht heute nacht. Geh schlafen, Dana. Wir sehen uns morgen früh." Mulder beugte sich herüber, küßte sie rasch, dann nahm er sein Gepäck und war gegangen.

 

~~~~~~~~~

 

 

Ah, wenn dem Herzen des Mannes

es jemals weniger als Verrat war

mit der Strömung der Dinge mitzugehen

zu verzichten mit einer Anmut zu begründen

und verbeugen und akzeptieren am Ende

einer Liebe oder einer Zeit.

&#8218;Unwille'

Robert Frost

 

Kapitel 9

Rathaus, Daphne

Dienstag, 2. März

8:14 a.m.

"Was zur Hölle ist das?" fragte Glassman und starrte auf die in ihrem zeitweiligen Büro rundherum aufgehängten blutigen 8x10-Vergrößerungen von Tatortfotografien, Autopsiebildern und Fotos der aus den Leichen entfernten Kugeln. Jede verfügbare senkrechte Oberfläche war damit gepflastert. Mittendrin war Mulder, der auf einem Drehstuhl saß, die Füße auf dem Klapptisch, der ihm wie es schien als Schreibtisch diente. Seine Krawatte war lose, die Hemdärmel bis zum Ellbogen aufgekrempelt und er hatte seine Brille auf und las in Scullys Notizen. Er schien sich Glassmans Anwesenheit vollkommen unbewusst zu sein.  "Er hört Sie nicht," meldete sich Scully hinter dem Wandtafelraumteiler hervor.

"Was meinen Sie damit, er hört mich nicht?"

"Glassman," sagte sie. "Sie haben jahrelang mit Profilern gearbeitet. Sie wissen, wie das geht. Er hört nicht zu." Sie kam in die Mitte des Raumes und schob die Schutzbrille mit einer in Latexhandschuhen steckenden Hand von ihren Augen. "Mulder," sagte sie nicht sehr laut, aber er zuckte dennoch zusammen.  "Entschuldige," meinte sie. "Ich wollte dich nicht erschrecken. Mulder, Agent Glassman ist hier."

"Mmm?" Mulders Blick schien darauf hinzuweisen, dass er sich nicht sicher war, von wem Scully sprach. "Oh, Glassman. Ich hoffe, ich habe Sie heute Morgen nicht geweckt."

"Um vier Uhr früh? Verdammt, ja, Sie haben mich geweckt," erwiderte Glassman gereizt. "Stehen Sie immer so früh auf?"

"Meistens," antwortete Mulder abwesend und sah wieder auf die Karteikarten.  "Entschuldigung, dass ich Ihre Taschen durchsucht habe, aber ich brauchte Ihre Schlüssel. Musste Scullys Sachen aus Ihrem Wagen holen." "Fragen Sie mich das nächste Mal," murrte Glassman. "Und fragen Sie mich beim nächsten Mal gefälligst, bevor Sie diesen ganzen Mist hier aufhängen." "Wenn es ein nächstes Mal gibt, werde ich es sicher tun," entgegnete Mulder.  "Scully, diese Zeugenbeschreibungen eines schwarzen Mannes. Wurde irgendjemand identifiziert?"

"Nicht dass ich wüsste," sagte sie, über seine Schulter blickend. "Warum? Denkst du, das ist dein unbekannter Verdächtiger?"

"Ich weiß noch nicht," erwiderte er. "Es mag nur ein loses Ende sein, aber ich mag keine losen Enden. Ist Officer Mack unser Verbindungsmann?" "Ja," meinte sie und zog sich die Latexhandschuhe aus und warf sie in einen roten Plastikcontainer für Biomüll. "Ich werde ihn holen." "Bring mir bitte einen Doughnut mit, wenn noch einer übrig ist."

"Ich bin nicht dein Diener, Mulder," sagte sie leichthin und verließ den Raum.  Miststück, dachte Glassman. Obwohl er zugeben musste, dass sie heute Morgen ziemlich zum Anbeißen aussah. Der selbe mittelalterliche Anzug wie immer, die Haare streng nach hinten gekämmt, wie immer, wenn sie Laborarbeiten verrichtete, aber heute war ihr Gang etwas weiblicher. Er grinste. Musstest ihre Sachen holen, ja? Hast etwas davon bekommen letzte Nacht, nicht wahr, Mulder? Dann bemerkte er, dass Mulder ihn beobachtete, wie er mit Scullys Hinterteil liebäugelte.

"Stimmt irgendetwas nicht, Glassman?" fragte er milde. "Oder sind Sie bereit, die VICAP-Berichte über diesen Fall auszufüllen?" "Seit wann ist das meine Aufgabe, Mulder?" fragte Glassman gereizt zurück. "Man braucht eine Ewigkeit, um diese verdammten Dinger auszufüllen." "Dann sollten Sie besser anfangen, oder?" meinte Mulder und widmete sich wieder den Karteikarten, als Scully mit Mack im Schlepptau zurückkehrte. In der Hand hielt sie eine Papierserviette und darin befanden sich zwei Doughnuts. "Die letzten beiden," sagte sie. "Iß sie, bevor sie kalt werden." Mulder lächelte und nahm einen Doughnut. "Danke, Scully," erwiderte er.  Scully ließ sich auf dem Tisch nieder, sah Mulder an und saß so nahe, dass ihr Bein seines berührte. Sie nahm den übriggebliebenen Doughnut und biss ab. Erst dann blickte sie in Glassmans Richtung. "Oh, tut mir leid, Glassman," meinte sie nebenher und wischte sich den krümeligen Zuckerguss von den Lippen. "Ich hoffe, Sie haben schon gefrühstückt."

"Ja, das ist wirklich verdammt lustig, Scully," knurrte Glassman. "Wäre nett gewesen, wenn wer auch immer die Doughnuts mitgebracht hat, ein paar mehr für den Rest von uns gebracht hätte."

"Entschuldigung," sagte Mulder geistesabwesend. "Vor ein paar Stunden gab es jede Menge."

"Haben Sie sie mitgebracht?"

"Natürlich," antwortete Mulder. "Ungeschriebenes Gesetz: Die Bundesbeamten haben die Doughnuts mitzubringen. Stimmt's, Mack?"

Mack grinste. "Stimmt. Wir glauben, weil ihr so viel Geld bekommt..." Daraufhin schnaubte Mulder, unterbrach ihn aber nicht. "... ist das wenigste, was ihr machen könnt, morgens zwei Dutzend Krispy Kremes Doughnuts mitzubringen." "Ich habe diese heilige Tradition kennengelernt, als ich in der Abteilung Verhaltensforschung war," erklärte Mulder, während er seinen Doughnut aufaß und wieder anfing, sich durch die Fotos zu wühlen. "Es gab diese Kooperationsgruppe, die Nachbarschaftsüberwachungspläne entwarf für die Leute in Baltimore. Wir mussten Doughnuts für das halbe Polizeidepartment von Baltimore bringen. Hey, Scully, deine Mom wohnt in Baltimore, hast du diese Jungs jemals essen sehen?" "Das Vergnügen hatte ich nie," antwortete sie. Aber ich kann mir vorstellen, dass die Doughnuts ziemlich teuer waren."

Glassman schnaufte und setzte sich an den Tisch, so weit weg von Mulder, wie er konnte, aber mit guter Sicht auf Scullys Hinterteil, und begann, die Morgenzeitung zu lesen.

"Ach, kommen Sie," erwiderte Mack. "Jeder weiß, wieviel die Fibbies bekommen.

Sie haben all die schönen Sachen zum Spielen, die mich richtig heißmachen.

Entschuldigung, Ma'am," sagte er, sich zu Scully umdrehend.  "Ist schon gut, Mack," entgegnete sie amüsiert. "Ich mache den Job jetzt schon ein paar Jahre. Ich hab das schon gehört."

"Ich sollte vor einer Dame nicht so reden," entschuldigte er sich kopfschüttelnd. "Meine Mama hat mich besser erzogen. Aber wie auch immer, wir begrüßen das mit den Doughnuts. Und ich liebe es einfach, mit den Spielsachen zu spielen, besonders mit der sanften Musik."

Das weckte Mulders Aufmerksamkeit und er warf Mack einen schneidenden Blick zu.

"Nicht schlecht," meinte er beeindruckt.

"Was ist sanfte Musik?" fragte Scully fasziniert. "Ich habe diesen Ausdruck noch nie gehört."

"Der Begriff bezieht sich auf deine bevorzugte Waffe, und meine, die Standardsorte des FBI H&K MP-5," erklärte Mulder. "Wenn man einen Schalldämpfer draufschraubt, nennt man sie sanfte Musik - aber nur bei den SWAT-Polizisten.  Ich glaube, Officer Mack hatte womöglich ein bisschen Zusatzausbildung." "Oh, wissen Sie, ein bisschen hier, ein bisschen da," antwortete Mack. "Aber unser Team hat keine Waffen, die annähernd so gut sind. Solche Dinger kosten ungefähr fünftausend Dollar das Stück. Verdammt, ich wette, Sie haben zwei davon in Ihrem Kofferraum, Agent Mulder."

Mulder schüttelte lächelnd den Kopf. "Nur eine," meinte er.  "Sehen Sie?" erwiderte Mack. "Deshalb müssen die Fibbies die Doughnuts mitbringen."

"Ich bin mir nicht sicher, dass ich Ihre Logik verstehe," sagte Scully, aber sie lächelte dabei. Dann sah sie auf ihre Uhr und seufzte. "Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen. Ich muss ein bisschen mehr Blut aus diesen Sachen herausholen, bevor ich die Proben nach Quantico für eine DNA-Analyse schicken kann. Aber, Mulder, ich bin hier, falls du mich brauchst." "Ich weiß," antwortete er mit einem Unterton in der Stimme, der nur für sie allein bestimmt war. "Anders würde ich es nicht haben wollen." Sie lächelte kurz, kämpfte den Impuls nieder, ihn zu küssen und ging dann zurück hinter den Raumteiler. Alle drei Männer sahen ihr nach, als sie ging.  So ist das also, dachte Mack. Kein Wunder, dass sie geguckt hat wie ne Kuh, wenn's donnert, als er gestern Abend herein kam. Aber ich wette meinen nächsten Monatslohn, dass sie es noch nicht miteinander gemacht haben. Und ich wette ein Jahresgehalt, dass es nicht mehr lange dauern wird.  "Mulder," sagte er laut, den Kopf in Bewunderung schüttelnd. "Sie sind ein verdammt glücklicher Hurensohn."

Mulder lachte. "Wenn Sie von meiner Partnerin sprechen, muss ich Ihnen zustimmen," meinte er und sein offener Respekt für sie war nicht misszuverstehen. "Sie ist die beste, die es gibt. Ansonsten muss ich widersprechen." Er setzte sich auf, stellte die Füße zurück auf den Boden und beugte sich, die Hände auf den Knien, nach vorn. "Mack, wir haben Zeugen, die einen männlichen Schwarzen am Tatort beschrieben haben," sagte er. "Irgendeine Identifikation von ihm?"

"Noch nicht. Wir haben zwei Phantombilder, aber sie sehen sich nicht sehr ähnlich. Ist das unser Verdächtiger?"

"Ich weiß es nicht," antwortete Mulder. "Könnte sein. Aber wenn wir nicht wissen, wer er ist, kommen wir nicht weiter. Es gibt mir nur einen Ansatzpunkt."

Mulder drehte seinen Stuhl langsam herum und sah sich die grausigen Fotos an.  "Die Kunst ist hier, Mack," sagte er gedankenvoll. "Alles was wir tun müssen, ist den Künstler finden."

 

~~~~~

 

 

Scully war in guter Stimmung und das aus einem Grund, den Glassman niemals in Erwägung ziehen würde geschweige denn glauben: sie war wieder zurück bei der Arbeit, nutzte ihre medizinischen Fähigkeiten und konzentrierte sich auf ihren Job in einer Art, wie sie es seit Dezember nicht mehr in der Lage gewesen war.  Und Mulder, das wusste sie, war ein Teil davon. Er ließ sie sich wieder wie ein Teil eines Teams fühlen, wie eine richtige Ärztin, wie ein richtiger Cop.  Die meiste Zeit der Nacht hatte sie wachgelegen und alles noch einmal durchgespielt, von der Minute an, als sie seine Stimme gehört hatte bis dahin, als er ihr gute Nacht gesagt hatte, und sie konnte immer noch nicht verstehen, was passiert war. Ihre Angst vor ihm, ihre Reaktion auf seine Berührung, die Berührung, die sie so lange so sehr gewollt hatte, verwirrte und ängstigte sie.  Sie hatte immer Probleme gehabt, sexuell zu reagieren - das war ein Grund gewesen, warum sie und Jack sich getrennt hatten - aber dies hier war anders.  Das war nicht nur die Eiskönigin, das war panische, bloße, ungemilderte Angst gewesen und sie hatte sich gegen ihn gerichtet und es gab keinen einzigen Grund dafür, den sie sich hätte denken können.

Ihn hatte sie nie fürchten müssen, nicht einmal, als er mit einer geladenen Waffe auf ihren Kopf gezielt hatte. Was sie ihrer Mutter erzählt hatte, war immer noch wahr: er konnte ihr niemals wehtun. Es gab keinen Grund für sie, sich so zu benehmen, wie sie es getan hatte.

Aber er hatte ihr verziehen, schien sogar zu verstehen, warum sie es getan hatte. Sie hatten sich kurz nach Sonnenaufgang zum Frühstück getroffen, ohne überhaupt darüber reden zu müssen. Es war einfach das, was sie bei Außeneinsätzen immer getan hatten. Da waren ein paar unbeholfene Augenblicke, aber nichts, was sie nicht überwinden konnten. Lange bevor sie fertig waren mit dem Essen, unterhielten sie sich so leicht, als wenn zwischen ihnen niemals etwas nicht gestimmt hätte.

Vielleicht ist es deshalb, weil wir wieder zusammenarbeiten. Oder vielleicht ist es deshalb, weil wir nach so vielen Jahren endlich aufgehört haben, uns darüber zu täuschen, was wir für einander empfinden und was wir wollen. Ich glaube, es sind all diese Dinge.

Aber sie konnte das unbehagliche Gefühl nicht loswerden, das von dem Wissen herrührte, dass irgendetwas zwischen ihnen sehr, sehr schlecht gelaufen war, und so sehr sie auch wissen wollte, was es war, so sehr wollte sie es auch wieder nicht.

Es schien verrückt, aber da musste es irgendeine logische Erklärung geben, dachte sie, und sie würde sie finden. Sie arbeitete daran, genauso sorgfältig wie sie daran arbeitete, die DNA des Mörders aus dem Shirt des verstorbenen Wilhelm Nivek herauszufiltern.

Der Blutfleck war klein, aber der medizinische Sachverständige hatte mögliche Abwehrwunden an Niveks Leiche gefunden und die Lage des Blutspritzers am Ärmel gab ihr die Hoffnung, dass es sich vielleicht um das Blut des Schützen handelte.  Es war eine wage Vermutung, aber wage Vermutungen waren alles, was sie im Moment hatten. Sogar die Spur einer nachweisbaren DNA, die zu einem Verdächtigen passte, könnte einen Fall von zufällig in überzeugend verwandeln.  Sie goss eine verdünnte Lösung über das zerrissene, blutige Hemd, das auf einem speziellen Löschpapier lag und achtete darauf, dass sich keine fremden Substanzen beimengten, die womöglich die DNA-Tests vereitelten. Schon ein paar Hautpartikel konnten Schaden anrichten. Wenige Spuren von Scullys DNA, vermischt mit der des Schützen und der des Opfers konnten unmögliche gemischte Ergebnisse hervorbringen und den ganzen Fall in ein weiteres O. J. Simpson Verfahren verwandeln.

Es stand außer Frage, dass man so einen verpfuschten Test abschreiben konnte, von Rechts wegen konnte der Angeklagte die Ergebnisse erfahren. Wichtiger noch, wenn die Ergebnisse die Verteidigung begünstigten, war es die Pflicht des Staatsanwalts, sie offenzulegen, sogar wenn niemand danach fragte.  Scully musste vorsichtig sein und niemand konnte vorsichtiger sein als Dana Scully, wenn sie sich dazu entschlossen hatte. Sie stellte einen Wecker und kontrollierte präzise die Länge der Zeit, die die Lösung auf dem Hemd verbleiben sollte. Während sie wartete, nahm sie die Fotos von Nivek in die Hand, dem 18 Jahre alten Opfer. Mit einem Vergrößerungsglas untersuchte sie die Schusswunden sehr genau und suchte nach irgendetwas, was sie womöglich vorher übersehen hatte.

Als sie an eine Großaufnahme von Niveks Hand gelangte, hielt sie inne. Auf der Handflächenseite von Niveks Finger sah sie eine Reihe kleiner schwarzer krankhafter Veränderungen, die kaum wahrnehmbar waren für jemanden, der kein Vergrößerungsglas benutzte. Das ist keine Verteidigungswunde, dachte sie. Es kann auch keine Pigmentierung sein, es sieht nicht nach Ekchymose aus und es sind auch keine Leberflecken. Ich sollte wissen, was das ist. Aber ich bin nicht sicher, ob ich das schon mal gesehen habe.

Der Wecker klingelte und Scully ließ das Problem fallen und machte sich wieder an ihre DNA-Extraktion. Dennoch beunruhigten sie die mysteriösen Merkmale weiterhin. Es kann nichts mit der Todesursache zu tun haben, dachte sie. Es ist, wie Mulder sagte, nur ein loses Ende. Ich mag lose Enden in einem Fall genauso wenig wie er.

Ich mag sie auch nicht in meinem Leben.

Scully verschloss die DNA-Proben in den richtigen Beweismittelhüllen, signierte die Laschen, vermerkte die Nummern der Proben in ihren Unterlagen und tat das ganze Bündel in einen großen Umschlag, der an das FBI-Labor in Quantico adressiert war. Er würde mit der Post hinausgehen, was die Bewachungskette sichern würde, um die Proben in Beweismittel zu überführen, sollte ihnen irgendetwas passieren.

Den Umschlag in ihre Aktentasche steckend, setzte sich Scully wieder hin und begann noch einmal, Niveks Autopsiebericht zu lesen. Der örtliche Gerichtsmediziner vermerkte die krankhaften Veränderungen und wagte die Meinung, dass es sich womöglich um Verletzungen durch Abwehrhandlungen handelte.  Worum auch immer es sich handelte, es waren keine Verteidigungswunden. Wer hatte diese Autopsie überhaupt durchgeführt? Scully durchsuchte die restlichen Autopsiefotos nach einer weiteren Aufnahme von Niveks Hand und bald fand sie eine. Die Flecken waren deutlich zu sehen.

Scully sammelte die Fotos ein und verließ, ihre Aktentasche mitnehmend, ihr Labor. Glassman war nirgendwo zu sehen. Mulder war allein in dem engen Büro und studierte zurückgelehnt, die Füße auf dem Tisch die Fotos mit dem unvoreingenommenen Gesichtsausdruck, den sie so gut kannte.  "Mulder," sagte sie sanft, hockte sich neben ihm nieder und berührte leicht seinen Arm. "Mulder, ich muss mit dir reden."

"Hey Scully," erwiderte er, immer noch benommen dreinblickend. "Wie spät ist es?"

"Es ist immer noch früh. Ich bin mit der Extraktion fertig und ich muss diese Proben nach Quantico schicken," antwortete sie. "Und ich muss auch eine Medizinische Bibliothek finden, um ein paar Nachforschungen anzustellen. Kann ich deinen Wagen haben?"

"Sicher," meinte er und griff in seine Tasche, um ihr die Schlüssel zu geben.

"Hast du was gefunden?"

"Ich weiß es nicht," antwortete sie. "Ich weiß es ehrlich nicht."

 

~~~~~

 

 

Mulder hörte kaum, wie sich die Tür schloss, als Scully ging. Seine eigenen Gedanken waren so attraktiv und verführerisch wie dicker Zuckersirup für Insekten und er war sowohl unwillig als auch nicht in der Lage, lange aus ihnen aufzutauchen.

Glassman war ein Kotzbrocken, aber in einem hatte er recht: in diesem Fall passte nichts zusammen. Da waren mehrere Waffen. Die Opfer waren sowohl Schwarze als auch Weiße, deren Alter war breitgefächert und es waren beinahe keine Verbrechen eingeschlossen, die nach etwas anderem als nach bewaffnetem Überfall aussahen. Dieser unbekannte Verdächtige. Wer war er und warum tat er es?  Je länger Mulder sich die Polizeiberichte, die Tatortfotos und die Autopsieprotokolle ansah, desto weniger sah es nach einer Reihe schiefgegangener bewaffneter Überfälle und mehr nach einer hundertprozentigen Mordorgie, Lustmorde, aus.

Der Stil des Mordens war gleichbleibend: vollkommene Vernichtung. Die Opfer hatten nicht viel Widerstand geleistet, was auf Angst oder einen Mörder schließen ließ, der einfach zu schnell war, um ihnen Widerstand zu erlauben. Nur ein Opfer schien einen ernsthaften Versuch unternommen zu haben, zu entkommen; die anderen wurden augenscheinlich dort erschossen, wo sie standen.  Wenn alles, was der Unbekannte wollte, Geld war, dann hatte er weit mehr getan, als nötig gewesen wäre. Ein Schuss - verdammt, die Drohung mit der Schusswaffe - war gewöhnlich genug. Auf die Opfer wurde wiederholt und grausam geschossen; in einigen Fällen wurde sogar weitergeschossen, als sie schon tot waren.  In den Mordfällen gab es auch keine sexuelle Komponente, keinen Beweis dafür, dass der Unbekannte eines seiner Opfer kannte, so schien Rache ebenfalls nicht wahrscheinlich.

Anders als bei dem Onkel und dem Neffen im ersten Fall, schienen die Opfer nichts anderes gemeinsam zu haben, als dass sie in dem einen oder anderen Einzelhandelsgeschäft arbeiteten und das deutete auf eine Gelegenheit, nicht auf ein Motiv.

In Ordnung, Mulder, dachte er. Du hast auf der Basis des Tatortszenarios analysiert, was das Motiv sein könnte und das macht keinen Sinn. Du bist alle anderen &#8218;logischen' Sachen durchgegangen und nichts davon will vernünftig passen. Dieser Typ hat entweder ein anderes Motiv, das du noch nicht erkennst oder er ist einfach nur total durchgeknallt. So oder so, Blödmann, entweder du kannst in sein Denken eindringen oder du steckst fest.

 

~~~~~

 

 

St. Catherine's Hospital

Biomedizinische Bibliothek

11:26 a.m.

In die Bibliothek hineinzukommen, war so einfach, wie Scully es vermutet hatte.  Ihr Ausweis öffnete ihr die Tür und ein paar Minuten, nachdem sie angekommen war, saß sie in einer Leseecke der Bibliothek und blätterte in einem Buch über Hautkrankheiten. In dem Buch waren Hunderte von Farbfotos, die meisten davon überflog sie, weil sie wusste, dass sie nicht das zeigten, wonach sie suchte.  Nach ungefähr 45 Minuten Suche fand sie es. Ein Foto, das praktisch identische krankhafte Veränderungen an den Händen eines Schafzüchters aus Neuseeland zeigte. "Oh, mein Gott," flüsterte Scully und starrte entsetzt auf das Foto.  Das Foto zeigte die Ergebnisse einer Ansteckungskraft, die als Hautform aktiv war. Der Text besagte, dass es auch Darm- und Lungenformen gab. Die Lungenform, hieß es, war bekannt als Wollsortiererkrankheit und war besonders tödlich, eine der tödlichsten Krankheiten, die die Menschheit kannte.  Jeder, der in der Medizin arbeitete, war mit dieser virulenten Mikrobe vertraut.  Und praktisch jeder, der für das FBI arbeitete, wusste um ihr Potential, als terroristische Biowaffe benutzt zu werden.

Die krankhaften Veränderungen und die Implikationen waren nicht misszuverstehen.

Wilhelm Nivek hatte in Alabama gelebt und in einem Tante-Emma-Laden gearbeitet, weit weg von Neuseeland und ohne Beziehung zur Zucht von Schafen oder Vieh oder irgendeinem natürlichen Betreiber. Dennoch waren seine Finger allem Anschein nach mit dem Bacillus anthracis infiziert.

Anthrax.

 

~~~~~

 

 

Baldwin County Gerichtsgebäude

Büro des Bezirksstaatsanwalts

4:24 p.m.

"Nun, ich weiß nicht, was ich gedacht habe, was ihr FBI-Agenten hier vorhabt zu tun, aber das hab ich sicher nicht erwartet."

Scully lächelte erschöpft.

Barstow Miller, der Bezirksstaatsanwalt war kein schlechter Junge, aber es war schwierig für ihn, sich hinter den Gegenstand zu klemmen, was in diesem Fall nicht das FBI selbst war, sondern das, was diese ungewöhnliche FBI-Agentin von ihm brauchte.

"Mr. Miller, ich brauche wirklich Ihre Hilfe dabei," sagte Scully in ihrem kühlsten, professionellsten Ton. "Ich brauche eine Exhumierungsanweisung für Wilhelm Niveks Leiche, und je schneller, desto besser." "Sie glauben wirklich, er hatte Anthrax?" fragte Miller. "Wir hatten das hier noch nie in der Gegend, aber ich vermute, wir könnten - es gibt hier eine Menge Vieh."

"Ich werde es nicht wissen, bis ich die Leiche untersucht habe," antwortete Scully. "Im Bericht des Polizeiarztes wurden die Hautveränderungen nicht direkt zugeordnet und ich brauche eine Kultur davon. Aber Nivek hat nicht im Viehgeschäft gearbeitet und wenn er mit Anthrax infiziert war, dann haben sie vielleicht ein schlimmeres Problem als nur eine Mordorgie." "Nur eine Mordorgie," wiederholte Miller und klang kaum amüsiert. "Wir hatten einen Mord in Daphne in den letzten drei Jahren und nun haben wir vier in nur ein paar Wochen. Das nennen Sie einfach eine Orgie." "Es tut mir leid," sagte sie immer noch kühl. "Ich will die Wichtigkeit der Untersuchungen keineswegs herunterspielen."

"Es ist nur, dass Sie für die Regierung arbeiten und weit schlimmeres gesehen haben, nicht wahr?"

"Nein Sir," antwortete Scully. "Ich habe schlimmeres gesehen, aber dieser Fall ist für jeden schlimm genug. Aber für die Regierung zu arbeiten, kann einen dazu bringen, aufmerksam zu werden, wenn der Anthrax-Bazillus an einem Ort auftaucht, wo er es nicht sollte. Er sollte nicht an Niveks Fingern sein." Miller dachte eine Minute nach und trommelte dabei mit den Fingern auf den Schreibtisch. "In Ordnung, Agent Scully," meinte er. "Ich werde einen meiner Leute die Anweisung aufsetzen lassen und ich werde sehen, ob ich einen Richter finde, der sie unterzeichnet. Wir werden die Leiche in die Forensische Abteilung von Mobile bringen lassen, dort können Sie dann einen Blick darauf werfen." "Das wäre ideal, Sir."

Das war eine Erleichterung. Sie hatte den Gedanken gefürchtet, dass sie eine Autopsie in einem Krankenhaus oder schlimmer noch in einer Leichenhalle durchführen musste. Sie waren nicht für so etwas ausgerüstet und qualifizierte Assistenten existierten nicht außerhalb eines richtigen forensischen Labors.  "Wenn es Anthrax ist," fuhr Miller fort, "würde ich es begrüßen, wenn Sie es für sich behalten würden, bis wir wissen, wie weit es sich ausgebreitet hat, wenn es das hat. Okay?"

Scully nickte. "Das war meine Absicht, Sir. Danke."

 

~~~~~

 

 

Daphne Rathaus

6:49 p.m.

Das zeitweilige FBI-Büro war dunkel, als Scully ankam. Das Licht, das vom Flur hereinfiel, ließ die Tatortfotos in noch beängstigenderer Weise real erscheinen.  Es ließ sie schaudern und sie war keine Frau, die leicht etwas schaudern ließ.

"Mulder," rief sie. "Mulder, bist du hier?"

Keine Antwort. Wohin war er gegangen? Er konnte nicht sehr weit sein, sie hatte immer noch seinen Wagen. Vielleicht war er mit Glassman zurück ins Hotel gefahren.

Scully schloss die Tür und ging den Gang entlang zum Aufenthaltsraum. Mack war dort, er saß an einem Arbeitstisch neben Glassman. Der Tisch war zugemüllt mit halb ausgefüllten VICAP-Formularen. Glassman blickte vergnügt drein, Mack befangen.

"Meine Herren," fragte Scully. "Hat einer von Ihnen in der letzten Zeit Mulder gesehen?"

"Vom Winde verweht," antwortete Glassman und wedelte mit der Hand durch die Luft. "Ich habe ihn gefragt, wie die Dinge laufen. Er warf mir ein paar ausgesuchte Worte hin und floh dann von hier, als wenn die Höllenhunde hinter ihm her waren."

"Wo ist er hingegangen?" fragte Scully.

"Hab nicht den Schimmer einer Ahnung," entgegnete Glassman. "Warum? Habt ihr zwei eine Verabredung?"

Das war nicht einmal eine Erwiderung wert. "Mack, wissen Sie, wohin er gegangen ist?" fragte sie.

"Nicht sicher, Ma'am, nein," antwortete Mack.

"Wie lange ist er weg?"

"Oh, ich würde sagen, ungefähr eine dreiviertel Stunde. Nicht viel länger." "Mack, hat er irgendetwas darüber gesagt, wohin er vielleicht gegangen sein könnte?" fragte sie weiter. Mack dachte einen Moment nach.  "Nun, heute morgen haben er und ich uns über Orte unterhalten, wo wir uns als Kinder oft aufhielten," meinte er nachdenklich. "Ich habe ihm erzählt, dass ich für gewöhnlich am Mullet Point herumhing und dem Sonnenuntergang zusah. Ein guter Platz zum Fischen oder zum Nachdenken, wenn es das ist, was du willst. Ein bisschen spät dafür jetzt. Draußen wird es schon dunkel." "Wo ist dieser Mullet Point?"

"Sie können ihn gar nicht verfehlen," erklärte Mack und Scully stöhnte auf.  "Nein wirklich, das können Sie nicht. Fahren Sie zurück auf den Highway in Richtung Süden und wenn die Straße nach links abbiegt, ja? Dann bleiben sie weiter gerade aus. Dann kommen Sie dort hin. Es ist am Wasser. Es gibt ein großes altes Schild, auf dem &#8218;Mullet Point' steht." "Wie weit ist es?"

"Zehn, zwölf Meilen," sagte Mack. "Sie erwischen ihn auf der Straße, wenn er nicht gerannt ist. Rennt er gerne?"

Scully sah hinaus in die aufkommende Nacht. Er war dort draußen, irgendwo, allein mit seinen Dämonen. In der Dunkelheit...  "Agent Scully," rief Glassman.

Sie sah ihn an.

"Officer Mack hat Sie etwas gefragt. Sie jagen mir schon wieder Angst ein. Tun Sie das nicht."

"Ich... ich habe nur gefragt, ob Agent Mulder viel rennt," sagte Mack, peinlich berührt darüber, dass er Probleme verursacht hatte.  Scully blickte wieder zum Fenster hinaus, ihren Blick ins Nichts gerichtet. Sie gab sich gelassen und verbarg unter Anstrengungen die Unentschlossenheit, die sie fühlte. Sollte sie zu ihm gehen? Ihn allein lassen?  Dann lenkte sie ihre Aufmerksamkeit in den erleuchteten Raum zurück. "Ja, er rennt," antwortete sie zurückhaltend.

"Werden Sie ihm nachgehen?" fragte Mack.

Sie schüttelte den Kopf. "Selbst wenn ich ihn finden würde, ich könnte ihn nicht zurückbringen," sagte sie. "Nicht jetzt."

 

~~~~~

 

 

Mullet Point, Alabama

9:53 p.m.

Mack hat Recht, dachte er. Das ist ein guter Ort zum Nachdenken. Wenn ich etwas Gutes zum Nachdenken hätte.

Von hier aus waren die Lichter über der Bucht von Mobile stecknadelgroß, kleiner als die Sterne am Himmel. Von der Straße hinter ihm kamen keine Geräusche, es gab überhaupt keine Geräusche mit Ausnahme des brackigen Wassers, das gegen die Hafenmole plätscherte, das hochstimmige Singen von Grillen und, von Zeit zu Zeit, das Schreien einer Möwe.

Sein Mantel und seine Krawatte hingen über einer Bank auf dem nahegelegenen Picknickplatz, seine Schuhe und seine Socken waren neben ihm, sein Hemdkragen war geöffnet und die Ärmel bis zum Ellbogen aufgerollt. Er saß mit angezogenen Knien, die Arme um die Beine geschlungen, den Kopf auf den Knien und blickte über das Wasser ins Nichts.

Mulder wusste nicht, wie lange er schon da war. Er konnte sich nicht einmal klar daran erinnern, wie er entschieden hatte, hierher zu kommen. Alles was er wusste war, dass er da war, dass er zu Fuß hergekommen war und den ganzen Weg gerannt war. Er war schweißnass, und es wollte in der feuchten Luft nicht trocknen; das konstante Brummen der Moskitos sagte ihm, dass er über kurz oder lang völlig zerstochen sein würde.

Es kümmerte ihn nicht.

Das Bild begann aufzutauchen. Bald würde er alles niederschreiben und all seine subjektiven Einschätzungen rational ausdrücken und damit den örtlichen Polizisten etwas geben, womit sie ihre Suche beginnen konnten.  Und sag ihnen, dass sie währenddessen Sendepause halten sollten, keine Funkgespräche, keine Handys. Es war genug, dass einem die Polizeiarbeit verging, wenn man sah, wie viele brutale Mörder heimlich den Polizeifunk abhörten.  Das lässt dich fragen, was in dir ist, was dich zu diesem Beruf gebracht hat.

Oder was die Mörder abhielt. Wenn es etwas tat.  Bist du nicht auch ein Mörder, Mulder? Hast du nicht einem Mann das Gesicht weggeschossen mit einem Gewehr, nachdem du ihn bereits getötet hattest? Hast du nicht am Ende John Lee Roche getötet, zum Teil aus Rache, weil er dir entwischt war und dich wie ein Narr aussehen ließ? Hast du es nicht tatsächlich genossen, Robert Modell eine Kugel in den Kopf zu jagen? Und hast du nicht den Abzug noch betätigt, als das Magazin schon lange alle war? Du hast verdammt Recht, es war so. Du musstest nicht zwölf Meilen rennen und dein Blut den Moskitos opfern, um das zu wissen. Und das waren auch nicht die einzigen, die du umgebracht hast.  Führt dich das irgendwo hin?

Ja. Oh verdammt, ja. Es machte ihn krank, das zu erkennen, aber er wusste, er hatte nur eine der Türen zum Geist des Verdächtigen geöffnet. Der Verdächtige tötete gern, genoss die Erleichterung, die das Morden ihm verschaffte und er spürte den Drang zu töten wieder. Bald. Aber wo?  Wer?

Warum kam in dieser kleinen Stadt niemand und sagte ihm, dass er irgendeinen seltsamen Nachbarn überprüfen sollte, der eine Menge Waffen besaß? Der Verdächtige war hier irgendwo, das war klar; es war nicht klar, wo er war oder warum niemand eine Verbindung zwischen ihm - wer immer er war - und den Morden herstellte, die Daphnes jährliche Mordrate bereits effektiv verfünffacht hatten.

Du findest es besser heraus, Mulder, dachte er grimmig; besser, du findest ihn und das verdammt schnell.

Wenn nicht, wird das Blut eines weiteren Menschen an deinen Händen kleben.

 

~~~~~

 

 

Pembroke Inn

2:45 a.m.

Scully warf sich ruhelos auf die Seite. Gegen Mitternacht hatte sie sich schlafen gelegt, war aber eine Stunde später wach geworden und seitdem nicht mehr in der Lage gewesen zu schlafen. Es war nicht nur, weil sie nicht wusste, wo Mulder war, obwohl es sie quälte. Weniger als ein Tag war vergangen, bevor er sie wieder einmal abgehängt hatte, und diesmal hatte sie die zusätzliche Sorge, dass er vielleicht allem aus dem Weg gehen würde... studienplanergänzende Abendaktivitäten waren ein Weg, das zu tun.

Das war schlimm genug; was schlimmer war, war das Wissen, dass, sie ihm sagen musste, was sie herausgefunden hatte, wenn er zurückkam und zum ersten Mal in ihrer medizinischen Karriere war sie sich einfach nicht sicher.  Das Problem war jetzt das Anthrax oder präziser ausgedrückt die Gefahr einer Anthrax-Epidemie. Es wird keine Epidemie werden, schalt sie sich selbst. Ein Fall von Hautanthrax macht noch keine Epidemie aus.  Also, wo hat er es her, Dr. Genie Scully? Er ist kein Schäfer oder Viehrancher oder Veterinärmediziner. Er hat in einem Tante-Emma-Laden gearbeitet. Wie bekommt man Anthrax, wenn man in einem Tante-Emma-Laden arbeitet?  Vielleicht ist es gar kein Anthrax, dachte sie, aber sie erkannte, dass es Wunschdenken war. Warum ergibt es keinen Sinn für mich? Du musst es richtig machen, Dana, dachte sie. Du kannst dir keinen einzigen Fehler dabei leisten.  Was ist, wenn ich bereits einen Fehler gemacht habe? Was, wenn ich den Bezirksstaatsanwalt wegen nichts alarmiert habe? Woher weiß ich, wie Anthraxwunden aussehen? Ich habe Anthrax noch nie gesehen. Wer hat es? Was, wenn ich jeden in Aufruhr versetze und es stellt sich heraus, dass diese Flecken nur fotografische Artefakte sind?

Ich hätte jemand anderen bitten sollen, die Fotos zu überprüfen. Ich hätte das CDC anrufen und ihnen die Fotos schicken sollen. Ich hätte nicht zum Bezirksstaatsanwalt gehen sollen, ohne mit Mulder zu reden, oder wenigstens - Gott steh mir bei - mit Glassman. Warum hab ich das getan? Oh Gott, wenn sie diese Leiche ausbuddeln und nichts ist verkehrt, dann stehe ich ganz schön dumm da und Glassman wird es mir ewig vorhalten.

Ich wünschte, ich könnte mit Mulder darüber reden. Aber wo ist er? Arbeitet er um die Zeit immer noch? Natürlich tut er das.

Wie viele Fälle haben wir bearbeitet, über Tassen zu starken Kaffees hockend in irgendeinem trostlosen Kleinstadtdiner zu einer Zeit, wenn die Zeitungsjungen noch nicht einmal aufgestanden waren? Zu viele, um sie zu zählen.  Es gab Zeiten, wenn ich glaubte, ich würde ihm das Genick brechen, wenn er mich noch einmal aufweckte.

Ich wünschte, wir könnten telefonieren. Ich wünschte, ich wüsste, dass es ihm gut geht. Ich wünschte, ich könnte mit ihm darüber reden. Ich wünschte, ich wäre nicht zum Bezirksstaatsanwalt gegangen, bevor ich die Gelegenheit hatte, mit Mulder zu reden. Ich wünschte, irgendjemand anderes wäre verantwortlich dafür.  Ich kann das nicht tun. Ich kann nicht.

Mulder könnte es. Er wüsste, was zu tun ist.

Ich muss etwas schlafen, dachte Scully, während sie sich ruhelos umherwarf. Dann hörte sie ein unbekanntes Geräusch vom Flur her und saß aufrecht, vor Angst erstarrt da und griff unter das Kopfkissen nach ihrer Waffe.  Es war nur die Eismaschine. Sie hatte ähnliche Geräusche Hunderte Male in Hunderten von Hotels gehört. Das war nicht neu.  Aber ihr Herz hämmerte immer noch. Sie steckte die Waffe zurück unter das Kissen, aber sie hielt sie weiter fest, den Finger am Abzug. Während sie sie festhielt, fühlte sie sich ruhiger. Nicht dass sie ihre Waffe brauchte, natürlich nicht. Sie wollte nur wissen, dass sie da war.

 

~~~~~

 

 

Wonach suchst du so schwermütig und schweigend?

Was brauchst du, Kamerad?

Lieber Mann, denkst du, es ist Liebe?

Walt Whitman

 

 

Kapitel 10

Pembroke Inn

Mittwoch, 3. März

4:15 a.m.

Das Klopfen war leise, aber es war genug, um Scully aufzuwecken aus ihrem unruhigen Schlaf. Sie ergriff ihre Waffe, knipste die Lampe an und stolperte verschlafen zur Tür, um durch den Spion zu sehen.  Es war Mulder und er sah schrecklich aus; Krawatte offen, Hemd aufgeknöpft, rote Augen und er brauchte dringend eine Rasur und etwas Schlaf.  Sie schob den Riegel zurück und öffnete die Tür. "Habe ich dich aufgeweckt?" fragte er, immer noch im Türrahmen stehend. "Ich bin nicht sicher," antwortete sie, ihr Hirn immer noch umnebelt. "Vielleicht. Komm rein." Er ging an ihr vorbei direkt auf ihr Bett zu und ließ seinen Mantel auf den Boden fallen. Erschöpft ließ er sich fallen, seine langen Beine hingen über die Bettkante hinaus.

Sie schloss die Tür und verriegelte sie, legte ihre Waffe auf die Kommode und stand dann einfach nur da, vollkommen unsicher, was sie als nächstes tun sollte.  "Mulder," begann sie vorsichtig, aber er unterbrach sie.  "Ich weiß nicht, wie er aussieht, Scully," murmelte er, ohne die Augen zu öffnen. "Ich kann ihn überhaupt noch nicht sehen. Ich weiß nicht einmal, welches Auto er fährt. Ich weiß nicht, wo er ist oder wo er als nächstes zuschlagen wird. Ich weiß nur, dass er es tun wird."

"Weißt du, wann?" fragte sie und kam herüber, um sich neben ihn zu setzen. Sie faltete ihre Hände und legte sie in den Schoß auf den glatten blauen Satin ihres Schlafanzugs.

"Bald," antwortete er, immer noch ohne sich zu bewegen. "Er hat wieder Angst und er ist wütend und er hat gelernt, das Gefühl des Tötens zu mögen. Ich kenne das gut. Er braucht es, wie eine Droge. Er holt sich seinen Schuss bald. Aber ich weiß nicht, was ich tun kann, um ihn aufzuhalten." "Hast du es Mack erzählt?"

"Nein," sagte er. "Noch nicht."

Er öffnete die Augen und wandte ihr seinen Blick zu. "Während ich zurücklief, dachte ich daran, am Police Department anzuhalten und zu versuchen, das alles aufzuschreiben. Manchmal hilft das. Dann habe ich mich daran erinnert, dass du auch nach etwas gesucht hast und ich dachte, dass du vielleicht versuchst, mich zu finden, um mir davon zu erzählen. Also hab ich die Gelegenheit ergriffen und bin vorbeigekommen, obwohl ich mir vorstellen kann, dass du vielleicht verärgert bist, weil ich dich abgehängt habe. Ich vermute, ich könnte es auf meine Schwierigkeiten mit diesem Unbekannten schieben..." "Und du hättest Recht," sagte sie, ihn unterbrechend. "Ich weiß besseres, als dich zu einem Zeitpunkt wie diesem abzulenken. Aber ich wollte mit dir reden.  Etwas hat sich bei mir ergeben und ich wollte, dass du mir hilfst, es herauszufinden."

"Was ist es?"

Sie schüttelte den Kopf. "Ich bin mir nicht sicher. Aber es ist vielleicht die Antwort darauf, was uns im Dezember passiert ist." Er setzte sich auf. "Du machst Witze."

"Nein," erwiderte sie. "Ich wünschte, es wäre so. Eines der Opfer hat Wunden an seine Fingern, die wie Anthrax aussehen."

"Gott," rief er mit weitaufgerissenen Augen aus. "Wer von ihnen?" "Nivek," antwortete sie. "Ich kann es dir sicher sagen, wenn wir eine Zellkultur angelegt haben."

"Gibt es eine Chance, das es nicht Anthrax ist?" "Ja. Nein. Ich meine ja, natürlich, es gibt immer eine Chance," meinte sie und stand auf. Sie begann nervös im Zimmer auf und ab zu gehen, ihre Arme eng vor der Brust verschränkt. "Ich kann immer falsch liegen, das weißt du; ich habe tatsächlich seine Finger noch nicht gesehen und wir müssen eine Kultur anlegen, was immer wir finden. Aber auf den Autopsiefotos sieht es wie Anthrax aus. Und wir sind hinter einer Biowaffe hergewesen, als wir das erste Mal hier waren." "Denkst du etwa, das es sich hier um Inlandsterrorismus handelt?" "Ich glaube, dass es sich um Anthrax handelt," entgegnete sie und kämpfte gegen ihre Verärgerung an. "Im Moment ist das alles, was ich glaube. Und ich könnte mich leicht irren. Ich habe Anthrax noch nie gesehen. Und ich kenne keinen Arzt, der es gesehen hat. Und ich habe keine Ahnung, ob es eine Verbindung zu Inlandsterrorismusgruppen gibt oder nicht. Alles was ich weiß ist, dass Wilhelm Nivek Wunden an seinen Fingern hat, die wie Anthrax aussehen und die er nicht haben sollte, weil er weder Bauer noch Textilarbeiter ist. Okay?" "Okay," sagte er und klang ein wenig gereizt. "Gott, Scully, ich stelle deine medizinische Meinung nicht in Frage. Ich habe nur gefragt, was du weißt. Wie hast du diese Wunden gefunden?"

"Autopsiefotos," erwiderte sie. "Nur dass ich jetzt Grund habe, daran zu zweifeln, dass die erste Autopsie sehr gründlich war." "Die erste bedeutet..." Mulder sah ein wenig aus, als wäre ihm übel.  "Bedeutet, dass ich eine zweite tun werde, ja." sagte Scully und sah ihn an. Aus irgendeinem Grunde schnitt ihr Mulders Besorgnis durch ihre bereits angegriffenen Nerven wie eine rostige Klinge. Sie war nicht in der Stimmung, in diesem Moment mit seiner Überempfindlichkeit umzugehen. Er musste sich in den Griff bekommen.

"Du weißt, dass ich das tue, Mulder," meinte sie und ihre Stimme tropfte vor Sarkasmus. "Ich habe heute mit dem Bezirksstaatsanwalt gesprochen. Ich werde Nivek ausgraben lassen und eine weitere Autopsie vornehmen und er wird stinken und modrig und glitschig sein und wahrscheinlich voller übler Gase, die mir total auf den Magen schlagen werden, wenn ich ihn aufschneide. Möchtest du zusehen? Oder würde es dich zu sehr erschüttern?" "Okay, Scully, gib Ruhe," sagte er und sie konnte sehen, dass sie ihm unter die Haut gegangen war. "Wir stecken da zusammen drin. Lass es uns zu Ende bringen und dann werden wir daran arbeiten, unsere Alpträume auseinander zu nehmen." Sie schüttelte den Kopf und hob frustriert die Hände. "Dann lass mich einfach in Ruhe, in Ordnung? Du bist nicht der einzige, der Dinge zu tun hat, die ihm Alpträume verursachen. Ich hasse Exhumierungen. Egal, wieviel ich tue, ich werde mich nie wirklich daran gewöhnen."

"Das ist verständlich," antwortete er, milde genug. Aber er hatte wieder dieses verdammte Profilergesicht und Scully hatte bereits entschieden, was sie dabei empfand. Sie hasste es.

"Vergiss es einfach, Mulder," erwiderte sie gleichgültig. "Was immer ich finde, es wird dir nicht helfen, ein Profil deines Unbekannten zu erstellen, und das hat Priorität, besonders wenn du weißt, dass er es wieder tun wird." "Sehr bald," sagte er "Es sei denn, ich finde ihn zuerst. Aber ich bin nicht sicher, dass ich das kann; nicht diesmal."

Mulder hatte ruhig gesprochen, aber sie hörte die Angst hinter seinen Worten.  Sie musste jeden Tag mit derselben Angst klarkommen. Es war die Angst, einen Fehler bei der Beurteilung zu machen, einen Fehler in Aktion, der zum Tod eines weiteren unschuldigen Opfers führte.

"Mulder, es tut mir leid," sagte sie und setzte sich wieder auf das Bett.

"Wirklich. Ich bin im Moment einfach etwas zu empfindlich." "Du hast ein Recht dazu, es zu sein," antwortete er, aber nun beobachtete er sie noch sorgfältiger. "Das ist wirklich eine ernste Sache." "Du wirst ihn finden, Mulder. Du wirst," sagte sie und meinte es auch so. "Aber wir müssen auch herausfinden, was das Anthrax damit zu tun hat. Es ist mindestens genauso gefährlich wie er."

"Scully," begann er, dann zögerte er. "Ich weiß nicht, ob ich dir dabei helfen kann, zumindest nicht so sehr, wie es nötig wäre. Glassman sollte dir bei der Beweisanalyse helfen."

"Er hat nicht einmal die Fallakten zu Ende gelesen," erwiderte sie bitter. "Er ist überhaupt keine Hilfe. Ich kenne ihn. Alles, was er über das Profilerstellen weiß, kennt er aus "Das Schweigen der Lämmer", aber er liebt es, vor der örtlichen Justizbehörde auszuspucken, als ob er ein zweiter John Douglas wäre.  Du hast seine Pläne mächtig durchkreuzt, als du hier aufgetaucht bist." "Willst du damit sagen, dass er nicht bereit ist, seinen Teil beizutragen, weil er glaubt, er wäre nicht glamourös genug?"

"Genau das will ich damit sagen," erwiderte sie entschieden. "Wenn es um die Restarbeiten geht, um das Ausfüllen der Formblätter und darum, zu telefonieren, dann ist er unbrauchbar. Ich werde keine große Hilfe von ihm bekommen und ich kann nicht alles allein tun."

"Scully, ich weiß nicht, was ich dir sagen soll," meinte er. "Ich weiß, dass du Hilfe brauchst, aber ich kann nicht Glassmans Job tun und meinen eigenen. Ich kann keine Beweisanalysen vornehmen und gleichzeitig ein Profil erstellen. Das eine ist ein wissenschaftlicher Prozess und das andere ist fast ausschließlich intuitiv."

"Es tut mir leid, Mulder," sagte sie. "Ich habe auch keine Antwort darauf. Ich könnte meinen Vorgesetzten bitten, Glassman von dem Fall abzuziehen, aber Rolfe hat nie einen Finger gerührt, um mir zu helfen, und ich erwarte es auch jetzt nicht von ihm."

"Ich kenne Mike Rolfe," erwiderte Mulder. "Er ist ein Arschloch. Aber selbst wenn er helfen würde, du möchtest nicht wirklich mit ihm sprechen, nicht wahr?" Einen Moment war sie still. "Nein," antwortete sie. "Ich will nicht. Ich kann nicht mit ihm reden, ich kann ihm nicht vertrauen. Er wird es gegen mich benutzen, es in meine Beurteilung hineinnehmen als Beweis dafür, dass ich meinen Job nicht erledigen kann. Und ich kann es nicht ohne Hilfe. Nicht das hier.  Mulder, es tut mir leid, aber du bist alles, was ich habe." "Dann werde ich versuchen, genug zu sein," sagte er. "Aber wir gehen hier beide Risiken ein."

"Deshalb bekommen wir das dicke Geld," meinte sie und versuchte zu lächeln.  "Und deshalb müssen wir die Doughnuts mitbringen," erwiderte er und lächelte zurück. Er nahm ihre Hand. "Mach dir keine Sorgen. Wir finden es heraus." "Morgen früh," sagte sie. "Aber jetzt musst du dich ausruhen." Sie rutschte zu ihm hinüber, drückte ihre Lippen sanft auf seine, dann fester, und ließ ihre Zunge über seine Unterlippe gleiten.

Aber zum ersten Mal, obwohl er den Kuss annahm, gab er ihn nicht zurück; er schien sogar vor ihr zurückzuweichen und das erschreckte sie. Sie zog sich zurück und sah ihn ängstlich an. "Mulder, was ist los?" flüsterte sie.  "Scully, ich kann nicht," erwiderte er leise und seine Fingerspitzen glitten über ihre Wange. "Nicht jetzt."

"Du solltest aber," sagte sie. "Du bist beinahe zu müde, um zu reden." "Meine Füße sind tot," meinte er. "Aber ich rede nicht von Schlafen. So gern ich hier liegen und mich deiner Magie hingeben würde, ich kann nicht. Nicht heute Nacht."

"Das hast du letzte Nacht gesagt," stellte sie verwirrt fest. "Und nun sagst du es wieder. Also warum bist du überhaupt hier?" Die Frage schien ihn zu verletzen, aber diesmal konnte sie nicht gut genug in ihm lesen, um zu wissen warum. Er sah fort.

"Ich wollte nur mit dir reden," sagte er mit der Stimme eines Mannes, dessen Kraft vollkommen erschöpft ist. Langsam stand er auf. Mit dem Rücken zu ihr sammelte er seinen Mantel auf, warf ihn sich über die Schulter und hielt ihn mit der linken Hand fest, während seine rechte automatisch nach dem Griff seiner Waffe fasste, um sicherzugehen, dass sie sicher in ihrem Holster steckte.  Scully starrte ihn mit offenem Mund an. Seine Erschöpfung, der Klang seiner Stimme, seine Worte hatten sie wie ein Messer in den Hals getroffen und durchbohrten sie mit Schuld und Scham, so heftig, dass sie nicht sprechen, sogar kaum atmen konnte. Plötzlich fühlte sie kalten Schweiß auf ihrer Haut.  Er wollte mit mir reden und ich hab ihn nicht gelassen. Das hat es noch nie zwischen uns gegeben, nicht wenn es um etwas Dienstliches ging, worum sie sich zu kümmern hatten.

Seine Hand lag auf der Türklinke. Im nächsten Moment würde er wieder gegangen sein. Sie konnte das nicht zulassen. Sie stand auf, ging dorthin, wo er stand und legte eine Hand auf seine Schulter, hielt ihn auf und drehte ihn zu sich herum. "Geh nicht," flüsterte sie.

"Scully, ich muss..."

Sie unterbrach ihn und berührte seine Lippen mit ihren Fingern. "Du beschämst mich," sagte sie. "Ich hätte es wissen müssen. Ich bist aus demselben Grund hier hergekommen wie immer, wenn wir zusammengearbeitet haben; weil du die Dinge durchsprechen wolltest."

"Aber du hattest Recht," erwiderte er, nicht unfreundlich. "Ich war derjenige, der gesagt, dass er nicht zwei Jobs auf einmal tun kann, und dann mit meinem nächsten Atemzug versuche ich, dich dazu zu bringen, mir bei meinem zu helfen.  Ich hätte wirklich nicht kommen sollen. Ich bin einfach egoistisch; ich will nicht ohne dich arbeiten."

"Du bist einfach hergekommen, um nach deinem Partner zu sehen," entgegnete sie unglücklich.

"Und ich fand Dana, die wilde," sagte er mit einem Hauch seines alten Humors und sie musste lächeln. "Aber vielleicht habe ich die letzten sechs Jahre auch nach ihr gesucht. Hast du jemals daran gedacht?"

"Manchmal, vielleicht," meinte sie vorsichtig. "Ja." Das brachte ein wenig von Mulders Lächeln zurück. "Vielleicht, eines Tages, werden wir beide zur selben Zeit nach der selben Sache suchen," sagte er.  "Das haben wir vorher immer getan," erklärte sie. "Die Wahrheit. Das hat sich nicht geändert."

"Nein, das hat es nicht."

"Mulder," begann sie, dann trat sie einen Schritt näher. "Es tut mir leid, dass ich dich enttäuscht habe."

"Du hast mich nie enttäuscht," antwortete er und nahm ihre Hand. "Niemals." Sie schüttelte den Kopf. "Diesmal habe ich es getan. Ich habe meine Gefühle über das gestellt, was wir hier zu erledigen haben." "Ja, vielleicht," erwiderte er. "Aber vielleicht kannst du im Moment nichts dagegen tun. Ich weiß immer noch nicht, was verkehrt ist; ich weiß nur, dass da etwas ist und dass du einen gut Teil der Zeit nicht so handelst, wie die Dana Scully, mit der ich es gewohnt bin, zu arbeiten." Sie konnte ihn nicht ansehen.

"Aber das ist nicht der ganze Grund, und das weiß ich," sagte er sanft und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken. "Wir haben uns gegenseitig vermißt.  Wir möchten wieder vereint sein. Das ist nicht verkehrt; es ist ein gutes Gefühl, so geliebt zu werden wie von dir. Das hatte ich niemals zuvor. In meinem ganzen Leben nicht."

Sie spürte, dass die Tränen wiederkamen. Früher hab ich nicht geweint, dachte sie. Nie. Nun heule ich die ganze Zeit.

"Aber es gibt ein Problem zwischen uns," fuhr er leise fort. "Ich weiß nicht genau, was es ist, aber was schlimmer ist, ich kann es mir nicht einmal leisten, lange genug innezuhalten, um es herauszufinden, so sehr ich es auch will." "Willst du?" fragte sie und sah wieder zu ihm auf. "Willst du wirklich feststellen, was mit mir los ist?"

"Mit uns," korrigierte er sie sanft. "Und ja, ich will. Ich will mit dir reden können, ich will dich berühren können und so sicher wie die Hölle will ich nicht, dass du vor mir Angst hast. Ich kann mir nichts schlimmeres als das vorstellen - abgesehen davon, dass wegen mir jemand stirbt, qualvoll stirbt, weil ich nicht den Job gemacht habe, wegen dem ich hergekommen bin. Es wird passieren, bald, wenn ich nicht verdammt schnell in den Kopf unseres Unbekannten eindringen kann. Ich kann das nicht zulassen, Scully." "Ich verstehe. Wirklich, das tue ich," sagte sie und blickte auf ihre immer noch vereinten Hände hinab. "Aber Mulder, du kannst dich nicht dafür verantwortlich machen, wenn er wieder tötet. Die Profiler aus der Abteilung Verhaltensforschung verbringen die meiste Zeit damit, Ideen zu wälzen und sich gegenseitig bei dem zu helfen, was du versuchst, ganz allein zu tun." "Ich bin nicht allein," erwiderte er fest. "Ich habe dich. Und ich brauche niemand anderen."

Das berührte sie und sie stellte fest, dass sie ihrer Stimme nicht trauen konnte. Ihr Kinn zitterte und eine einzelne Träne rollte über ihre Wange. Sie sah so niedergeschlagen aus, dass er es schließlich nicht mehr ertragen konnte und er legte seine Arme um sie und hielt sie fest.  "Ich liebe dich so sehr," flüsterte sie, ihre Stimme gedämpft durch sein Hemd.  "Ich würde das nicht ändern, selbst wenn ich könnte. Aber ich will, dass wir immer noch in der Lage sind, zusammen zu arbeiten. Ich will dein Partner sein, Mulder."

"Das bist du, Scully," antwortete er und wiegte sie sanft. "Das bist du. Immer."

 

 

~~~~~

 

 

Alabama Abteilung für Forensische Wissenschaften Mobile Laboratorium 10:19 a.m.

Das ist beinahe so schlimm wie es nur geht, dachte Scully, während sie ihre Latexhandschuhe herunterriss.

Zwei Stunden hatte sie sich mit den verfaulten Überresten von Wilhelm Nivek abgemüht, hatte sich in Gewebe vertieft, das sich in einer einbalsamierenden Flüssigkeit verfestigt hatte, hatte den Geruch eingeatmet, den nicht einmal eine dicke Schicht Mentholsalbe verbergen konnte, und nun wartete der Labortechniker mit einem Gesicht auf sie, das offen schlechte Neuigkeiten verkündete.  Erst vor ein paar Stunden hatte sie Hautproben von Niveks Fingern genommen, gefolgt von Lungen-, Mund- und Darmgewebe und hatte sie demselben Techniker zum Testen übergeben. Sie warf ihren Kittel und die Kopfbedeckung in den Wäschebehälter, wusch sich die Hände und setzte sich, um sich die schlechten Nachrichten anzuhören.

"Sie hatten gute Proben, Dr. Scully, vier getrennte Kolonien von den Fingern," erzählte ihr der Labortechniker. "Die Immunfluoreszenztests waren überzeugend, sie zeigten alle den Bacillus anthracis. Das ist vom Feinsten, wirklich." "Was ist mit den Lungen?" fragte sie.

"Sauber, soweit ich sagen kann," antwortete der Techniker und Scully stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. "Sind Ihnen irgendwelche Todesfälle, Todesfälle von Menschen, hier in der Gegend bekannt, die auf den Bacillus anthracis zurückzuführen sind?" fragte sie.

Der Mann schüttelte den Kopf. "Glauben Sie mir, Dr. Scully, wenn es einen gegeben hätte, wüsste ich es. Ich war bei der Aktion Wüstensturm dabei; ich achte auf solche Sachen."

Scully nickte, ihre Lippen leicht geschürzt, und studierte den Bericht noch einmal, als könnte sie ihn dadurch dazu bringen, etwas anderes auszusagen. Dann sah sie den Techniker wieder an. "Wer ist im Bezirk der zuständige Gesundheitsbeamte?" fragte sie.

"Dr. Anthony Meister," antwortete der Techniker. "Aber er ist heute nicht hier; ich habe ihn bereits einmal angerufen."

"Haben Sie seine Telefonnummer von zu Hause?" bat sie. "Ich muss mit ihm darüber reden."

"Warten Sie, ich hole sie Ihnen." Der Techniker ging und kam eine Minute später mit einer Telefonnummer, die auf einen Fetzen Papier geschrieben war, wieder.  "Hier, bitte sehr."

"Danke." Scully holte ihr Handy hervor und wählte die Nummer.

"Hallo," erklang eine Stimme vom anderen Ende der Leitung.

"Könnte ich bitte Dr. Meister sprechen?"

"Am Apparat."

"Dr. Meister, hier ist Dana Scully, Dr. Dana Scully," erklärte sie. "Ich bin vom FBI. Wir untersuchen einen möglichen Serienkillerfall in Daphne.  "Ja, ich habe davon in der Zeitung gelesen," antwortete Meister. "Was kann ich für Sie tun, Frau Doktor?"

"Dr. Meister, ich habe verdächtige Hautveränderungen auf den Autopsiefotographien eines der Opfer gefunden. Gestern wurde der Leichnam exhumiert und ich habe selbst die Postmortem-Autopsie durchgeführt. Die Gerichtswissenschaftler haben die bakteriologischen Untersuchungen gemacht. Sie haben eine Hautinfektion mit dem Bacillus anthracis entdeckt." Es folgte ein kurzes Schweigen.

"Das sind schlechte Neuigkeiten, Dr. Scully," erwiderte Meister. "Wir hatten bisher keinen menschlichen Fall von Anthrax. Kam dieser Mann aus Daphne?" "Nein, Sir," meinte Scully. "Er hat dort gearbeitet, in einem Tante-Emma-Laden, aber er hat in Mobile gewohnt. Ich habe seine Hausakte nicht bei mir, aber ich kann sie für Sie bekommen. Dr. Meister, ich weiß nicht alles über diesen Mann, aber ich sehe keine Anzeichen für eine natürliche Übertragungsform des B.  anthracis."

"Ich werde meine Leute darauf ansetzen, Dr. Scully," sagte Meister. "In der Zwischenzeit würde ich jede Information begrüßen, die Sie mir darüber geben können."

"Ja, Sir, die Polizei von Daphne wird es sofort an Sie weitergeben," antwortete Scully. "Und ich würde es begrüßen, wenn Sie mir erzählen könnten, was Sie herausfinden. Wir haben immer noch kein klares Bild von diesem Mörder und mehr Informationen über das Opfer zu haben, kann nur hilfreich sein. Besonders in diesem Fall."

"Sobald ich etwas weiß, werden Sie es erfahren," versprach Meister. "Wie erreiche ich Sie?"

Scully gab ihm die Telefonnummern des Polizeidepartments von Daphne, von ihrem Hotelzimmer und ihre Handynummer. "Sir, werden Sie beim CDC Meldung machen?" "Sobald ich aufgelegt habe," antwortete er. " In der Zwischenzeit, Dr. Scully, obwohl eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung eher selten ist, würde ich Ihnen und jedem anderen, der mit der Leiche in Berührung gekommen ist raten, sich impfen zu lassen, wenn es nicht bereits geschehen ist." "Ich bin es schon, Sir," erklärte Scully. "Es ist eine Routinevorkehrung für uns, das FBI hat mit Anthraxbedrohungen zu tun, wie Sie wissen." "Ich denke dennoch, Sie sollten mit irgendeiner Art antibiotischer Prophylaxe beginnen, wofür immer es auch gut ist. Ich vermute, Sie können in Alabama kein Rezept ausstellen."

"Nein, Sir," erwiderte sie. "Ich stelle nirgendwo Rezepte aus, ich bin Gerichtsmedizinerin. Wenn die Leute zu mir kommen, ist es zu spät für eine medizinische Behandlung."

Das brachte ihr ein Kichern ein. "Sie sagten, Sie machen Autopsien, nicht wahr?  Ich werde ein Rezept für die DrugRite-Apotheke in Daphne ausstellen lassen. Sie ist ganz in der Nähe des Highways, wo Ihr Hotel liegt. Sonst noch jemand?" "Der Labortechniker hier und der medizinische Untersuchungsbeamte, der die erste Autopsie gemacht hat," sagte sie.

"Es gibt keinen medizinischen Untersuchungsbeamten in Baldwin County, Dr.  Scully," erklärte er. "Nur einen amtlich bestellten Leichenbeschauer und er macht den Job, weil er ein Bestattungsunternehmen hat. Das erklärt vielleicht, warum Ihre Anthraxwunden beim ersten Mal übersehen wurden." "Das wird es sein," erwiderte sie kurz. Wie die meisten medizinischen Untersuchungsbeamten hatte Scully wenig für das System der amtlich bestellten Leichenbeschauer übrig. Dieser Fall zeigte genau, warum. Leichenbeschauer machten Fehler, manchmal sehr ernste, die ein Gerichtsmediziner nie machen würde. Welche anderen Fehler wurden bei diesen Autopsien noch gemacht? Ich hoffe nicht, dass ich sie alle exhumieren muss.

"Ich werde Billy anrufen und ihm sagen, dass er es wieder einmal vermasselt hat," sagte Meister, sich auf den Leichenbeschauer beziehend. "Wenn Ihnen noch jemand einfallen sollte, lassen Sie es mich wissen. Beginnen Sie mit diesem Ciloxin. Fünfhundert Milligramm BID, wahrscheinlich zehn Tage lang." "Ich bin allergisch gegen Ciloxin, Sir," erklärte Scully. "Vibramycin ist besser."

"Sie sind die Ärztin," meinte er. "Halten Sie mich auf dem Laufenden." "Das werde ich, Sir," antwortete sie, legte auf und wählte den zweistelligen Code für Mulders Handynummer. Sie ließ es zehn mal klingeln, bevor sie aufgab.

 

~~~~~

 

 

DrugRite-Apotheke

11:25 a.m.

"Kann ich Ihnen helfen?" fragte die Apothekenangestellte.  "Ja, ich bin hier, um das Rezept für Scully abzuholen, Dana Scully," antwortete Scully. Die Frau drehte sich um und wühlte sich durch einen Stapel weißer Papiertüten, die alle oben zusammengeklammert waren. "Hier ist es," sagte sie.  "Doxycycline. Müssen Sie mit dem Apotheker reden?" "Nein," erwiderte Scully. "Das wird nicht nötig sein." Sie reichte der Frau ihre Kreditkarte zu.

"Wissen Sie, es ist komisch, dass Sie hier deswegen hereinkommen," erzählte die Frau und kassierte ab. "Das ist die zweite Flasche von diesem Zeug, die ich heute verkaufe, und wir haben noch nie soviel davon verkauft." "Die zweite heute?" wiederholte Scully langsam. Sie nahm ihre Karte zurück und unterschrieb den Kaufbeleg. "Wieviel davon haben Sie gewöhnlich?" "Oh, wissen Sie, sie kommen die ganze Zeit hier her," erklärte die Frau. "Aber gewöhnlich verlangen sie nur ein oder zwei Tabletten. Es ist für..." "Gonorrhöe," unterbrach Scully sie. "Ich weiß. Aber das ist eine Behandlung mit einer Tablette. Sie sagten, es gab andere Personen, die herkamen, um ganze Flaschen davon zu holen? Wer war der verschreibende Arzt?" "Ich... ich hätte wahrscheinlich nicht sagen sollen, was ich gerade tat," erwiderte die Frau und wurde ganz klar nervös. Sie wusste, dass Scully sich nicht mehr einfach nur mit ihr unterhielt, sondern dass sie sie verhörte.  Wieder einmal habe ich es vermasselt, dachte Scully. Ich muss ruhig sein, wie ich es früher war, eine nette, freundliche Polizistin. Aber nein, ich falle direkt über sie her und nun sieht sie sich vor. Ich werde nicht mehr von ihr erfahren. Aber ich muss es versuchen. Scully griff in ihre Tasche und holte ihren Ausweis hervor. "Ich bin vom FBI," sagte sie. "Wir untersuchen einen Fall, bei dem es eine Verbindung zu diesem Verbrauch von Antibiotika geben könnte.  Also, wenn Sie irgendetwas wissen, das mir weiterhelfen könnte, würde ich es begrüßen, wenn Sie es mir erzählten."

"Wir können Ihnen nicht helfen," erklang eine männliche Stimme hinter dem Ladentisch. Es war der Apotheker. "Wenn Sie vom FBI sind, dann wissen Sie, dass die Patientenakten vertraulich sind, also wenn Sie keinen gerichtlichen Beschluss haben..."

"Nein, den habe ich nicht," antwortete Scully. "Obwohl ich leicht einen Durchsuchungsbefehl bekommen könnte. Aber ich bitte Sie nicht darum, mir zu sagen, wer die Medikamente bekommen hat. Alles was ich von Ihnen wissen will ist, ob Sie eine ungewöhnliche Anzahl von Rezepten über Doxycycline oder Ciprofloaxin eingelöst haben."

Der Mann dachte einen Augenblick nach. "Ich denke nicht, dass es schaden wird," sagte er. "Ja, wir haben für beide Medikamente mehrere Rezepte eingelöst. Ich habe es gegenüber dem Manager des Geschäfts erwähnt. Aber das ist alles, was ich Ihnen sagen kann, es sei denn, Sie kommen mit einem offiziellen Papier wieder." "Ich kann Ihnen versprechen, dass ich das tun werde," antwortete Scully. Sie stopfte die Tüte in ihre Tasche und ging.

 

~~~~~

 

 

Rathaus von Daphne

2:04 p.m.

"Hallo, Agent Mulder," rief Mack. "Haben Sie das in der Zeitung gesehen?"

"Was denn, Mack?" entgegnete Mulder, ohne wirklich zuzuhören.

"Das über diesen Profiler in Mobile," erklärte Mack. "Kennen Sie ihn?"

Mulder blickte ihn aufmerksam an. "Was für ein Profiler?" Mack faltete den Zeitungsausschnitt zusammen und gab ihn Mulder. "Gleich dort oben auf der Seite. Der vierte Absatz."

Die Überschrift der Story lautete &#8218;Woche zur Vorbeugung gegen Vergewaltigungen

festgelegt: Heute Nachmittag findet im Downtown Motor Inn in der Government Street 301 eine Schulung der Rechtsvollzugsbehörden statt. Jackson Resnick, ein früherer Profiler des FBI wird über die verschiedenen Typen von Vergewaltigern sprechen und wie die Untersuchungsbeamten der Polizei sie besser identifizieren können.'

"John Resnick ist in der Stadt?" fragte Mulder, ehrlich überrascht.

"Sie kennen ihn?"

"Ja, er war einer der besten," sagte Mulder und gab die Zeitung zurück. "Er hat vor ein paar Jahren aufgehört. War ausgebrannt. Das passiert oft." "Das wusste ich nicht," meinte Mack. "Vielleicht sollten Sie rüberfahren und Hallo sagen."

"Vielleicht sollte ich ihm eine ganze Menge mehr als das sagen," erwiderte Mulder langsam. Er stand auf und nahm seinen Mantel in die Hand. "Rufen Sie mich auf dem Handy an, wenn irgendetwas passiert. Ich werde rüberfahren und sehen, wie sich Jacks Bücher verkaufen."

 

~~~~~

 

 

Downtown Motor Inn

2:43 p.m.

Der Raum war voller Polizisten, einige blickten gelangweilt drein, einige mächtig interessiert, die meisten von ihnen irgendwo dazwischen.  Mulder schlüpfte durch die Seitentür und setzte sich so unaufdringlich wie möglich hin. Resnick war auf dem Podium, augenscheinlich fast am Ende seiner Präsentation. Er nahm Fragen der Zuhörer entgegen.  "Ich verstehe nicht, was das Erstellen kriminalistischer Profile für die Untersuchungen tun kann, was gute, harte Polizeiarbeit nicht kann," bemerkte einer der örtlichen Polizisten.

"Sie haben Recht, Detective," antwortete Resnick. "Das Erstellen von Profilen kann und sollte nicht die Untersuchungsarbeit ersetzen. Die Fällen werden nicht durch das Erstellen von Profilen oder durch Profiler gelöst... sie werden von Untersuchungsbeamten gelöst, die bis zur Erschöpfung arbeiten und dabei alle Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, ausnutzen. Ein gutes Täterprofil ist eines dieser Mittel. Ja, dort hinten bitte," sagte er dann und deutete auf einen anderen Frager.

"Mr. Resnick, Sie haben über die Angstphase in Fällen von Serienverbrechen gesprochen," sagte der Polizist. "Gibt es irgendwelche Anzeichen, auf die man bei einem Einzelnen achten sollte, die darauf hindeuten, dass er sich in dieser Phase befindet?"

"Nun, allgemeine Angst, wenn das nicht die eigentliche Frage umgeht," erwiderte Resnick und einige der Cops lachten.

Resnick behandelt das Publikum mit dem üblichen Selbstbewusstsein, dachte Mulder und rutschte ruhelos auf seinem Stuhl umher. Er hoffte, dass es nicht mehr lange dauern würde.

"... der Hauptunterschied sein, dass die Angst in Verbrechensorgien hinterher kommt," erläuterte Resnick. "Ja in der ersten Reihe, der Officer in Zivil..." Dann sah er Mulder und brach mitten im Satz ab.  Mulder fühlte sich scharf abgeschätzt. Und sah, dass Resnick zu der richtigen Entscheidung gelangt war.

"Das soll dann die letzte Frage sein," meinte Resnick.  Die Frage war glücklicherweise das rohe Äquivalent zu einem steckengebliebenen Curveball und Resnick kickte ihn hinaus in den Park, dachte Mulder, doch Resnick war schon immer gut in solchen Sachen gewesen.  Das Gespräch ging zu Ende, Mulder erhob sich und ging zur Rückseite des Raumes.  Er erntete ein paar neugierige, misstrauische Blicke von den örtlichen Polizisten, die - wie Polizisten überall - alle Neuankömmlinge in ihrer Welt mit der einen Frage einschätzten: welche Art von Gefahr bedeutet dieser Mensch für mich?

Er hielt sich nicht damit auf, zu versuchen, Kontakt herzustellen oder sie zu beruhigen. Für Polizisten rochen andere Polizisten immer nach Arbeit, selbst wenn sie nicht im Dienst waren. Er wusste, sie würden ihn in kürzester Zeit einschätzen als ebenbürtigen Kollegen, und sie würden auch wissen, dass er allein gelassen werden möchte.

Als die Menge abnahm, machte sich Mulder auf den Weg nach vorn zum Podium, wo sich Resnick mit einem Officer in Zivil unterhielt. Er brach ab, als Mulder sich näherte. "Das ist der Typ, den Sie über das Erstellen von Profilen befragen sollten," erklärte Resnick und hielt Mulder seine Hand hin. "Hallo, Mulder, lange her usw. usw."

"Jack," entgegnete Mulder und schüttelte seine Hand. "Haben Sie ein paar Minuten für mich?"

Resnick nickte langsam mit dem Kopf. "Lassen Sie uns einen Kaffee trinken," sagte er. "Sie bezahlen."

 

~~~~~

 

 

Restaurant im Down Town Motor Inn

3:12 p.m.

"Okay, Sie haben Ihren Kaffee gehabt, wir haben über alte Zeiten gequatscht und Sie haben mir von Ihrem Fischzug erzählt, wie Sie Bill Patterson zu lebenslänglich verholfen haben, was immer noch unmöglich zu glauben ist," sagte Resnick. "Nun erzählen Sie mir, warum Sie hier sind." "Ich arbeite an einer Mordserie," erwiderte Mulder und spielte mit seiner leeren Kaffeetasse. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um eine Serie handelt, dennoch; keine sexuellen Übergriffe, kein richtiges Ritual des Mordens, nur mehrere Wunden vom Kaliber 38, was andererseits wie opportunistische Verbrechen aussieht."

"Und das hier in Mobile?"

"Gegenüber der Mobile Bay, eine kleine Stadt, die Daphne heißt," erklärte Mulder. "Ich bin nahe dran, Jack. Ich bin so nahe dran, dass ich diesen Typen riechen kann. Aber ich schaffe es nicht, dass das Bild klar wird. Und er ist noch nicht fertig."

"Erzählen Sie mir, was Sie wissen," forderte ihn Resnick auf und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

Rasch breitete Mulder die Fakten aus, die Scully ihm an diesem ersten Abend mitgeteilt hatte, zusammen mit ein paar anderen, die er beim Studium der Akten herausgefunden hatte.

"Dieser Mörder ist ganz bestimmt durchgeknallt - paranoid, irre, aber auf einem bestimmten Niveau immer noch funktionierend," meinte Mulder. "Erst einmal scheint er eine Menge Waffen zu haben."

Resnick nickte. "Ich möchte wetten, dass er noch einige hat, die er bisher nicht benutzt hat."

"Ja, das war auch mein Gedanke," sagte Mulder und blickte immer noch in die leere Tasse. "Wenn man paranoid ist, kann man nie genug Waffen haben." "Oder Kampfhunde."

"Ja. Rottweiler sind hier in der Gegend beliebt."

"Hat er einen Wagen?"

"Keine Frage," antwortete Mulder und blickte zum ersten Mal auf. "Er muss von Daphne nach Florida kommen und das nach seinem eigenen Zeitplan, also muss er beweglich sein."

"Dann hat er einen Führerschein und einen Job," stellte Resnick fest.  "Vielleicht nicht," entgegnete Mulder langsam und dachte stark nach. "Das würde es in jedem anderen Staat bedeuten. Das hier ist Alabama, wenn man hier ohne Führerschein erwischt wird, kommt man nicht ins Gefängnis, man zahlt nur ein Bußgeld."

"Oh Gott," sagte Resnick. "So etwas habe ich noch nie gehört." "Ich auch nicht. Die Polizisten mögen es nicht. Aber sie können nichts dagegen tun. Sie haben mir erzählt, dass in einer durchschnittlichen Nacht die Hälfte der Fahrer, die sie anhalten, keinen gültigen Führerschein besitzen." "Schöne Scheiße," meinte Resnick. "Dann muss er keinen Führerschein haben. Er braucht nur ein Auto."

"Kein besonderes," überlegte Mulder. "Es gibt kein Gesetz zur Fahrzeuginspektion und auch keine vorgeschriebene Versicherung in diesem Staat. Er kann ein Fahrzeug fahren, das irgendwo anders ausrangiert oder abgemeldet worden ist." Resnick nickte langsam. "Das verkompliziert die Dinge, aber der Typ braucht dennoch einen Job, um überhaupt irgendein Fahrzeug zu haben, selbst wenn es ein Schrottauto ist."

"Aber es könnte zweifelsohne ein einfacher Job sein, ein Teilzeitjob mit geringem Verdienst," sagte Mulder. "Eine Tankstelle, ein Tante-Emma-Laden vielleicht. Dort sucht er sich seine Opfer aus." Resnick nickte zustimmend. "Okay. Also, er hat einen lausigen Scheißjob und eine Rostlaube von Auto. Wie sieht er aus? Schwarzer oder Weißer?" Mulder stellte die Tasse hin und verschränkte die Finger ineinander. "Ich weiß es nicht. Nicht klar. Ich denke, es handelt sich um einen Schwarzen, aber ich bin nicht sicher. Seine Opfer waren sowohl Schwarze als auch Weiße." "Das erste Opfer war...?"

"Schwarz," antwortete Mulder.

"Okay," sagte Resnick. "Lassen Sie uns das hier versuchen: wenn ich der Mörder

bin und ich mich dabei wohlfühle, eine Schwarzen zu meinem ersten Opfer zu

machen, dann bin ich wahrscheinlich auch ein Schwarzer, was wiederum bedeutet,

dass ich wahrscheinlich der Typ bin, den Ihre Zeugen beschrieben haben. Und ich

lebe ziemlich nahe dem Tatort, sonst wäre ich nicht am helllichten Tag

hinausgegangen, um meinen ersten Mord zu begehen. Ich würde irgendeine Entschuldigung dafür haben müssen, warum ich mich in der Gegend aufhalte." "Entweder Sie leben dort oder Sie arbeiten dort," korrigierte ihn Mulder.

"Stimmen Sie mir zu, dass dieser Unbekannte ungefähr 25 Jahre alt ist?" "Absolut," erwiderte Resnick. "Er ist paranoid und er ist einfach zum Tatort gekommen. Die Daten darüber sind eindeutig. Wie schätzen Sie seinen Körperbau ein?"

"Klein," antwortete Mulder. " Er fühlt sich klein, also besorgt er sich eine Waffe, um sich zu beschützen, und dann bekommt seine Paranoia Überhand und er kauft noch mehr."

"Passt das zur Beschreibung Ihrer Zeugen?"

"Bei einem," erwiderte Mulder und verzog das Gesicht. "Bei den anderen nicht.  Sie können sich auch alle irren, wir sind hier im Süden, wo beinahe die Hälfte der Bevölkerung schwarz ist. Es könnte jeder gewesen sein." "Was ist mit dem Timing?" fragte Resnick.

"Das ist eine andere Geschichte, die ich nicht zusammenfügen kann, Jack," antwortete Mulder. "Ich habe erwartet, dass sich der Unbekannte wohler am Abend und in der Dunkelheit fühlt. Doch das erste Verbrechen - von dem wir beide vermuten, dass es in der Nähe seines Wohnortes stattfand - wurde am Nachmittag begangen. Die nächsten beiden waren spät in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden. Es dauerte bis zum vierten Verbrechen, bis er mutig genug war, es wieder im hellen Tageslicht zu tun."

"Vielleicht war das erste ein Gelegenheitsverbrechen," überlegte Resnick. "Er hat ein Auto. Wahrscheinlich von dunkler Farbe." "Ja, vorausgesetzt er steht auf Morde in der Nacht," sagte Mulder. "Andernfalls wüsste ich nicht, warum. Aber er kleidet sich wahrscheinlich immer dunkel." "Sicher. Er will keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen," meinte Resnick. "Aber er ist wahrscheinlich seltsam genug, dass ihn andere Menschen dennoch bemerken." Mulder schüttelte den Kopf und beugte sich wieder nach vorn. "Nicht wirklich," sagte er. "Die Menschen, mit denen er zusammenarbeitet, finden ihn ohne Zweifel seltsam, aber ich sehe diesen Unbekannten nicht als Stadtspinner. Daphne ist eine kleine Stadt; irgendjemand oder die örtlichen Polizisten hätten es uns gesagt, den alten verrückten Willie zu überprüfen, wenn es einen in der Stadt gegeben hätte. Er bleibt wahrscheinlich die meiste Zeit unbemerkt." "Was auch bedeutet, wenn er schon mal verhaftet wurde..."

"Dann nicht wegen etwas Großem."

"Nur groß genug, um zu verhindern, dass er einen Polizeiausweis bekommt," sagte Resnick und zog seine Augenbrauen ironisch hoch.  "Lassen sie mich nicht anfangen," sagte Mulder mit einem kurzen Lachen. "Aber ja, ich stelle ihn mir vor als Polizeifreak, einen Scanner im Haus, große Hunde, die ganze Chose."

"Sie glauben, er wurde verhaftet wegen..."

"Einem Überfall, höchstens," sagte Mulder. "DWI. Hübscher Diebstahl. Vielleicht ein paar Mal in einer Nervenanstalt, einem lokalen Gefängnis. Keine Strafanstalt."

Resnick dachte einen Augenblick nach. "Suchen Sie nach jemandem, der einen Polizisten angegriffen hat, wahrscheinlich in den letzten zwei Jahren," meinte er nachdenklich.

"Warum?"

"Ihr Unbekannter hört sich für mich an, wie jemand, der etwas gegen Autorität hat," erklärte Resnick. "Er reagiert wegen allem über, er überkompensiert alles."

Mulder nickte langsam. "Ja," meinte er und studierte seine Hände. "Ich denke, man kann es Überkompensation nennen, wenn er in jeden, den er bei seinen Raubüberfällen sieht, Kugeln hineinschießt. Da gibt es nur ein Problem, Jack" "Welches denn?"

Mulder blickte auf. "Warum ist er die ganze Strecke bis nach Florida gefahren, wenn er seine anderen Opfer alle in der Nähe seines Zuhauses gefunden hat?  Schwärmt er aus oder stand dieser eine wirklich in keiner Beziehung zu den anderen? Der Mord in Florida versaut wirklich das ganze Profil." Er lehnte sich zurück und blickte aus dem Fenster. "Irgendetwas passt noch nicht," sagte er.  "Und uns rennt die Zeit davon."

Resnick sah ihn einen Moment beinahe mitleidig an. "Sie wissen, was Sie zu tun haben," erwiderte er entschieden.

"Ja," sagte Mulder. "Ich weiß."

Resnick erhob sich, streckte Mulder seine Hand entgegen und ergriff die Hand seines alten Freundes mit festem Griff. "Viel Glück, mein Freund," sagte er.  "Wenn das hier zu Ende ist, denke ich, werden Sie wissen, warum ich schließlich das FBI verlassen habe."

"Wenn das hier zu Ende ist," antwortete Mulder langsam, "werde ich Ihnen vielleicht folgen."

 

*****

ENDE Teil 2

 

 

Tod Ohne Herrschaft  -   Kapitel 11-17

(Originaltitel: And Death Shall Have No Dominion)

von Jean Helms

( JeanLHelms@aol.com )

 

aus dem Englischen übersetzt von Sylvie < aktex_sm@hotmail.com >

In dieser Stunde erzähle ich Dinge im Vertrauen, die ich möglicherweise nicht jedem erzählen würde, aber dir will ich es erzählen.

Walt Whitman

 

 

Kapitel 11

Daphne Rathaus

8:09 p.m.

 

Das Polizeigebäude war beinahe leer, als Scully zurückkehrte. Bald fand sie heraus, warum: Die meisten der verfügbaren Polizisten waren zusammen mit ein paar ausgeliehenen aus den Nachbardistrikten unterwegs und hielten Ausschau nach jemandem, der zu Mulders Ausgangsprofil passte.

Dies war die Art von Neuigkeiten, die sie ihm ebenso gern nicht überbracht hätte. Es war der schlimmste Alptraum eines Profilers: Polizisten gehen vertrauensvoll hinaus, um einen Verdächtigen zu finden, der zu dem Täterprofil passte, wenn dieses selbst nur allzu treffend ist, um falsch zu sein oder wenigstens unvollständig.

Ein Polizist könnte direkt an dem Killer vorbeilaufen, ohne ein zweites Mal hinzusehen, wenn das Täterprofil so nicht auf ihn hinzuweisen schien.

Und sie fragen sich, warum Profiler nicht lange durchhalten, dachte sie kopfschüttelnd, als sie Zimmer 12 betrat, wo sie - ganz sicher - Mack fand, der Mulders Berichte durchlas.

"Ist Agent Mulder hier?" fragte sie.

"Nein, Ma'am," antwortete Mack. "Sind Sie in Ordnung, Agent Scully?"

Sie schüttelte den Kopf. "Es geht mir gut. Ich muss nur mit Agent Mulder reden."

"Ich vermute, er ist wahrscheinlich dort, wo er letzte Nacht war," sagte Mack langsam. "Aber Sie sagten, es wäre keine gute Idee, ihn zu belästigen, und irgendwie denke ich, Sie haben Recht, wenn ich das so sagen darf. Er sah ein bisschen durcheinander aus, wenn Sie wissen, was ich meine."

"Wielange ist es her, dass Sie ihn gesehen haben?" fragte Scully vorsichtig. Sie hörte die Warnung, in Ordnung, aber Mack hatte noch nicht erkannt, dass sie für sie nicht zutraf. Also ignorierte sie sie natürlich.

"Es ist nicht einmal eine Stunde her," antwortete Mack.

Scully nickte. "In Ordnung. Ich werde zu ihm gehen und ein paar Minuten mit ihm reden und dann brauchen wir möglicherweise eine Besprechung darüber, was ich heute herausgefunden habe."

"Agent Scully," begann Mack, dann zögerte er. "Ma'am, ich will mich nicht einmischen und es steht mir nicht zu, den Bundesagenten vorzuschreiben, wie sie eine Untersuchung wie diese zu leiten haben, und es geht mich ganz sicher nichts an, wie Sie mit Ihrem Partner umgehen." Er stand auf und stellte sich vor sie hin. "Aber Ma'am, ich muss Ihnen sagen, dass Männer Frauen nicht mögen. Frauen wollen immer alles ausdiskutieren. Männer wollen im allgemeinen nur allein gelassen werden. Und ich denke, Agent Mulder will, dass wir ihn allein lassen, bis er mit dem fertig ist, was er tun muss."

"Officer Mack, ich bin Ihnen dankbar für Ihren Rat," erwiderte sie.  "Wirklich, das bin ich. Aber es geht nicht darum, mit Mulder reden zu wollen. Ich muss mit Mulder reden."

"Miss Scully, Entschuldigung, Agent Scully," sagte Mack. "Ihr Partner hatte Recht. Ich hatte eine SWAT-Ausbildung. In Quantico. Und während ich dort war, habe ich ein paar von denen kennengelernt, mit denen Sie jetzt arbeiten. Eine Sache, die sie mir immer über Profiler erzählt haben, war die, dass sie sich manchmal in die verwandeln, die sie jagen. Ich würde es wie die Hölle hassen, wenn Ihnen irgendetwas Böses passieren würde, oder Agent Mulder. Wenn er so ist, wie sie sagen, dann ist er im Moment gefährlich."

"Nicht für mich," entgegnete sie mit vollkommener Sicherheit. "Niemals für mich. Er wird vielleicht am Anfang ein wenig ärgerlich sein, aber er wird mir nicht wehtun."

"Nein, Ma'am, das wird er nicht," sagte Mack und schüttelte seinen Kopf zustimmend. "Aber das bedeutet nicht, dass Sie nicht trotzdem verletzt werden können."

 

 

 

 

 

Mullet Point, Alabama

9:59 p.m.

 

Er konnte diesen Mörder finden. Er wusste es. Aber um das zu tun, musste er sich nach innen wenden, die Beweise nutzen und sich seiner eigenen Qual, seiner eigenen Wut stellen, um die Gründe des Mörders herauszufinden, seine Gedanken zu denken und seine Motive zu fühlen.

Es war ein ekelhafter Prozess. Aber er würde es tun. Er musste es.

Er konnte spüren, dass alles begann: die Wut, die einfältige Gerissenheit, die paranoiden Phantasien. Er konnte das Gefühl der Waffe in seiner Hand fühlen, das kalte Metall, der Widerstand des Abzugs an seinem Finger, die letztendliche, orgasmische Erleichterung des Abfeuerns, das ohrenbetäubende Explosionsgeräusch, die Waffe, die in seiner Hand zurückschlägt, der Rauch und der Geruch nach Schießpulver überall und das Blut und das Sterben... Er kannte das alles nur zu gut.

Aber den entscheidenden Schlüssel gab es noch nicht, die Verbindung, die es ihm ermöglichte, sich mit dem unbekannten Verdächtigen so gut zu identifizieren, dass er schließlich in der Lage war, ihn klar vor sich zu sehen, seinen nächsten Schritt vorauszusehen und ihn zur Strecke zu bringen.

Warum? Warum ist er so wütend? Warum muss er töten, warum genießt er das Töten so sehr?

Okay, es ist soweit. Stell dir dieselben Fragen: warum magst du es, Mulder?

Du magst es, nicht wahr? Du weißt alles, was du darüber wissen musst, wie dieser Unbekannte fühlt, du lausiger Bastard. Du weißt nur noch nicht, wie er denkt.

Warum zur Hölle kann ich die Motive dieses Typen nicht herausfinden?

Er verbarg sein Gesicht in den Händen.

Mulder hörte nicht einmal den Wagen, der auf den Parkplatz hinter ihm fuhr und registrierte die sanfte weibliche Stimme kaum. Sie sagte zu irgendjemandem, dass er auf dem Parkplatz auf der anderen Seite des Highways auf sie warten sollte.

Die Scheinwerfer des Wagens waren hell und sie lenkten ihn ab, aber sie verschwanden schnell. Wenn er sich still verhielt, würde wer auch immer da war vielleicht nicht einmal bemerken, dass er da war; wenn sie es taten, würden sie ihn allein lassen.

Die Menschen neigten dazu, das zu tun, wenn sie die Waffe sahen.

Er hörte die Schritte hinter sich, die näher kamen und etwa einen Meter hinter ihm anhielten, und er sprang mit der Hand an der Waffe auf.

"Mulder?" erklang die sanfte Stimme. "Mulder, ich bin es."

Er stieß einen wütenden Seufzer aus, setzte sich wieder hin und nahm seine vorherige Position wieder ein, seine Augen versteckend. "Schleich dich nicht so an mich heran, Scully," sagte er. "Ich hätte beinahe auf dich geschossen. Geh zurück ins Hotel."

"Nein." Sie kam langsam vorwärts, bis sie neben ihm stand. "Ich werde zurückgehen, Mulder, aber nicht, bevor ich dir erzählt habe, was ich heute herausgefunden habe, und nicht, bevor ich weiß, dass du in Ordnung bist."

"Bist du deswegen hierher gekommen?" fragte er, hob den Kopf und drehte sich herum, um sie anzusehen. "Denn wenn es so ist, dann ist die Antwort ja, mir geht es gut, aber ich arbeite und du solltest jetzt wirklich gehen."

Er konnte ihr Zögern spüren und für einen kurzen Moment dachte er, sie könnte vielleicht tatsächlich gehen. Für einen noch kürzeren Moment wollte er sich an sie klammern, sie zum Bleiben bringen, trotz der Gefahr für sie.

"Mulder," sagte sie. "Du musst dir das anhören. Es wird nur eine Minute dauern, versprochen, und wenn du dann immer noch willst, dass ich gehe, werde ich es tun. Nur ein paar Minuten, versprochen."

Er antwortete nicht. Schwer seufzend setzte sie sich neben ihn und legte ihre Hand sanft auf seine Schulter. "Mulder," flüsterte sie. "Bitte sprich mit mir."

"Ich kann nicht," erwiderte er mit heiserer Stimme und schüttelte ihre Hand ab. "Nicht jetzt."

"Mulder, bitte," sagte sie und ließ ihre Hand in ihren Schoß sinken. "Du hast seit Tagen nicht geschlafen. Ich weiß, was dir das antut."

"Dann weißt du, warum du gehen musst," antwortete er gereizt. "Es wird nur noch schlimmer werden. Ich will dir nicht wehtun, Scully. Lass mich tun, was ich tun muss." Es folgte ein langes Schweigen, nur durch das Geräusch der Grillen und der Wellen unterbrochen.

"Mulder," begann sie, aber er schnitt ihr das Wort ab.

"Scully, ich bitte dich, ich flehe dich an, bitte geh einfach," sagte Mulder. "Nur für jetzt. Nicht für immer. Ich kann das nicht, wenn du dabei bist."

Nein, das kannst du nicht, dachte sie verärgert, aber ich will verdammt sein, wenn ich jetzt aufgebe. Nur einmal, Mulder, möchte ich diejenige sein, die sagt, ob du bleibst oder gehst - oder ob ich es tue.

"Mulder, ich gebe gar nichts darauf, ob du mich hier haben willst oder nicht," erklärte sie scharf. "Nivek hatte Anthrax. Das ist so gut wie sicher. Und das ist noch nicht alles." Er sah sie erschrocken an. "Mist."

"In der Tat," erwiderte sie und zog eine Augenbraue hoch. "Und es ist unglaublich tödlich, wie du weißt. Ich bin geimpft und ich habe alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen während der Postmortem-Autopsie eingehalten, aber der Amtsarzt von Mobile hat mir aufgetragen, trotzdem prophylaktisch Antibiotika zu nehmen - und keine Scherze bitte."

Er lachte kurz auf. "Ich habe nicht einmal daran gedacht. Das sollte dir sagen, wo ich im Moment bin. Bitte, mach weiter."

"In Ordnung," meinte sie. "Ich bin in die Apotheke in der Nähe unseres Hotels gegangen und hab das Rezept eingelöst. Die Verkäuferin dort erzählte mir, dass sie heute ein weiteres Rezept für dasselbe Medikament ausgestellt hat. Ich habe versucht, mehr herauszufinden, aber sie machte dicht und der Apotheker meinte, ich sollte mit einem Gerichtsbeschluss wiederkommen. Ich habe ihnen gesagt, dass ich mir einen Durchsuchungsbefehl holen werde."

"Was du ganz leicht allein tun kannst," sagte er. "Dazu brauchst du mich nicht. Du brauchst nur einen Richter."

"Oh, und hatten wir *diese* Diskussion nicht schon vorher?" fragte sie knapp und hielt dann inne, als sie sah, dass die Beschimpfung ihn traf, sah, dass Mulder winselte, als er Schuld akzeptierte, die sie ihm zuschob.

Sicher Dana, treffe ihn nur wieder. Du nennst dich einen Kämpfer? Er ist immer noch bei Bewusstsein, du kannst ihn schlimmer treffen als damit, dachte sie wütend.

Um Gottes Willen, kann ich nicht einen Abend haben, an dem ich ihn nicht verletzte? Sie legte eine Hand auf seine Schulter und zwang sich, sanfter zu sprechen. "Mulder, es tut mir leid," sagte sie.

Mulder griff nach oben und bedeckte ihre Hand mit seiner eigenen. "Es ist in Ordnung," antwortete er mit leicht belegter Stimme. "Ich hatte es erwartet."

"Nein, das hast du nicht," erwiderte sie und seufzte. "Das war unangebracht. Ich bin nicht hergekommen, um zu streiten, sondern nur, um dir zu erzählen, dass es in diesem Fall immer noch sehr viel Geheimnisvolles gibt. Und dieses hier ist wenigstens genauso gefährlich wie unser Unbekannter."

"Das ist eine Untertreibung," erwiderte er. "Das ist sehr viel mehr als gefährlich. Aber Nivek, infiziert oder nicht, sollte beinahe zufällig als Opfer ausgewählt worden sein. Ich verstehe nicht, wie der Fakt, dass er Anthrax hatte, überhaupt hier hineingehört."

"Mulder, ich weiß es nicht," sagte sie. Seufzend ließ sie die Schultern sinken und blickte über das dunkle Wasser der Bucht. "Vielleicht tut es das nicht. Aber ich weiß, wenn ich derjenige wäre, der versucht, diesen Fall zusammenzusetzen, würde ich es wissen wollen. Ich dachte, du würdest es vielleicht auch wollen."

"Das will ich," meinte er und sie spürte, wie sich seine Finger in ihre schoben. "Aber es macht es schwer, so zu denken, wie ich denken muss, wenn ich meine Konzentration dadurch störe, dass ich mit dir rede. Ich weiß, warum du mit mir reden musst. Ich weiß nur nicht, wie ich das tun soll und auch das, was ich tun muss."

Scully sagte nichts, aber ihre Finger schlossen sich fest um seine, der Druck sagte ihm, wie verzweifelt sie den Kontakt wollte.

"Scully," sagte er leise. "Wenn ich diesen Kerl nur durch einfache Schlussfolgerungen finden könnte - welches Auto er fährt, wie alt er ist - würde ich es tun. Ich würde alles dafür geben, um es auf diese Weise tun zu können. Aber es wird diesmal nicht funktionieren und ich muss mit ihm allein sein, in meinem Kopf. Du weißt das."

"Ich weiß es," antwortete sie zaghaft. "Ich weiß nur auch nicht, wie ich sonst das tun soll, was ich tun muss. Ich versuche es, allein zu machen, aber ich traue meinem Urteilsvermögen nicht. Vorher habe ich nie damit umgehen müssen; ich habe fast keine Erfahrung mit Inlandsterrorismus. Alles was ich weiß ist, wie man eine Autopsie durchführt, wie man X-Akten und gerichtsmedizinische Analysen bearbeitet."

Mulder zögerte und Scully sah wieder diesen Ausdruck auf seinem Gesicht, der Ausdruck, der bedeutete, dass er mehr sagen wollte. Nur diesmal schien es, als würde er es sagen - oder etwas davon. "Bist du sicher, dass du deswegen solche Schwierigkeiten damit hast?" Fragte er langsam, als ob die Worte Stück für Stück aus ihm herauskamen. "Es könnte einen anderen Grund geben."

"Natürlich bin ich sicher," protestierte sie ungeduldig und zog ihre Hand fort. "Welchen anderen Grund sollte es geben?"

"Ich dachte, das würdest du mir sagen," antwortete er mild.

"Lass es, Mulder," sagte sie kurz. "Ich bin nicht für eine psychologische Behandlung hier. Ich bin hier, um mit dir über den Fall zu reden, wozu du eindeutig keine Zeit hast, also kann ich mir schwer vorstellen, dass du die Zeit für einen Amateurversuch in Psychoanalyse hat."

Es folgte ein langes Schweigen. Sie glaubte, sie hätte ihn womöglich wieder verärgert - Gott wusste, sie hatte ihn in der letzten Zeit genug beschimpft - aber Mulder griff wieder nach ihrer Hand, brachte sie für einen zarten, süßen Kuss an seine Lippen und hielt sie dann zärtlich in seinen Händen.

"Es gibt keine gute Lösung für dieses Problem, nicht wahr?" stellte er fest und drückte ihre Hand sanft.

"Nein," antwortete sie und erkannte, als sie das sagte, dass sie wieder den Tränen nahe war. Sie hielt sich an seiner Hand fest. "Nein, die gibt es nicht."

Lange Zeit saßen sie zusammen, ohne zu sprechen und schauten über das Wasser. Ein großer Pelikan flog über ihre Köpfe hinweg, seine breiten Schwingen durch das Mondlicht umrissen. Sie konnte die Grillen in den nahen Wäldern singen hören. Der Mond wanderte über die Bucht und schickte sein fahles Licht tiefer in die umliegenden Wälder. Als sie die Szene in sich aufnahm, spürte Scully, wie ein wenig von der Anspannung von ihr wich. Ohne zu überlegen sprach sie. "Ich liebe das Wasser," erzählte sie mit einer weitentfernten Stimme. "Es erinnert mich so sehr an meine Kindheit."

"Wo in deiner Kindheit?" fragte Mulder in fast normalem Ton.

Sie zuckte mit den Schultern. "Überall und nirgends. Jede Marinebasis, auf der wir jemals gelebt haben. Aber du bist auf einer Insel aufgewachsen, du musst wissen, wie das ist."

"Für mich ist es anders," sagte er. "Mein Vater fuhr nicht zur See. Das Wasser war nur ein Ort zum Schwimmen oder Segeln. Keine Geheimnisse in der Tiefe."

"Es gibt genug Geheimnisse auf dem trockenen Land," erwiderte sie in einem sanften Flüstern und drehte sich zu ihm um. "Es tut mir leid, dass ich dich gestört habe. Ich werde dich jetzt allein lassen. Officer Mack sagte, er würde mir den Durchsuchungsbefehl besorgen. Ich lasse dich wissen, was wir herausfinden."

Scully stand auf und drückte wieder seine Hand, aber er erhob sich ebenfalls, nahm sie in die Arme und küßte sie kurz und sanft. Sie lächelte und lehnte ihren Kopf flüchtig an seine Brust, dann trat sie zurück. "Ich sehe dich morgen früh," sagte sie. Er nickte, sie ließ ihn stehen und ging zurück zum Wagen.

Mulder stand da und sah zu, bis die Scheinwerfer verschwanden und alles um ihn herum wieder dunkel war.

Diese Sache, von der du glaubst, du hättest sie lebendig begraben, wird eines Tages zu neuem Leben erwachen, dachte er. Sie wird aus dem Grab steigen und dich verfolgen, wie die Monster in den Alpträumen deiner Kindheit.

Mulder wusste nur zu gut, was in ihr erwachte; wenn es, so dachte er grimmig, jemals geschlafen hatte. Sie war fast soweit, sich halb erinnernd, es halb vergessend, ihn verzweifelt näher ziehend und wild von sich stoßend. Und er wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Er konnte es nicht zulassen.

Nein, nicht wenn es bedeutete, dass dieser verdammte Unbekannte in einem Einkaufszentrum um sich schoss und die Hälfte der Bevölkerung von Alabama morgen um diese Zeit erschossen haben wird.

Seine Schultern sackten zusammen. Wer immer du da draußen bist, dachte er, es tut mir leid; aber du wirst so sicher wie die Hölle morgen oder so erschossen werden und es wird meine Schuld sein, weil ich diesen Kerl nicht gefunden habe.

Irgendjemand da draußen zählt auf mich und irgendjemand wird ernsthaft - vielleicht tödlich - enttäuscht sein. Und es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid. Aber meine Aufmerksamkeit lenkt sich sonst wohin.

Ich bin eine lausige Entschuldigung für einen Agenten. Ich bin eine lausige Entschuldigung für ein menschliches Wesen. Aber die Wahrheit ist, ich würde dich lieber sterben lassen, als sie noch einmal zu enttäuschen.

 

 

 

 

 

Pembroke Inn

Donnerstag, 4. März

1:02 a.m.

 

Es brauchte zwei Stunden, eine hässliche Szene mit einem total verärgerten Richter und eine noch hässlichere Szene mit dem Apotheker, der es eindeutig nicht mochte, dass Scully mit einem Durchsuchungsbefehl auftauchte, gerade als er abschließen wollte.

Aber nun saß sie an einem Tisch in ihrem Hotelzimmer und die Unterlagen lagen direkt vor ihr. Und sie waren es wert. Soweit es Scully betraf, gab es keine Frage mehr über ihre Verbindung zu dem Fall. Drei Menschen, einschließlich Scully selbst hatten in den letzten zwei Wochen von der Apotheke in Daphne Rezepte für das Mittel gegen Anthrax bekommen. Einer davon war Jonathan Stouffer. Opfer Nummer sechs, der Mann, der in einem Elektronikgeschäft in Florida erschossen worden war. Das Rezept war am Morgen des Tages ausgestellt worden, an dem er erschossen wurde.

Der andere war, entsprechend den Akten, Mark Long und er lebte in Daphne.

Sie hatte bereits die verschiedenen Computerchecks über ihn laufen.

An Stouffers Leiche waren keine inneren Untersuchungen vorgenommen worden; der Autopsiebericht vermerkte die religiösen Einwände der Familie. Dennoch hatte der medizinische Sachverständige gründliche Arbeit geleistet bei der äußeren Untersuchung und es gab keinen Bericht über irgendwelche Anthraxwunden an Stouffers Haut.

Scully stützte ihre Ellbogen auf den Tisch und presste ihre Fingerspitzen fest gegen ihre pochenden Schläfen. Mulder muss das wissen, dachte sie, aber sie wusste nicht, wo Mulder war. Er antwortete nicht auf seinem Handy und sie wollte nicht an seine Tür klopfen und riskieren, dass Glassman antwortete.

Mack hatte sie zum Mullet Point gefahren, nachdem sie die Dokumente bekommen hatte, aber Mulder war auch dort nicht. Ungefähr soweit war sie bereit gewesen, nach ihm zu sehen in seinem derzeitigen Geisteszustand. Und ihrem. Aber sie musste es ihm sagen. Nicht in der Lage zu sein, mit ihm zu reden, ihn nicht um sich zu haben, machte sie reizbar und besorgt.

Warte bis morgen, dachte sie. Du musst ein bisschen schlafen.

Müde erhob sie sich und zog sich ihre dunklen Arbeitssachen aus, während sie zum Bad ging. Sie drehte die Dusche voll auf, so heiß, wie sie es aushalten konnte, dann stellte sie sich darunter und ließ das Wasser über ihren Kopf und ihren Körper laufen, bis ihr schwindlig wurde. Erst dann wusch sie sich die Haare und sich selbst, dann stand sie wieder unter dem Wasserstrahl, bis sie begann, sich wegen der Verschwendung schuldig zu fühlen.

Scully stellte die Dusche ab, trocknete sich ab und wickelte sich in ihren weichen Bademantel. Sie begann, sich ihren üblichen blauen Satinpyjama anzuziehen, änderte aber dann ihre Meinung; ihr war immer noch heiß von der Dusche und die Luftfeuchtigkeit draußen war hoch. Stattdessen zog sie sich eines ihrer Baumwollshirts und ein Paar leichte Baumwollshorts an.

Die Hitze hatte ihre Kopfschmerzen vertrieben, so wie sie es vermutet hatte, aber sie nahm dennoch ein Aspirin, bedenkend, dass es nicht wehtun würde und vielleicht helfen würde, weiteren Kopfschmerzen vorzubeugen. Oh, welch professionelle Haltung, Dana, dachte sie. Nimmst Medizin, die du nicht brauchst. Du fängst an zu spinnen.

Sie kletterte ins Bett, setzte ihre Brille auf, schob ihre Waffe unter das Kissen auf der anderen Betthälfte und begann, sich wieder die Apothekenunterlagen anzusehen.

Zwei Männer, beide getötet durch einen augenscheinlich ziellosen Mörder.  Eines der Opfer hatte Anthrax, das andere hatte Medikamente genommen, um einer Anthraxinfektion vorzubeugen. Eines in Alabama, eines über die Staatsgrenze in Florida.

Wo war die Verbindung? Kannten sie einander? Kannte irgendjemand anderes, ein Dritter, - neben dem Mörder, meinte sie - alle beide?

Dass das Anthrax Gefahr bedeutete, bezweifelte sie nicht. Mulder hatte Recht, Mobile war ein guter Platz, um Dinge herein- und herauszusenden und dann dem Rest der Nation anzuhängen. Es war ein logischer Ort für einen terroristischen Anlaufpunkt; weniger bewacht als andere Häfen, zugänglicher als andere, die einzige Militärpräsenz die Such- und Rettungsausrüstung der Küstenwache. Die Marine und die Luftwaffe waren bereits vor langer Zeit abgezogen.

In Ordnung. Akzeptieren wir, dass es dort terroristische Aktivitäten gibt und dass Mobile darin eine Rolle spielt. Welche andere mögliche Rolle konnte ein paranoider Mörder darin spielen, als die, unvorhersehbar wie ein Blitz zuzuschlagen?

Ein lautes Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken und sie keuchte.  Sie zog ihre Waffe unter dem Kissen hervor und hielt sie in der Hand, als sie sich der Tür näherte. "Wer ist dort?" fragte sie im Befehlston.

"Scully, ich bin es," erklang Mulders Stimme. "Kann ich bitte hereinkommen?"

"Mulder?" Sie blickte durch den Spion. Er war es. "Einen Augenblick, Mulder." Sie öffnete die Tür. "Komm herein," forderte sie ihn auf. "Ich dachte, du wolltest, dass ich dich allein lasse. Wem oder was verdanke ich das Vergnügen?"

"Lass es, Scully," erwiderte Mulder erschöpft. "Wir müssen ein paar Sachen besprechen. Hast du den Durchsuchungsbefehl bekommen?"

"Ja," antwortete sie, sich ein bisschen zu sehr verteidigend, wie er fand.  "Und ich habe etwas gefunden. Opfer Nummer sechs, Jonathan Stouffer hat Doxycycline in derselben Dosis wie ich genommen, eine Dosis, die mit der übereinstimmt, die verschrieben wird, um Anthrax vorzubeugen, nachdem man dem Virus ausgesetzt wurde."

Mulder stieß einen langen, tiefen Pfeifton aus. "Vielleicht ist das die Verbindung," sagte er. "Gute Arbeit, Scully."

"Was für eine Verbindung?" forderte sie verwirrt. "Ich kann überhaupt keine Verbindung erkennen."

"Der Grund, warum ich keine Verbindung zwischen den Opfern finden kann ist der, dass es keine gibt, nicht vom Standpunkt des Unbekannten," erklärte er. "Wer immer er auch sein mag, unser Mörder wurde dazu gebracht, zwei anscheinend nicht miteinander in Beziehung stehende Menschen als eine Gefahr für sich selbst zu sehen - zwei Menschen, die möglicherweise beide dem Anthraxvirus ausgesetzt waren." Er hielt inne und sah Scully an, als würde er sie zum ersten Mal sehen. "Öffnest du immer die Tür mit einer geladenen Waffe in der Hand?"

"Nicht immer," sagte sie sich verteidigend. Sie legte die Waffe auf den Nachttisch, sicherte sie aber nicht, wie Mulder bemerkte.

Ja, dachte er. Ich hatte Recht: Ich weiß, was mit dir los ist. Ihr den Rücken zuwendend nahm er die Waffe hoch, legte den Sicherungshebel so leise er konnte um, zog die Schublade auf und legte die Waffe hinein. Oh Gott, Scully, warum habe ich dich je verlassen und dich dem allein überlassen?  Lass es langsam angehen, Mulder. Dräng sie nicht. Es wird auch ohne das hart genug werden.

"Kann ich mich setzen?" fragte er und zeigte auf einen Sessel.

"Bitte," antwortete Scully und setzte sich auf das Bett. "Willst du damit andeuten, dass der Unbekannte als eine Art psychopathischer Killer benutzt worden ist?"

"Er ist nicht psychopathisch, sondern psychotisch, und das ist genau das, was ich andeuten will," erklärte Mulder, während er sich in den Sessel fallen ließ. Er rieb sich die Augen und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, bevor er fortfuhr.

"Es gibt wirklich keine andere Erklärung für die Opfer in Florida, Scully," sagte er langsam und beugte sich zu ihr. "Sie passen einfach nicht hinein: sie waren in keinem Tante-Emma-Laden und auf keiner Tankstelle und sie waren, lass uns das nicht vergessen, in Florida. Das ist nicht der von unserem Unbekannten bevorzugte Opfertyp, und es macht nicht viel Sinn, auch wenn man den Fakt zulässt, dass diese Art Mörder nicht so wählerisch sind, wen sie umbringen, wie Serienkiller."

"Und das sagt dir was?"

"Dass das entweder reiner Zufall ist - was ich nicht glaube und ich denke, du auch nicht - oder irgendjemand hat bestimmt, dass er sie töten und es so aussehen lassen sollte, als wäre es Teil seiner Orgie, oder sie sind tatsächlich nicht Teil der Orgie. Aber all die Beweise sagen, dass sie es sind."

"Und was ist mit dem Anthrax?"

Er zuckte mit den Schultern, nicht abweisend, aber in einer Art, die besagte, dass er immer noch unsicher war. "Alles was ich weiß ist, dass dieses Anthrax die Verbindung ist. Was diese Verbindung bedeutet, dessen bin ich mir nicht sicher. Vielleicht ist eines dieser Opfer oder sind beide in terroristische Aktivitäten verwickelt, obwohl ich in Mr. Niveks Fall glaube, dass es unwahrscheinlich ist. Aber es ist immer noch möglich, dass er von etwas Kenntnis hatte, was er nicht wissen sollte."

"Mulder," sagte Scully und stand auf. "Glassman denkt bereits, dass wir verrückt sind, den Fall so zu verfolgen, wie wir es tun." Sie ging zum Tisch hinüber und setzte sich auf den Sessel auf der anderen Seite. "Er wird einen Schlaganfall erleiden, wenn wir ihm jetzt mit dieser Theorie kommen. Es würde mich nicht überraschen, wenn er mich auf der Stelle nach Quantico zurückschickt."

"Das werde ich nicht zulassen," sagte Mulder einfach. "Du musst hier sein.  Das führt über eine Mordorgie hinaus direkt zu einer bakteriologischen Gefahr."

"Antiterrorismus ist nicht das primäre Ziel des VICAP, wie du sehr gut weißt," meinte Scully verdrießlich. "Wenn das eine terroristische Bedrohung ist, sollten wir Hilfe von jemandem anfordern, der in Antiterrorismus ausgebildet ist, oder wenn du glaubst, dass es sich um eine bevorstehende Bedrohung handelt, dann fordere die CIRG an."

CIRG stand für die Gruppe zur Begegnung kritischer Zwischenfälle, der Schlagwaffe der kriminalistischen Untersuchungen des FBI. Die CIRG schloss beinahe alles ein, was das VICAP machte, zusammen mit den SWAT-Teams und Geiselverhandlungs- und -rettungsteams verstreut über das Land für eine schnelle Reaktion. Agenten der CIRG konnten innerhalb von Stunden beinahe überall im Lande sein.

"Wir sind nirgendwo an diesem Punkt," sagte Mulder. "An diesem Punkt können wir nichts beweisen, was über eine Mordorgie in Daphne und einen Mann mit Anthraxinfektion hinausgeht. Ich spiele die Ernsthaftigkeit dessen nicht herunter, aber die Form von Anthrax, die dieser Mann hatte ist einfach nicht die Form, die du bei einem terroristischen Angriff zu sehen erwarten würdest."

Scully war still.

"Scully?"

"Nein," sagte sie kurz. "Das ist es nicht. Ich würde erwarten, Anthrax in den Lungen zu finden."

"Was Mr. Stouffer vielleicht gehabt hat," meinte Mulder. "Ohne eine Untersuchung seiner inneren Organe kannst du es nicht sagen, nicht wahr?"

Sie schüttelte den Kopf.

"Also werden wir Mr. Stouffer auch exhumieren?"

Scully schnitt eine Grimasse. "Ich würde es lieber nicht tun. Aber der Grund, warum es beim ersten Mal keine Untersuchung der inneren Organe gegeben hat, war die Religion der Familie, die das verbietet, dem medizinischen Sachverständigen zufolge. Ich habe keine Ahnung, welche Religion das sein soll, aber ich bezweifle, dass sie an diesem Punkt nicht einfach in eine Exhumierung mit dem Ziel einer Autopsie einwilligen werden, und ehrlich gesagt, je länger wir es hinauszögern, desto weniger möchte ich es tun."

"Aber du wirst es tun, wenn es sein muss," erwiderte er und seine Stimme war sanfter als vorher. "Und ich weiß, ich mache Scherze darüber, aber ich bewundere dich dafür, Scully. Ehrlich. Ich selbst könnte es nicht tun."

Das erzeugte wieder einen Kloß in ihrem Hals und sie wandte ihren Kopf ab, ihre Zunge glitt nervös hervor, um ihre Lippen zu befeuchten.

Mulder sah es. "Es tut mir leid, ich rege dich nur wieder auf."

"Nein," sagte sie rasch. "Ich bin aufgeregt. Das bestreite ich nicht. Aber es ist nur - weißt du, Exhumierungen. Ich hasse sie. Ich kann über den Fall reden. Wirklich."

"Kannst du das?"

"Ja, das kann ich," antwortete sie mit einer Spur von Ärger in der Stimme.

"Ich bin vollkommen in Ordnung. Nur ein bisschen müde."

Er ging langsam zu ihr hinüber, setzte sich neben sie aufs Bett und nahm ihre Hand in seine Hände. "Was ist es, was dich müde macht, Dana?" fragte er sehr leise.

"So zu sein," flüsterte sie, ohne nachzudenken. Mulders zärtliche, unerwartete Frage hatte sie ungeschützt getroffen.

"Wie zu sein?"

"Du meinst, du hast es nicht bemerkt?" fragte sie und ihre Stimme begann zu zittern.

"Vielleicht. Aber ich möchte wissen, was du glaubst, was es ist."

"Es ist... es ist nichts, Mulder. Es geht mir gut. Ich bin nur ein bisschen müde. Das ist alles." Ihr Schutzschild war zurück. "Lass die Spooky-Psychologenmasche, okay?" sagte sie kalt. "Es geht mir gut."

Mulder beobachtete sie eine Minute, dann stand er auf. Er nahm seine Waffe aus dem Holster, ging hinüber zur Kommode und legte sie dort ab, dann ging er zurück, setzte sich neben sie und nahm wieder ihre Hand in seine.

"Ich glaube, Scully," meinte er langsam, "dass du und ich überfällig sind, ein wenig die Wahrheit zu sagen. Ich bin dem Unbekannten so nahe, wie ich es immer bin, aber es ist nicht nahe genug. Ich kann nicht tiefer gehen und mit ein Grund dafür ist, dass du mich zurückhältst."

"Wie halte ich dich zurück?" fragte sie ärgerlich und warf den Kopf zurück.

"Du sagst das immer wieder. Wie tue ich das?"

"Indem du mich brauchst," sagte er einfach. "Zum Teil, indem du das tust, was du immer so gut gemacht hast, indem du mich beruhigst, mir hilfst, wieder rational zu sein, weil es das ist, wie du mich im Augenblick brauchst, so dass ich dir bei deinem Teil der Untersuchung helfen kann.  Aber das ist das Problem: um in den Kopf dieses Kerls einzudringen, kann ich nicht ruhig und rational sein. Ich muss so denken, wie er und er hat niemanden wie dich in seinem Leben."

"Jemanden, der seine Gedanken durcheinander bringt?" fragte sie und er hörte das Stocken in ihrer Stimme.

"Das habe ich nicht gesagt," erwiderte er. "Wenn meine Gedanken durcheinander sind, dann ist es meine Schuld. Seit Dezember habe ich genau einen Mord bearbeitet; es war ein häuslicher Mordfall und es war der amateurhafteste Versuch, ihn zu vertuschen, den ich je gesehen habe und dennoch brauchte ich zwei Stunden, um es herauszufinden. Aber ich bin der große BSU-Profiler und niemand in Birmingham zweifelt etwas von dem an, was ich andeute, egal wie verrückt es ist, also muss ich derzeit nicht allzu hart denken. Mental gesehen bin ich weich geworden."

"Es tut mir leid, ich kann dir nicht zustimmen," erwiderte sie leise. "Ich denke nicht, dass es so schlimm ist, wie du es ausmalst. Du bist nur eingerostet. Du wirst wieder in die Spur kommen."

Mulder schüttelte den Kopf. "Nein. Das ist es nicht. Ich habe das schon vorher durchgemacht. Ich weiß, was mit mir nicht stimmt, aber ich denke, du weißt nicht, was mit dir nicht stimmt. Du versuchst, mich daran zu hindern zu sehen, wie unglücklich du bist, aber es funktioniert nicht."

"Ich bin nicht unglücklich," protestierte sie, aber sie sah ihn nicht an, als sie das sagte.

"Du hast gesagt, dass du es bist," entgegnete er. "In der ersten Nacht, als ich hier war, hast du mir erzählt, dass es dir noch nie in deinem Leben so miserabel ging."

"Das meinte ich nicht wirklich; ich war nur müde und ich war wütend auf dich," sagte sie. Du warst noch nie eine gute Lügnerin, dachte Mulder und lächelte beinahe. Er schüttelte den Kopf und zwang sich zu dem Grund zurück, weswegen er hier war. Es ist an der Zeit, die Wahrheit zu sagen, Scully, dachte er mitleidig. Aber bleib bei mir, Baby, bitte - es wird wehtun, aber wir werden es durchstehen, das verspreche ich dir.

Er atmete tief ein und stürzte sich hinein.

"Scully," begann er und zwang sich, sachlich zu sein. "Wenn du so in Ordnung bist, warum hast du dann in jener Nacht geschrieen und mich fortgestoßen?"

Sie wirbelte herum, um ihn anzusehen und sie war wütend. "Um Himmels Willen, Mulder," schnappte sie. "Willst du mir das für den Rest meines Lebens vorhalten?"

"Nein," antwortete er nach außen hin immer noch kühl. "Ich werde damit aufhören, wenn du schließlich in der Lage bist, dich dem zu stellen, was es verursacht hat."

"Nichts verursacht das," erwiderte sie verärgert. "Ich erinnere mich manchmal an schlimme Dinge. Das regt mich auf."

"Ja, das tut es. Und das ist neu an dir, Scully," sagte er. "Du warst früher nie so."

"Und was ist mit dem, was du früher nie warst?" fragte sie und entzog ihm ihre Hand. "Ich meine, denken wir mal an Donny Pfaster. Dieser Fall war hart für mich und ich habe mich unprofessionell verhalten und ich wusste das, aber du warst freundlich und verständnisvoll und ich fühlte mich sicher bei dir. Jetzt bekniest du mich andauernd wegen gar nichts."

Ihre Stimme versagte und er streckte seine Hand nach ihr aus, um sie zu trösten, aber sie sprang auf und warf sich in den Sessel am Fenster. Sie sah ihn nicht an.

Mulder blickte auf seine Hände. "Ich weiß, ich war distanziert," sagte er.  "Verdammt, ich bin schneller auf und ab gesaust als ein Internetbestand und habe versucht, in den Kopf dieses Kerls einzudringen und ihm nahe zu kommen, aber ich war nie wirklich dort; nur nahe genug, um einen guten Blick auf die schlimmsten Seiten meiner selbst zu werfen."

Er blickte zu ihr auf. "Es ist unangenehm - es ist schlimmer als unangenehm, es ist abstoßend - für dich und für mich. Aber es bedeutet nicht, dass du bei mir nicht sicher bist. Oder?"

Es tat weh, die Traurigkeit in seiner Stimme zu hören, die Spur von Angst, was sie wohl als nächstes sagen würde.

"Nein," erwiderte sie und Tränen schossen ihr in die Augen. "Ich hätte das nicht sagen sollen. Ich habe mich nie anders als vollkommen sicher bei dir gefühlt. Aber im Moment läuft alles schief, wir waren noch nicht in der Lage, auf irgendeinem Level gut zusammenzukommen, seit wir hier sind. Nicht als Freunde, nicht als Liebende und noch nicht einmal als Partner. Jeden Tag, seit wir mit diesem Fall begonnen haben, machen wir einen Schritt nach vorn und zwei Schritte zurück. Und ich halte es nicht mehr länger aus."

Damit brach sie vollkommen zusammen und schluchzte in ihre Hände. Einen Moment lang bewegte sich Mulder nicht, aber dann stand er auf, setzte sich auf die Lehne des Sessels und nahm sie in die Arme. Sie versteifte sich und widersetzte sich seiner Umarmung, aber er ließ sie nicht los und schließlich gab sie nach, presste ihr Gesicht an seine Brust und weinte hart, ihre Arme um seine Taille geschlungen.

"Shh," murmelte er. "Es ist in Ordnung. Es ist gut."

Nach einer Weile wurde sie still, bewegte sich aber nicht, saß einfach nur da und hielt sich krampfhaft an ihm fest. Er strich ihr zärtlich und liebevoll übers Haar.

"Es tut mir leid," flüsterte sie.

"Es ist in Ordnung," entgegnete er. "Dafür bin ich da."

"Nein, dafür nicht," erwiderte sie beinahe böse. "Du bist hier, um einen Mörder zu finden und stattdessen musst du mich beschützen, mich emotional abstützen, anstatt deinen Job zu erledigen."

"Das ist nicht wahr," sagte er, sie immer noch streichelnd. "Ich hätte niemals herausgefunden, was du über das Anthrax herausbekommen hast. Und nicht zu vergessen die Blutspritzer, die uns vielleicht zu unserem Unbekannten führen werden."

"Das zählt nicht," erwiderte sie, machte sich von ihm los und wischte sich über die Augen. Er ließ sie los, blieb aber, wo er war. "Ich arbeite härter an diesem Fall, als ich es lange Zeit getan habe, aber nichts von allem ergibt irgendeinen Sinn für mich. Ich kann es nicht verstehen, ich kann nicht einmal anfangen, es zu verstehen."

"Aber du versuchst es immer noch," sagte er aufmunternd. "Du hast nicht aufgegeben."

"Nur, weil es dein Fall ist und weil du dir darum Sorgen machst. Die meiste Zeit kümmert mich die Arbeit einfach nicht, mich kümmert nicht die Medizin und mich kümmern nicht einmal wirklich die armen Opfer, für die wir das alles angeblich tun. Ich mache mir nur Sorgen um dich," sagte sie und sah zu ihm auf, so dass er die Wahrheit in ihren Augen sehen konnte. "Aber ich habe dir wehgetan und ich habe dich benutzt und dich von deiner Arbeit fortgeholt. Es wäre womöglich besser für dich, wenn ich mich nicht um dich sorgen würde."

"Nein, Scully," sagte er. Er rückte wieder näher zu ihr und ließ seinen Finger kurz über ihre Kinnlinie gleiten. "Denk das niemals. Was immer zwischen uns schiefgelaufen sein mag, es ist wesentlich mehr meine Schuld als deine."

"Du machst dich immer selbst verantwortlich," erwiderte sie, aber sie lehnte ihr Gesicht in seine Hand. "Diesmal hast du unrecht."

"Komm her," sagte er, beinahe ein Flüstern und zog sie zurück an seine Brust und legte seine Arme um ihre Schultern. Sie stieß einen langen, zitternden Seufzer aus und entspannte sich an ihm.

"Ich brauche dich bei diesem Fall, Scully," erklärte er und hielt sie fest an sich gedrückt. "Es gibt immer noch so viel, was wir lernen müssen, Dinge, nach denen ich nicht suchen kann, wenn ich dieses Täterprofil erstellen soll. Du bist die einzige, die das tun kann. Was du letzte Nacht gesagt hast, stimmt: ich brauche meinen Partner, jetzt mehr denn je."

"Ich bin hier, Mulder," antwortete sie in einem Ton, der ihn glauben ließ, dass sie vielleicht wieder weinen würde.

"Du bist hier," sagte er und streichelte dabei ihren Rücken. "Und ich bin hier. Aber was zwischen uns im Moment nicht stimmt bedeutet, dass wir nicht hier sind. Nicht zusammen, nicht als Team. Du erzählst mir, was du tust und es geht direkt über meinen Kopf hinweg und umgekehrt. Es gibt keine Verbindung zwischen uns in diesem Fall. Und ich brauche das. Aber mehr als das brauche ich dich. Nicht nur als meinen Partner, sondern als meinen Freund. Als die Frau, die ich liebe," fügte er mit leiser Stimme hinzu.  "Ich brauche dich so sehr, dass ich es riskiere, dir weh zu tun."

"Ich weiß nicht, was du meinst," entgegnete sie, aber die Art, wie sie in seinen Armen herumzappelte, erzählte Mulder eine andere Geschichte und er fühlte mit ihr. Er wusste, was sie fühlte, okay, aber es zugeben zu müssen, brachte sie fast um. Sie war immer so stark gewesen, so selbstbewusst.

"Scully, du musst darüber sprechen," sagte er. "Ich weiß, es ist bestürzend, aber du musst. Es ist ein Grundprinzip der Psychologie: wenn du nicht über etwas reden kannst, ohne übermäßig negative Empfindungen zu haben, dann hast du das Ereignis noch nicht verarbeitet."

"Das ist ein bisschen zu viel Psychologenscheiß, Mulder," erklärte sie gereizt.

"Entschuldigung," erwiderte er beinahe schüchtern. "Eine schlechte Angewohnheit von mir." Er wurde wieder ernst. "Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass du unglücklich bist und du hast Angst und du weißt keinen Grund dafür, aber du kannst damit nicht umgehen. Aber du musst dich dem eines Tages stellen, Scully. Wir beide müssen es. Ich habe dich allein damit gelassen. Die ganze Wahrheit hinter all dem ist etwas, dem sich keiner von uns beiden stellen will."

"Es gibt nichts, um sich dem zu stellen," protestierte sie und machte sich von ihm los.

"Du weißt es besser," erwiderte er und ließ seine Hände sinken. "Du erinnerst dich, Scully, auch wenn du versuchst, es nicht zu tun. Ich bin der König der unterdrückten Erinnerungen und ich kann dir versprechen, sie lassen sich nicht für immer unterdrücken. Sie neigen dazu, zu unpassenden Zeiten hervorzubrechen, wie diese verdammten Aliens in den Filmen mit Sigourney Weaver."

"Willst du damit sagen, dass du etwas weißt, an das ich mich erinnern muss?" fragte sie und ihre Stimme wurde zu einem zitternden Flüstern.

"Ich weiß es," sagte er sanft. "Aber du bist diejenige, die sich erinnern muss. Und du erinnerst dich, obwohl ich weiß, dass du es nicht möchtest."

"Ich kann mich nicht erinnern..." begann sie und dann erstarrte sie.

Die Fesseln an ihren Handgelenken.

Die kalten Hände.

‚Wielange es auch dauern mag, dieser doppelgesichtige Sohn einer Hure gehört mir.'

Das war weit genug, ihr Hirn schrie auf und die Erinnerungen hörten auf zu kommen, aber Scully schauderte. Sie konnte beinahe fühlen, was hinter der Tür lauerte, die sie beinahe geöffnet hatte...

"Nein," erklärte sie schroff. "Ich kann nicht. Ich will nicht. Bitte bring mich nicht dazu."

"Ich werde dich zu gar nichts bringen," flüsterte er und schob seine Hand in ihr Haar. "Wenn du noch nicht bereit bist, dann lassen wir es sein. Aber eines Tages wirst du dich an alles erinnern, ob du willst oder nicht, und dann ist vielleicht niemand bei dir, wenn du es tust."

"Es gibt nichts weiter, woran ich mich erinnern muss," antwortete sie kurz angebunden. Sie stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust, ihre Finger pressten sich in ihre Oberarme. "Du begreifst es nicht, Mulder. Was ich brauche, ist zu vergessen; ich erinnere mich bereits an zu vieles."

"Du erinnerst dich nicht an genug, Scully," entgegnete er. "Jedenfalls nicht bewusst."

"Nein," erwiderte sie heftig. "Ich hatte ein paar Träume, schlechte Träume und eine Halluzination, während ich verletzt war. Das war nicht wirklich." Sie wandte ihm den Rücken zu. "Mulder, ich will nicht mehr darüber reden," flüsterte sie. "Lass uns einfach ein bisschen schlafen."

"Scully," sagte er, erhob sich und trat einen Schritt auf sie zu. "Ich weiß, es ist schlimm, aber du kannst es nicht ignorieren. Es wird nur noch schlimmer, wenn du es tust, und es ist bereits schlimm genug - du bist stark deprimiert und manchmal bist du beinahe außer Kontrolle."

"Es gibt nicht zu erinnern, außer meinen Alpträumen," erwiderte sie fest.  Sie drehte sich herum und sah zu ihm auf. "Alpträume sind keine Erinnerungen. Die Menschen träumen von allen Arten von Dingen, die nicht real sind."

"Nein, aber die Empfindungen, die du in den Alpträumen hast, können sehr real sein," antwortete er. "Aber ich werde dich nicht weiter bedrängen.  Schlaf ein bisschen. Ich bin nebenan, wenn du mich brauchst."

"Ich brauche nichts," sagte sie und ihre Stimme verzagte, als sie die Tränen niederkämpfte. Tränen der Wut? Der Traurigkeit? Er konnte es nicht sagen.

"Bist du sicher?" fragte er.

"Es geht mir gut, Mulder," erwiderte sie und wandte sich ab. "Ich bin nur müde. Ich bin nur wirklich sehr müde, okay? Wir sehen uns morgen."

"In Ordnung," meinte er. Er hielt inne und beugte sich ihr entgegen, um sie zu küssen, aber sie entzog sich ihm und schloss die Augen und er ließ es sein. Resigniert senkte er den Kopf und drehte sich um.

"Gute Nacht, Scully," sagte er.

Sie hörte die Tür sich leise schließen. Als sie aufblickte, war er gegangen. Sie war allein.

 

 

 

 

 

‚Vor vier Jahren, während ich an einem Auftrag außerhalb der FBI-Hauptaufgabe arbeitete, wurde mir Special Agent Dana Scully zugeteilt, von der ich glaubte, dass man sie geschickt hätte, um mich auszuspionieren und meine Untersuchungen des Paranormalen als Hirngespinste zu entlarven.  Dass Agent Scully diesen Befehlen nicht folgte, ist Zeugnis ihrer Integrität als Ermittlerin, als Wissenschaftlerin und als Mensch. Sie hat für ihre Integrität teuer bezahlt.'

Fox Mulder, Redux II

Chris Carter

Kapitel 12

Scully ging den dunklen Gang des Hotels entlang und hielt ihre Waffe fest in der Hand. An jeder Ecke hielt sie an, zielte mit der Waffe in den Korridor und folgte diesem nur, wenn sie sicher war, dass da niemand war.  Vor Mulders Zimmer blieb sie stehen. Die Tür war geschlossen, ließ sich aber leicht öffnen, als sie sie berührte.

Drinnen war es dunkel und sie konnte kaum Mulders Umrisse ausmachen, der unruhig in einem der beiden Betten schlief. Aber er warf sich nicht im Schlaf umher, bemerkte sie. Er war festgebunden, hatte Handschellen angelegt und war gefesselt, und er kämpfte darum, freizukommen. Schweiß bildete sich auf seinem Gesicht und lief in kleinen Bächen, gemischt mit den Tränen aus seinen Augen, herab.

Er versuchte, mit ihr zu reden, aber es kam kein Ton heraus und sie wusste, wenn er nicht sprechen konnte, ihr nicht erzählen konnte, was passiert war, würde er sterben. Es war eine medizinische Tatsache, obwohl sie sich jetzt nicht erinnern konnte, wo sie sie gelernt hatte. Es war dunkel und feucht in dem Zimmer und Glassman war auch da, aber er half weder ihr noch Mulder.  Er lachte, stand über dem Bett und lachte und als sie sich ihm zuwandte und um Hilfe flehte, schlug er ihr die Waffe aus der Hand und schickte sie krachend auf den Boden.

"Ich habe es dir gesagt," erklärte er, aber mit einer Stimme, die jemand anderem gehörte. "Ich habe dir gesagt, was ich tun werde, wenn du wieder hierher kommst."

Und sein Gesicht verschwand und er war der Mann, der gesichtslose Mann, der auf sie zukam und sie konnte sich nicht bewegen, plötzlich lag sie mit dem Gesicht nach unten da, gefesselt und angebunden wie Mulder, aber der war weg und das Bett war weg und sie lag mit dem Gesicht im Dreck, sie konnte nicht atmen und sie brannte innerlich, Schmerzen wie von tausend glühenden Messern durchbohrten sie, sie verbrannten sie, während sie noch am Leben war und sie versuchte zu schreien, aber als sie den Mund öffnete, begann der Dreck hinein und ihre Kehle hinab zu fließen, in ihre Lungen und sie starb und flehte und sie schrie und schrie, flehte ihn an, aufzuhören, bitte, aufhören, bitte bitte bitte...

"Scully," sagte jemand. "Baby, wach auf, du hast einen Alptraum."

Sie hörte einen lauten Schrei und saß kerzengerade im Bett und langte zum Nachttisch hinüber und suchte krampfhaft nach ihrer Waffe. Sie war nicht da. Und dann fühlte sie eine Hand, die sie sanft aufs Bett zurückdrückte und sie wusste, wer ihre Waffe außer Reichweite gebracht hatte.

Mulder.

Er saß auf der Bettkante, eine Hand auf ihrer Schulter. Er trug ein T-Shirt und Jogginghosen, die Sachen, in denen er gewöhnlich schlief; sie konnte ihn klar in dem gedämpften Licht, das durch die offene Verbindungstür fiel, sehen. "Shhh," sagte er. "Es ist gut. Du bist jetzt wach. Es ist vorbei."

"Vorbei?" wiederholte sie, immer noch durcheinander. "Was ist vorbei?"

"Der Alptraum," erklärte er sanft. "Du hattest einen Alptraum. Aber nun bist du wach. Es war nicht real."

Ein Alptraum. Gott. Ein neuerlicher. Sie schwitzte, aber ihr war kalt und sie zitterte am ganzen Körper. Es war nicht real. Es war nicht real. War es das nicht?

"Habe ich geschrieen?" fragte sie flüsternd, immer noch nicht in der Lage zu glauben, dass sie am Leben war. Es fiel ihr überhaupt schwer zu sprechen, sie atmete zu schnell, keuchte beinahe und ihr Herz hämmerte.

"Ja, das kann man so sagen," antwortete er mit einem schiefen Grinsen, während er die Tränen fortwischte, von denen sie nicht gewusst hatte, dass es sie gab. "Aber mach dir keine Sorgen, Glassman hat nichts gehört. Er ist noch nicht zu Hause."

Schaudernd bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen. "Es war so real," flüsterte sie. "Es ist immer so real."

"Ich weiß," sagte er und streichelte ihr Haar. "Sie erscheinen real, nicht wahr? Das ist einfach das Schlimmste an allem."

"Ich bin so müde, Mulder," flüsterte sie und blickte zu ihm auf. "Ich kann überhaupt nicht mehr schlafen. Ich habe Angst, wieder einzuschlafen.

"Passiert das oft?" fragte er leise.

"Jedes Mal." Sie schüttelte den Kopf. "Jede Nacht. Manchmal zwei- oder dreimal."

"Nimmst du irgendetwas, was dir hilft zu schlafen?"

"Nein. Ich will damit gar nicht erst anfangen."

"Es wäre vielleicht eine gute Idee, vielleicht für eine Weile."

"Du tust es auch nicht," meinte sie und sah ihn an. "Du hast Alpträume, seit ich dich kenne und ich habe nie mitbekommen, dass du Schlafmittel nimmst."

"Schlaftabletten, richtig, Dr. Scully?" erwiderte er ein klein wenig lächelnd. "Nein, die nehme ich nicht. Jedenfalls nicht regelmäßig. Aber das bedeutet nicht, dass du es nicht kannst."

"Doch, das bedeutet es," antwortete sie. "Ich werde es nicht tun. Es ist zu gefährlich."

"Genauso ist es mit fehlendem Schlaf," erklärte er. "Es kann ernsthaft dein Urteilsvermögen beeinträchtigen. Das weißt du."

"Ich weiß," antwortete sie und drehte den Kopf apathisch zur Seite. "Ich...  ich kann einfach nicht. Ich kann nicht mit Tabletten anfangen. Ich kann vielleicht nie wieder aufhören."

"Gut... du bist der Doktor," sagte er, aber er scherzte nicht. Seine Stimme war sanft und beruhigend. "Würde es helfen, wenn ich ein paar Minuten hier bei dir bleibe?"

Sie dachte einen Augenblick nach. "Ja."

"Möchtest du reden?"

"Nein," antwortete sie kopfschüttelnd. "Ich möchte schlafen. Ich bin es so leid, nicht zu schlafen."

"Also, was möchtest du, dass ich tue?" fragte er. "Ich kann nicht singen, also keine Wiegenlieder."

"Bleib einfach hier. Nur bis ich eingeschlafen bin," antwortete sie. "Wenn ich in einer Viertelstunde nicht eingeschlafen bin, dann kannst du gehen."

"Ich bleibe so lange, wie du es möchtest," erwiderte er leise. "Versuch jetzt zu schlafen."

Sie schüttelte den Kopf. "Leg dich neben mich." Sie hörte, wie er den Atem einzog und spürte die Unschlüssigkeit in Wellen von seinem Körper kommen.

"Scully, ich weiß nicht..." begann er.

"Bitte," unterbrach sie ihn. "Ich weiß, dass ich schreckliche Dinge zu dir gesagt habe und dass ich es nicht verdiene, dass du mir verzeihst, aber ich... ich fühle mich wirklich sicher, wenn du mich hältst."

"Du hast überhaupt nichts Schreckliches gesagt," widersprach er sanft. "Du warst durcheinander, das ist alles."

"Ich bin immer noch durcheinander," sagte sie. "Und ich brauche es, dass du mich einen Augenblick hältst. Bitte."

"Du machst es wirklich nicht einfach, nicht wahr?" fragte er kopfschüttelnd, aber er lächelte ein wenig dabei, als er es sagte.

"Nein," antwortete sie und schaffte ein kleines Lächeln zur Erwiderung.

"Ich will nicht, dass es einfach ist."

"Da hast du Erfolg," meinte er, aber das Lächeln verschwand ein wenig.

"Okay. Ich werde es tun. Aber nur für ein paar Minuten."

Er stand auf, schloss die Verbindungstür, kletterte ins Bett und legte sich neben sie. Sie rutschte zu ihm und kuschelte ihren Körper an seinen und einen Augenblick später legte er einen Arm um sie und hielt sie an sich geschmiegt. "Muss ein ziemlich schlimmer Alptraum gewesen sein," flüsterte er. "War es derselbe?"

"Nein," antwortete sie. Sie wusste, was er meinte. "Diesmal war es ein bisschen anders. Aber im Grunde dennoch dasselbe. Manche Dinge sind immer gleich. Der Dreck... die Handschellen... ein paar andere Dinge."

"So sind meine gewöhnlich auch," meinte er und seine Hand streichelte zärtlich ihren Arm. "Immer dasselbe Ding, wieder und wieder."

"Samantha?" flüsterte sie.

"Und ein paar andere Dinge," erwiderte er. "Es macht alt, nicht wahr? Nacht für Nacht dieselben schlimmen Dinge zu erleben?"

"Sehr alt," flüsterte sie. Scully konnte fühlen, wie die Angst von ihr wich, abebbte mit jedem seiner Worte und jeder Zärtlichkeit. "Du fühlst dich so gut an," sagte sie und drückte sich enger an ihn.

"Du auch," erwiderte er, schob seinen Arm unter ihren und ließ ihn auf ihrer Taille ruhen. "Schlaf jetzt. Du bist sicher. Heute Nacht wird dir nichts passieren."

"Mulder?"

"Hmm?"

"Ich liebe dich."

Er zog sie fester an sich und küßte die warme Stelle gleich hinter ihrem Ohr. "Ich liebe dich auch," antwortete er. "Aber jetzt schlaf."

 

 

 

 

 

5:24 a.m.

Er war fort, als sie aufwachte. Aber da war eine Nachricht auf dem Kissen, dem Kissen, das immer noch nach ihm roch.

 

Scully - sei nicht böse, du hast so fest geschlafen, ich konnte dich einfach nicht wecken. Wenn du rechtzeitig aufwachst, treffen wir uns zum Frühstück. Ich habe eine andere Idee, was wir heute tun sollten. Ich erzähle dir davon, wenn wir uns sehen.

P. S. Ich liebe dich.

 

 

 

 

 

Rathaus Daphne

Donnerstag, 4 März

6:35 a.m.

 

"Geht Ihr Leute eigentlich nie nach Hause?" fragte Mack, als er seinen Kopf zur Tür hereinsteckte.

"Was meinen Sie?" fragte Mulder abwesend. "Das ist unser Zuhause fern der Heimat." Er befand sich in seiner üblichen Haltung, im Stuhl zurückgelehnt, Füße auf dem Tisch, eine Akte studierend. "Dann möchte ich nicht Ihr Zuhause kennenlernen, wenn das hier wie Zuhause ist," meinte Mack und warf sich auf den Stuhl neben Mulder. "Wir haben heute morgen vom CDC gehört." In dem Moment betrat Scully den Raum. "Was haben sie gesagt?" fragte sie und zog sich die Latexhandschuhe aus.

"Sie haben gesagt, dass sie heute hierher kommen werden," erwiderte Mack.  "Sie werden am Nachmittag eintreffen. Sie hatten Recht, Agent Scully. Das kommt ihnen gespenstisch vor."

"Passiert mir andauernd," meinte Mulder und schenkte ihnen immer noch nicht besonders viel Aufmerksamkeit. "Hier ist es, Scully. Stouffer hat im Westen von Mobile gelebt. Das ist augenscheinlich der teure Teil der Stadt." Er stand auf und griff nach seinem Jackett. "Ich fahre dich."

"Mulder, das musst du nicht," entgegnete sie. "Ich gehe nur dorthin, um die Familie um ihr Einverständnis für die Exhumierung und die Autopsie zu bitten."

"Ich muss auch dahin," antwortete er. "Ich muss herausfinden, warum dieses Opfer anders ist als all die anderen."

 

 

 

 

 

Das Haus der Stouffers

Mobile, Alabama

7;07 a.m.

 

"Das ist seltsam," meinte Scully, als Mulder in der Nähe des teuer aussehenden Vororthauses der Stouffers bremste.

"Was ist seltsam?" fragte er, während er den Wagen anhielt und den Motor ausschaltete.

"Sieh doch," erklärte sie. "Es ist sieben Uhr morgens und da sind mindestens ein Dutzend Autos vor dem Haus. Die Beerdigung war schon vor Tagen."

Mulder knabberte einen Moment an seiner Lippe. "Ich glaube, ich weiß vielleicht, warum," meinte er nachdenklich.

"Warum?"

"Das wirst du wissen, wenn wir hineingehen," erwiderte er. "Du hast es schon früher gesehen."

"Jetzt machst du mir Angst," meinte sie zweifelnd. "Ist das irgend so ein Kultding?"

Mulder lachte und schüttelte den Kopf. "Hängt davon ab, wen du fragst, vermute ich," antwortete er. "Ich habe diesen Vorwurf schon gehört. Komm schon."

Sie gingen auf die Eingangstür zu, die ein wenig offen stand. Mulder blieb dort einen Moment stehen und betrachtete am Türrahmen einen kleinen zylindrischen Gegenstand, der diagonal zum Holz angenagelt war. Er nickte.  "Das dachte ich mir," murmelte er.

Dann drückte Mulder, zu Scullys Überraschung, einfach die Tür auf und ging hinein, ohne anzuklopfen.

"Mulder, hast du den Verstand verloren?" flüsterte sie. "Wir wurden nicht hereingebeten."

"Das werden wir auch nicht," sagte er. "Mach dir keine Sorgen. Sie erwarten das. Siehst du?" Er deutete auf einen großen Flurspiegel. Das Glass war vollkommen mit etwas bedeckt, das aussah wie Seife.

"Und ich muss wissen, was das bedeutet?" fragte Scully.

"Würde es leichter sein, wenn sie die Spiegel abgehängt hätten, anstatt sie einzuseifen?" fragte er mit einem Hauch von Übermut. "Komm schon, Scully - denk zurück."

Eine Minute dachte sie nach. Verdeckte Spiegel im Haus, Menschen, die zusammentrafen nach einem Todesfall...

Dann erinnerte sie sich. Der Luria-Fall. "Sie treffen sich zur Shiva," sagte sie langsam. "Sie trauern um ihren verstorbenen Angehörigen. Also sind sie Juden?"

"Wenn die Zeugen Jehovas nicht die Shiva als ein Mittel zur Abschreckung von Besuchern gewählt haben," meinte er. "Aber dem Mezuzah an der Tür nach zu urteilen, sind sie Juden oder zumindest Anhänger des jüdischen Glaubens."

"Das würde erklären, warum sie keine Autopsie wollten," sagte sie. "Ich hatte nur nicht erwartet, hier im Süden eine jüdische Familie zu finden."

"Oh, wir sind überall, Scully," erwiderte er, immer noch mit einem übermütigen Zwinkern.

"Denk nur daran - es wird als unhöflich angesehen, irgendjemanden während der Shiva zu begrüßen und orthodoxe männliche Juden geben Frauen sowieso üblicherweise nicht die Hand."

"Weil wir vielleicht unrein sind?" fragte sie und zog eine Augenbraue hoch.

"Dieses eine Mal im Monat?"

"Ja," sagte er. "Genau deswegen." Grinsend hob er die Hände in einer spöttischen Abwehrhaltung. "Sei nicht böse auf mich, Scully. Ich hab die Regeln nicht gemacht."

"Ich versuche, das im Hinterkopf zu behalten," entgegnete sie trocken.

Einen Moment sah er sie an, dann zuckte er mit den Achseln und das Lächeln verschwand. "Klingt, als würden sich alle wieder sammeln."

Sie gingen einen Flur entlang auf die Stimmen zu. Als sie ein großes vernachlässigtes Zimmer betraten, fanden sie dort ungefähr zwanzig Menschen, die meisten davon Frauen, die überall im Raum auf niedrigen Stühlen saßen. Ein bärtiger Mann, der eine Jarmulke trug, kam zu ihnen herüber.

"Das war so eine Tragödie," sagte der Mann. "Die Familie ist Ihnen dankbar für Ihre Unterstützung."

"Ich wünschte, wir wären hier, um unsere Unterstützung anzubieten," erwiderte Mulder. "Ich bin Fox Mulder. Meine Partnerin und ich sind Bundesagenten und untersuchen den Tod von Mr. Stouffer. Wir haben nicht bemerkt, dass die Familie immer noch die Shiva durchführt. Es tut mir leid, dass wir sie unterbrechen."

"Oh ja, Mr. Mulder," antwortete der Mann. "Ich habe von Ihnen gehört. Der FBI-Profiler. Ich bin Rabbi Yaakov Golden. Und Ihre Partnerin ist..."

"Dana Scully," erklärte Scully und behielt ihre Hände an ihren Seiten. "Es tut uns leid, hier einzudringen, aber es gibt etwas Wichtiges, worüber wir mit der Familie reden müssen. Mr. Stouffer wurde vielleicht vor seinem Tode einer gefährlichen Krankheit ausgesetzt und die Familie muss vielleicht Vorkehrungen treffen."

"Mr. Stouffers Bruder ist hier," sagte Golden. "Ich bin sicher, er wird bereit sein, mit Ihnen zu reden, sobald die Morgengebete vorüber sind. Mr.  Stouffers Sohn David ist hier, also warten wir nur noch auf einen Minyan."

"Wieviel haben Sie?" fragte Mulder.

Scully sah ihn überrascht an. Der Rabbi hätte genauso gut Griechisch sprechen können, soweit es sie betraf, doch Mulder, der Agnostiker, schien genau zu wissen, wovon der Mann sprach.

"Neun," antwortete der Rabbi. "Es ist schwierig, an diesen Wochentagen einen Minyan zu bekommen. Wir sind eine kleine Gemeinde und jeder hat zu arbeiten."

"Ist jemand unterwegs?"

Der Rabbi nickte. "Aber die Zeit für die Gebete wird bald vorüber sein. Ich fürchte, David wird vielleicht nicht in der Lage sein, heute den Kaddisch zu sagen. Es wäre natürlich nicht seine Schuld, aber er hat das sehr starke Empfinden, dass er seinem Vater diese Pflicht schuldig ist."

Mulder nickte und biss sich auf die Lippe. Unsicher blickte er erst Scully an, dann auf den Boden, um schließlich wieder dem Blick des Rabbis zu begegnen. "Rabbi," sagte er. " Ich werde Ihr zehnter Mann sein, wenn Sie möchten, aber ich habe kein Kipoh auf den Kopf gesetzt, seit ich acht war und ich werde jetzt nicht damit beginnen, es wieder zu tun. Glauben Sie, dass der Rest der Männer das tolerieren kann?"

"Sie sind Jude, Mr. Mulder?" fragte der Rabbi. Mulder nickte. "Dann sollten Sie natürlich mit uns beten, es ist Ihre Pflicht. Wie ist Ihr Name in Israel?"

"D'vid ben Avram," antwortete er unangenehm berührt und sprach es duh'VEED ben uvRAHM aus. "Aber bitte, rufen Sie mich nicht zur Thora, Rabbi. Ich kann kein Hebräisch lesen."

"Sehr gut," erwiderte der Rabbi. "Ich sage den anderen, dass wir beginnen können."

"Scully, würde es dir etwas ausmachen, ein paar Minuten hier zu warten?" fragte Mulder mit leiser Stimme, als der Rabbi fortging. "Die Männer beten nicht zusammen mit den Frauen in diesen Kreisen und ich..."

"Geh du und tu, was du tun musst," sagte sie und berührte sanft seinen Arm.  "Da drüben ist ein kleiner Junge, der dir, denke ich, sehr dankbar sein wird."

Mulder lächelte, drückte einen Augenblick ihre Hand und ging dann zu Golden und einer Gruppe von Männern mit Kopfbedeckung, die wartend mit einem kleinen Jungen, der aussah wie zwölf, am anderen Ende des Raumes standen.  Einen Moment gab es eine stumme Unterhaltung, dann gingen die Männer - mit Mulder als letztem - in einen anderen Raum.

Nach ein paar Minuten, in denen niemand der Anwesenden geneigt schien, mit ihr zu reden (sie fragte sich, ob das Kreuz an ihrem Hals etwas damit zu tun hatte, schalt sich dann aber selbst paranoid), ging Scully auf Zehenspitzen zur Tür hinüber, stellte sich auf eine Seit und lauschte.

Sie vernahm ein Murmeln in, wie sie annahm, Hebräisch, alle beteten gleichzeitig, aber nicht im Einklang. Sie riskierte einen Blick um die Tür herum und sah Mulder stumm im Hintergrund des Raumes stehen, die Hände vor ihm gefaltet und merklich unbehaglich dreinblickend.

Dann kamen die Stimmen plötzlich zusammen.

"Yis'ga'dal, v'yis'kadash, sh'may ra'bbo, b'olmo dee'vro chir'usay v'yamlich malchu'say, b'chayaychon v'yomay'chon uv'chayay d'chol baisYisroel, ba'agolo u'viz'man koriv; v'imru Omein."

Scully hatte das schon einmal gehört, sie hatte es damals nicht erkannt, aber Mulder hatte ihr später gesagt, was es war: Der Kaddisch, das Gebet der Weihung, das Gebet für die Toten. Sie lugte wieder um den Türrahmen herum.

Die Männer standen über ihre Gebetsbücher gebeugt. Der Junge, in einen Gebetsschal gewickelt wie die anderen, schaukelte wie Schilf im Wind, Tränen liefen ihm aus den Augen, während er betete.

Alle beteten zusammen und standen sanft schaukelnd da, außer Mulder. Er bewegte sich nicht, seine Augen waren zusammengekniffen und sein Kopf war leicht gebeugt. Seinem Wort entsprechend war er barhäuptig und trug keinen Schal.

Mulder betete nicht. Natürlich nicht. Mulder betete nicht, egal was passierte, nicht einmal für sie, als sie wegen ihrem Krebs im Sterben lag.  Wenn er jemals für Samanthas Rückkehr gebetet hatte, dann hatte er es vor langer, langer Zeit aufgegeben. Er hatte niemals seine Gebete für seinen Vater gesprochen, dessen war sie sich sicher. Er glaubte einfach nicht daran.

Aber er war dennoch da, lieh seine Anwesenheit und ermöglichte es einem kleinen Jungen, in Erinnerung an seinen ermordeten Vater zu beten.

So wie sie selbst gelernt hatte zu beten vor so vielen Jahren...

Scully konnte sich selbst sehen, als wäre es gestern gewesen, ungefähr so alt wie das Kind dort, ein Gebet sprechend mit jeder winzigen weißen Perle ihres Rosenkranzes, die durch ihre Finger glitt, sie betete für die Seelen im Fegefeuer und für ihre Großmutter: das Vaterunser und dann die zehn Ave Marias, die ihre Mutter das Pater Noster genannt hatte und das Ave und dann das Gloria.

Maggie hatte gelernt, den Rosenkranz in Latein zu beten, was nicht mehr benutzt wurde, nachdem Dana geboren wurde. Manchmal hörte sie dennoch Maggie in den alten lateinischen Worten leise vor sich hinbeten. Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum. Benedicta tu in mulieribus...

Damals hatte sie die Worte des Ave nicht besser verstanden als sie jetzt das Kaddisch verstand, aber sie glaubte an beides. Was immer es bedeutete, welche Sprache auch immer, es lief alles zurück auf den Glauben: Glauben an Gott, Glauben an die Medizin, Glauben an die Wissenschaft, und wenn all das sie verlassen hatte, Glauben... an Mulders Glauben.

Sie erinnerte sich an das Gebet, mit dem ihre Mutter immer ihren Rosenkranz beendete. Das Memorare. Das genaue Wort bedeutete Erinnern; das Gebet flehte die Mutter Gottes an, sich daran zu erinnern, dass sie auch die Mutter der Menschheit war.

Gebet... Erinnerung... es gab hier eine Verbindung, jenseits dieses einen Gebetes, etwas das irgendwie... erschreckend war. Eine Redewendung, ein Gedicht, ein Lied vielleicht... etwas mit beängstigender Bedeutung für sie.  Was war es? Es wurde schwerer und schwerer, zu denken.

Mulder sagte, sie würde sich erinnern. Er wollte, dass sie sich erinnerte und alles, woran sie sich erinnern konnte, waren diese uralten Gebete. Wenn man ein Gebet stumm sprach, im Geist, dachte sie ein wenig hysterisch, erinnerte man sich dann an das Gebet oder daran, wie man betete?

Beten. Erinnern. Diese Worte gehen zusammen, ich weiß es, dachte sie. Ich werde wirklich den Verstand verlieren, wenn mir das den ganzen Tag durch den Kopf geht, das werde ich. Aber wie passen die Worte? Es bedeutet etwas, ich weiß, dass es so ist. Aber was?

Heilige Maria, Mutter Gottes, bete jetzt für uns Sünder und in der Stunde unseres Todes. Dann das Memorare.

Beten. Dann erinnern.

Beten. Erinnern... bete, Geliebter, erinnere dich.

Das war es, Es war aus Hamlet. Ophelia, die wahnsinnige Ophelia, sagte das in der Stunde ihres Todes - ihres Selbstmordes tatsächlich.

Ophelia starb, weil Hamlet sie nicht aufhalten konnte oder aufgehalten hatte - er war zu sehr besessen von seiner Suche, von dem, das zu tun, was die unsichtbaren Geister der Vergangenheit von ihm verlangten, davon, den Mord an seinem Vater zu rächen, den Unglauben seiner Mutter. Hamlet konnte oder wollte nicht sehen, dass Ophelia an ihrer eigenen Trauer zugrunde ging.

Und jedermann dachte, Hamlet wäre wahnsinnig, wo es in Wirklichkeit Ophelia war, deren Vernunft erschüttert und schließlich zerstört worden war durch die Gräuel um sie herum.

"Dort ist Rosmarin, nur zur Erinnerung. Bete, Geliebter, erinnere dich."

Und dann ins Wasser, um zu ertrinken.

Die Parallelen waren entschieden zu stark, um zu beruhigen, dachte sie.

Aber Mulder war nicht Hamlet. Er hätte seine Suche beiseite gepackt, um ihr Leben zu retten; er hatte es beinahe getan, letztes Jahr, als sie im Sterben lag. Und dann war er an ihr Krankenbett gekommen, in dem einfachen, unerschütterlichen Glauben, dass sie ihn auf dem richtigen Weg halten würde und wenn es sie ihren letzten Atemzug kostete.

Als der Priester hereinkam, war Mulder still gegangen, mit einem Lächeln ihr Versprechen, für ihn zu beten, akzeptierend. Aber er glaubte nicht an Gott. Keinen Glauben in Gebete. Keinen Glauben in irgendetwas, außer in die Wahrheit und in sie. Was hatte es ihm bedeutet, dass sie für ihn beten wollte?

"Oseh sholom bomromov, hu ya'aseh sholom olaynu," erklangen die Stimmen aus dem anderen Raum.

Da war ein Wort, das sie erkannte. Shalom. Sie beteten für den Frieden. Und er hatte ihr letzte Nacht Frieden gebracht, Frieden für Herz und Seele und Geist, hatte ihn ihr großzügig gegeben, egal wie sehr sie ihn verletzt hatte.

Nein, Mulder glaubte nicht an all die wunderschönen Gebete, die sich um ihn herum zum Himmel erhoben, aber er glaubte an sie. Er vertraute darauf, dass sie diese Reise machen und all ihre Kraft benutzen würde, um nach einer Wahrheit zu greifen, die so dunkel war, dass sie entschieden hatte, sich niemals daran zu erinnern oder darüber zu sprechen.

Oh, aber sie war da... sie war es und er kannte sie.

Und sie auch.

Bete, Geliebte, erinnere dich, sagte er. Und mit der Erinnerung bringe uns beiden Frieden.

"Vimru, Omein."

Der Kaddisch war vorbei.

Rasch, mit einer kleinen Bewegung, so dass es niemand sehen würde, machte sie das Zeichen des Kreuzes. Dann ging sie in gedankenvollem Schweigen davon.

 

 

 

 

 

Aber alle erinnerte Schönheit ist nicht mehr

Als eine wage Einleitung zu dem Gedanken an dich -

Du bist die seltenste Seele, die ich je gekannt habe,

Geliebter der Schönheit, ritterlichster und bester,

Meine Gedanken suchen dich wie Wellen den Strand, Und wenn ich an dich denke, dann bin ich beruhigt.

Für E.

Sara Teasdale

 

Kapitel 13

Das Haus der Stouffers

8:15 a.m.

 

"Mr. Mulder, ich weiß nicht, was ich anderes sagen kann," sagte Morris Stouffer. "Ich bin nicht gegen eine Autopsie, wenn sie jemand anderes retten könnte. Es gibt kein Gebot, das nicht daran gebunden ist, menschliches Leben zu retten, ich bin sicher, das wissen Sie. Jedoch muss ich zuerst den Rabbi fragen."

Die Agenten und der Bruder des Toten saßen im Wohnzimmer, das nun, da die Morgengebete gesprochen und die meisten Besucher zur Arbeit gegangen waren, verlassen war.

"Dennoch fällt es mir immer noch schwer zu glauben, dass Jon diese Krankheit gehabt hat. Er hat nie mit Tieren gearbeitet, soweit ich weiß, und hatte niemals so etwas an seinen Händen, wie Sie es beschreiben," erklärte Stouffer. "Er war Architekt."

"Warum ist er den weiten Weg nach Pensacola gefahren in ein Elektronikgeschäft?" fragte Mulder.

Stouffer zuckte mit den Schultern. "Es war sein Hobby. Vielleicht wollte er etwas, das er in Mobile nicht finden konnte. Ich weiß es nicht."

"Hatte Ihr Bruder Freunde in Pensacola?" fragte Scully.

"Nicht dass ich wüsste," antwortete Stouffer. "Er ließ sich nicht sehr oft mit jemandem ein, außerhalb des Reservedienstes."

"Reservedienst?" Mulder spitzte die Ohren. "Welche Art von Reservedienst?"

"Armee," antwortete Stouffer. "Eine Sanitätseinheit hier in Mobile. Ich weiß, was Sie denken: Warum braucht eine Sanitätseinheit einen Architekten in ihren Reihen?"

"Um Krankenhäuser zu entwerfen?" fragte Mulder mit einem winzigen Anflug von Humor.

"Nein," erwiderte Stouffer kopfschüttelnd. "Er war dort als Schreiber tätig und verwaltete die Personalakten. Er war in dieser Einheit, weil sie in Wochennächten ausbildeten und nie am Sabbat, wie die meisten anderen. Er liebte sein Land, das war es ihm wert, einen Job so weit unter seiner Bildung zu machen, so dass er die Gebote einhalten konnte und seinem Land dienen."

"Mr. Stouffer, wissen Sie, ob die Reserveeinheit Ihres Bruders jemals im Mittleren Osten oder am Persischen Golf war?" fragte Scully.

"Warum fragen Sie?"

"Weil wenn sie es war, war er vielleicht, während er dort war, dem - Virus - ausgesetzt, den wir untersuchen," antwortete sie.

Stouffer schüttelte den Kopf. "Nein. Die Einheit wurde seit Vietnam nicht mehr eingesetzt. Er war alleinerziehender Vater, Witwer; es bedeutete ihm viel, in der Nähe seines Sohnes zu sein."

"Was ist mit seiner Frau passiert?" fragte Mulder.

"Sie starb vor vier Jahren, getötet durch einen betrunkenen Autofahrer," erklärte Stouffer stumpf.

"Wer wird sich nun um den Jungen kümmern?" fragte Scully sanft.

"Er wird bei mir und meiner Familie leben," sagte Stouffer. "Es wird für uns alle eine große Umstellung, aber wir werden es schaffen." Er erhob sich. "Wenn das alles ist, Agent Mulder, dann sollte ich jetzt zu meinem Neffen gehen."

"Ich denke, das ist genug," meinte Mulder. "Scully?"

Sie schüttelte den Kopf.

Mulder griff in seine Manteltasche und holte eine Karte und einen Stift hervor. "Hier ist die Nummer, unter der Sie uns in den nächsten Tagen erreichen können," sagte er, während er schrieb. "Wenn Ihnen noch irgendetwas einfallen sollte, rufen Sie bitte an. Wenn wir nicht länger in der Stadt sind, können Sie mich im Regionalbüro in Birmingham erreichen.  Die Nummer steht auf der Karte."

"Ich weiß nicht, was da noch sein sollte, Mr. Mulder," entgegnete Mr.

Stouffer. "Aber ich werde Sie anrufen, wenn mir etwas einfällt."

Die Agenten erhoben sich ebenfalls. Stouffer betrachtete Mulder sorgfältig.  "Mr. Mulder, ich weiß, dass Sie sich nicht an die Gebote halten," meinte er. "Aber ich bin sicher, Sie kennen das eine, dass man normalerweise niemandem dankt, der seine Pflicht tut. Dennoch habe ich das Gefühl, ich muss Ihnen anstelle meines Neffen dafür danken, dass Sie heute Morgen als Minyan mitgemacht haben. Das war, wie man so sagt, mehr als es die Pflicht verlangt."

"Bitte, reden Sie nicht davon," sagte Mulder unbehaglich. "Es hat mich gefreut, dass ich helfen konnte."

"Sie waren eine große Hilfe," erwiderte Stouffer und führte sie an eine Seite des Raumes, an der immer noch eine Gruppe Trauernder zusammensaß.  "Ich verspreche Ihnen anzurufen, wenn mir etwas einfällt."

"Danke," sagte Mulder und sah sich fragend im Raum um. Warum bin ich hier?

Scully konnte die Frage so deutlich hören, als hätte er sie ausgesprochen.

"Meine Großmutter ist hier," erklärte Stouffer und zeigte auf eine ältere Frau in der Ecke. "Sie wollte mit Ihnen sprechen."

Mulder nickte, ging hinüber zu der Frau und blieb dort still stehen. Scully beobachtete ihn verwirrt.

Nach einer Minute blickte die Frau auf zu Mulder. "Sie waren ein Trost für meinen Urenkel," sagte sie in schwer akzentuiertem Englisch. "Es wird ein größerer Trost sein, wenn Sie den Mann, der seinen Vater getötet hat, finden und bestrafen."

"Ich werde ihn finden," antwortete Mulder. "Ich verspreche Ihnen, dass ich ihn finden werde, wenn es in meiner Macht steht."

Sie streckte gebrechliche Hände aus, nahm seine Hände und hielt sie mit festem Griff. Ihre Ärmel rutschen herab, als sie ihre Arme hochstreckte.

"Sie müssen es," sagte sie und sah ihn vertrauensvoll an. "Es ist so wenig von meiner Familie übriggeblieben." Tränen liefen über ihre Wangen, aber Mulder sah nicht hin. Er sah auf ihren Arm, auf eine Nummer, die in verblasster blauer Tinte dort eintätowiert war. Die meisten Überlebenden des Holocaust hielten diese Geschichten erzählenden blauen Nummern verdeckt, wenn sie konnten; er wusste, sie ließ ihn die Tätowierung aus einem bestimmten Grund sehen.

Du bist einer von uns, sagte sie damit. Dieser Verlust, all unsere Verluste sind deine so wie unsere.

Sanft drückte er ihre Hände, bevor er sie losließ, dann brachte er sorgfältig ihre Ärmel wieder in Ordnung. Es folgte ein kurzes Schweigen, in dem Mulder darum zu kämpfen schien, etwas zu sagen.

"Hamakom y'nachem etchem b'toch ah'ar availai tziyon v'yerushalayim," sagte er schließlich stockend.

Mrs. Stouffer nickte zum Dank. "Aliyah v'sholom, D'vid ben Avram," antwortete sie.

 

 

 

 

 

Mulder war still, während er zurück nach Mobile fuhr. Scully schwieg aus Respekt vor dem, was eindeutig ein emotional mitreißendes Erlebnis für ihn gewesen war. Sie waren halb an der Bucht von Mobile vorbei, bevor er wieder sprach.

"Das war das erste Mal, dass ich an einem Minyan teilgenommen habe," erzählte er. "Es war so anders."

"Du sagtest, du hattest keine religiöse Erziehung," erwiderte sie und betete darum, dass sie die Unterhaltung auf neutralem Boden halten konnte.  "Ich war überrascht, dass du überhaupt wusstest, was zu tun war."

"Ich wusste es nicht wirklich. Ich habe mich wenig damit auseinandergesetzt; meine Großeltern nahmen mich als Kind manchmal mit zur Shul," erklärte er. "Das hörte auf, als mein Großvater starb, als ich ungefähr acht war. Mein Vater hatte nichts dagegen, dass ich eine religiöse Ausbildung bekam, sogar ein Stück Mitzvah, aber meine Mutter hasste den bloßen Gedanken. Es gibt eine Synagoge in Vineyard auf der unteren Insel am Hafen und ich habe sie nie betreten."

"Also das war die religiöse Ausbildung?"

"Nein. Mom schickte mich auf eine bischöfliche Vorbereitungsschule, als ich zwölf war." Er lachte. "Ich kenne den Katechismus wahrscheinlich besser als du."

"Das kannst du wahrscheinlich," meinte sie. "Ich erinnere mich an gar nichts davon, ausgenommen den Teil darüber, was ein Sakrament ist."

"Das äußere und sichtbare Zeichen einer inneren und geistigen Gnade," erklärte Mulder leichthin. "Siehst du? Ich weiß es. Willst du, dass ich alle sieben aufsage?"

"Nein, danke," erwiderte sie trocken. "Ich bin beeindruckt, Mulder - oder welchen Namen auch immer du heute benutzt. Wie haben sie dich überhaupt genannt? Ich habe nie zuvor gehört, dass dich jemand so gerufen hat."

"Der wurde mir am Tag meines größten Verlusts gegeben," erklärte er mit einem schiefen Lächeln. "Du weißt schon, als ich acht Tage alt war."

"Deine Beschneidung," sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

"Ich hab es verstanden, Mulder. Mach weiter."

"Ach komm schon, Scully, sei nicht prüde," entgegnete er, immer noch scherzend. "Du hast wahrscheinlich selbst ein oder zwei gemacht."

"Das ist vollkommen nebensächlich," konterte sie steif. "Nun mach schon.

Warum hast du einen anderen Namen?"

"Weil Fox ein Name der Mulderfamilie ist und die Mulders sind keine Juden," erklärte er. "Der Vater meines Vaters war ein Nichtjude - und die Eltern meiner Mutter waren erschrocken, als sie hörten, welchen Namen ich bekommen sollte. Sie sagten, Fox wäre kein Name für einen jüdischen Jungen, und William war sogar noch schlimmer. Zu christlich. Keine Beleidigung beabsichtigt, Scully," fügte er rasch hinzu.

"Keine angenommen," sagte sie. "Also haben deine Großeltern den Kampf um deinen Namen verloren?"

"Um meinen legalen Namen, ja," erwiderte er. "Aber meine Eltern beugten sich in gewissem Maße dem Druck. Sie hatten einen Bris und gaben mir den Namen D'vid. Der hebräische Name meines Vaters war Avram, Abraham. Also D'vid ben Avram; David, Sohn Abrahams."

"Bedeutet der Name irgendetwas? Neben dem, was offensichtlich ist, meine ich."

"Nun ja, es ist in der Tat so," erklärte Mulder, ein bisschen zu vorsichtig. "D'vid bedeutet Geliebter; Avram bedeutet Vater der Menschen."

Der geliebte Sohn des Abraham. Scully erinnerte sich an die Geschichte:

Gott belohnte Abraham für seine Bereitschaft, seinen einzigen legitimen Sohn als Opfer auf den Altar zu legen. Aber konnte Isaac seinem Vater jemals vergeben?

Der Kaddisch ist eine Pflicht, die er seinem Vater schuldet, dachte sie.

Eine Pflicht, die in Mulders Fall unerledigt blieb.

Rasch brachte sie ihre Gedanken zurück in die Gegenwart. "Also hast du den Namen, aber es ist nicht dein legaler Name?" fragte sie so lässig sie konnte. "Er hat keine Implikation außerhalb des religiösen Rahmens?"

"Das ist die Idee," meinte er und schielte neugierig zu ihr herüber.

"Das ist wie bei meinem Konfirmationsnamen," sagte sie, ohne nachzudenken, nur um die Unterhaltung in Gang zu halten. "Ich bekam einen Namen vom Bischoff, als ich zwölf war." Sie erkannte ihren Fehler, sobald sie den Schimmer von Neugier in Mulders Augen sah.

"Und wie war der Name?" fragte er ein wenig zu gleichgültig.

"Keine Chance, Mulder," antwortete sie kopfschüttelnd. "Lieber sterbe ich, als es dir zu erzählen."

"Och, komm schon, Scully," bat er. "Ich hab dir meinen verraten. Nun verrätst du mir deinen. Oder sollte ich einfach deine Mutter anrufen... ich wette, sie kennt eine Menge Dinge, die sie mir erzählen würde..."

"Scholastica," sagte sie rasch, ihn unterbrechend.

"Wie bitte?"

"Es ist Scholastica," erklärte sie resigniert. "Für St. Scholastica vom Benediktinerorden, die, wie man nicht erwähnen muss, eine berühmte Gelehrte war. Mein Vater hat ihn ausgesucht. Mein voller christlicher Name lautet Dana Katherine Scholastica. Träum nicht einmal davon, mich so zu nennen."

"Das werde ich nicht," antwortete er. "Solange du mich nicht D'vid nennst."

"Ich nenne dich nicht einmal Fox," sagte sie und zog eine Augenbraue hoch.  (Manchmal tust du es, dachte er, aber er unterbrach sie nicht.) "Also, warum sollte ich dich David nennen? Aber wir haben einen Deal. Kein David, keine Scholastica. Meine Lippen sind versiegelt. Aber ich habe noch eine Frage."

"Hast du die nicht immer?" fragte er lächelnd. "Also was ist es?"

"Was hast du zu Mrs. Stouffer gesagt?" fragte sie. "Du sagtest, du kannst kein Hebräisch, aber das hörte sich ganz sicher so an."

"Na ja, weißt du, eine Redewendung oder zwei," erwiderte er plötzlich unbehaglich. "Das ist ein traditioneller Gruß an die Trauernden, ein Beileidsgebet."

"Was bedeutet es?"

"Es bedeutet: Möge Gott dich trösten unter all den Trauernden von Zion und Jerusalem," erläuterte er. "Es ist ein altes Gebet."

"Älter als alle Gebete, die ich kenne, kann ich mir vorstellen," sagte sie.

"Es ist schön."

Er zuckte nur mit den Schultern. "Ich nehme es an."

"Und was hat sie zu dir gesagt?"

"Sie sagte: gehe in Frieden," erwiderte Mulder leise.

"Erzähl mir, wie du das sagst," bat sie. "Ich möchte es lernen."

Er schüttelte den Kopf. "Ein anderes Mal, Scully, okay? Jetzt muss ich eine Weile nachdenken."

"In Ordnung," gab sie nach. "Ein anderes Mal."

Schweigend beendeten sie die Fahrt.

 

 

 

 

 

Den Rest des Tages verbrachten sie getrennt, Mulder vertiefte sich wieder einmal in seine Fotografien und Fallgeschichten, erledigte Telefonanrufe und versuchte, ein Bild des Mörders zusammenzubasteln, das passen würde.

Scully, die die Zustimmung der Stouffer-Familie hatte, hatte die meiste Zeit des Tages im Gerichtsgebäude von Mobile County verbracht, um einen Exhumierungsbeschluss für Stouffer zu bekommen. Die Exhumierung würde in dieser Nacht erfolgen, kurz vor dem Morgengrauen, so dass es nur wenig wenn überhaupt Zuschauer geben würde und sie würde die Autopsie zusammen mit einem Medizinischen Sachverständigen von Mobile County an ihrer Seite durchführen.

Das machte ihr nichts aus. All die Medizinischen Sachverständigen hier waren voll ausgebildete Pathologen und es würde in Ordnung sein, ob sie die Autopsie selbst mit deren Hilfe durchführen würde oder ob sie darauf bestünden, sie selbst durchzuführen. Wie auch immer, sie würde herausfinden, was sie wissen musste: ob die tödlichen Anthraxbazillen kurz vor seiner Ermordung in den Körper von Jonathan Stouffer gelangt waren.

Gegen acht Uhr abends hatte Scully ihre Grenze erreicht. Es war an der Zeit, aufzuhören. Es gab immer noch Arbeit, die zu erledigen war - die gab es immer - und sie konnte sich so leicht davon übernehmen und dadurch von dem abhalten lassen, was sie tun musste.

Und wenn sie es tat und wenn Mulder heute Nacht seinen Mörder fand oder morgen früh, dann würde er fort sein und sie würde morgen Abend zurück in ihrem Apartment sein, ihre Waffe in der Hand halten und sich fragen, ob sie sie in den Mund stecken oder an ihre Schläfe setzen sollte.

Nein. Das Biest war immer noch da, in ihr drin, aber es gab einen Weg heraus und dieser Weg war im Moment, allein in einem Schlackeblockraum zu sitzen und Fotos von vollkommener Gewalt anzustarren.

Aber für sie, das wusste sie, wurde er aufhören.

Sie holte ihr Handy heraus und drückte die neu programmierte Schnellwahltaste für Mulders Handy. Nach acht mal Klingeln wollte sie schon aufgeben, als er endlich antwortete.

"Mulder," meldete er sich.

"Mulder, ich bin es," erwiderte sie. "Ich bin auf dem Weg zurück und ich habe mich gefragt, ob du mir einen Gefallen tun könntest."

"Sicher, wenn ich kann," antwortete er. "Was ist es?"

"Würdest du dich von mir zum Essen einladen lassen?"

Es folgte eine lange Pause. "Ja, ich denke schon," sagte er vorsichtig.

"Ich wollte ein bisschen länger arbeiten..."

"Du wolltest sehr viel länger arbeiten," korrigierte sie ihn. "Aber es würde mir eine Menge bedeuten, wenn du mir Gesellschaft leisten würdest."

Sie hörte, wie er langsam ausatmete. "Okay," sagte er schließlich. "Du hast meinen Wagen, also nehme ich an... ich sehe dich hier in ein paar Minuten."

"Ich bin gleich da." Damit legte sie auf.

 

 

 

 

 

Das Pembroke Inn

Freitag, 5. März

12:07 a.m.

 

Das Essen war sehr gut verlaufen, was sie beide angenehm überrascht hatte.  Sie hatten in einem Fischrestaurant hinter dem Hotel gegessen, das mit frischen Schrimps, Krabben und Austern aus dem Golf von Mexiko warb - und auch anbot. Sie hatten sogar eine Flasche Wein getrunken, was selten bei ihnen war, aber irgendwie an diesem Abend vollkommen angemessen schien.

An irgendeinem Punkt war Mulder still geworden und hatte so intensiv auf seinen Teller gestarrt, dass Scully ihn gefragt hatte, was los sei.

"Ich habe nur nachgedacht," sagte er. "Wenn ich eine religiöse Ausbildung gehabt hätte, hätte ich niemals Fisch gegessen. Ist nicht koscher. Weißt du, auf diese Weise hätte ich in Vineyard lebend verhungern können."

"Werde katholisch," empfahl sie. "Hummer ist koscher in der Fastenzeit."

Und sie hatten gelacht. Sie hatten eine Menge gelacht und Scully hatte gespürt, wie ihr das Herz leicht wurde, zum ersten Mal seit... Jahren, ja wirklich. Die Wolke, die über ihr hing, die Sache, von der Mulder wollte, dass sie sich daran erinnerte, konnte sie jetzt nicht berühren, nicht in diesem Moment. Die einfache Freude seiner Anwesenheit füllte sie aus, Leib und Seele, und es gab keinen Platz für den Terror der Nacht.

Aber dann war das Essen vorbei gewesen und Mulder hatte sie in ihr Zimmer gebracht und war ohne Protest mit hinein gekommen.

Er wusste, dass irgendetwas mit ihr los war. Er wusste es immer.

Mulder saß im Sessel und blickte über die Bucht. Sie setzte sich auf die Sessellehne neben ihn und wieder einmal schlang er seinen Arm um ihre Taille. "Du liebst das Wasser, nicht wahr?" fragte sie leise.

"Nicht so wie du," antwortete er, immer noch hinausblickend. "Es scheint einfach ein Teil des Hintergrundes zu sein, als wenn jeder Ort auf der Welt am Wasser sein sollte." Er blickte zu ihr auf und lächelte sanft.  "Manchmal, wenn du und ich unterwegs waren, ganz tief im Innern des Landes, Nebraska oder so, erwischte ich mich dabei, wie ich so dahin fuhr und dachte, dass wir nahe am Wasser sein müssten, dass wir es bald sehen sollten."

"Das kommt vom Leben auf einer Insel, die weniger als 50 Meilen Länge hat," meinte sie.

"Weniger als 25," korrigierte er sie. "Und nicht einmal fünf Meilen an seiner breitesten Stelle. Ein kleiner Ort. Aber ein großartiger Platz, um aufzuwachsen..." Seine Stimme verlor sich. Sie wusste, warum.

"Samantha ist irgendwo aufgewachsen, Mulder," sagte sie und streichelte ihm sanft übers Haar. "Sie ist da draußen. Vielleicht hast du sie wirklich gesehen."

"Ich weiß nicht," erwiderte er mit dem tiefen Schmerz in seinen Augen, den sie so gut kannte. "Vielleicht werde ich es nie wissen. Mit dem bisschen, was ich in der letzten Zeit getan habe, um sie zu finden, habe ich es nicht verdient, es zu wissen."

"Doch, das hast du," sagte sie. Sie beugte sich herab und küßte ihn zärtlich. "Und du wirst es wissen, eines Tages. Es wird nicht immer so sein."

"Ich werde weiter daran glauben," antwortete er und umarmte sie ein wenig fester. Lange Zeit saßen sie so, blickten schweigend auf das Wasser und fühlten sich beieinander wohl in einer Art, wie sie es seit Dezember nicht mehr getan hatten. Schließlich drehte sich Mulder zu ihr um. "Okay Scully, gib es auf," sagte er, aber seine Stimme war weich. "Du hast mich aus einem bestimmten Grund zum Essen gebeten und ich bin auch aus einem bestimmten Grund hier, denke ich."

"Natürlich," erwiderte sie und fuhr ihm durchs Haar. "Du bist hier, weil ich dich hier haben möchte."

"Danke, aber ich war auf etwas mehr zielorientiertes aus," meinte er und umschlang ihre Taille. "Komm schon, du weißt, dass ich es aus dir herausprügeln werde, wenn ich es muss."

"Ich würde es nicht versuchen, wenn ich du wäre, Mulder," sagte sie neckend. "Ich könnte dir ganz schön schwer zu schaffen machen, wenn ich es müsste. Vielleicht würde ich sogar wieder auf dich schießen."

"Oh, Sie jagen mir Angst ein, Agent Scully," erwiderte er, dann wurde er wieder ernst. "Ich meine es ernst, Scully: spuck es aus. Keinen Mist mehr.  Du hältst mit irgendetwas hinter dem Berg." Er hielt inne, um ihr Zeit zum Antworten zu geben, aber sie tat es nicht.

"Scully," sagte er, etwas leiser. "Ist es das, worüber wir letzte Nacht geredet haben?"

Sie nickte.

"Möchtest du noch mehr darüber reden?"

"Nein." Wieder schwieg sie. "Ich meine, ja, ich... ich denke, ich muss es.

Aber ich habe Angst, Mulder."

"Ich weiß." Er streichelte ihren Rücken, langsam und beruhigend. "Und du weißt, dass du nicht darüber reden musst, wenn du nicht wirklich dazu bereit bist. Wie du schon vorher bemerkt hast, ich bin dein Partner und nicht dein Psychologe."

"Aber ich muss es," sagte sie und sah zu ihm herab. ""Ich weiß das. Ich weiß, da ist irgendetwas und ich fange an zu glauben, dass ich weiß, was es ist." Sie schauderte. "Wenn ich Recht habe... nun, dann wird es eine der schlimmsten Nächte meines Lebens."

"Das könnte sein," erwiderte er sanft. "Deshalb sage ich dir - du musst es nicht tun."

"Doch, ich muss," meinte sie. Langsam ließ sie sich in seinen Schoß gleiten. "Du musst zwei Dinge für mich tun, Mulder."

"Okay," antwortete er. "Was ist das erste?"

"Küss mich hart," flüsterte sie und schlang ihre Arme um seinen Hals.

"Das kann ich tun," sagte er in einer tiefen Stimme. Er legte einen Arm um ihre Schulter, ließ den anderen um ihre Taille liegen und zog sie fester an sich, seine Lippen trafen ihre zu einem heftigen Kuss.

Dana öffnete ihren Mund für ihn und fühlte, wie seine Zunge in ihren Mund glitt und jeden Zentimeter von ihr auskostete. Es war intensiv und einladend und für einen Moment gab sie sich dem Gedanken hin, wie wundervoll es sein würde, es einfach so weiterlaufen zu lassen, ihr und sein Verlangen wachsen zu lassen, bis sie alle Vorsicht verloren und zusammen auf das Bett fielen...

Aber das würde nicht gehen und sie wusste es. Nichts hatte sich wirklich geändert, noch nicht; wenn sie die Dinge weitergehen ließ, würden sie wahrscheinlich genauso schlimm enden wie zwei Nächte zuvor und das würde sie zerstören. Widerwillig brach sie den Kuss ab, lehnte ihre Stirn gegen seine und gab ihnen beiden Zeit, ihren Atem wieder zu beruhigen.

"Was ist das zweite?" murmelte er und drückte seine Lippen in ihr Haar.

Scully schloss ihre Augen und atmete tief ein, um sich zu beruhigen. "Bevor ich es dir sage, möchte ich, dass du weißt..." begann sie, dann schnürte die Furcht ihr die Worte ab. Mulder sagte nichts, hielt sie einfach nur fest und ließ sie die Worte auf ihre eigene Weise finden.

Sie konnte nicht reden, nach all dieser Vorbereitung und dem Forschen in ihrer Seele konnte sie den Mund nicht auftun, konnte sie die Worte nicht herausbringen.

Ohne Vorwarnung brach sie in Tränen aus, barg ihr Gesicht an seiner Schulter und weinte laut schluchzend, ihre Hände krallten sich so fest in sein Hemd, dass es aussah, als würde es zerreißen. Er hielt sie fest und wartete, dass der Sturm nachließ.

"Es tut mir leid," sagte sie, als sie sich endlich ein wenig beruhigt hatte, aber ihr Atem stockte ihr immer noch in der Kehle. "Ich will mit dir reden. Ich meinte es, deshalb habe ich dich zum Essen eingeladen."

"Ich gehe nirgendwo hin," erwiderte er ruhig. "Lass dir Zeit. Ich verstehe das."

"Niemand versteht das," flüsterte Scully.

"Das ist nicht wahr," entgegnete er.

"Doch, das ist es," beharrte sie. "Niemand. Nicht einmal meine Mom."

"Erzähl mir, was geschehen ist," forderte er sie auf. "Sieh, ob ich es nicht verstehe. In Ordnung?"

"Aber ich weiß nicht wirklich, was passiert ist," sagte sie schniefend.  "Ich erinnere mich nur an jene Nacht, als wir zuletzt hier waren, ich war verletzt und dachte, ich würde sterben. Nacht für Nacht träume ich davon.  Ich kann sogar den Schmutz unter dem Haus riechen, ich wache schreiend auf und meine Hände schmerzen. Ich möchte so gern eine einzige Nacht schlafen, ohne mich zu erinnern."

"Ich bin sicher, das wirst du," erwiderte er und umarmte sie fester. "Es ist schlimm, nicht schlafen zu können."

Scully presste ihr Gesicht enger an ihn. "Mulder," sagte sie in einem beschämten Flüstern. "Ich habe Angst. Ich habe jeden Tag jede Minute Angst.  Ich wache nachts auf und denke, ich höre jemanden einbrechen. Ich habe angefangen, mit meiner Waffe zu schlafen. Ich gehe nirgendwo mehr hin, wo ich sie vielleicht ablegen muss, keine Gefängnisse, keine Gerichtssäle, wenn ich es vermeiden kann. Ich habe Angst, ohne sie zu sein. Und ich habe noch mehr Angst..." Da hielt sie inne und schnitt sich selbst das Wort mittendrin ab.

"Angst, sie um dich zu haben?" fragte Mulder sehr sanft. "Angst, dass du sie vielleicht benutzt?"

Sie nickte und sah ihn nicht an.

"Scully, sieh mich an," bat er. Er legte zwei Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht an. "Ich weiß, was du durchmachst. Ich war auch schon soweit, hab meine Waffe in der Hand gehabt und versucht, den Mut aufzubringen, sie mir in den Mund zu stecken und abzudrücken. Das ist ein schlechter Ort, um dort zu sein, der schlimmste, den es gibt, und du wirst heute Nacht nicht dort hingehen."

"Du warst niemals so," entgegnete sie kopfschüttelnd. "Niemals. Du warst immer in der Lage, alles zusammenzuhalten und weiterzumachen. Nicht so wie das."

"Ich wünschte, das wäre wahr," sagte er und er lächelte, ein Lächeln, gleichzeitig so liebenswert und so traurig, dass es an Scullys Herz riss, obwohl sie nicht verstehen konnte warum. "Was meinst du damit?" fragte sie sanft.

"Ich habe dir gesagt, ich war auch schon da," antwortete er leise. "Ich war genau da, wo du jetzt bist. Ich kann dir genau sagen, was du jetzt durchmachst: die Alpträume, die emotionale Taubheit, das Gefühl, unzulänglich zu arbeiten, sich selbst anzuzweifeln, von Fehlern besessen zu sein, beim geringsten Anlass zusammenzufahren... soll ich weitermachen?"

"Nein," erwiderte sie und er konnte die Tränen hören, die durchzubrechen drohten. "Nein Mulder, das ist genug."

Einen Moment hielt er sie fester. "Ich werde nichts weiter sagen, wenn du es nicht willst," sagte er. "Aber manchmal hilft es einfach nur zu wissen, was es ist, dass du nicht die einzige bist und dass du etwas dagegen tun kannst. Es gibt einen Namen dafür, das weißt du."

"Ich denke, ich weiß, was es ist," flüsterte sie. "Oder jedenfalls, was du denkst, was es ist."

"Und du willst mir sagen, dass es eine medizinische Diagnose ist, für die ich nicht qualifiziert bin, um sie zu stellen," meinte er, sie zärtlich neckend. "Ich weiß, wie das geht."

"Du bist nicht der Doktor," sagte sie, sah ihn an und versuchte, zu lächeln. "Ich kann dich nicht in meinem Revier wildern lassen."

"Warum sagst du mir dann nicht, was du glaubst, was es ist?" fragte er und seine Finger strichen zärtlich durch ihr Haar. "Auf diese Art wird es offiziell."

Sie schüttelte den Kopf. "Ich kann nicht. Ich will nicht, dass bei mir eine... Geisteskrankheit diagnostiziert wird. Nicht einmal durch mich selbst."

"Ich würde mehr dazu neigen, es eine extreme emotionale Reaktion zu nennen.," sagte Mulder weich. "Es ist keine angeborene geistige Krankheit, Dana; du reagierst nur auf aufgebauten Stress, von dem du nicht weißt, wie du damit umgehen sollst."

"Und Erinnerungen, an die ich mich nicht erinnern will," fügte sie mit einem Schaudern hinzu.

"Ja. Aber du erinnerst dich, nicht wahr." Das war keine Frage.

Dana nickte. "Das tue ich. Und ich weiß, was mit mir los ist."

"Erzähl mir, was du glaubst," bat er und umfasste sie fester, um ihr Mut zu machen.

Es folgte ein langes Schweigen; Mulder spürte, wie sich ihre Hände an ihn klammerten und er fühlte die warme Nässe ihrer Tränen, die in sein Hemd drang. Er wollte irgendetwas sagen, um sie zu ermutigen, aber im Augenblick fiel ihm überhaupt nichts ein und so hielt er sie einfach nur fest.

Dann hörte er Scully irgendetwas sagen, aber so leise, dass er sie nicht verstehen konnte. "Was hast du gerade gesagt, Scully?" fragte er.

"Ich sagte, es ist posttraumatisches Stresssyndrom," wiederholte sie, kaum mehr als ein Flüstern. Sie blickte zu ihm auf und er sah, dass sie wieder weinte. "Das ist es, nicht wahr?"

"Ja, ich glaube, das ist es," bestätigte er sanft. "Du scheinst alle wichtigen Symptome zu haben: Alpträume, Flashbacks, Umgehungsverhalten - und Wut. Aber es ist nichts, weswegen du dich schämen musst, Scully; PTS ist eine Berufskrankheit bei den Gesetzeshütern."

"Mulder, ich weiß das," entgegnete sie und wischte sich die Tränen fort.

"Ich meine, intellektuell weiß ich das. Aber..."

"Das weiß ich auch," sagte er sehr leise. "Und nicht nur intellektuell.

Aber ich denke, du wusstest das vielleicht schon."

Scully sagte nichts.

"Scully," meinte er leise. "Du musst es gewusst haben."

"Nicht mit Bestimmtheit," flüsterte sie.

"Vielleicht wolltest du es nur nicht wissen, weder von dir noch von mir," sagte er, aber da war keine Anklage in seiner Stimme, nur Mitleid. "Ich kann dir das nicht vorwerfen, nicht wenn du so deswegen empfindest."

"Nein, das ist es nicht," hielt sie ihm hartnäckig entgegen. "Bitte glaub mir. Ich habe es gesehen. Ich bin kein Psychiater, Mulder, aber wir haben so viel Zeit miteinander verbracht, dass es nicht schwer war zu sehen, dass irgendetwas nicht stimmte."

"Und du warst dir nicht sicher, ob du damit umgehen wolltest," sagte er.

"Wie ich schon sagte, ich werfe dir das nicht vor."

"Nein, Mulder," erwiderte sie und schüttelte heftig den Kopf. "Das war nicht der wahre Grund. Du warst immer so stark, immer da für mich, immer in der Lage weiterzumachen, sogar wenn du innerlich verblutetest, so dass ich entschied, dass ich unrecht hatte, dass ich es missverstand."

"Jeder kann eine Weile weitermachen, Scully," meinte er. "Aber zur Genesung gehört mehr, als nur durch den Tag zu kommen."

"Als da wäre..."

"Es verschinden lassen. Aber du musst zuerst verstehen, woher das alles kommt, bevor du das tun kannst," erklärte Mulder und strich ihr das Haar aus ihrem tränenüberströmten Gesicht. "Ich habe viel Zeit gebraucht, um das zu tun. Ich arbeite immer noch daran."

"Aber du wusstest, woher es kam," sagte sie. "Samantha."

"Nicht nur," erwiderte er. Seine Stimme war gleichbleibend, aber sie hörte eine Spur von Anspannung, von Scham, die sie zuvor nicht bei ihm gehört hatte.

"Ist da noch etwas anderes, Mulder?" fragte sie.

Er nickte. "Ja, da ist noch etwas."

"Aber du kannst es nicht sagen?"

Er lachte humorlos. "Ich weiß nicht, ich habe es nie versucht."

"Du hast es nie jemandem erzählt? Nicht einmal mir?"

Mulder schüttelte den Kopf. "Niemandem."

Einen Moment lang dachte sie nach und erinnerte sich an alles, was sie über Mulder wusste, was ihn über die Jahre vorangetrieben hatte. Der Verlust von Samantha , der so weit, so mächtig und alles verschlingend war, dass er ihn blind für alles andere zu machen schien... Nein. Das war nicht richtig. Er wollte die Wahrheit über alles, nicht nur über Samantha. Er wollte sie so sehr, dass er einen Quacksalber Löcher in seinen Schädel bohren und sich von ihm in einer ungeprüften, unbewiesenen Therapie zum Zurückholen von Erinnerungen gefährliche Medikamente verabreichen ließ. Es hatte funktioniert, bis zu einem gewissen Grad, es hatte Erinnerungen in ihm geweckt, die ihn nicht trösteten, sondern nur quälten.

Nach dieser ‚Therapie' war er zu seiner Mutter gegangen und hatte sie angefleht, ihm zu sagen, was die Wahrheit war und was nicht. Hatten sie wirklich ihn gewollt und nicht Samantha? Hatte sie seinen Vater betrogen mit... dem Raucher?

Das nächste Mal, als Scully ihn gesehen hatte, war er halb wahnsinnig gewesen, mit einer Waffe in der Hand und einem Bluterguss in Gesicht in der Form der Hand seiner Mutter. Und während sie sich erinnerte, wusste sie, was er ihr nicht erzählt hatte.

"Sie hat dich misshandelt," flüsterte sie. "Deine eigene Mutter."

Das traf ihn schwer, obwohl sie wusste, dass er es erwartet hatte. Seine Augen schlossen sich rasch und er wich zurück wie von einem Schlag und wandte sein Gesicht ab. Langsam und behutsam setzte sie sich auf und legte ihre Arme um ihn und fühlte seine Arme, die sich um sie legten, als sie Trost suchten und ihn gleichzeitig gaben.

"Ich habe es nie jemandem erzählt," sagte er schließlich mit einem zittrigen Lachen. "Ich bin immer noch nicht sicher, dass ich es kann.  Sprich von nicht verarbeiteten Erlebnissen..."

"Dann hatte ich Recht, oder?" fragte sie und streichelte mit einer Hand vorsichtig und liebevoll seinen Rücken. "Du warst ein geprügeltes Kind."

Er nickte - kaum merklich.

"Woher wusstest du es?" fragte er und sie konnte die Schuld und die Scham in seiner Stimme hören; der Klang des Misshandlungsopfers, das niemals wirklich glauben kann, die Misshandlung wäre nicht irgendwie verdient. Mrs.  Mulder, dachte sie, ich würde Sie gern auf der Stelle umbringen, wenn es nicht die Hoffnung gäbe, die er hat, dass sie ihn eines Tages lieben werden.

"Man sieht es nicht," erwiderte sie. "Ich glaube nicht, dass es irgendjemand vermuten würde, es sei denn er würde dich so gut kennen wie ich."

"Das tut niemand," sagte er und umarmte sie fester. "Du bist meine eine unter fünf Milliarden, Scully."

"Das sagtest du mir," entgegnete sie und streckte ihre Hand aus, um ihm die Haare, die ihm über die Augen fielen, fortzuschieben. "Und ich glaube es dir. Aber ich habe schon seit langer Zeit gewusst, dass du leidest; ich kannte nur nicht alle Gründe dafür."

"Genauso wie ich weiß, dass du leidest und ich bin nicht ganz sicher, warum," sagte er. "Scully, ich will nicht, dass diese Dinge länger zwischen uns stehen. Ich kann so nicht arbeiten. Ich glaube nicht einmal, dass ich damit leben kann."

"Ich will nicht, dass irgendetwas zwischen uns steht, Mulder," antwortete sie. "Aber wenn das zu schwer für dich ist..."

Er schüttelte den Kopf. "Nicht schwerer als für dich." Einen Moment umarmte er sie noch ein bisschen fester, dann seufzte er. "Vielleicht ist es Zeit.  Und vielleicht, wenn ich es tun kann, dann kannst du es auch.

 

 

 

Mulder erzählte es stockend, jedes Wort kostete ihn deutlich große Qualen.  Aber er hielt sich an ihr fest, während er erzählte und stärkte sich selbst und sie mit seinen starken Armen.

 

 

 

Das wichtigste ist, sagte er, dass es nicht an dem Tag begann, an dem Samantha verschwand. Jahrelang hatte es Auseinandersetzungen und explosive emotionale Szenen zwischen seinem Vater und seiner Mutter und einem Mann, den er nicht kannte, der aber immer nach Zigarettenrauch roch, gegeben.

Er hatte vage Erinnerungen an diesen Mann, der ihn angeschrieen und fortgescheucht hatte, an seinen Vater, der seine Mutter schlug, an sich selbst und an Samantha, wie sie sich verkrochen, um sich hinter verschlossenen Türen zu verbergen und ihre Qualen zu teilen und sich gegenseitig Trost zuzuflüstern.

Der Tag, an dem Samantha entführt wurde - der 27. November 1973, dieses Datum war für immer in seine Erinnerung gebrannt - war der Tag, an dem es begann, entsetzlich zu werden.

Er war dabei gewesen, als sie entführt wurde, aber er war erstarrt, unfähig zu handeln. Er hatte versucht, den Revolver seines Vaters zu erreichen, ihn aber auf den Boden geworfen und die Munition überall verteilt. Er erstarrte. Er konnte ihr nicht helfen. Sie war fort.

Fox Mulder hatte an diesem Tag mehr als seine Schwester verloren. Er hatte den einzigen Menschen verloren, der ihn je verstanden oder zu ihm aufgeschaut oder das Leben überhaupt mit ihn geteilt hatte. Schlimmer noch, er verlor seine Kindheit und die Liebe seiner Eltern - vor allem die seiner Mutter, die ihn irgendwie dafür verantwortlich machte. Manchmal schweigend, manchmal laut, aber immer, mit jedem Blick, jeder Linie ihres Körpers machte sie ihm sein Versagen deutlich.

Du hast sie Samantha entführen lassen. Du solltest sie beschützen. Du hast sie sie entführen lassen.

Nichts was er tat, war jemals gut genug für seine Mutter nach all dem. Was immer er falsch machte, Samantha hätte es richtig gemacht. Sie wäre niemals so undankbar, so faul, so dumm und so plump gewesen, wie er es war.

Seine Zensuren rutschten von ihren gewöhnlich Achtung gebietenden Höhen auf das ‚Gentlemen's C'-Niveau und er begann, sich im Klassenraum daneben zu benehmen und wurde der Clown der Grundschule von Chilmark. Das brachte ihm eine scharfe Rüge seiner Mutter ein. "Samantha hatte nie in ihrem Leben weniger als ein A, und so jung wie sie war, sie wusste sich zu benehmen," erklärte ihm seine Mutter kalt. "Wenn ich schon eines meiner Kinder verlieren musste, dann ist es eine Schande, dass es das sein musste, das mich niemals enttäuscht hat."

Das tat weh, aber Fox stritt sich nicht. Seine Mutter hatte Recht: es war seine Schuld. Er drehte sich um, überwältigt von Scham, und ging in sein Zimmer, wo er die nächsten drei Stunden weinend zusammengesunken in der Ecke seiner Toilette verbrachte und sich bemühte, kein Geräusch zu machen, so dass niemand ihn hören konnte.

Sein Vater tat nichts, versank nur tiefer in seinen Schnapsflaschen und versteckte sich vor der Agonie seines Sohnes und der Kälte und dem Tadel seiner Frau. Die Mulder-Familie lebte in fast vollkommenem Schweigen; Tage, sogar Wochen vergingen, in denen weder der Vater noch die Mutter mit dem Jungen sprachen oder antworteten, wenn er redete.

Einmal, durch das Schweigen seiner Mutter zur Verzweiflung getrieben, war Fox auf die Knie gefallen und hatte sie laut schluchzend angefleht, etwas zu sagen, irgendetwas. Sie hatte ihn mit purer Missachtung angesehen.  "Sissy," sagte sie und ging davon.

Das war alles. Ihn direkt zu töten, wäre vergleichsweise barmherzig gewesen.

Als seine Zensuren bis zum D fielen, wurden aus den Worten Schläge, aber der Junge hieß die physische Misshandlung beinahe willkommen als Erlösung von dem weitaus tödlicheren Schmerz, ignoriert und ungeliebt zu sein.

Er war allein gewesen, unfähig zu vertrauen, unfähig die Dämonen zurückzukämpfen, die ihn beherrschten, konnte nirgendwo hingehen, niemandem trauen, eingehüllt von der Wut, am Schlaf gehindert durch ununterbrochene Alpträume. Er wollte sie zurückschlagen, sie dafür bestrafen, dass sie ihn dazu brachte, wie ein Baby zu schreien und dann hasste er sich selbst dafür, auch nur daran gedacht zu haben, seine eigene Mutter zu schlagen.

Aber da war niemand, dem er es erzählen konnte.

Sein Vater verschwand und die physische Bestrafung ließ ein wenig nach, der Gürtel war in den Schrank gehängt worden, eine ständige Bedrohung, aber selten benutzt. Er hatte immer noch die schmerzenden Schläge ins Gesicht zu fürchten, die ohne große Vorwarnung kommen konnten und ihm wenig sagten, wogegen er verstoßen hatte, und wie immer die endlose Kälte und den schweigenden Tadel.

Sie erlaubte ihm niemals, von seinem Vater oder seiner Schwester zu sprechen. Manche Dinge, sagte sie ihm, vergaß man besser. Er nahm den Rat seiner Mutter an: er vergaß, so gut er konnte, alle Ereignisse, die seine Familie zerstört und ihm seine Kindheit geraubt hatten. Im folgenden September, einen Monat vor seinem 13. Geburtstag schickte sie ihn fort auf die St. Albans Akademie auf dem Festland. Es war eine Flucht, es war auch ein Exil und vollkommene Ablehnung.

Verzweifelt darum bemüht, ihre Zustimmung zu gewinnen, strengte er sich in der Schule an, trieb sich selbst an, immer mehr und mehr zu erreichen, in der Klasse, auf dem Spielfeld. Jede Zensur unterhalb von A+ brachte ihn fast zum Selbstmord. Er wartete auf den Tag, an dem sie sehen würde, was er getan hatte, an dem sie erkennen würde, dass er es wirklich verdiente, zu leben - auch wenn es seine Schwester nicht hatte.

Es bedeutete gar nichts. Die perfekten Zeugnisse, die Sporttrophäen, sogar das mögliche Rhodos-Stipendium wurden zurückgewiesen als ‚nichts weiter, als du hättest tun sollen'. Es war ihm nicht erlaubt, seine Leistungen gegenüber irgendjemandem auch nur zu erwähnen; das, so erklärte sie ihm, war ‚angeben mit sich selbst' und das war unschicklich.

Mit der Zeit wurde Fox Mulder erwachsen, aber innerlich blieb er der Junge, der er gewesen war, ein ständiger Gefangener des Schweigens seiner Mutter.

Später, in der Therapie, begann er sich zu erinnern an all das, was an dem Tag passiert war, als Samantha entführt wurde. Sie zu finden wurde sein Lebensziel, und er verfolgte es hart mit nichts als seinen fragmentarischen Erinnerungen, um ihn zu leiten. Er erzählte Samanthas Geschichte einer Menge von Leuten, sowohl Gläubigen als auch Skeptikern.

Aber die Geschichte seines Lebens ohne sie, die erzählte er niemandem.

 

 

 

"Nicht bis jetzt, jedenfalls," meinte er, als er fertig war.

Scully sagte nichts.

Was hast du erwartet? fragte er sich. Applaus?

Dann fühlte er, wie sich ihre schlanken Arme fester um ihn schlangen und zu seinem Erstaunen begann sie, zu weinen. Sie weinte bis es schien, dass da keine Tränen mehr sein konnten und doch waren da immer noch welche und sie weinte weiter, wie es schien für immer.

Sie zitterte und schauderte und er erhob sich und führte sie zum Bett und deckte sie mit der Decke zu, wie er es in dieser lang zurückliegenden Nacht getan hatte, aber diesmal legte er sich neben sie. Er hielt sie zärtlich fest, fest genug, um sie zu trösten und lose genug, damit sie sich nicht gefangen fühlte.

Schließlich wurde sie still und sie lag mit dem Kopf auf seiner Brust und lauschte seinem Herzschlag, ließ sich von dem Rhythmus beruhigen und sie von der Welt fort an einen Ort tragen, an dem niemand lebte oder sich bewegte, als er und sie und sie waren genug.

Es konnten Stunden gewesen sein oder einfach nur Minuten, bevor sie sich wieder rührte. Sie legte ihre Hände zärtlich auf seine Oberarme, beugte sich über ihn und küßte ihn, ein keuscher Kuss voller Liebe und Dankbarkeit, ohne Leidenschaft. Er erwiderte den Kuss in derselben Weise, mit ein wenig Druck hielt er seine Lippen an ihre gedrückt, zu ihrem und zu seinem Trost.

Nach einem langen Moment beendeten sie den Kuss und er lehnte seine Stirn gegen ihre.

"Es tut mir so leid, dass dir das passiert ist," flüsterte sie. "Ich kann nicht glauben, dass du das die ganze Zeit für dich behalten hast."

"Es für sich zu behalten, war vielleicht nicht die beste Idee," stimmte er zu. "Aber es ist nicht leicht, es zuzugeben."

"Du hast es vorher nie jemandem erzählt?"

Er schüttelte den Kopf. "Nein. Nicht einmal meinem Therapeuten."

"Wie konntest du es ihm verschweigen?" fragte sie. "Wie konnte er nicht erkennen, dass irgendetwas nicht stimmte?"

"Er war an nichts anderem als an Samanthas Entführung interessiert," erklärte er. "Als er das einmal von mir erfahren hatte, forschte er nicht weiter. Und ich bot mich ihm nicht an."

"Aber er diagnostizierte PTS," stellte sie fest.

"Ja. Keine schwierige Diagnose, genaugenommen," meinte er mit einem Hauch von Lächeln auf den Lippen.

"Nein," erwiderte sie. "Überhaupt nicht schwierig." Sie schluckte schwer.

"Für dich... oder für mich."

"Es ist jetzt besser, obwohl es nie wirklich vorbei war," sagte er. "Aber Scully, du hast noch nicht einmal damit begonnen, dich damit zu beschäftigen. Du bist jetzt im schlimmsten Stadium."

"Halt mich einen Moment," flüsterte sie und er umarmte sie fester und spürte, wie sie ihr Gesicht an seinen Hals kuschelte. Aus Gründen, von denen er glaubte, dass er sie niemals verstehen würde, war das die Stelle, wo sie ihn immer berührte, wenn sie Trost suchte. Nicht dass er etwas dagegen hätte - es fühlte sich gut an, erotisch und beinahe väterlich zugleich.

Dennoch war sie angespannt, ihre Nerven waren zum Zerreisen gespannt und einen Moment wollte er, dass sie aufhörte, wollte er ihr sagen, dass er sich geirrt hatte, dass es nichts zu erinnern gab, dass da nichts lauerte, um ihr den Verstand zu rauben... aber es wäre eine Lüge und sie würde es wissen. Er konnte ihr das nicht antun. Er würde Wort halten, egal was passierte. Sie würden beide darunter leiden, aber er würde ihr Vertrauen nicht enttäuschen, nicht noch einmal.

Er war so tief in seine eigenen Gedanken versunken, dass er zusammenzuckte, als sie schließlich wieder sprach. "Mulder," flüsterte sie. "Ich weiß, was es dich gekostet hat, mir das zu erzählen, was du gerade getan hast und ich weiß, dass du es getan hast, um mir den Mut zu geben, mich meinen eigenen Alpträumen zu stellen. Und ich bin dir mehr dankbar, als ich sagen kann." Sie schwieg, aber er spürte, dass sie noch nicht fertig war.

Im nächsten Moment sprach sie wieder, flüsternd, so dass er sie kaum hören konnte. "Jetzt," so sagte sie, "zu der zweiten Sache, von der ich sagte, dass du sie für mich tun musst. Du musst mir helfen, mich daran zu erinnern, was Alex Krycek mit mir gemacht hat."

 

 

ACHTUNG! Dieser Teil ist möglicherweise bestürzend durch die implizierte sexuelle Gewalt. Handelt nach eigenem Ermessen.

 

Sogar im Schlaf fällt Schmerz, der nicht vergessen werden kann, Tropfen für Tropfen auf das Herz, bis, zu unserer eigenen Verzweiflung, gegen unseren Willen die Einsicht kommt durch die furchtbare Anmut Gottes.

Aischylos

 

Kapitel 14

Und von nun an, dachte Mulder völlig ruhig, leben wir mit offenen Augen in einer Welt aus ‚Bevor es passierte' und ‚Nachdem es passierte'. Und ich habe damit so lange gelebt, mit dem Tod einer Liebe und dem Verlust von allem, von dem ich so lange geträumt hatte, alles verwickelt mit dem Verlust eines kleinen Mädchens, eines kleinen Mädchens, das so endgültig und für immer verschwand.

Es lag kein Schmerz in der Erkenntnis, nur das fürchterliche, trostlose Gefühl des Versagens, mit dem er so lange gelebt hatte.

Wenigstens ist es vertraut, dachte er, ich kann damit umgehen. Aber dann explodierte die ganze Brutalität dessen, was sie gesagt hatte, in seinem Hirn, riss die schützende Taubheit um seine Gefühle fort und er wusste, dass er nie einen Schmerz wie diesen gefühlt hatte, niemals.

Seine Arme schlossen sich ganz fest um sie und sie klammerte sich ebenso wild an ihn und sie wusste, dass er nur noch eine Minute länger mit ihr in einer Welt brauchte, wo diese schreckliche Wahrheit immer noch unerinnert war, wo sie nicht existierte, wo nichts und niemand je einen von ihnen verletzt hatte.

Scully ließ ihn zuerst los, umarmte ihn aber weiter leicht. Nach einem langen Moment lockerte er seinen festen Griff und zwang sich, ruhig zu atmen, bis er ihr wieder in die Augen sehen konnte.

Noch einmal atmete er tief ein und dann nahm er zärtlich ihr Gesicht in seine Hände. "Wie möchtest du es tun?" flüsterte er, seinen Mut zusammennehmend. "Möchtest du, dass ich dir erzähle, was passiert ist?"

Scully biss sich auf die Lippen, ihr Blick flatterte nervös umher wie der eines Vogels. "Nein," erwiderte sie. "Obwohl es der leichtere Weg wäre, nehme ich an, wenn du dich wirklich an alles erinnerst."

"Ich kann nicht sicher sein, aber ich denke, ich tue es," meinte er und schloss die Augen. "Ich glaube nur nicht, dass du es tust, jedenfalls nicht bis zu den letzten Tagen."

"Ich erinnere mich nicht an alles," erklärte sie und schauderte. "Etwas davon. Nichts davon sehr deutlich. Aber ich muss - ich muss mich selbst an alles erinnern. Ich brauche dich, um herauszufinden, welcher Teil real ist und welcher nicht."

"In Ordnung," stimmte er nickend zu und küßte sie zärtlich. "Lass uns besser aufstehen," sagte er und strich ihr mit der Hand übers Gesicht.  "Dieses Bett ist vielleicht nicht der beste Ort, um das zu machen."

"Hier möchte ich sein," antwortete sie und legte ihre Hand über seine. "Ich mag es, hier so mit dir zu liegen, Mulder. Ich möchte, dass du mich hältst."

"Es gibt nichts, was ich lieber täte," meinte er. "Aber wenn du dich wirklich erinnerst..."

"Das tue ich," unterbrach sie ihn. "Und es ist nicht wichtig. Nichts davon ist wichtig." Dana hielt inne und sah die Zweifel in seinen Augen. "Vertrau mir," bat sie leiser. "Bitte."

Noch immer zögerte er und knabberte an seiner Unterlippe, aber schließlich nickte er widerwillig, zog sie enger an sich und legte ihren Kopf unter sein Kinn. "Ich werde improvisieren," sagte er entschuldigend. "Das ist...  neu."

"Für uns beide," erwiderte sie mit einem zaghaften Lachen. "Ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen soll."

Einen Moment dachte er nach. "Erzähl mir, woran du dich erinnerst..." Er stockte und sie umarmte ihn fester in dem Versuch, ihm Unterstützung zu geben.

"Mach weiter," flüsterte sie.

Mulder nickte und atmete rasselnd ein. "Erzähl mir, an was du dich über Krycek erinnerst - nachdem er auf dich geschossen hat."

"Nachdem ich aufgewacht bin?" fragte sie und zitterte trotz der Wärme seiner Umarmung. "Ist es das, was du meinst?"

"Das meine ich," erwiderte Mulder. "Wo warst du, als du zu dir kamst?"

Scully dachte angestrengt nach. Konzentrier dich, sagte sie sich und presste sich enger an ihn. Denk nach. Du kannst nachdenken. Du kannst das tun. Da war ein Schuss und du hast deine Waffe gesenkt und dann hat Mulder geschossen... irgendjemand hat mich getreten... was war dann? Was... wo war ich als nächstes?

"In einem Schlafzimmer," sagte sie erschrocken. "Wir lagen... auf einem Bett. Wir beide. Und er war da."

Mulder nickte. "Ja," bestätigte er sehr leise. "Du erinnerst dich. Wir lagen dort, wir beide, und er war da..."

"Ich kann mich nicht erinnern, wie wir dahin gekommen sind," sagte Scully kopfschüttelnd und zog verärgert eine Augenbraue hoch. "Ich erinnere mich nicht... irgendjemand hat uns getragen, oder wir lagen auf einer Trage...  ich glaube, da war ein dunkler Durchgang." Sie blickte zu Mulder auf. "War es so?"

"Ich weiß nicht," antwortete er. "Das klingt richtig, aber ich erinnere mich nicht an diesen Teil. Woran ich mich erinnere, ist aufzuwachen und Krycek zu sehen..."

"Der über mir stand," sagte Scully und ein Schauer lief ihr über den Rücken. "Ich weiß. Aber ich weiß nicht, was er vorher getan hat. Er hat irgendetwas gemacht, denn als ich aufwachte, wusste ich es... aber ich begann zu vergessen, was es war, beinahe sofort. Ich weiß... ich weiß, dass mir kalt und übel war."

"Ich weiß auch nicht, was passiert ist," sagte Mulder leise. "Es tut mir leid, Scully. Ich habe das deutliche Gefühl, dass wir vorher schon einmal wach waren, aber darüber hinaus gibt es keine Möglichkeit, sicher zu sein."

"Was du damit sagst," meinte sie in einem dumpfen Ton, "ist, dass wir beide Zeit verloren haben. Wieder."

"Etwas Zeit," sagte Mulder und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. "Nicht viel."

"Mulder, ich will nicht grob sein," entgegnete Scully ein wenig kurz angebunden. "Und wenn ich es bin, dann verzeih mir bitte, aber wenn man dir Wochen deines Lebens genommen hat, ist es schwierig, um nicht zu sagen unmöglich, ruhig zu bleiben, wenn es wieder passiert."

"Du hast Recht," stimmte er ihr sehr leise zu. Ich habe das außer Acht gelassen. Es ist nicht neu für uns, nicht wahr?"

"Nein," sagte sie und die Tränen drohten wiederzukommen. "Das ist es nicht.  Und es macht mich verrückt." Scully lachte humorlos. "Im wahrsten Sinne des Wortes, nehme ich an. Aber ich weiß - und ich weiß nicht, woher ich es weiß, aber ich weiß es - das da etwas war, etwas wichtiges, das vor der Zeit passierte, an die wir uns erinnern können." Plötzlich zuckte sie zusammen, als hätte sie ein Elektroschock durchzuckt. "Oh Gott," stöhnte sie elend auf. "Ich war nackt. Krycek - irgendjemand - hat mir meine Sachen fortgenommen."

Mulder sagte nichts, er sah nach unten, unwillig ihren Blick zu treffen.

"Mulder, bitte," flehte sie und begann wieder zu weinen. "Ich weiß, das ist schwer für dich. Aber wenn du dich genauso daran erinnerst, dann musst du es mir sagen."

"Das ist das, woran ich mich erinnere," sagte er kaum hörbar. Langsam hob er seinen Blick wieder zu ihrem. "Ich erinnere mich daran, dass sich Krycek über dich beugte und du warst nackt und hast geschrieen..."

Geschrieen. Hab ich geschrieen? dachte sie und wischte sich mit einer Hand die Tränen fort. Daran erinnere ich mich nicht. Aber ich bezweifle es auch nicht. Sie kramte wieder in ihrem Gedächtnis, in den dunklen Nebeln, die diese Zeit einhüllten, und lauschte - lauschte auf die Stimmen, die sich durch ihre Alpträume woben nach dieser grauenvollen Nacht.

Ahabs Stimme. Die Stimme eines anderen - beinahe sicher die von Krycek.

Ihre eigene. Und Mulders. Viele Male.

"Du hast auch geschrieen," sagte sie leise. "Ich weiß, dass du es getan hast. Du hast irgendetwas wie ‚lass sie in Ruhe' gesagt."

Mulder biss sich auf die Lippe und nickte langsam." Ich habe geschrieen.  Ich weiß nur nicht genau, was er getan hat, jedenfalls nicht, als wir aufwachten. Danach... es ist noch nicht allzu klar."

"Aber du hast eine sehr gute Vorstellung davon," sagte Scully und neue Tränen liefen ihr über die Wangen. "Du erinnerst dich genug..."

"Ich erinnere mich..." begann Mulder, dann wandte er den Kopf ab. Er biss sich hart auf die Lippe, dann schüttelte er heftig den Kopf. "Gott verdamme diesen Bastard!"

"Mulder..." fing Scully an, dann presste sie ihre Stirn an seine Brust und klammerte sich an seine Oberarme. "Ich erinnere mich an seine Hände. Ich erinnere mich, dass er mich angefasst hat... und da war noch jemand, die Hände von jemand anderem. War da mehr als einer?"

"Ich weiß nicht," sagte Mulder. "Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht.

Nur... Krycek."

Viele Minuten - Scully konnte nicht sagen wielange - lagen sie zitternd da, klammerten sich aneinander und das Wort, das Mulder nicht sagen konnte, das sie nicht sagen konnte, hing zwischen ihnen in der Luft wie eine Wolke Giftgas.

Scully konnte es nicht aussprechen.

Aber sie musste es, oder sie glaubte, nie wieder atmen zu können.

"Hilf mir, Mulder," flüsterte sie und presste sich enger an ihn. "Du musst mir helfen."

"Was soll ich tun?" flüsterte er zurück. "Ich werde tun, was immer ich kann, aber..."

Scully begann zu antworten, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken und sie zitterte wieder und kämpfte die plötzliche Übelkeit nieder, die sie überkam, als sie sich erinnerte. Kryceks Hände... sie selbst, hilflos und entblößt daliegend... Mulder, der kämpfte, um sich zu befreien, seine Handgelenke bluteten, als er sich gegen die Handschellen stemmte.

Da war noch jemand anderes, jemand... jemand nicht annähernd so fürchterlich, aber jemand, der nicht helfen konnte. War es Mulder? War es das, woran sie sich erinnerte?

"Scully?" fragte Mulder und sah den Kampf, den sie durchmachte. "Scully, sag mir, was du möchtest."

Sie packte seine Arme noch fester, so fest, dass Mulder sich ziemlich sicher war, dass er die Abdrücke ihrer Fingernägel für Tage auf seinem Bizeps haben würde... aber er begrüßte den Schmerz beinahe. Er war leichter zu ertragen, als der Schmerz, der als nächstes kam.

Schließlich hob Scully ihren Blick zu ihm und ihr Gesicht, obwohl blass und tränenüberströmt, war entschlossen. Sie hatte ihren Mut wiedergefunden, den Mut, der sie so lange am Leben erhalten hatte, den Mut, der sie beide immer tragen würde. Dessen war er sich sicher.

Aber zuerst mussten sie hier durch.

"Sag es," flüsterte sie. "Mulder, du musst es sagen, weil ich es nicht kann."

"Sagen, was ich denke, was passiert ist?" fragte Mulder und spürte einen Kloß in seinem Hals, so mächtig, dass er kaum die Worte herausbrachte. "Ist es das, was du willst?"

"Sag es mir... sag mir, was Krycek getan hat." Sie schloss bei den letzten Worten ihre Augen und lag still da; wartete beinahe geduldig auf den nächsten grausamen Schmerz.

Du kannst ihr diesen Schmerz nicht ersparen, sagte Mulder sich. Aber du kannst versuchen, dich ihrem Mut anzupassen.

"Er hat dich vergewaltigt," sagte Mulder tonlos. "Er tat es, weil du dich geweigert hast, ihm zu sagen, wie wir diese Fabrik gefunden haben. Also habe ich es ihm gesagt - und er tat es trotzdem."

Ein tiefes, wehklagendes Stöhnen drang aus ihrer Kehle und sie brach zusammen, presste ihr Gesicht fest in Mulder s Brust, als ihr Stöhnen in wortlose Schreie überging, die weiter und weiter anhielten, bis sich ihre Kehle anfühlte, als würde sie brennen und sie einfach nicht mehr schreien konnte. Erst dann brach sie in Tränen aus.

Und durch all das hindurch hielt er sie, ohne sich zu rühren, ließ seinen Körper ihre Schreie schlucken, von denen er wusste, dass sie, sogar in ihrer Verzweiflung, nicht wollte, dass sie irgendjemand anderes hörte. Als das Schluchzen in Weinen überging und dann in ein Schniefen, umarmte er sie fester. Sie streckte eine Hand aus, um sein Gesicht zu berühren und fand es nass von seinen Tränen.

"Jetzt erinnere ich mich," flüsterte sie. "Ich erinnere mich, was er getan hat. Er sagte... er sagte, er würde dich umbringen, wenn ich irgendein Geräusch machen würde, dass du sterben würdest, wenn ich nicht kooperiere.  Er ließ mir die Wahl zwischen vergewaltigt werden und dich für immer verlieren."

"Er ließ dich wählen," sagte Mulder nickend mit rauer Stimme. "Aber er ließ mich es auch mit ansehen."

 

 

 

 

 

Niemand wird uns trennen, niemand zerstören

Den Knoten, der ein Fleisch aus zweien macht,

Krank vor Hass, krank vor Pein,

Strangulierend - wann werden wir ermordet sein?

 

Wann werde ich tot sein und befreit

Von dem, was mein Vater falsch gemacht hat?

Wielange, wielange, bis Spaten und Leichenwagen Zum Schlaf betten meiner Mutter Fluch?

‚Die Waliser Märsche'

A. E. Housman

 

Kapitel 15

Stunden waren vergangen. Endlose Tränen, von beiden geweint. Lange Schweigepausen, um den Mut zu sammeln, sich an mehr zu erinnern.

Und dann war alles heraus und es blieb nichts mehr zu verbergen, nie mehr wieder.

"Es tut mir so leid, Mulder," flüsterte sie. "So unendlich leid."

"Es gibt verdammt noch mal gar nichts, was dir leid tun müsste," erwiderte er fest, dann hielt er inne und schluckte schwer. "Ich würde alles auf der Welt geben, wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte, dich nicht dazu gebracht hätte, in diese verdammte Fabrik zu gehen oder wenn ich schon gehen musste, auf das erste, was ich sich bewegen hörte, gefeuert hätte."

"Es hätte sich als ein Hund entpuppen können oder als ein Kind," sagte Scully und wischte zuerst ihre Tränen ab und dann seine. "Du hast getan, was von dir erwartet wurde."

"Nein, das habe ich nicht," verneinte er kopfschüttelnd. "Ich habe meinen Partner nicht vor Schaden bewahrt. Aber Scully, ich hätte es können, ich hätte ihn gleich und auf der Stelle erschießen sollen. Er wusste, wie schwer verletzt du warst, er hatte bereits die Informationen, die er wollte und er hat dir das trotzdem angetan."

"Er hat es auch dir angetan," flüsterte sie. "Sag mir nicht, dass du dadurch nicht traumatisiert wurdest, weil ich es besser weiß." Sie sah ihm wieder in die Augen. "Mulder, hast du mich deswegen verlassen? Um den Erinnerungen zu entgehen?"

"Nein." Wieder schüttelte er den Kopf, entschiedener diesmal. "Niemals deswegen. Ich habe dich nicht freiwillig verlassen, glaub mir. Es gab einen Grund, obwohl du dich augenscheinlich nicht daran erinnerst."

"Sie erstarrte. "Da ist noch mehr?"

"Nur noch eine Sache. Soll ich sie dir erzählen?"

"Werde ich es herausfinden, wenn du es nicht tust?"

"Vielleicht," erwiderte er. "Wahrscheinlich." Er lächelte, nur ein bisschen. "Schließlich bist du eine ziemlich gute Agentin."

"Nun, ich bin kein Fox Mulder," meinte sie, aber ihr Geist forschte bereits nach der fehlenden Wahrheit. Angestrengt dachte sie nach, setzte alles, was passiert war, woran sie sich erinnern konnte und woran nicht, so gut sie konnte zusammen. Irgendetwas anderes, dachte sie, etwas wichtiges, von dem er glaubt, dass ich es wissen muss...

<'Sie könnte jetzt jederzeit sterben,' hatte Ahab in ihrem Traum gesagt.

‚Alles was ich tun muss, ist ein Knopfdruck. Das ist mein kleines Geschenk

für sie.'>

Aber das war nicht Ahab gewesen. Das war Krycek.

Dann sah sie ihm in die Augen und sie wusste es.

"Er hat dir gesagt, dass du mich verlassen sollst," sagte sie. "Er hat gedroht, mir wehzutun, wenn du es nicht machst."

"Dich umzubringen," erwiderte er und sie konnte die Scham in seinen Augen sehen und die Schuld. "Dich hin und wieder zu entführen oder den Chip in deinem Nacken auszuschalten und dich zurückzulassen, um entweder an deinen Verletzungen zu sterben oder den Krebs wieder ausbrechen zu lassen und dich ohne eine Möglichkeit, ihn zu stoppen, zurückzulassen."

Schaudernd erinnerte sie sich an den Schmerz in den Augen all ihrer geliebten Menschen, als sie sich versammelten, um zu sehen, wie sie starb, an die verzerrenden Qualen, die Mulder durchgemacht hatte. Sie hatte sich an ihren eigenen Tod gewöhnt, hatte ihn zuletzt sogar manchmal herbeigesehnt. Es war deren Schmerz, dem sie sich nicht ein zweites Mal stellen konnte.

"Und so hast du zugestimmt, aber wie üblich, hat er dich betrogen; hat uns beide k.o. geschlagen und uns dann unter dieses Haus geworfen, um zu sterben," sagte sie. "Ist es das, was passiert ist?"

"Ja," antwortete er einfach. "Das war es. Aber du bist immer noch hier, was nicht mir zu verdanken ist."

"Es ist alles dir zu verdanken," entgegnete sie verwirrt. "Ich weiß nicht, wie du etwas anderes denken kannst. Ich wäre da unten ertrunken, wenn du nicht gewesen wärst. Ich habe dich niemals für irgendetwas verantwortlich gemacht. Ich tue es auch jetzt nicht."

"Warum hattest du dann in jener Nacht Flashbacks, als wir uns geliebt haben?" fragte er beinahe wütend. "Warum hast du gedacht, es war Krycek, der dich berührt hat anstatt mir, wenn du nicht denkst, dass ich dafür verantwortlich bin, dass ich es passieren lassen habe?"

Uns geliebt? dachte sie.

"Haben wir das gemacht?" fragte sie beinahe neugierig.

"Was?"

"Uns geliebt?"

Und dann lächelte er, ein trauriges, stilles Lächeln. "Das dachte ich," erwiderte er und berührte zart ihre Wange. "Haben wir nicht?"

"Ich weiß nicht," sagte sie reflektierend. "Ich habe es mir nicht so gedacht. Aber ich mag den Gedanken."

"Sich zu lieben?"

"Sich mit Fox Mulder zu lieben," antwortete sie sanft.

Das rührte ihn; sie konnte es an dem halben Lächeln erkennen, das über sein Gesicht wanderte. "Ich mag den Gedanken, mich mit Dana Scully zu lieben," erklärte er zärtlich und küßte sie. "Mir gefällt die Wirklichkeit besser.  Aber wenn ich mehr darüber gewusst hätte, wie schlimm dich das alles mitgenommen hat, dann hätte ich niemals damit begonnen. Er hat gesagt, dass du dich nicht erinnern wirst. Ich hätte wissen müssen, dass er nicht die Wahrheit sagen kann, darüber oder über alles andere."

"Das hatte nichts mit dir zu tun," sagte sie und kuschelte sich wieder an ihn. "Er wusste einfach, wie er uns beide treffen kann und es hat funktioniert. Genau da, wo wir es beide am meisten fürchten. Und ich denke, du weißt, was das für mich ist."

"Die Kontrolle zu verlieren," antwortete er ohne zu zögern. "Mit einer knappen Sekunde, nicht ernst genommen werden."

"Und zu wissen, dass ich überfallen und verletzt wurde, mich aber nicht zu erinnern, wie oder durch wen," fügte sie leise hinzu. "Aber Krycek ist nicht so gut im Erinnerungen ausradieren wie andere, denen wir begegnet sind. Oder vielleicht," überlegte sie langsam, "vielleicht ist er es und er hat gar nicht versucht, meine Erinnerungen vollkommen auszuradieren."

"Du glaubst, Krycek wusste, was er tat?"

"Das hängt davon ab, was Krycek versucht hat zu erreichen," meinte sie gedankenvoll. "Ich denke, wenn er gewollt hätte, dass ich es vergesse, hätte ich es auch getan. Er hat Zugang zu der Technologie. Und wenn er uns beide wirklich traumatisieren wollte, hätte er unsere Erinnerungen überhaupt nicht verändert. Also was er vielleicht tun wollte, war... wie nennt ihr Psychologiegewaltigen das?"

"Wir nennen es jemanden komplett in den Wahnsinn treiben," erwiderte Mulder, aber mit wenig Humor. "Also wenn deine Theorie stimmt, welche Rolle spiele ich dann darin? Was hat er davon, mich wütend genug zu machen, um ihn umzubringen?"

"Vielleicht..." Sie zögerte. "Vielleicht ist es seine Vorstellung von Spaß.

Oder vielleicht hat er uns eine Falle gestellt und Marita hat mitgemischt."

"Nein," entgegnete Mulder entschieden und schüttelte den Kopf. "Er hatte viel zu große Schwierigkeiten herauszufinden, wer uns den Tipp gegeben hat.  Marita ist tot, weil ich sie ans Messer geliefert habe."

"Du hast es für mich getan," sagte sie weich. "Es tut mir leid, Mulder. Ich weiß, du mochtest sie."

"Sie hat mir vertraut," erwiderte er bitter. "Sie hätte es nicht sollen."

"Niemand kann dir vorwerfen, dass du Krycek erzählt hast, was er wissen wollte," meinte Scully. "Aber egal, ob es Betrug war oder ob Krycek wirklich hinter dieser Information her war, es funktioniert zu seinem Vorteil."

"Woran machst du das fest?"

"Weil egal wie, du mich verlässt, nicht zurückkommst und nicht nachsiehst, was immer auch in dieser Fabrik gewesen ist. Er hat dir gezeigt, was er mir antun könnte, also hast du ihm geglaubt, als er sagte, er würde es wieder tun."

Mulder wurde still, so still, dass sie sich ängstigte.

"Wenn das so ist, dann hat er erreicht, was er wollte," sagte Mulder in seinem kontrollierten Ton, den er immer hatte, wenn er wütend war. "Ich habe ihm direkt in die Hände gespielt. Ich bezweifle nicht, was du sagst, Scully, aber warum ist er so direkt hinter uns her? Und warum jetzt? Die X-Akten sind geschlossen. Wir sind keine Bedrohung für sie."

"Vielleicht wollten sie sichergehen, dass die Akten nicht wieder geöffnet werden," erwiderte sie. "Ich habe ihm auch in die Hände gespielt. Ich bin gegangen. Niemand arbeitet daran, die Akten wieder zusammenzusetzen, niemand untersucht solche Fälle jetzt. Vielleicht ist irgendetwas da draußen, dass du und ich verstanden hätten, wenn wir es gesehen hätten und sie wollen sichergehen, dass wir es nicht tun."

"Wenn das wahr ist, dann werden wir es herausfinden," entgegnete Mulder fest. "Aber wir können uns später damit beschäftigen. Im Moment mache ich mir viel mehr Sorgen um dich."

"Um mich?"

"Um dich, um mich, um uns. Ich will meine Partnerin zurück," sagte er vehement. "Ich habe es versaut, gründlich, indem ich dich so zurückgelassen habe, wie ich es tat. Aber ich wollte, dass er dich in Ruhe lässt. Ich war dumm; ich sollte bessere Wege kennen, mit Drohungen umzugehen, als davonzulaufen."

"Du bist kein Übermensch, auch wenn du brillant bist," meinte sie sanft.  "Wenn ich damit nicht umgehen konnte, dann war es meine Schuld, nicht deine. Du hast es selbst gesagt: eine Menge Justizbeamte müssen mit PTS klarkommen."

"Scully, auch auf die Gefahr hin egoistisch zu klingen, du musstest schon mit schlimmeren Situationen fertig werden und du hast sie überstanden," sagte Mulder. "Diesmal kann ich die Tatsache nicht ignorieren, dass es dich erwischt hat, als du damit allein gelassen warst."

"Vielleicht war es einfach der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte," erwiderte sie und strich ihm beruhigend übers Haar. "PTS kann durch angehäuften Stress entstehen, nicht wahr?"

"Natürlich kann es das," antwortete er, aber er war ruhiger, ihre Berührung funktionierte. "Es muss nicht nur ein Erlebnis sein."

"Nun, dann wäre es vielleicht auch passiert, wenn du dagewesen wärst," sagte sie. "Nicht dass ich deinen Rat nicht gebrauchen könnte. Du setzt dich damit schon viel länger auseinander als ich es tue. Augenscheinlich weißt du, wie."

"Ich bin nur daran gewöhnt," erwiderte er achselzuckend. "Andererseits habe ich eine Lehrbuchvorstellung von Vermeidungsverhalten gegeben, nicht wahr?  Wenn ich wüsste, wie ich dir jetzt helfen kann, würde ich es tun, aber ich weiß es nicht. Ich bin nicht wirklich ausgebildet..." Dann unterbrach er sich selbst und sah sie gedankenvoll an. "Vielleicht stimmt das nicht.  Vielleicht ist was wir brauchen, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, einfach nur zusammen zu sein. Augenscheinlich fürchten sie sich davor am meisten."

"Es gibt aufkommendes Forschungsmaterial , das den Gedanken der Heilung durch Beziehungen unterstützt," sagte sie nickend. " Ich habe ein paar der Berichte gesehen."

"Ja, Dr. Scully, das gibt es," meinte er lächelnd. "Typisch für dich, mir mit einem wissenschaftlichen Blickwinkel auf die Liebe zu kommen."

"Mulder," erwiderte sie augenrollend. "Du weißt, was ich meine. Ich bin nicht vollkommen wissenschaftlich." Wieder fuhr sie ihm liebevoll mit den Fingern durchs Haar. "Aber das ist keine Option, nicht wahr? Wir sind nur so lange zusammen, wie es braucht, um diesen Fall zu bearbeiten. Du bist immer noch nicht bereit, es zu riskieren, dass Krycek irgendetwas unternimmt, was mein Leben bedroht."

Er antwortete nicht. Das musste er nicht.

"Also wieviel länger haben wir noch?"

"Nicht lange, fürchte ich," antwortete er. "Wenn ich in den Kopf dieses Unbekannten nur für einen Tag, oder wenigstens für ein paar Stunden eindringen kann, bin ich mir sicher, dass ich es morgen um diese Zeit oder übermorgen herausbekommen habe."

"Ich wusste, du würdest es herausfinden," sagte sie einfach. "Du bist der beste dafür, den es gibt."

Mulder lächelte, gewärmt durch ihr Vertrauen in ihn, aber das Lächeln verschwand rasch. "Ich wollte dich nicht verlassen," erklärte er. "Das musst du mir glauben."

"Das tue ich," entgegnete sie. "Und jetzt, wo ich es weiß, kann ich anfangen, Sinn in den Dingen zu sehen und vielleicht kann ich einen Weg finden, wie wir Alex Krycek aus unserem Leben verbannen können und zwar für immer."

"Das werden wir," sagte er. "Aber zuerst müssen wir diesen Fall lösen und es kann schlimm werden, bevor es soweit ist. Du wirst vielleicht nicht in meiner Nähe sein wollen. Aber es gibt einen Grund dafür. Ich muss wissen, dass du das verstehst."

"Das verstehe ich," erwiderte sie. "Wir hatten das doch schon. Ich werde dich dennoch lieben, auch wenn du mir eine Weile nicht nahe sein kannst."

"Ich will ihn immer noch umbringen," sagte er leise.

Scully wusste, wen er meinte. Und es war nicht der Unbekannte.

Und wenn es von Mulder kam, war es keine leere Drohung. Er meinte es. Er würde es tun. "Ich weiß, dass es so ist," entgegnete sie. "Und wenn es in dem Moment gerechtfertigt ist, werde ich dich wahrscheinlich nicht davon abhalten."

Reuevoll lächelte er. "Du meinst, du würdest diesmal nicht auf mich schießen?"

"Mulder," sagte sie vorwurfsvoll. "Wirst du mir das nie verzeihen?"

"Es gab niemals etwas zu verzeihen," erwiderte er sanft, dann beugte er sich wieder zu ihr, um sie zu küssen und ließ den Kuss eine Weile andauern, bevor er sich zurückzog.

"Das fühlt sich gut an," stellte sie fest, als seine Lippen sich von ihren lösten. Dann lachte sie. "Ich bin verrückt. Wir sind beide zu traumatisiert, um uns zu lieben, und alles, woran ich denken kann ist, wie sehr ich dich will."

"Ich will dich auch," sagte er und strich mit einem Finger über ihre Lippen. "Ich will dich, wie ich dich immer wollte. Mehr noch."

"Aber du kannst nicht. Ich meine nicht, dass du physisch nicht kannst," erklärte sie, als er begann, sie zu unterbrechen. "Du kannst emotional nicht, professionell nicht. Du kannst mir im Moment nicht zu nahe sein, das hat du selbst gesagt."

"Dir nicht nahe sein - das kann ich nicht, Scully," antwortete er ernst.

"Du bist ein Teil von mir; das bist du seit langer Zeit."

"Ich möchte es sein," sagte sie in einem gehauchten Flüstern. "Ich will bei dir sein, immer, in jeder nur möglichen Art und Weise. Mulder, nachdem du gegangen warst, das war als wenn ein Teil von mir gestorben wäre. Nun wo du hier bist, fühle ich mich wieder lebendig."

"Du warst immer lebendig," erwiderte er, seine Stimme war plötzlich heiser und seine Hand glitt in ihr Haar und er zog sie enger an sich. "In dir ist mehr Leben als in jeder anderen Frau, die ich jemals kannte."

Ihre Lippen trafen sich und diesmal lag keine Sanftheit darin, dies war ein glühender Kuss, ein besitzergreifender Kuss aus reiner Leidenschaft, ein Kuss, der dazu bestimmt war, ihre Sinne ihm gegenüber zu wecken, sie zu seinem Eigen zu machen und sie schmolz dahin und legte ihre Hände auf seine Schultern, drückte ihn zurück in die Kissen, so dass er auf dem Rücken lag und sie auf seiner Brust, ihre Lippen noch immer vereint.

Sie fühlte, wie seine Hände unter ihr T-Shirt glitten, um sie zu umfassen, seine Handflächen angenehm rau auf der warmen Haut ihres Rückens, und sie hatte wieder das sehnsüchtige, geschwollene Gefühl in ihren Brüsten und sie verlangte nach seiner Berührung.

Es wäre so einfach, dachte sie verträumt, sich auf die eine oder andere Seite zu drehen und dann würden seine Hände über meine Brüste gleiten, würden genau da sein, wo ich sie haben will, wo er Alex Kryceks Berührung für immer ausradieren könnte, eine Berührung, die mir gegen meinen Willen aufgezwungen worden war.

(Wie du daran denkst, ihm deine Berührung aufzuzwingen, Dana?)

Der Gedanke erschreckte sie, aber sie wusste mit einem Mal, dass es die Wahrheit war. Das klassische Muster des Opfers, das die Tat an jemand anderem begeht als Mittel, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Ich werde ihm das nicht antun. Oder mir. So kann es nicht sein.

Schnell hob sie den Kopf und beendete den Kuss, ließ aber ihre Körper fest zusammengepresst. Sie stützte ihr Hände auf die Matratze und verlagerte ihr Gewicht darauf, gerade soviel, um ihm genügend Raum zu geben, sich zu bewegen, wenn er es wollte.

"Dana," sagte er und die Rauheit in seiner Stimme erregte sie. "Hörst du auf, weil du es willst oder weil du glaubst, dass ich es will?"

"Du," erwiderte sie und ihr Atem war immer noch erschöpft und heftig.

"Du glaubst, ich bin nicht bereit dazu?"

Sie musste lachen. "Allem Anschein nach bist du mehr als bereit," meinte sie und rutschte nur ein wenig nach unten und fühlte seine Erektion unter sich. Er stöhnte tief in der Kehle. "Physisch jedenfalls," verbesserte sie sich.

"Mach das noch einmal und du wirst wahrscheinlich herausfinden, wie bereit ich bin," erwiderte er angespannt.

"So wie ich," flüsterte sie, plötzlich wieder ernst. "Ich wünschte, du könntest es so leicht fühlen, wie ich dich fühlen kann. Aber ich will dich nicht zu etwas drängen, was du nicht willst."

"Behalte im Hinterkopf die große Kluft zwischen dem, was ich will und dem, was ich für weise halte," sagte er und streichelte weiter die nackte Haut auf ihrem Rücken. "Ich kann spüren, wie du zitterst, Scully. Du hast immer noch Angst."

"Das wird nicht immer so sein," entgegnete sie sanft. "Und ich weiß, ich weiß es sicher, dass ich weniger traumatisiert bin, als es die meisten Frauen sein würden, einfach deshalb, weil ich mich nicht wirklich daran erinnere."

"Das ist vielleicht ein Segen," sagte Mulder und sie blickte ihn rasch an, sich dessen sicher, dass er schnodderig war - Fox Mulder war niemand, der an Segen glaubte - aber er war ernst.

"Scully, vergiss für eine Minute, was ich will," fuhr er fort. "Was willst du tun? Im Ernst, ich will es wissen."

"Kann ich alles haben, was ich will?" fragte sie und zeichnete die Konturen seines Mundes mit einem Finger nach.

Mulder nickte. "Alles, was in meiner Macht steht."

Einen Moment dachte sie nach. "Willst du mit mir schlafen?"

"Ich dachte, du hast gesagt, dass wir das nicht tun können?" fragte er ein wenig lächelnd.

"Nein, ich meine es buchstäblich, ich will, dass du bei mir schläfst," erklärte sie ernsthaft.

"Würde dir das gefallen?" fragte er zärtlich.

"Ja," erwiderte sie. "Ich brauche das. Ich brauche dich. Und ich will, dass wir ein Liebespaar sind, aber wenn das im Moment keine gute Idee ist, dann gebe ich mich damit zufrieden, in deinen Armen einzuschlafen."

"Das hört sich auch für mich gut an," sagte er und küßte sie wieder.

"Willst du?" fragte sie sanft. "Willst du die ganze Nacht bei mir bleiben?"

"Ernsthaft?" fragte er ein bisschen überrascht. "Was ist mit Glassman?"

"Er kann jemand anderen finden, um mit ihm zu schlafen," erwiderte sie fest.

Das brachte ihn zum Lachen. "Bitte jeden anderen, nur nicht mich," bettelte er, immer noch lachend. "Oder dich. Aber in Ordnung. Du hast mir die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich bleibe." Plötzlich wurde er wieder ernst. "Gott weiß, dass ich nicht gehen möchte," flüsterte er und küßte sie.

"Du brauchst etwas, um darin zu schlafen," erklärte sie und ließ ihre Hände zu seinen Schultern gleiten und dort ruhen. "Geh dich duschen, wenn du willst, ich werde es holen."

"Was ist mit..." begann er, aber sie unterbrach ihn.

"Er wird nicht so früh da sein," sagte sie. "Er wird eine Bar gefunden haben und dort bleibt er mindestens bis drei." Sie küßte ihn wieder, stand dann auf, nahm seine Hände und half ihm, sich aufzusetzen. "In Ordnung?" fragte sie.

"In Ordnung," erwiderte er. "Ich bin zu müde, um mit dir zu streiten."

Er war müde, sie konnte es an seiner Stimme hören und der Klang machte sie ein wenig traurig. So hat er sich angehört, wenn er als kleiner Junge fertig für seinen Mittagsschlaf war, dachte sie, nur dass die Stimme damals noch nicht so tief war.

Wie konnte seine Mutter, wie konnte überhaupt eine Frau, diese Stimme hören und darauf nicht mit Liebe reagieren? Und manchmal brauchte er sie so verzweifelt, diese fürsorgliche Liebe, mehr wahrscheinlich, als er Freundschaft oder erotische Liebe brauchte.

Und sie musste sie geben.

Scully half ihm aufzustehen. Langsam, darauf achtend, dass sie vollkommen sachlich war, knöpfte sie sein Hemd auf, schob es über seine Schultern und hielt es hoch, um sich die zerrissenen Nähte anzuschauen.

"Entschuldigung," flüsterte sie, ein bisschen schüchtern. "Wenn ich nähen könnte, würde ich es ganz machen."

"Erinnere mich daran, mich nie von dir operieren zu lassen," sagte er. Das brachte sie zum Lachen und das wiederum gefiel ihm. Er legte seine Arme um sie und umarmte sie fest. "Jedenfalls war es für einen guten Zweck," meinte er.

Sie loslassend schnallte er sein Seitenholster ab und legte es auf den Nachttisch neben ihres und hoffte dabei, dass sie nicht bemerkte, dass ihr eigenes Holster leer war. Aber irgendwie wusste er, dass die Notwendigkeit solcher Vorkehrungen nicht mehr da war. Es lagen immer noch eine Menge Schmerz und ein Stück harter Arbeit vor ihr, aber Scully würde überleben.  Er konnte es in jeder Bewegung ihres Körpers spüren.

Und bei ihm war es ebenso.

"Komm jetzt," sagte sie und legte ihre Arme um seine Taille. "Du bist todmüde."

"Bist du nicht müde, Scully?" fragte er und schob eine Locke ihres roten Haares hinter ihr Ohr.

"Ich habe in der letzten Zeit nicht viel geschlafen," antwortete sie leise, legte eine Hand auf seinen Oberarm und konnte die kräftigen Muskeln durch die dünne Baumwolle seines T-Shirts spüren. Langsam und vorsichtig zog sie ihm das Shirt über den Kopf. Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um das zu tun.

"Ist das okay für dich?" fragte sie, öffnete seinen Gürtel und zog ihn heraus. "Hast du etwas dagegen?"

"Nein," antwortete er. "Ich fühle mich im Moment sowieso nicht als besondere Belohnung. Bist du sicher, dass du das hier willst? Vollkommen platonisch?"

"Ja," flüsterte sie, legte ihm eine Hand in den Nacken und zog ihn zu sich herab für einen sanften, sehnsüchtigen Kuss.

"Dann lässt du mich das hier besser zu Ende bringen," meinte er und hielt sie zärtlich an den Oberarmen fest, ein leises Zucken in den Mundwinkeln.

"In Ordnung," sagte sie und lachte. Sie lehnte ihren Kopf an seine nackte Brust, nur für einen Moment, dann richtete sie sich auf. "Geh unter die Dusche, Mulder," sagte sie zu ihm. "Du kannst meinen Rasierer benutzen, wenn du willst. Ich bin in einer Minute zurück."

Die Dusche tat gut, besonders nachdem er so lange in der feuchten Luft gesessen hatte. Als er herauskam, sah er, dass Scully tatsächlich seine Schlafsachen gefunden - Sweathosen und T-Shirt - und sie ihm neben das Waschbecken gelegt hatte. Er trocknete sich rasch ab, zog sie an und kehrte dann ins Zimmer zurück.

Die Lichter waren aus, aber er konnte im Licht der Straßenlampe sehen, dass Scully bereits im Bett war und auf ihn wartete. Langsam, so langsam und ehrfurchtsvoll, wie ein Pilger sich auf den Knien einem Heiligengrab näherte, schlüpfte Mulder unter die kühlen Laken und legte sich neben sie, nicht zu nahe, aber nahe genug, um sie zu berühren und sie deckte sie beide zu.

Mulder strich ihr das Haar aus dem Gesicht, es war feucht und duftete nach Lavendel, wie ihre Haut.

"Du hast die Möglichkeit wahrgenommen, in mein Zimmer zu gehen," meinte er und strich ihr weiter übers Haar. "was wäre gewesen, wenn Glassman hereingekommen wäre?"

"Ich hab es dir doch gesagt," erwiderte sie. "Er kommt fast nie vor drei."

"Fast nie ist nicht dasselbe wie nie," sagte er und begann, ein wenig näher zu rücken.

"Wie bei ‚ich schlafe fast nie mit Fox Mulder'?" fragte sie weich.

"Ja," antwortete er beinahe flüsternd. "So ähnlich."

Er legte seine Arme um sie, zog sie an sich heran und küßte sie zärtlich.  Scully stieß einen langen, zufriedenen Seufzer aus und legte ihren Kopf auf seine Brust, hörte seinem Herzschlag zu und ließ sich davon hypnotisieren.

"Bitte ich dich um zu viel?" flüsterte sie.

"Du meinst, zusammen im Bett zu liegen, aber keinen Sex zu haben?" fragte er schläfrig.

"Mm-hmm," antwortete sie. "Ich will dich nicht anmachen. Nicht dich. Du bedeutest mir zu viel."

"Du machst mich ganz bestimmt nicht an," versicherte er ihr, rollte sich auf die Seite und streichelte ihren Rücken. "Und nein, es ist nicht zu viel. Ich mag es."

"Ich auch," erwiderte sie und streckte sich, um seine Lippen zu finden. Er hielt sie fester und sie küssten sich und küssten sich, wieder und wieder, erforschten des anderen Lippen und Mund, ihre Hände glitten gemächlich über den Körper des anderen. Sie spürte seine Erektion, aber heute Nacht fühlte sie sich gut an, weit mehr beruhigend als gefährlich.

Es würde eine Zeit dafür geben. Das wusste sie jetzt. Und sie würde bereit sein. "Ich liebe dich," flüsterte sie und zog ihn für einen weiteren sehnsüchtigen Kuss an sich. Als sie ihn wieder ansah, lächelte er, dieses sanfte, vollmundige Lächeln, das sie so liebte, aber zu selten sah.

"Es ist schön, wie du das sagst," meinte er und spielte mit einer der Locken um ihr Gesicht. "Ich mag es."

"Aber ist es wirklich genug?" fragte sie und Furcht kehrte in ihre Augen zurück.

"Es ist alles," erwiderte er. "Alles, was zählt, jedenfalls." Er küßte sie wieder. "Ich liebe dich, Dana. Aber du hast Recht. Wir sollten schlafen."

"Willst du mich halten, bis ich eingeschlafen bin?" flüsterte sie.

"Ich werde dich für immer halten, wenn ich die Chance dazu bekomme," erwiderte er. "Schlaf jetzt, Scully."

Er legte sich langsam zurück in die Kissen und nahm sie mit sich. Sie kuschelte sich unter seinen Arm, legte den Kopf auf seine Brust und schlief über dem Rhythmus seines kräftigen Herzschlags ein.

 

 

 

 

 

Die tiefgreifendste aller Sinnlichkeiten

ist der Sinn für Wahrheit

und das nächste tiefe sinnliche Erlebnis

ist der Sinn für Gerechtigkeit.

D. H. Lawrence

 

Kapitel 16

Rathaus Daphne

Freitag, 5. März

9:57 a.m.

 

"Agent Mulder! Agent Scully!" Mack rannte buchstäblich auf Mulders Wagen zu, als die Agenten auf den Parkplatz einbogen.

"Das kann nichts Gutes bedeuten," murmelte Mulder und rollte das Fenster herunter. Mack beugte sich herein, mit weitaufgerissenen Augen und atemlos.  "Es gab einen neuen."

"Einen neuen was?" fragte Scully und beugte sich ein wenig zu ihm herüber.

"Einen neuen Mord," erklärte Mack. "Er hat wieder zugeschlagen."

Mulder wurde aschfahl. "Das ist zu schnell," meinte er benommen. "Es ist viel zu schnell."

"Augenscheinlich nicht, Agent Mulder," sagte Mack und lehnte sich mit den Armen in das offene Fenster. "Wir haben einen Mann, durch zwei Schusswunden, Kaliber 38, getötet. Wenn Sie mich mitnehmen, zeige ich Ihnen, wo."

Mulder sagte gar nichts. Scully beobachtete ihn eine Sekunde sorgfältig.  "Steigen Sie ein, Officer Mack," forderte sie ihn auf. "Lassen Sie uns sehen, was wir haben, bevor wir irgendwelche Schlüsse ziehen."

Während Mack die Hintertür öffnete, nahm Scully kurz Mulders Hand. "Es ist womöglich nicht das, wonach es klingt, Mulder," sagte sie zu leise für Mack, um es zu hören. "Lass mich einen Blick auf die Leiche werfen, bevor du anfängst, dich selbst zu prügeln." Mulder nickte nur, aber sein Gesichtsausdruck war grimmig.

 

 

 

 

 

439 Twin Beech Road

10:37 a.m.

 

"Wir haben uns heute morgen das Haus angesehen, nachdem wir einen Bericht erhalten hatten, dass im Innern des Hauses Schüsse gefallen sind," erklärte Mack, während Mulder und Scully ihm durch die Eingangstür folgten. "Diese Tür war nicht verschlossen, als wir ankamen. Wir fanden diesen Mann," fuhr er fort und deutete auf die Leiche eines älteren Mannes, "der auf dem Boden lag. Neben ihm lag eine 38er; wir haben sie bereits zu den Waffenexperten des DFS geschickt."

Scully zog ein Paar Latexhandschuhe aus der Tasche, streifte sie über und beugte sich über die Leiche. "Es gibt Schusswunden im Kopf und in der Brust," sagte sie. "Kontaktspuren. Gab es ein Schreiben?"

"Sie glauben, es war Selbstmord?" fragte Mack. "Ohne Sie beleidigen zu wollen, aber auf diesen Mann wurde zweimal geschossen. Es gab keine Schreiben und da sollten auch keine sein."

Scully sah sich um. "Was ist das?" fragte sie Mulder, der einige Papiere durchsah, die sorgfältig auf dem Schreibtisch gestapelt waren.

"Zum einen sein Testament," antwortete er und drehte die Papiere mit behandschuhten Händen um. "Seine Lebensversicherungspolice, das Dokument über das Haus und ein paar andere Sachen dieser Art."

"Das würde zu einem Selbstmord passen," bemerkte Scully und kniete sich neben die Leiche. Mulder legte die Papiere nieder und ging zu ihr hinüber.

"Bist du dir sicher, dass du nicht versuchst, meinen Hintern zu retten, Scully?" fragte er sehr leise sprechend und kniete sich neben sie.

"Mulder, nicht einmal für dich würde ich absichtlich jemanden in einem Fall und über die Todesart irreführen," antwortete Scully abwesend und studierte die Leiche. "Nebenbei bemerkt, du bist der Profiler. Passt dieser Fall zu deinem Unbekannten?"

"Nein," erwiderte er. "Nicht einmal annähernd. Aber es ist eine 38er."

"Das ist es," stimmte sie zu. "Aber hier gibt es Kontaktspuren und der Unbekannte ist bisher nie soweit gegangen. Er hat bisher auch noch nie in einem Haus zugeschlagen."

"Es gibt immer ein erstes Mal, insbesondere bei jemandem, der weiß, dass das FBI hinter ihm her ist," erwiderte Mulder verdrießlich. "Er könnte zu Einbrüchen in Häusern übergegangen sein, um die öffentlicheren Plätze zu vermeiden, wo er bisher zugeschlagen hat."

"Das könnte so sein, ist es aber nicht, zumindest nicht hier," sagte Scully. Sie zog eine kleine Pinzette aus der Tasche und hob ein Stück der zerfetzten Haut vom Schädel der Leiche an. "Es gibt einen eindeutigen Beweis für einen Kontakt in der Kopfwunde: ringförmige Abschürfung, grau-schwarze Verfärbung, sternförmige Zerfleischungen im subkutanen Gewebe. Verkohlungen auch am Schädel."

"Und die Brust?" fragte Mulder.

"Ich müsste die Waffe haben, um sicher zu sein, aber es gibt einen klaren Eindruck des Laufs der Waffe in der Haut," erklärte sie und schob das Hemd zur Seite. "Also eine zweite Kontaktwunde, es gibt auch ein paar Schmauchspuren."

"Wie passt das zu einem Selbstmord?"

"Das passiert immer wieder," meinte sie und wandte sich ihm zu, um ihn anzusehen. "Du wurdest angeschossen. Du weißt, dass eine Kugel nicht unbedingt sofort zum Tod führen muss. Wenn sich jemand umbringen will und es klappt mit der ersten Kugel nicht - in diesem Fall hier bin ich mir sicher, dass es die Brustwunde war - dann feuert er sehr oft ein zweites Mal ab." Sie wandte sich wieder der Leiche zu. "Mack, sind alle Fotos gemacht worden, die gebraucht werden?"

"Ja. Ma'am," erwiderte Mack. "Der Leichenbeschauer ist auch schon weg. Wir warten nur noch darauf, dass ihn jemand abholt."

Scully nickte. "In diesem Falle werde ich ihn umdrehen. Hilf mir bitte, ihn ein wenig anzuheben," bat sie Mulder, der seine Hände unter die Schultern des Toten schob, ihn hochhiefte und mit einigen Schwierigkeiten auf Mack zurollte, der ihn festhielt, während Scully das blutdurchtränkte Hemd hochhob.

"Irgendetwas gefunden?" fragte Mack.

"Ja," antwortete Scully. "Eine Austrittswunde. Das Projektil ging von vorn nach hinten durch, was ebenfalls für einen Selbstmord spricht. Legt ihn wieder hin." Sie erhob sich. "Packen Sie ihm besser die Hände ein. Ich denke, wir finden dort Ruß."

"Agent Scully," meldete sich Mack und legte den Körper zurück in seine ursprüngliche Position. "Es tut mir leid, aber ich verstehe nicht, wie dieser Mann zweimal so auf sich selbst geschossen haben kann."

"Es ist unüblich, aber es kommt vor," erwiderte Scully und zog sich die blutverschmierten Handschuhe aus. "Bei ungefähr drei Prozent der Selbstmorde gibt es mehrere Schusswunden." Sie suchte nach einem Biomüllcontainer, fand einen und warf die Handschuhe hinein.

"Officer Mack, ich habe keine Zulassung für Alabama und ich kann nicht entscheiden, dass es sich um einen Selbstmord handelt. Aber ich würde, wenn ich es könnte. Ich würde unbedingt vorschlagen, dass Sie diese Leiche an einen Medizinischen Sachverständigen in Mobile schicken. Vergessen Sie den Leichenbeschauer."

Sie fühlte mehr, als dass sie es hörte, wie Mulder erleichtert aufseufzte und sie drehte sich um und sah, wie er sich die Stirn rieb, wie er es immer tat, wenn er versuchte nachzudenken.

"Komm schon, Mulder," sagte sie in ihrer sachlichsten Stimme. "Lass uns zurück zum Wagen gehen. Dieser Fall liegt außerhalb unserer Zuständigkeit."

"Ja, in Ordnung," erwiderte er.

Sie erreichten den Wagen und Mulder glitt hinter das Lenkrad. Einen Moment saß er einfach nur da, die Hände auf dem Lenkrad.

"Mulder, du hast immer noch etwas Zeit," meinte sie und legte ihre Finger sanft auf seinen Arm. "Du hast keinen Fehler gemacht."

"Ich habe nicht viel Zeit, Scully," entgegnete er mit grimmigem Blick. "Ich muss schnell in den Kopf dieses Bastards eindringen. Das hier war nur ein Weckruf." Dann wandte er sich um, um sie anzusehen. "Ich muss ein paar Stunden allein sein. Ich will dich nicht in der Nähe haben. Du weißt warum, nicht wahr?"

"Ja," erwiderte sie weich. "Ich weiß es. Ich verstehe es. Und ich werde dir alle Zeit geben, die du brauchst. Aber komm zurück zu mir, wenn du kannst.  Ich werde auf dich warten."

"Scully," begann er, dann gab er auf, hilflos wie immer angesichts der Liebe in ihren Augen. "Das werde ich. Und bald. Ich weiß fast alles, was ich wissen muss. Fast..." Seine Stimme verlor sich.

"Du tust, was du tun musst und ich werde tun, was ich tun muss," erklärte sie. "Was ich jetzt tun muss, ist ins Polizeihauptquartier zurückzukehren und mich mit den Leuten vom CDC zu treffen wegen dem Anthrax. Und," sie sah auf ihre Uhr, "ich muss mein Vibramycin nehmen, wenn ich es nicht selbst bekommen will."

Mulder blickte heftig auf. "Vibramycin? Das nimmst du ein?"

Sein Ton überraschte sie. "Ja," antwortete sie. "Ich dachte, ich hätte es dir gesagt."

"Du sagtest etwas von Doxy-Irgendwas," erwiderte er aufmerksam. "Es heißt Vibramycin? Gibt es eine andere Anthraxmedizin, die irgendwie wie Silo klingt?"

"Ciloxan," sagte sie automatisch. "Es ist ein Wahlmedikament, aber ich reagiere allergisch darauf. Warum, Mulder? Bedeuten diese Namen irgendetwas für dich?"

"Sie tun es jetzt," erwiderte er, startete den Wagen und lenkte ihn zurück auf den Highway. "Es gibt in Birmingham einen Armeereservisten namens Robert Gentry, den ich wegen einer Unbedenklichkeitsbescheinigung überprüft habe. Eine seiner Nachbarinnen sagte, sie hätte ihn mit einer Tüte voller Medikamente gesehen, Antibiotika, und die Namen klangen wie ‚vibrating silos'."

"Oh mein Gott," brachte Scully begreifend hervor. "Armeereserve. Stouffer war Reservist."

"Das war er," sagte Mulder mit hartem Kinn. "In einer medizinischen Einheit."

"Welcher Abteilung war die betreffende Person in Birmingham zugeteilt?"

"Dem 87. Manövergebietskommando," erwiderte Mulder. "Sie gestalten Kriegsspiele, die andere spielen. Sie planen, wie viele Truppen eingesetzt werden und was sie tun, wenn sie da sind."

"Sie in eine perfekte Position zu rücken, um einen chemischen oder biologischen Wirkstoff zu verbreiten," erklärte Scully, ihre Augen vor Schreck aufgerissen. "Mulder, willst du unterstellen, Stouffer hatte irgendetwas damit zu tun und dass er deswegen umgebracht wurde?"

"Ich denke, dass es möglich ist, ja," sagte er und blickte starr gerade aus, während er fuhr. "Was wäre, wenn Gentrys Einheit in den sanktionierten oder nichtsanktionierten Einsatz von Anthrax als biologische Waffe verwickelt ist? Es leuchtet ein, dass das Militär es bevorzugt, sein eigenes medizinisches Personal einzusetzen, um jeden zu behandeln, der sich versehentlich angesteckt hat. Vielleicht sollte Stouffer nichts davon wissen, fand es aber heraus und als Enkel einer Holocaustüberlebenden hatte er das Gefühl, etwas tun zu müssen, um es zu stoppen."

"Und wo passt Nivek hinein?" fragte sie. "An diesem Punkt ist er Patient Null."

"Ich weiß es nicht, aber ich werde es herausfinden," antwortete er. "Wir haben bisher noch nicht wirklich seinen Hintergrund überprüft. Aber wenn er Reservist gewesen sein sollte, dann werden wir es wissen."

"Aber wie soll er von jemandem umgebracht worden sein, von dem du mutmaßt, dass er ein Wahnsinniger ist?" fragte Scully. "Wie bringt man einen Serienkiller dazu, auf Befehl zu morden?"

"Das kannst du nicht," sagte Mulder. "Aber unser Unbekannter ist ein Orgienmörder, kein Serienkiller, erinnerst du dich? Er hat keine besonderen Vorlieben in Bezug auf seine Opfer. Es dürfte eine ganz einfache Sache sein, denke ich, ihm Ideen in den Kopf zu setzen, wer oder was eine Gefahr für ihn sein könnte. Irgendjemand pflanzte die Idee, dass Stouffer oder Nivek hinter ihm her waren, zeigte dem Unbekannten, wo er sie finden konnte und ließ die Natur ihren Lauf nehmen."

Scully schwieg einen Moment und dachte darüber nach. "Du hast Recht, Mulder," sagte sie langsam. "Das ist ein glaubwürdiges Szenario. Sollten wir das deinem Vorgesetzten mitteilen?"

Mulder schüttelte den Kopf. "Das ist nicht sein Fall. Es ist Skinners. Und bis ich weiß, ob in D.C. irgendjemand darin verwickelt ist, bleibt es unter uns, Scully."

"In Ordnung," meinte sie mit einem zarten Lächeln in den Mundwinkeln. "Aber hilft dir diese Information, um deinem Unbekannten näher zu kommen?"

"Ja, das tut sie," erwiderte er und drehte sich zu ihr, um sie rasch anzulächeln. "Das bedeutet, dass ich mein Profil beenden kann, ohne mir Gedanken über die Morde in Florida zu machen. Sie wurden von demselben Mörder umgebracht, aber jetzt weiß ich sicher, dass sie zu keinem Profil passen müssen, was er sonst noch gemacht hat. Das sollte es beschleunigen - wenn es dadurch auch nicht nett wird," warnte er.

"Ich weiß," entgegnete sie wieder mit sanfter Stimme. "Aber wie ich schon sagte: ich werde da sein, wenn du zurückkommst. Und wenn du zurück bist, dann haben wir noch ein unerledigtes Geschäft, denke ich."

Eindringlich blickte er sie an. "Könnte ich eine Vermutung riskieren, was das sein könnte?" Sie schüttelte den Kopf. "Nicht, bevor du mit deinem Profil fertig bist. Ich will dich nicht wieder ablenken."

"Dann lenk mich ab, wenn es vorbei ist," erwiderte er mit einem Hauch seines gewohnten warmen Humors. "Ich kann mir nichts besseres dafür vorstellen."

"Das ist ein Pakt," meinte sie, während Mulder auf den Parkplatz des Police Departments fuhr. Er hielt den Wagen an, löste aber seinen Sicherheitsgurt nicht. "Du kommst nicht mit hinein?" Er schüttelte den Kopf. "Ich muss jetzt allein sein," sagte er. "Mach weiter und erledige deine Autopsie, dann sprich mit den Männern vom CDC. Wenn du willst, erzähl ihnen von dem Reservisten in Birmingham, aber behalte den Rest unserer Vermutungen fürs erste für dich."

"Der CDC ist berüchtigt dafür, sich eher auf Mikroben und

Krankheitsüberträger zu konzentrieren, als auf Verschwörungen," entgegnete sie trocken. Sie stieg aus dem Wagen und ging herum zur Fahrerseite. Mulder drehte das Fenster herunter und sie beugte sich ein wenig hinein. "Was sage ich Glassman?"

"Vorausgesetzt du siehst ihn, dann sag ihm gar nichts," erwiderte Mulder.  "Zumindest nichts von dem Anthrax. Er wird sich einen Dreck darum kümmern, wo ich bin."

"Nein, das wird er nicht," sagte sie. "Aber ich werde es." Rasch, zu rasch, als dass es irgendjemand sehen konnte, strich sie ihm das Haar hinters Ohr.  "Wir sehen uns."

"Ja," bestätigte er mit einem weichen Lächeln. Dann rollte er das Fenster hoch und fuhr davon.

Scully stand noch lange, nachdem er fort war, in der brütenden Hitze und starrte auf die Stelle, wo er gewesen war.

 

 

 

 

 

Rathaus Daphne

1:35 p.m.

 

Die Leute vom CDC waren nicht im geringsten an Mulders Reservisten interessiert gewesen, was Scully überhaupt nicht überraschte.

"Das gesamte militärische Personal ist gegen Anthrax geimpft, Dr. Scully," hatte sie der CDC-Bereichsleiter erinnert. "Es besteht nur eine geringe Möglichkeit, dass sich jemand in der Reserve damit angesteckt hat.  Wahrscheinlich hatte er nur einen schlimmen Fall von Tripper."

"Stouffers Dosierung war nicht mehrmals, was erforderlich wäre, um eine sexuell übertragbare Krankheit zu behandeln," erinnerte sie Scully ihrerseits.

"Sie haben die Autopsie gemacht, Dr. Scully," meinte der Leiter. "Ihr Mr.

Stouffer hatte kein Anthrax."

"Aber vielleicht hatte er einen Grund zu glauben, dass er es hatte," erwiderte sie, aber sie wusste, dass das zu nichts führte. Sie würden den Rest der Untersuchungen auf Übertragungswege konzentrieren, auf Niveks mögliche Kontakte mit der Viehwirtschaft und das war so ziemlich alles.

"Überhaupt, Agent Scully," sagte einer von ihnen, nicht unvernünftig. "Wenn irgendjemand Anthrax in diese Gegend geschickt hat, dann ist es wahrscheinlich, dass sie Ihnen bereits über den Weg gelaufen wären.  Anthraxbedrohungen fallen in den Zuständigkeitsbereich des FBI."

Sie kam mit dem MILPERCEN, dem Personalzentrum des Militärs, nicht annähernd weiter. Nivek war nicht nur kein Reservist, es gab überhaupt keine Anzeichen dafür, dass er jemals irgendeine Uniform getragen hatte.

Die Verbindung, die zuerst so dünn erschien, schien nun nicht zu existieren. Sie saß fest und sie konnte nur hoffen, dass Mulder heute weiter kam als sie, weil wenn sein Instinkt richtig war, würde der Unbekannte wieder morden. Und wenn es sich um pathologische Mörder handelte, irrte sich Mulder nie.

 

 

 

 

 

Mullet Point Park

4:55 p.m.

 

Jedes Verbrechen hat ein Motiv. Jedes Verbrechen ergibt einen Sinn entsprechend einer gewissen Logik, selbst wenn diese Logik vielleicht eine innere ist und keine Beziehung zu irgendeiner objektiven Realität hat. So sagte es John Douglas, der FBI-Agent, der das Profiling erfunden hatte und der erste gewesen war, der auf der Notwendigkeit des Verstehens dieser inneren, nicht verbundenen Logik bestand. Zu verstehen bedeutete sich selbst von der Logik der Außenwelt zu lösen und nach der inneren Logik eines Wahnsinnigen zu funktionieren.

Mulder war sehr nahe daran, er erschloss sich die dunkle Seite seiner eigenen Seele und drang tiefer und tiefer in die paranoide Wut des Unbekannten ein. Alles was er wusste, alles was er geschlussfolgert oder worauf Resnick hingewiesen hatte, war der Treibstoff für diese düstere Reise. Er zwang sich dazu, die irrationalen Gedanken des Mörders als seine eigenen zu akzeptieren und schuf das Monster in seiner eigenen Seele wieder, dessen Nahrung der Schmerz seiner eigenen Existenz war.

Er war die ganze Zeit dabei gewesen, seit er Scully verlassen hatte.

Der Unbekannte, das wusste er, würde wahrscheinlich niemandem trauen, warum also kehrten seine Gedanken immer wieder zur Rasse des Killers zurück?  Abgesehen von dem offensichtlich identifizierenden Faktor, warum war sie von Bedeutung?

Im Profilerstellen ist es axiomatisch, dass sich ein Mörder am sichersten dabei fühlt, wenn er Mitglieder seiner eigenen Rasse umbringt; dieser hier schien sich nicht darum zu kümmern, oder tat er es?

Konnte irgendjemand zu ihm gekommen sein, ihn überredet haben, viele Meilen von seinem üblichen Ort fortzureisen, um einen weißen Mann zu töten, einen Kunden in einem Elektronikgeschäft in Pensacola? Konnte er geglaubt haben, dass Nivek eine Bedrohung für ihn war, soviel Bedrohung für ihn, dass er aus dem heraustrat, was sein Modus Operandi sein sollte?

Wer wäre in der Lage gewesen, ihm so nahe zu kommen? Er traute wahrscheinlich niemandem sehr.

Vertraue niemandem. Es war einfach genug für Mulder, damit eine Verbindung herzustellen. Es gab niemandem, dem er wirklich traute, außer Scully. Aber diese Art Paranoia, die Art, die zum Mord führte - das war anders. Es gab keinen Weg, wie dieser Mörder Nivek oder die beiden Opfer aus Pensacola zufällig ausgewählt hatte. Irgendjemand musste den Unbekannten zu den Leuten geführt haben, die in die Herstellung von Anthraxwaffen verwickelt waren.

Ich muss verstehen, wie er das macht, dieser Mensch, der den Unbekannten dazu benutzt, seine Drecksarbeit zu machen. Aber wie? Wie stelle ich eine Verbindung her zu den Ängsten und dem Misstrauen eines schwarzen Mannes, der im tiefen Süden lebt, wenn ich ein weißer Mann bin, privilegiert geboren, wenn nicht sogar reich, in die höhere Gesellschaft hineingeboren, an den besten Schulen ausgebildet?

Wo ist der Schlüssel, um ihn zu verstehen? (Von meiner Familie sind so wenige übriggeblieben. So viele sind gestorben.)

Nein. Dieser Gedankengang würde einfach nicht funktionieren. Es war unmöglich für ihn, seine Welt in Jüdisch und Nichtjüdisch zu teilen, sogar unmöglich, seine eigene Seele auf diese Weise zu verstehen. Sein Heranwachsen war zu entschlossen nichtjüdisch gewesen, was auch immer seine Abstammung war. Er fühlte sich in einer Kirche wohler als in einer Synagoge. Die alte Frau hatte ihn als einen der Ihren angesehen, aber er konnte sich selbst nie so sehen.

Konnte er?

Nein. Nichts davon bedeutet mir etwas, dachte er. Ich habe praktisch nichts gemeinsam mit den Stouffers oder anderen praktizierenden Juden. Sie machen sich selbst zu Außenseitern und ich will kein Außenseiter sein. So bin ich nicht.

Ja, und die Familie der alten Frau dachte wahrscheinlich auch nicht, dass sie es war. Sie glaubten, sie wären deutsche Staatsbürger. Vielleicht haben sie sogar geglaubt, jüdisch zu sein, war nur ein religiöser Unterschied, nichts anderes als Lutheraner oder Baptist zu sein.

Wann haben sie die Wahrheit herausgefunden? Wahrscheinlich zu der Zeit, als ihnen jemand einen gelben Davidsstern an die Kleidung heftete, ihre Schaufensterscheiben einwarf und in der Nacht schrie ‚Jude verrecke!'. Sie wussten es ganz bestimmt, als die Viehwagen auf dem Bahnhof anzuhalten begannen.

Du könntest es auch auf diese Weise herausfinden und du weißt es. Wenn du darüber liest, dass ein Hakenkreuz an eine Synagoge geschmiert worden ist, dann ängstigt dich das. Als du die Nummer auf ihrem Arm gesehen hast, ängstigte dich das. Immer stellst du dir die gleiche Frage: Konnte es hier passieren?

Verdammt richtig, es konnte passieren. Es konnte überall passieren. Du weißt es, weil du ein Teil von ihnen bist, ein Teil von ihr, ein Teil jedes Juden, der jemals gelebt hat oder gestorben ist. Du weißt, irgendwo da draußen ist jemand, der will deinen Tod aus keinem anderen Grund als dem Zufall deiner Geburt. Du hast es dir nicht ausgesucht, aber das stört sie nicht. Es stört sie nicht einmal, dass du es mehr hasst als sie.

Das ist es, was der Unbekannte weiß und du weißt es auch: Wenn sie in der Nacht zu dir kommen, dann ist es egal, wer deine Freunde sind oder woran du glaubst. Es macht keinen Unterschied, egal ob es ein Kreuzfeuer ist oder ein Pogrom. Es können die Nazis sein oder der Klu Klux Klan. Sie können dich Neger rufen oder Judenschwein, es zählt einfach nicht; egal wie, du bist so gut wie tot.

Und die Menschen, die es taten, die Menschen, die in der Nacht zu dir kamen, wissen nicht oder kümmern sich nicht darum, dass du jemals einen anderen Namen hattest.

 

 

 

 

 

"Was wir bei der Analyse eines Mordes tun... ist dem sehr ähnlich, was ein guter Schauspieler tut, wenn er sich auf eine Rolle vorbereitet. Wir kommen beide an einen Schauplatz - im Falle des Schauspielers der Schauplatz in einem Spiel oder Filmscript, in unserem Fall der eines Mordes - wir sehen uns an, was dort an der Oberfläche ist - geschriebener Dialog zwischen den Charakteren oder Beweis für ein Gewaltverbrechen - und wir versuchen herauszufinden, was uns das sagt. Mit anderen Worten, was passierte wirklich zwischen den Hauptcharakteren in dieser Szene?"

‚Kopfjäger: Die Eliteeinheit des FBI für Serienverbrechen von innen

gesehen'

John Douglas und Mark Olshaker

 

Kapitel 17

Das Pembroke Inn

Samstag, 6. März

2:12 a.m.

 

Jemand hämmerte an ihre Tür. Scully sprang aus dem Sessel auf, in dem sie über den Autopsieberichten eingeschlafen war, immer noch angekleidet.  Mulder. Er musste es sein. Wer sonst würde um diese Zeit anklopfen?

Sie stolperte zur Tür und riss sie auf, ohne auch nur durch den Spion zu sehen. Es war nicht Mulder. Es war Glassman.

"Immer noch wach, Scully?" fragte Glassman. "Wo ist Spooky?"

"Er ist nicht hier," erwiderte sie beunruhigt. "Was machen Sie hier?"

"Natürlich nach Mulder sehen," entgegnete er, ging an ihr vorbei und sah sich im Zimmer um, dabei eine Spur von Gindunst hinter sich herziehend.

"Machen Sie sich keine Umstände, Glassman," sagte sie gereizt. "Machen Sie es sich einfach bequem, warum nicht? Wieso wollen Sie um diese Zeit etwas von Mulder?"

"Weil ich nicht weiß, wo er ist und ich es herausfinden will," antwortete er. "Haben Sie ein Problem damit?"

"Tatsächlich habe ich das," erwiderte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. "Er ist Ihnen keine Antwort schuldig. Er arbeitet für Assistant Director Skinner und es geht Sie gar nichts an, wo er ist."

"Ach wirklich? Glauben Sie, dass ich mit ihm reden muss?" fragte Glassman und warf sich in den Sessel, aus dem Scully gerade aufgestanden war.

"Ich glaube," erwiderte sie langsam aber mit wachsender Drohung, "dass Sie seine Handynummer haben. Gehen Sie ruhig in Ihr Zimmer zurück und rufen Sie ihn an. Aber ich würde nicht anrufen, wenn ich Sie wäre."

"Und warum nicht, Miss Scully?" fragte Glassman und legte seine Füße auf den Tisch. "Ist er mit seinem Spooky-Zeug beschäftigt? Haben Sie Angst, dass ich ihn erschrecke?"

"Verschwinden Sie hier, Glassman," forderte Scully ihn auf, ihre Lippen schmal vor Wut. "Gehen Sie zurück in Ihre Bar oder wo immer Sie herumgelungert haben, während Mulder und ich diese Untersuchung führten."

"Das ist nicht sehr freundlich," meinte Glassman mit einem, wie er meinte, Lächeln. "Sie sollten freundlicher sein, Dana. Ich könnte eine Menge für Sie tun, wenn wir Freunde wären."

"Agent Scully für Sie," erwiderte sie. "Verschwinden Sie. Ich meine es ernst."

"Sie haben Angst, dass Mulder hereinkommen könnte, nicht wahr, Dana?" sagte Glassman und lachte. "Oh ja, ich weiß alles über diese kleine Schlummerparty, die Sie beide letzte Nacht hatten. Und wenn Sie wollen, dass ich darüber schweige, dann müssen wir miteinander reden."

Scully starrte ihn einen Augenblick mit zusammengekniffenen Augen an und dachte darüber nach, was sie tun sollte. Sie wusste, dass Mulders Übernachtung bei ihr Glassmans Aufmerksamkeit erregen würde, auch wenn es der Fall nicht tat. Sie hatte nur nicht erwartet, dass sie sich dem so bald stellen musste. "Glassman," sagte sie langsam. "Das ist das letzte Mal, dass ich Sie auffordere, mein Hotelzimmer zu verlassen. Gehen Sie. Jetzt."

"Oder was?" fragte Glassman. "Vermasseln Sie es sich mit mir und ich werde Gerüchte über Sie und Ihren seltsamen Freund verbreiten, so schnell, dass Sie nicht einmal in der Lage sein werden, aus den VICAP-Büros zu rauschen.  Seien Sie nett, Dana."

Zur Hölle damit, dachte sie und griff hinter ihren Rücken, zu schnell für Glassman, um in seinem betrunkenen Zustand zu reagieren. Sie zog ihre Waffe und zielte mit ihr genau auf seinen Schritt, den Finger am Abzug. "Ich sagte, verschwinden Sie," sagte sie. "Und bei Gott, ich meine es so."

"Um Gottes Willen, Scully, nehmen Sie das Ding herunter," kreischte er.

"Sie könnten jemanden damit verletzten!"

"Sie haben verdammt Recht, das könnte ich," erwiderte sie. "Glauben Sie ja nicht, dass ich nicht auf Sie schießen würde, weil ich es tun werde. Ich habe schon auf bessere Männer als Sie geschossen. Jetzt stehen Sie langsam auf, behalten Sie Ihre Hände vorn und verschwinden Sie verdammt noch mal aus meinem Zimmer."

Er tat es. "Das werden Sie bereuen, Scully," warnte er sie und ging rückwärts zur offenen Tür. "Rolfe hat nichts übrig für weibliche Agenten, die mit anderen schlafen."

"Es sei denn, sie tun es mit ihm, meinen Sie," antwortete sie. "Gehen Sie.

Und machen Sie die Tür hinter sich zu."

Erst als Glassman gegangen, die Tür hinter ihm geschlossen und verriegelt war, senkte Scully die Waffe und steckte sie zurück in das Holster. Das würde Konsequenzen haben, das wusste sie. Aber sie machte sich nicht besonders Sorgen darum; für Rolfe zu arbeiten stand sowieso nicht sehr weit oben auf ihrer Liste der Dinge, die im Moment zu tun waren.

Es gab nur eine Sache, die sie wirklich beunruhigte.

Wo war Mulder?

 

 

 

 

 

oh gott mom nicht noch einmal bitte es tut mir leid es tut mir so leid mom es tut weh es tut weh aber es hört auf wehzutun wenn die waffe losgeht oh ja es hört auf wenn du den anderen wehtust oh und es fühlt sich ungefähr zwei minuten an wie säubern wenn modell wenn roche blutend auf dem boden liegt es fühlt sich wie eine reinigung an die waffe losgehen zu hören...  aber es hält nie lange an das tut es niemals und dann musst du wieder töten und du tötest wieder... und dann wieder...

Mulder erschauderte und barg sein Gesicht in seinen Händen.

 

 

 

 

 

4:37 a.m.

Das Bild war komplett. Sie hatten den Unbekannten bisher aus einem einfachen Grund nicht gefunden: er war gegangen. Aber nirgendwohin, wo ihn Fox Mulder nicht finden konnte.

Er setzte sich auf, öffnete seinen Laptop und begann zu schreiben. Das einzige Geräusch war das ungleichmäßige Klappern der Tasten.

Langsam und methodisch tippte Mulder das Profil in die

Fernzugriffsdatenbank des FBI. Er rief die zusammengesetzten Zeichnungen ab und ohne zu zögern wählte er eine aus und fügte sie der Akte zusammen mit gesicherten Einzelheiten aus den Zeugenbeschreibungen hinzu. Er drückte auf den Sendeknopf und schickte die Information an den Hauptcomputer des FBI.  Die Zeichnung und sein Profil würden in wenigen Sekunden in beinahe jedem Büro der Gesetzeshüter in den Vereinigten Staaten verfügbar sein. Indem der Nachtofficer des Police Department von Daphne durcharbeitete, hatte er bereits einen APB für diesen Unbekannten herausgebracht. Ein bundesweiter Haftbefehl für einen zwischenstaatlichen Austausch, um eine Strafverfolgung wegen Mordes zu vermeiden, würde in der Minute ausgestellt sein, wenn jemand mit einem Namen kommen würde, eine Gefälligkeit des Bezirksbüros von Mobile.

Es würde nicht lange dauern. Mulder war sich in seinem Leben nie sicherer über etwas gewesen. In kurzer Zeit würden sie beginnen, jede Wohnwagenvermietung, jede Lagerhalle zwischen New Orleans und Pensacola anzurufen. Sie würden Kopien des Phantombildes an jede Nachrichtenstation faxen. Sie würden billige Hotels absuchen und nach einem Angestellten suchen, der ihn vielleicht gesehen hatte.

Irgendjemand würde ihn erkennen. Das war Gewissheit. Mulder wusste jetzt ohne jeden Zweifel, wie dieser Kerl dachte, wie er sich bewegte, was er tat. Es ging nur darum, zu den Orten zu gehen, wo er gewesen war und sein Bild zu zeigen und zu beschreiben, wie er sich benommen haben würde.

Sie würden ihn kriegen und mit ein bisschen Glück würde das sein, bevor er wieder morden konnte.

Also war es natürlich alles wert gewesen, nicht wahr? Der Fall war im wesentlichen vorbei, das Problem gelöst. Jetzt blieb ihm nichts weiter zu tun, als zu warten. Und er würde hier warten, über seinem Laptop hockend.  Allein.

Er würde sein Versprechen Scully gegenüber brechen und nicht zu ihr gehen, wenn auch nicht, weil er es nicht wollte. Die Nacht hindurch hatte er die lebenswichtige Verbindung zwischen ihnen bis zum Äußersten gespannt und sich selbst so weit, wie er konnte, in den Geist des Außenseiters hineinbegeben.

Und er war immer noch dort, außerhalb von allem, isoliert von jedem, ängstlich, nach ihr zu greifen, ängstlich, dass ihn zurückweisen würde.  Dass dies die Gedanken des Unbekannten waren, zählte nicht. Sie waren immer noch in ihm, so stark, als wenn es seine eigenen wären und sie würden nicht so schnell verschwinden.

Aber mit der Zeit würden sie vergehen. Die lebenswichtige Verbindung würde halten. Er liebte sie immer noch. Er vertraute ihr immer noch. Er brauchte sie immer noch.

Aber er konnte nicht mit ihr zusammen sein. Nicht jetzt. Nein. So sehr er den Trost ihrer Liebe wollte, die Wärme ihrer Arme, es gab keine Möglichkeit, dass er sie heute Nacht irgendwo in seiner Nähe haben wollte.

 

 

 

 

 

Profil des unbekannten Verdächtigen im FBI-Fall Nr. 3098592-A Special Agent Fox W. Mulder, Verhaltensforscher MODUS OPRANDI:

siehe beigefügte Zusammenfassung des Falles von Special Agent Dana Scully, Ärztin PSYCHOLOGISCHES:

Der Unbekannte leidet sehr wahrscheinlich an delusionaler Paranoia, funktioniert aber immer noch auf einen marginalen Level und ist zu sozialer Kommunikation fähig, was auf folgenden Befunden basiert:

Die Nutzung verschiedener Schusswaffen, alle Kaliber 38, ist typisch für einen paranoiden Mörder.

Die ‚übermäßige' Natur des Mordens, basierend auf mehrfachen Schusswunden bei jedem Opfer, die auf einen Typ desorganisierter Mordorgie hinweisen, ist typisch für den paranoiden und wütenden Verdächtigen.  Die eskalierende Natur der Gewalt, die auf ein psychologisches Profil hinweist, das möglicherweise auf einen Modus Operandi abzielt, der typischer für einen wahren Serienmörder ist, wenn nicht sogar diesen festhält.

Entsprechend der Gewalt, die sich in den Ermordeten ausdrückt, hat der Unbekannte möglicherweise eine persönliche Geschichte, als Kind misshandelt worden zu sein.

Er wird einige rassische Vorurteile gegenüber Weißen haben (siehe unten die wahrscheinliche äußere Erscheinung des Unbekannten), aber er wird hauptsächlich Mitglieder seiner eigenen Rasse angreifen, was auf der verinnerlichten Abscheu vor sich selbst beruht und die hauptsächliche Motivation für seine Verbrechen ist. Es ist unwahrscheinlich, dass er zu irgendeiner organisierten Hetzgruppe gehört wegen seiner Unfähigkeit, soziale Bindungen irgendeiner Art einzugehen.

Seine Zweckmäßigkeit erweißt sich durch seine Fähigkeit zu reisen im Dienste seiner Verbrechen, was auf einen Zugang zu einem motorisierten Fahrzeug schließen lässt. Die Gesetze in Alabama machen es möglich, dass dem Unbekannten ein Fahrzeug gehört, das sich in schlechtem Zustand befindet und er weder eine Versicherung noch einen Führerschein hat, was die Menge an Geld reduziert, die den Einsatz eines Fahrzeugs notwenig macht.

Er ist entweder wohnungslos oder er lebt bei Verwandten, obwohl er wahrscheinlich nicht willkommen ist, lange bei irgendjemandem von ihnen zu bleiben, wegen seiner Paranoia und wegen seiner gewalttätigen Tendenzen. Am wohlsten fühlt er sich im Handelsgebiet um den U. S. Highway 98 in der Nähe der Interstate 10 in Daphne, deshalb lebt er wahrscheinlich in der Umgebung.

Dieser Unbekannte verfügt wahrscheinlich über einen Polizeisender und er verfolgt die Aktivitäten der Polizei unmittelbar, sowohl zur Information über die Untersuchung seiner eigenen Verbrechen und weil er gewissermaßen ein ‚Polizeifan' mit einem Verlangen nach der Autorität und der Macht ist, die für ihn im Tragen eines Ausweises und einer Waffe liegen.  Es wird wahrscheinlich nützlich sein, die örtlichen Elektronikfirmen und Waffenhändler zu überprüfen und ihnen das Phantombild zu zeigen.

ERWERBSTÄTIGKEIT:

Die Tendenz des Unbekannten, Tante-Emma-Läden und Tankstellen zu überfallen, weist darauf hin, dass er wahrscheinlich als Kassierer in solchen Geschäften arbeitet oder gearbeitet hat, möglicherweise wegen Diebstahls entlassen.

Er gilt als seltsam oder eigenartig, aber er gilt gewöhnlich nicht als offenkundig bedrohlich bei den Menschen, mit denen er arbeitet.

FAHRZEUG:

Die Vorliebe des Unbekannten für nächtliche Verbrechen weist auf ein Fahrzeug von dunkler Farbe hin, beinahe sicher alt und in schlechter Verfassung. Er zieht vielleicht einen Anhänger hinter sich her, in dem er das meiste seines Eigentums aufbewahrt.

ERSCHEINUNG:

Basierend auf der Beschreibung der Zeugen und dem Modus Operandi des Unbekannten schließe ich darauf, dass er ein männlicher Schwarzer ist, 25 bis 35 Jahre alt, von kleiner Statur, mit ein paar Haaren im Gesicht, aber keinen weiteren signifikanten sichtbaren Hautmerkmalen oder Narben. Er bevorzugt dunkle Kleidung, vor allem in der Nacht.

KRIMINELLE VERGANGENHEIT:

Ich erwarte, dass unser Unbekannter eine Vergangenheit mit geringfügigen Vergehen und wahrscheinlich einem Gewaltverbrechen, möglicherweise ein Angriff auf irgendeine Autoritätsperson hat. Es ist unwahrscheinlich, dass er über eine längere Zeit eingesperrt war, aber er war fast sicher im Gefängnis und ist wahrscheinlich in der Vergangenheit in eine Anstalt eingewiesen worden.

SPEZIELLE ANMERKUNG:

Es besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Morde in Florida teilweise durch äußere Einflüsse motiviert wurden. Die Verbrechen passen nicht so genau in den Modus Operandi unseres Unbekannten wie es typisch wäre, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Unbekannte absichtlich beeinflusst worden war, um diese Opfer aufzuspüren und zu töten.  Ich würde tiefgreifende Nachforschungen zum Hintergrund dieser Opfer vorschlagen mit Blick auf irgendwelche Verbindungen mit dem Militär oder mit Viehwirtschaft, basierend auf den Erkenntnissen von Special Agent Scully, die auf ein Anthrax-Ausgesetztsein oder auf den Gebrauch von Medikamenten zur Anthraxprophylaxe von zwei Opfern in diesem Fall hinweisen.

Höflich eingereicht,

Special Agent Fox W. Mulder

JTT047101111

 

 

 

 

 

 

Rathaus Daphne

Samstag, 6. März

7:33 a.m.

 

"Agent Mulder?"

Mulder öffnete die Augen, einen Moment unsicher, wo er war. Er war steif und ihm tat alles weh und sein Kopf fühlte sich an, als wenn die Jolly Green Giants ihn für ein schnelles, hartes Schlagballspiel benutzt hätten.  Sowohl als Ball als auch als Schläger.

"Agent Mulder, tut mir leid, dass ich Sie wecke, aber Ihre Partnerin hat hier angerufen auf der Suche nach Ihnen."

Es war Mack. Er stand vor der Tür und steckte den Kopf herein. Nun wusste Mulder, wo er war. Er war eingeschlafen, den Kopf auf dem wackligen Klapptisch, hatte das bisschen, was von der Nacht noch übrig geblieben war, gleich dort im Polizeihauptquartier geschlafen. Mulder setzte sich auf, streckte sich und blinzelte verschlafen mit den Augen. "Was will sie?" fragte er.

"Ich glaube, sie braucht eine Fahrgelegenheit zur Arbeit," antwortete Mack.

"Möchten Sie, dass ich sie abhole?"

"Nein," erwiderte Mulder und stand, nach seinem Mantel greifend, auf. "Ich muss sowieso duschen. Ich hole sie ab. Haben Sie ein Aspirin?"

"Ich hab ein paar gute da," meinte Mack. "Ich hole Ihnen eins."

"Danke. Haben Sie die APB gesehen?"

"Als erstes heute morgen," erklärte Mack. "Ich habe ein paar Officers hinausgeschickt, die jetzt Motels und U-Haul-Plätze überprüfen werden.  Möchten Sie mit mir mitfahren?"

Mulder schüttelte den Kopf. "Ich muss ein paar Dinge überprüfen. Aber danke für das Angebot. Sie haben meine Handynummer?"

"Genau hier," meinte Mack. "Ich schreie, wenn wir ihn gefunden haben."

"Machen Sie schnell, Mack," sagte Mulder ernst. "Wenn nicht, wird es heute Nacht passieren oder vielleicht morgen Nacht, aber es wird bald sein."

"Sind Sie sich dessen sicher, Agent Mulder?" fragte Mack skeptisch.

"Ich bin sicher," antwortete Mulder entschieden und rieb sich die Schläfen.

Gott, dieser Kopfschmerz war ein echter Bastard. "Heute Nacht oder morgen.

Mit einer Waffe, die er noch nicht benutzt hat."

Mack sah ihn einen Moment lang an. "Das ist irgendwie gespenstisch."

Mulder lachte humorlos auf. "Ja, das ist es. Bringen Sie mir dieses Aspirin oder was immer es ist. Ich muss einen Gauner fassen."

 

 

 

 

 

Das Pembroke Inn

Zimmer 204

8:40 a.m.

 

Zweimal heftiges Klopfen der Knöchel. Das bedeutete FBI. Scully schaute durch den Spion, dann öffnete sie die Tür weit. Mulder stand da, er sah verkatert aus, obwohl er klar erkennbar an diesem Morgen geduscht und sich rasiert hatte.

"Ich vermute, ich bin spät dran," sagte er.

"Du bist mehr als spät dran," erwiderte sie. "Du warst verschwunden. Ich habe mir Sorgen gemacht."

"Ich, äh... ich hab mich entschieden, dass es besser war, letzte Nacht nicht vorbeizukommen," erklärte er. "Ich habe mein Telefon ausgeschaltet.  Ich glaubte nicht, dass es eine gute Idee sein würde, anzurufen."

Sie musterte ihn sorgfältig. "So schlimm?" fragte sie ruhiger, als sie sich fühlte.

"Verdammt schlimm," gab er, eine Grimasse schneidend, zu. "Bin mit meinen üblichen Kopfschmerzen aufgewacht, die ich nach dem Profilerstellen habe und die Officer Mack mit einem unbestimmten ekelhaften Südstaatengebräu, das als Kopfschmerzpulver bekannt ist, behandelt hat. Schmeckte total beschissen."

"Was hast du herausgefunden?"

"Lass uns nicht jetzt darüber reden, okay?" bat Mulder, immer noch seine Schläfen reibend. "Ich habe immer noch Kopfschmerzen und ich habe keine Sehnsucht danach, das Gehirn dieses Typen so bald wieder zu besichtigen. Da draußen läuft ein verdammt schlimmer Typ herum, Scully und ich habe jetzt eine ziemlich begründete Vorstellung davon, wo er ist."

 

 

 

 

 

Das Green Top Inn

9:23 a.m.

 

"Das sieht mehr wie die Art Motels aus, in denen wir üblicherweise abgestiegen sind," murmelte Scully, als sie und Mulder sich der Empfangsangestellten des dritten Motels näherten, das sie an diesem Morgen aufsuchten.

Die Angestellte war eine Frau mittleren Alters, deren unglaublich tiefschwarzes Haar einen ungefähr vier Zentimeter grauen Haaransatz zeigte.  Ihr Lächeln enthüllte mehr als nur ein paar fehlende Zähne. "Die kommt direkt vom Central Casting," meinte Mulder. "Einfältige Südstaatenarbeiterin, Typ 2. Wenn sie eine Maiskolbenpfeife hat, dann gehe ich."

"Kann ich Ihnen helfen?" fragte die Angestellte.

"Wir sind vom FBI," erklärte Scully, klappte ihren Ausweis auf und unterdrückte ein Lächeln, als Mulder ihr einen Was-hab-ich-dir-gesagt-Blick zuwarf. "Ich bin Special Agent Dana Scully, das ist mein Partner, Special Agent Fox Mulder. Wir würden Ihnen gern ein paar Fragen stellen."

"Worüber?" fragte die Frau, plötzlich misstrauisch.

"Wir würden gern wissen, ob Sie diesen Mann gesehen haben," sagte Mulder, zog die Kopie des Phantombildes aus der Innentasche seines Mantels und breitete es auf dem Tresen aus. "Hat hier kürzlich jemand eingecheckt, der so aussieht?"

"Ja, sicher," erwiderte die Frau. "Ganz schön hässliche Sache. Kam gestern herein, großen Anhänger an seinem Wagen. Ich hatte es schwer, die Plakettennummer zu bekommen. Er musste im Voraus bezahlen."

"Unter welchem Namen ist er eingetragen?"

Die Frau kratzte sich mit einer Hand den Bauch und hämmerte mit der anderen auf ein paar Tasten des altertümlichen Computers ein. "Steward Rayford Lee," sagte sie. "Zimmer 104."

"Wissen Sie, ob er jetzt in seinem Zimmer ist," fragte Scully.

"Ich weiß nicht, wo er ist oder nicht," erwiderte die Frau. "Ich kümmere mich um meine eigenen Angelegenheiten."

"Mulder, wenn wir hineingehen müssen, brauchen wir einen

Durchsuchungsbefehl und Verstärkung," erklärte Scully, sich ihrem Partner zuwendend.

Er nickte, holte sein Handy hervor und wählte Macks Nummer. "Mack," sagte er. "Mulder. Wir haben ihn wahrscheinlich. Ist ein Richter bereit?" Es folgte eine Pause. "Gut. Kommen Sie schnell damit hierher. Und wir brauchen Verstärkung." Pause. "Das Green Top Inn. Wie ist Ihre ETA?"

Mulder legte die Hand über die Sprechmuschel. "Er sagt, er ist in zwanzig Minuten hier. Er ist jetzt im Gericht," erzählte er Scully, dann wandte er sich an die Angestellte. "Haben die Zimmer Hintertüren oder andere Ausgänge?"

"Nein," sagte die Frau. "Ein Zimmer, eine Tür."

"Zwei sollten ausreichen," sprach Mulder ins Telefon. "Aber ziehen Sie sich warm an. Dieser Typ hat eine Menge Waffen zur Verfügung." Er drückte den Aus-Knopf und klappte das Telefon zusammen. "Lass uns die Tür bewachen, bis Mack kommt," sagte er zu Scully.

"In Ordnung, aber aus der Ferne," stimmte Scully zu. "Wenn er uns entdeckt, gibt es Schwierigkeiten."

"Ich streite nicht darüber," meinte Mulder. "Ich will nur nicht, dass er wegläuft, wenn er Streifenwagen auf den Parkplatz fahren sieht. Hast du eine Weste an?"

Scully nickte und blickte aus dem schmutzigen Fenster. "Ich gehe nicht mehr ohne aus dem Haus," sagte sie. "Dieser Busch dort drüben," meinte sie und deutete auf eine hochgewachsenen Strauch mit roter Krone. "Das ist unser Versteck."

"In Ordnung," stimmte Mulder zu. "Ich glaube, wir werden überhaupt einen Schlüssel brauchen, Mrs. ..."

"Weaver," ergänzte die Frau. "Ruby Jolene Weaver."

"Kann ich Ihre Adresse haben, Mrs. Weaver?" fragte Mulder und holte ein kleines Notizbuch hervor.

"Barnett's Crossroads, die Greeno Road hinunter," erklärte sie. "Jeder hier kennt mich. Fragen Sie einfach nach Ruby Jolene."

"Mrs. Weaver, ich schlage vor, dass Sie im hinteren Büro bleiben, weg von den Fenstern, bis Sie wieder von uns hören," sagte Mulder. "Dieser Mann wird wegen mehrerer Verbrechen gesucht, und ich will nicht, dass Sie verletzt werden."

"Was hat er getan?" fragte sie mit mäßigem Interesse.

"Sie können darüber in der Zeitung lesen," erwiderte Scully, nahm Mulders Arm und schob ihn zur Tür hinaus. "Jesus, und ich dachte, Forrest Gump wäre eine erfundene Figur."

"Tatsächlich glaube ich, dass Gump cleverer war," antwortete Mulder kopfschüttelnd, dann wurde er ernst. "Scully, wenn du nicht bereit bist, damit umzugehen, dann ist das in Ordnung. Das hier kann ganz schnell heiß hergehen, wenn er wirklich hier ist, und wenn du nicht dabei sein willst, wenn die Schießerei losgeht, dann ist das okay."

"Nein," entgegnete sie. Es geht mir gut. Ich kann mich nicht für den Rest meines Lebens verstecken." Sie sah zu ihm auf und er dachte, dass das Blau in ihren Augen niemals zuvor so klar und so schön gewesen war. Oder so stetig.

"Ich habe keine Angst, Mulder," sagte sie. "Wirklich."

Ist sie sich ihrer selbst bereits so sicher, wunderte er sich. Das wäre die schnellste Heilung in der Geschichte des PTS. Oder - was ihm weniger wahrscheinlich erschien - ist sie sich meiner so sicher? Aber vielleicht, nur vielleicht ist sie es ja. Vielleicht ist es das, was passiert, wenn du dich ihr öffnest, sie in der Nacht im Arm hältst, die Mauern zwischen euch einstürzen lässt... oder, verbesserte er sich, eine Mauer. Und diese eine, dachte er, wird bald einstürzen, wenn sie etwas zu sagen hat.

Aber jetzt schaute sie ihn immer noch an und um nichts in der Welt fiel ihm eine angemessene Erwiderung ein. Und sie schien es zu wissen. Sie drückte kurz seine Hand, dann ließ sie ihn los. "Komm schon, Partner," sagte sie.  "Lass uns in Stellung gehen."

Ungezwungen bewegten sie sich vom Gebäude fort, so als würden sie auf das grellgelbe Restaurant nebenan zugehen. Als sie den Busch erreichten, traten sie rasch dahinter, Scully hockte sich nieder und Mulder stellte sich hinter den dicken Stamm.

Mulder tippte Scully auf die Schulter und deutete auf einen dunkelblauen halbverrosteten Chevy, der hinter dem Restaurant parkte. Ein U-Haul-Anhänger gehörte dazu.

Sie blickte zu ihm auf, sah ihm wieder in die Augen und wusste bescheid. Er war hier.

Die Agenten zogen ihre Waffen, warteten und behielten dabei die Tür des Unbekannten im Blick. Mack war schneller, als er versprochen hatte. In weniger als zwanzig Minuten kam sein blau-weißer Dienstwagen und hielt neben der kleinen Steigung zwischen den Gebäuden an. Mack stieg aus, begleitet von einem weiteren uniformierten Beamten. Sie entdeckten Mulder, der eine Hand Schweigen gebietend hochhielt.

Mack nickte und machte eine ebensolche Geste zu dem anderen Beamten. Den Busch zwischen sich und dem Motel behaltend, erklommen Mack und der andere Officer rasch die Anhöhe, um sich zu den Beamten zu gesellen.

"Zimmer 104," formte Mulder lautlos mit dem Mund, während er einen Finger hochhielt, dann eine Faust und dann vier Finger, so buchstabierend, was er nicht laut sagen konnte. Er deutete auf die Tür. Mack nickte, dass er verstanden hatte.

Langsam, um keine Aufmerksamkeit von irgendjemandem, der zusah, auf sich zu ziehen, zeigte Mulder auf die Tür. Wie ein Mann tauchten die vier aus der Deckung auf und schritten rasch auf die Tür zu.

Scully schaute auf, traf Mulders Blick und nahm die Position rechts von der Tür zwischen Klinke und Fenster ein. Mulder zeigte auf Scully und Mack hockte sich unter das Fenster, die Waffe gezogen. Mulder und Macks Partner blieben auf der linken Seite.

Mulder steckte die Schlüsselkarte so leise wie möglich in die Tür, dann zog er sie ruhig zurück. Das grüne Licht flammte auf. Karte erkannt.

Schnell hielt Mulder seine linke Hand hoch. Er hob drei Finger. Zwei.

Einen. Er deutete auf die Tür. Los.

Scully riss die Klinke herunter, dann kauerte sie sich hin, die Waffe vor sich in den Raum haltend, während Mulder die Tür aufstieß, sein Körper bewegte sich dabei seitwärts aus der Schusslinie heraus.

Und da war er, der Unbekannte, nun bekannt als Steward Rayford Lee, hielt eine 38er Smith and Wesson und richtete sie genau auf sie.

"Bundespolizei," rief Mulder "Nehmen Sie die Waffe herunter!"

"Du kannst mich mal!" schrie Lee und zielte auf Mulder. Sein Finger zuckte am Abzug. Scully schoss und traf Lee in der oberen rechten Brusthälfte, der Knall machte sie beinahe taub. Die Waffe schlug zurück gegen ihre Hände, der Rückstoß riss den Revolverlauf nach oben, während ihre Ellbogen die Kraft abfingen, und zwang sie dazu, den Finger vom Abzug zu nehmen, womit ihr Ziel ernsthaft ausgeschaltet war.

Sie stand nun frei und sie hatte nicht getroffen. Lee war nicht tot, er war noch nicht einmal außer Gefecht gesetzt und er war immer noch bewaffnet.

Lees Augen waren groß und sein ganzer Körper schien durch den Schock der 9mm Kugel zu zucken. Er starrte auf den roten Fleck, der sich langsam auf seinem Hemd ausbreitete, dann riss er die Waffe hoch, um wieder zu schießen und zielte auf Scullys Kopf.

Ein zweiter Schuss fiel, diesmal aus Mulders Waffe. Die Kugel traf Lee mitten in die Brust und ließ das Blut quer durch den Raum spritzen. Die Waffe fiel Lee aus der Hand, er verdrehte die Augen und sein Körper sackte langsam zu Boden.

Die ganze Sache dauerte weniger als zehn Sekunden. Und nun war es vorbei.

Rasch erhob sich Scully, schob die Waffe von Lee fort und beugte sich herab, um seinen Puls zu fühlen, dabei schob sie ihre eigene Waffe zurück ins Holster. Dann richtete sie sich auf. "Er lebt noch," sagte sie, ohne aufzusehen, während sie begann, auf die mittlere Wunde Druck auszuüben.  "Mack, rufen Sie einen Krankenwagen, Mulder gib mir die Plastikfolie von den Trinkbechern."

Mack griff nach seinem Funkgerät. "Zentrale, hier 212, wir haben einen Verletzten, zwei Schusswunden, wir brauchen Sanitäter und einen Rettungswagen, noch besser einen Rettungshubschrauber," sagte er.  "Verstanden?" Das Funkstenogramm benannte eine Person mit zwei Schusswunden, die schnelle medizinische Hilfe oder besser einen Sanitätshubschrauber brauchte, um zu überleben.

"Verstanden, 212," erklang die prasselnde Stimme des Dispatchers.

"Avisieren Ihre 20 noch das Green Top Inn?"

"Das ist 10-4," sagte Mack. "Wir haben eine Ärztin vor Ort, aber wir brauchen einen sofortigen Transport, over."

"Wir kümmern uns um den Transport, 212," antwortete der Dispatcher.

Mulder hatte in der Zwischenzeit die Plastikfolien geholt. Scully riss die Folien jeweils in zwei Teile und drückte fest sie auf den Wundeingang und den Wundausgang. "Nimm die anderen," sagte sie zu ihm. "Drück fest zu. Wir müssen die Lungen aufgebläht halten."

"Wird er es schaffen, Scully?" fragte er leise.

Scully schüttelte den Kopf. "Ich weiß es nicht," antwortete sie. "Wenn er es schafft, dann knapp." Sie schaute zu ihm auf. "Du hattest Recht, Mulder," sagte sie. "Du hattest diesen Kerl ganz richtig eingeschätzt.  Paranoid und schwer bewaffnet. Paranoid genug, um zu versuchen, sich einen Schusswechsel mit vier bewaffneten Beamten zu liefern."

"Ja, schön für mich," murmelte er verdrießlich. " Nichts wie so tief hinein in den Kopf des Unbekannten, dass du damit endest, jemanden zu töten, nicht wahr?"

"Was du getan hast, hat mein Leben gerettet, Mulder," sagte sie und ihr Ton ließ ihn aufblicken, ihr in die Augen sehen. "Es war ein sauberer Schuss.  Er hat nichts mit dem Zustand deines Geistes zu tun. Er hat eine geladene Waffe auf meinen Kopf gerichtet und er war dabei zu schießen. Du hast das richtige getan."

"Das bezweifle ich nicht," sagte er, auf die Wunde pressend. "Ich wünschte nur, ich hätte es nicht so befriedigend gefunden."

 

 

 

 

 

11:54 a.m.

Zwei Stunden später war Lee immer noch am Leben und erhielt eine Notoperation im selben Krankenhaus, in dem Scully im Dezember operiert worden war - eine Ironie, die weder ihr noch Mulder entging.

Die Polizei von Daphne hatte Lees Zimmer durchsucht und zwischen anderen Dingen Zigaretten gefunden, die in dem Laden gekauft worden waren, in dem Donaldson getötet worden war.

Lees richtiger Name war, seinen Papieren zufolge, Malcolm Ronald Lee. Er war 20 Jahre alt und ca. 1,70 m groß. In seinem Wohnwagen fanden die Polizisten zwei halbverhungerte Dobermänner, einen Polizeifunkempfänger, einen RG31-Revolver, Kaliber 38 und eine Smith & Wesson Model 60 Chief's Special, Kaliber 38, die identisch mit der war, die er bei sich hatte, sowie genug Munition, um die Ardennenschlacht noch einmal zu schlagen, zusammen mit einer Reihe abgenutzter und schäbiger Haushaltsgegenstände.

"Es war genau, wie Sie es gesagt haben," sagte Mack zu Mulder, als sie in dem winzigen Eingangsbereich standen. "So etwas habe ich noch nie zuvor erlebt. Gespenstisch."

"Das ist mein Name," entgegnete Mulder abwesend, während er seine Waffe einem Untersuchungsbeamten der Abteilung Forensische Wissenschaften übergab. "Seien Sie vorsichtig damit," bat er. "Ich bin es leid, meine Waffe zu verlieren."

"Ich werde sie behandeln, als wäre es meine eigene," erwiderte der Mann grinsend. "Mensch, ich liebe diese Dinger. SIG Sauer. Großartige Waffe."

"Ja, es scheint so, dass sie diesmal prima funktioniert hat," meinte Mulder grimmig. "Sorgen Sie nur dafür, dass ich sie zurückbekomme, okay? Haben Sie Scullys Waffe?"

"Ja," antwortete der Untersuchungsbeamte. "Ich werde sie zum Testschießen bringen und morgen Abend haben Sie sie wieder, es sei denn, Ihre Vorgesetzten wollen es nicht."

"Diese Möglichkeit gibt es immer," sagte Mulder. "Rufen Sie mich auf dem Handy an, wenn Sie mich brauchen. Ich weiß nicht genau, wo ich morgen sein werde."

"Das werde ich machen," versprach der Mann und ging davon.

"Was haben Sie beim NCIC gefunden?" fragte Mulder und wandte sich wieder Mack zu.

"Er hat eine Akte, genau wie Sie gesagt haben," erwiderte Mack.  "Verurteilungen wegen tätlichem Angriff auf einen Hilfssheriff außer Dienst und Ladendiebstahl, eingesperrt, aber nicht verurteilt wegen eines bewaffneten Überfalls auf eine Tankstelle in Spanish Fort, hier die Straße hinauf."

"Keine Kapitalverbrechen?" fragte Mulder. "Das überrascht mich."

"Das wäre so gewesen, aber er wurde wegen bewaffnetem Überfall geschnappt, als er 15 war," erklärte Mack. "Zu der Zeit hätte es einer Entscheidung des Kongresses bedurft, einen 15-jährigen als Erwachsenen zu behandeln, also bekam er sechs Monate Mount Meigs - das ist eine Einrichtung für Jugendliche - und damit war es erledigt."

"Klar," meinte Mulder verdrießlich. Seine Augen leuchteten ein wenig auf, als Scully hereinkam.

"Sie wollen, dass wir zurück zum Revier kommen, Mulder," sagte sie. "Der Bezirksstaatsanwalt will mit uns reden, und das Schussteam des FBI ist auf dem Weg hierher und sie wollen auch mit uns reden."

"Können wir wenigstens zuerst etwas essen?" fragte er wehklagend. "Ich weiß nicht, wie das mit dir ist, aber ich habe seit dem Frühstück gestern nichts mehr gegessen."

"Ja, und das war auch nur ein Käsebagel," erwiderte sie, legte zärtlich eine Hand auf seinen Unterarm und lächelte, während sie darauf wartete, dass er den Witz verstand.

Er tat es; und er lächelte, nur ein wenig. "Erinnere mich nicht an diesen Fall," meinte er. "Damals wurde ich beinahe wegen Mordes angeklagt, erinnerst du dich? Jedenfalls mag ich keine Bagels."

"Diesmal werden Sie nicht strafrechtlich verfolgt, Agent Mulder," sagte Mack. "Ich und Otis, wir haben beide gesehen, dass der Kerl auf Sie gezielt hat, nachdem Sie sich zu erkennen gegeben haben."

"Ja, das habe ich," erwiderte Mulder. "Wissen Sie, nur einmal hätte ich es gern, wenn einer dieser Kerle mir mit einer anderen Erwiderung käme als ‚Du kannst mich mal!', wenn ich es tue."

"Ich denke, sie lehren sie das in der Machoschule," meinte Mack grinsend.

"Jedenfalls, Agent Mulder, haben wir bereits unsere Erklärung abgegeben.  Wenn Sie nicht gewesen wären, würde dieser Kerl immer noch umherziehen und Menschen töten. Es gibt keine Möglichkeit, dass Ihnen deswegen jemand etwas anhaben kann."

"Danke, Mack," sagte Mulder. "Das hilft mir." Er schaute Scully an. "Komm, Scully, lass uns unterwegs einen Hamburger essen. Mit Zwiebeln. Unmengen roher Zwiebeln."

"Du hasst rohe Zwiebeln," bemerkte Scully zweifelhaft.

"Ja, aber warum sollen wir es ihnen leicht machen," entgegnete er. "Komm jetzt."

 

Ende Teil 3

 

 

Tod Ohne Herrschaft  -   Kapitel 18-21

(Originaltitel: And Death Shall Have No Dominion)

von Jean Helms

( JeanLHelms@aol.com )

 

aus dem Englischen übersetzt von Sylvie < aktex_sm@hotmail.com >

Anmerkung der Übersetzerin: In diesem Kapitel kommt der Begriff 'four-bagger' vor. Ursprünglich ist dies ein Begriff aus dem Baseball und bezeichnet jemanden, der die erste, zweite, dritte und vierte Basis in einem Lauf schafft, der also einen Homerun macht.

Innerhalb des FBI bezeichnet man mit einem 'four-bagger' jemanden, der nicht so erfolgreich ist. Genau gesagt ist es eher eine Beschimpfung. Da man das Wort aber nur sehr schwer ins Deutsche übertragen kann, habe ich beschlossen, den Begriff so stehen zu lassen, ihn aber dafür im Vorfeld zu erläutern. 'Four-bagger' bedeutet also, von seinem Vorgesetzten auf vier verschiedene Arten bestraft zu werden:

1.         Tadel (allgemein ein mündlicher Verweis oder ein schriftlicher Vermerk, der in die Personalakte des Agenten aufgenommen wird und Auskunft darüber gibt, wogegen der Agent verstoßen hat);

2.         Versetzung in ein Bezirksbüro (und keins von den guten, wie z. B. New York - mehr so ins absolute Nirgendwo, wo nicht allzu viel passiert, was eine Agenten interessieren könnte);

3.         Zurückstufung auf einen niedrigeren Rang oder in eine niedrigere Gehaltsklasse;

4.         Suspendierung vom Dienst für eine bestimmte Zeit, in der Regel ohne Bezahlung.

 

 

WARNUNG: Dieses Kapitel enthält expliziten Sex für Erwachsene (MSR).  Noromos, Jugendliche und solche, die sehr empfindsam sind, verzieht euch jetzt oder gebt ansonsten für immer Frieden.

 

Du sagst, du liebst mich: hast du daran gedacht, wieviel diese kleinen Worte bedeuten?

Oje, eine Welt voller Glück,

und Welten voller Schmerz!

Du kennst - oder du solltest es - deinen Charakter jetzt, seine Bedürfnisse und Leidenschaften. Kann ich es sein, wonach du verlangst? Findest du all dein Verlangen in mir?

‚Poem einer Frau'

Richard Henry Stoddard

 

 

Kapitel 18

Rathaus von Daphne

7:31 p.m.

 

Schließlich waren sie fertig.

Nach stundenlangem Ausquetschen durch die Polizei von Daphne, die Untersuchungsbeamten des Bezirksstaatsanwalts und das FBI-Schusswaffenteam aus New Orleans, noch mehr Stunden voller Berichte schreiben, Formblätter ausfüllen und nachdem der letzte i-Punkt und das letzte Komma gesetzt waren, waren Mulder und Scully allein in dem kleinen Raum, der ihnen als Hauptquartier gedient hatte.

Lange Zeit sprach keiner von beiden, sie arbeiteten einfach Seite an Seite in einem kameradschaftlichen Schweigen in dem gedämpften Licht einer kleinen Schreibtischlampe. Scully bewegte sich leise im Raum und packte Akten und Ausrüstung zusammen. Mulder war dabei, die Tatortfotos von den Wänden zu nehmen.

Keiner wollte der erste sein, der ausdrückte, was so schmerzhaft offensichtlich für sie beide war: der Fall war vorüber.

Es war an der Zeit, nach Hause zu gehen.

Schließlich jedoch war der kleine Raum leergeräumt, die Papiere waren vollständig und abgelegt, die Fotos sorgfältig weggepackt zu den dazugehörigen Akten, und es blieb nichts mehr zu tun, als einander anzusehen und darauf zu warten, dass einer Auf Wiedersehen sagte.

Aber kein tat es.

Stattdessen tat Scully einen Schritt vorwärts, zögernd zuerst, aber dann sicherer; als sie das Willkommen in den Augen ihres Liebhabers sah, ließ sie sich von ihm in die Arme nehmen und legte ihren Kopf an seine breite Brust.

Lange Zeit hielt er sie in den Armen, sein Kinn auf ihrem Kopf, und wiegte sie sanft hin und her und spürte dabei die Wärme ihrer Arme um seine Taille. Schließlich sprach Mulder. "Scully, ich werde nicht vor morgen abreisen," sagte er. "Mack hat mich gebeten, zu bleiben und ihm zu helfen, die Dinge zu Ende zu bringen."

"Also hast du den Rest des Abends frei?" fragte Scully in einem Ton, den er nicht recht deuten konnte.

"Ich denke schon," erwiderte er. "Willst du irgendwo etwas essen gehen?"

Sie schüttelte den Kopf, wobei ihre Haare ein sanftes raschelndes Geräusch an seinem Hemd verursachten. "Nein," sagte sie. "Ich bin nicht hungrig. Und du?"

"Nicht besonders," meinte er und hielt sie immer noch fest.

"Dann..." erwiderte sie, brach aber ab.

"Was?"

"Wir können nicht in mein Zimmer gehen," erklärte sie. "Ich hätte es dir schon früher erzählt, aber es ging alles so schnell. Glassman kam letzte Nacht in mein Zimmer auf der Suche nach dir. Ich hab ihn hinausgeworfen."

Mulder lockerte seinen Griff und sah verwirrt auf sie herab. "Du hast ihn hinausgeworfen? Wie?" fragte er vorsichtig.

Sie seufzte. "Ich hab meine Waffe gezogen und damit direkt auf seinen Schritt gezielt und ihm gesagt, dass er verschwinden soll," erklärte sie.  "Er ist gegangen."

"Ja, ich nehme an, dass er das getan hat," sagte Mulder überrascht. "Ich hätte es ganz sicher getan."

Scully lachte leise, aber ihre Augen waren traurig. "Jetzt stecke ich wirklich in Schwierigkeiten," meinte sie. "Es wird Rolfe nicht schwer fallen, diesen Fall diesmal gegen mich zu verwenden."

"Also bist du raus aus dem VICAP," erwiderte er. "Na und? Du bist sowieso zu gut, deine Zeit mit Dokumentenanalysen zu verbringen. Und Rolfe ist ein Dreckskerl. Es ist gut für dich, dich von ihm zu befreien."

"Und was, wenn ich diesmal sicher in Salt Lake City lande?" fragte sie.

"Was mache ich dann?"

"Oh, es ist gar nicht so schlecht da, wo das Licht mit dem Hammer ausgemacht wird," antwortete er beruhigend. "Ich habe mich beinahe daran gewöhnt."

"Mulder, ich meinte nicht..." begann sie schuldbewusst, als sie erkannte, was sie gesagt hatte, aber er ließ sie nicht ausreden.

"Doch, das hast du, aber es ist in Ordnung," meinte er und streichelte ihr Haar. "Bezirksbüroarbeit ist hauptsächlich Stummelschwanzarbeit und jeder in der ganzen verdammten Zentrale weiß das. Ich mache dir keinen Vorwurf daraus, nicht daran interessiert zu sein. So schlimm dieser Fall auch war, ich muss zugeben, dass er eine einnehmendere Herausforderung war, als ich sie lange Zeit hatte. Es wird schwer werden, wieder zu den Hintergrundrecherchen zurückzukehren."

"Dann komm zurück nach Washington," sagte sie. "Oder nach Quantico."

"Wie denn? Ich war derjenige, der um eine Versetzung gebeten hatte, wenn du dich erinnerst. Die X-Akten sind im Wasser gestorben. Das ist nicht deine Schuld," erwiderte er rasch, als er spürte, dass eine Entschuldigung unterwegs war. "Ich bin zuerst gegangen."

"Also willst du damit sagen, du hast alle Brücken hinter dir abgebrochen?"

"Nicht alle," antwortete er lächelnd. "Ich habe mein Apartment an Frohike untervermietet, also habe ich immer noch einen Platz zum Leben - theoretisch. Aber welchen möglichen Grund könnte ich irgendjemandem in der Zentrale geben, die Versetzung zurückzunehmen zwei Monate, nachdem ich auf eigenen Wunsch gegangen bin, wenn das Projekt, an dem ich gearbeitet habe, nicht mehr existiert? Jedenfalls," fügte er ernst hinzu. "Krycek ist immer noch da draußen. Du bist vielleicht immer noch nicht sicher."

"Ich bin lieber nicht sicher mit dir als sicher ohne dich," erwiderte sie.  "Aber du weißt, wir haben immer noch die Sache mit dem Anthrax, die wir herausfinden müssen."

"